Beilage
Donnerstag, 14. Januar 1932
abiyude bon Der Abend
Shalausgabe des Vorwärts
Kleinkinder und Arbeitslosigkeit
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Kindergärtnerinnen berichten/ Son Henny Schumacher
Nicht nur die heranwachsende Jugend erlebt die Zeitereignisse mit aufgeschlossenen Sinnen auch schon das Kleinkind. Wir wissen heute durch wissenschaftliche Forschungen, daß die empfäng lichste Zeit für Eindrücke die ersten Kindheitsjahre sind, daß in dieser Zeit der Charakter seine Lebensleitlinie empfängt und die Weltanschauung des jungen Menschen insofern sie nämlich praktisch gelebt wird sich bildet. Es ist also von unendlich großer Bedeutung, unter welchen Lebensumständen das Kleinkind aufwächst. Man hört oft genug die Meinung, daß Kleinkinder eben noch zut flein und unreif seien, um wirtschaftliche und soziale Nöte zu erfassen und von ihnen beeindruckt zu werden. Sicher wird ein Kleinkind das wirtschaftliche Elend unserer Lage gedanklich nicht durchdringen und daher auch Ursache und Folgen nicht abwägen fönnen. Aber das Erlebnis dieser Möte geht dem Kleinkinde unmittelbar und gefühlsmäßig ein. Es erarbeitet sie sich in seiner Art, und fo prägt sich selbst die Arbeitslosigfeit unserer Notjahre in erschredender Weise in diese kleinen hilflosen Menschenkinder ein und hinterläßt hier ihre untilgbaren Spuren.
Jeder Volksfindergarten wird heute bestätigen, daß der Gesundheitszustand der Kleinkinder sich in den letzten Jahren tatastrophal verschlechtert hat. Aus einem Ort wird berichtet, daß dort Kinder tagelang in der Woche kein Brot erhielten, so daß sic ganz elend wurden; aus einem anderen, daß Kinder sich übergaben, mobei Kartoffelschalen zum Vorschein kamen. Trotzdem werden Kindergärten geschlossen, Zuschüsse gestrichen, Speisungen aus dem Etat entfernt, Kindergärtnerinnen abgebaut, und man erlebt, daß die armen Kleinkinder dann auf ihr„ elendes Loch" das sich ein zu Hause" nemit angewiesen sind. In diesem ,, zu Hause" haben sie weder Licht noch Sonne, weder Wärme noch Glück, weder Spielraum noch Spielmaterial, und so verkümmern sie wie Pflanzen,
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die man in den Keller stellt und vergißt.
Vielfach trifft man die Meinung, jetzt, da wegen der Arbeitslosigkeit Mutter und Bater zu Hause seien, da erübrige sich der Kindergarten, denn nun könne sich doch zumindest der eine Elternteil un die Erziehung der Kinder kümmern. Und zum Beweis der Wahrheit wird angeführt, daß an manchen Stellen der Besuch der Kindergärten nachgelassen hat. Diese Behauptung zeugt von Oberflächlichkeit. Der Besuch der Kindergärten hat dort nach gelassen, wo die Kindergärten von den Eltern den üblichen Beitrag wie bisher fordern. Daß die Arbeitslosen nicht imstande find, ihn zu zahlen, sollte doch wohl flar sein. Wo aber die Kindergärten von den Erwerbslosen keine Beiträge fordern, da nimmt der Besuch der Kindergärten zu. Und zwar in dem Maße, daß z. B. Regierungsrat Döpel in Weimar zu der öffentlich erhobenen Forderung fommt, Kindergärten für die Kleinkinder der Erwerbslosen neu zu errichten. Statt Kindergärten zu schließen, müßte man besonders sole für Kinder von Arbeitslosen neu errichten."
Oder:
Ober:
,, Der Kurt, der ist kein Dommer, Der arbeit nur im Sommer, Und ist der Sommer gar zu lang,
Meld' sich der Kurt auch manchmal frank!"
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Waldeslust, Waldeslust,
Dh, wie einsam schlägt die Brust. Mein Vater ist arbeitslos, Meiner Mutter gehts famos,
Und ich muß stempeln gehn, Das ist schön!"
Will noch jemand behaupten, Kleinkinder seien zu unvernünftig, um die Tragik der Arbeitslosigkeit zu verstehen? Diese Kinder erleben den Berlust der inneren Arbeitsbereitschaft schon genau so wie die Arbeitslosen selbst.
Es finden sich auch schon Kindergärtnerinnen, die aus ihrer
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Erfahrung heraus auf die Sinnlosigkeit ihres Tuns hinweisen: Wir erziehen unsere Kleinkinder zur Arbeit; sie lernen das Zimmer sauber halten, Pflanzen versorgen; immer wollen die Kleinen Hände beschäftigt sein; die Augen wollen sehen; das Gehirn will denken und dar kommen die Kinder nach Hause in eine Atmosphäre der Stumpfheit und Gleichgültigkeit, wo alles liegen gelassen wird, alles verkommt und zerfällt. Was sollen ste da mit ihrem Arbeitsmillen? Und wie kann man, so sagen Kindergärtnerinnen, die Kinder zur Arbeit anhalten, wenn das spätere Leben für sie feinen Arbeitsplatz hat, wenn es ihnen jede Tätigkeit vorenthält? Es mehren sich die Stimmen der Spezialarbeiterinnen, die da offen erklären: Unsere Arbeit ist finnlos geworden!" Und es mehren sich die Stimmen, die zur Einsicht kommen und da sagen: Ich erwarte nichts mehr von einem Wirtschaftssystem, das das elementarste Recht des Menschen auf Arbeit und auf Nahrung und Decke" den Menschen vorenthält! Wir verlangen eine neue Welt und Wirtschaftsordnung!
Wie geht's zu Hause?
Eine Umfrage bei Elf- bis Bierzehnjährigen/ Von Else Möbus
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heraus, im Durchschnitt immer wieder die gleichen oder einander fehr ähnlichen Wesenszüge aufweisen. Wenn heute der Mangel an geordneter Tätigkeit in Verbindung mit vorhandener Liebe zu einer Tätigkeit, das völlige Wegfallen von Wirkungsmöglichkeiten in Verbindung mit vorhandener Freude am Wirken, wenn die furchtbare Dede des unausgefüllten Alltags bei von Natur abenteuerlustigen, frischen, wagenutigen jungen Menschen den Typ des auf Abwege geratenen jugendlichen Arbeitslosen, den man heute im Gerichtssaal wiederfindet, erzeugt, so ist auch das ein weiterer Beweis, wie wichtig es ist, die Lebensverhältnisse zu bessern, in denen die Jugend aufwächst.
Die Wirtschaftskrise lastet schwer auf allen Gebieten des Unter-| zwangsläufig, einfach aus der sarfen Einwirkung der Umwelt richts und der Erziehung. Lehrerabbau, Einschränkung der Lehrmittel, Platzmangel, ungenügende Neubeschaffungen, mangelnde Reparaturen das alles trifft zusammen mit einer sich ständig steigernden Verschlechterung der Verhältnisse im Elternhaus. Wo früher das Kind in schulpflichtigem Alter geistige, fulturelle Intereffen, wenn auch in bescheidenem Rahmen, innerhalb der Familie in sich aufnehmen konnte, Lektüre, Rundfunk, Theaterbesuch, da hat heute die Arbeitslosigkeit so unerbittlich gestrichen, daß nur noch für die allerprimitivsten Lebensbedingungen ein spärlicher Raum ge= die allerprimitivsten Lebensbedingungen ein spärlicher Raum geblieben ist. Wir alle, die wir den Krieg und seine furchtbaren Wirkungen erlebt haben, haben noch den Typ des Kriegstindes" in trauriger Erinnerung, das nervöse, blutarme, unterernährte Produkt dieser Jahre. Das Zeitalter der Notverordnungen und Abbaumaßnahmen prägt heute einen neuen, dem Kriegskind sehr verwandten Typ, denn gerade um das Kind der Bollsschichten, die am schwersten von der Not betroffen sind, zieht sich ber at fich schon enge Lebenstreis immer einschnürender zusammen.
Wie die Umwelt gerade auf das heranwachsende Kind, dessen Lebensbild sich in diesen Jahren entscheidend formt, einwirkt, das Das thüringisthe Ministerium des Innern, Ab- zeigen Untersuchungen und Statistiken, die soeben in Heft 8 der teilung Wohlfahrt, hat über die Rückwirkung der Arbeitslosigkeit Wiener Arbeiten zur Pädagogischen Psychologie auf die Kindergärten eine Rundfrage veranstaltet und die erscheinen. Dr. Margarete Rada hat sie in jahrelanger Arbeit Kindergärten in einem Fragebogen um die Beantwortung von zusammengestellt, in Beobachtungen und Austausch mit heranFragen gebeten, mie cima: Aeußerungen des Kindes über die machsenden Proletariermädchen im Alter von etwa 11 und Arbeitslosigkeit": a) bei der Unterhaltung, b) im zeichnerischen Dar 14 Jahren. Zugrunde liegen Schul- und häusliche Verhältnisse stellen, c) im Spiel und bei Beschäftigungen, d) in spontanen Aus- in einem Arbeiterviertel des heutigen Wien , in dem zum Teil die rufen, e) in Kinderreimen oder Beobachtungen über die Wirkung Wohnverhältnisse durch die Neubaumieten, die billige Mieten vorder Arbeitslosigfeit": a) in der Regelmäßigkeit des Besuchs, b) in fehen, verhältnismäßig günstig sind. Aber selbst hier zeigt das der Pünktlichkeit, c) in der Ordnungsliebe, d) im pfleglichen Zustand Ergebnis, daß über 50 Pro3. der Eltern mit ihren Kindern der Kinder. Die erhaltenen Antworten sind ebenso aufschluß- nur 3immer und Küche befizen. In mehr als einem Drittel reich wie erschütternd. Wenn ich groß bin, werde ich auch Arbeits- schlafen fünf Personen in einem Raum. loser!" Etsch , mein Vater geht ooch stempeln nach Apolle, da brauchter wenigstens nicht mehr zu arbeiten und kann mir jeden Tag Säbel und Helme machen!" ,, Mein Vater macht nig, der sitzt den ganzen Tag im Zimmer und raucht." Unser Papa macht nig, der ißt."
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Ein fleines Kind soll operiert werden. Was fragt das Kind? ,, Mutter, was fostet das?" Ueber der Angst vor den Schmerzen steht die Sorge für die Geldaufbringung. Ein anderes Kind erzählt der Tante: Wenn wir viel Geld haben, frieg' ich Schuhe." Oder:„ Tante, wir konnten gestern gar nichts faufen, meine Mutter hat so wenig Geld gefriegt!" Die Kinder sind beim Kasperlespiel und der Kasper will von seiner Mutter Brot haben: Nein, Kasper, ich kann dir nichts geben; wir haben doch gestern bloß 11 M. getriegt, da müssen wir die Miete von bezahlen und die Kohlen!"
Die Kinder spielen ,, Haus bauen". Da baut man Häuser ,, mit recht vielen Zimmern" oder Fabriken, damit die Arbeitslosen was zu tun haben", oder große Eßsäle, damit die Erwerbs= losen was zu essen kriegen!" Als andere Kinder eine Maschine bauen wollen, wird es ihnen verwehrt:„ Sonst wird mein Bater noch entlassen!"
Mit Vorliebe wird Mausen" gespielt. Ein Kind ist Gutsinspektor, ein anderes Hofverwalter, beide verstecken sich an ver
Nur etwa ein Zehntel der Kinder hat die Möglichkeit, wenn schwierige Schularbeiten vorliegen oder wenn Fragen, die sich aus dem Unterricht ergeben, auftauchen, daheim beim Bater Hilfe zu finden. Die übrigen neun 3ehntel sind sich völlig selbst überlassen, mehr noch, sie werden durch die häuslichen Ber hältnisse oft an ihrer geistigen Entwicklung behindert. Ein Drittel der Kinder fann nicht ungestört die Schularbeiten erledigen. Jüngere Geschwister sind zu warten, häusliche Arbeiten sind zu erledigen oder der Küchentisch, an dem das Kind schreiben muß, wird durch die Mutter, die gerade plättet oder schneidert oder sonstige Arbeit verrichtet, benötigt. So schreibt etwa ein Sechstel der Kinder die Aufgaben auf einer Kiste oder einem Stuhl, an der Schrankecke oder auf dem Fensterbrett. Die Hälfte der Eltern ist so beschäftigt, so zermürbt durch den Kampf um das Auskommen oder so stumpf und gleichgültig, daß sie sich überhaupt nicht um Kind und Schule fümmern. Kaum 10 Proz. besuchen die Elternabende, an denen wichtige, Probleme behandelt und die Eltern zur Mitarbeit an dem Erziehungswert der Schule
herangezogen werden.
Dr. S. Weinberg:
Kulturkrife als Erziehungsfaktor
Die großen Aufgaben, mit denen die moderne Erziehungswiffenschaft zu ringen hat, umreißt Carl Mennide in seiner fürzlich erschienenen Schrift„ Das pädagogische Problem im 3usammenhang mit der Kulturfrise der Gegenwart"( Alfred Protte Verlag, Potsdam , 22 Seiten, geheftet 1,20 m.). Die überlieferien Bildungswerte und Bildungsinhalte find in ihrer Geltung und Wirkung fragwürdig geworden. Noch vor einigen Jahrzehnten hatte der Begriff des Gebildeten in Deutsch land einen festumrissenen und gesellschaftlich anerkannten Sinn: Als der. Gebildete galt der durch die deutsche Hochschulbildung Hindurchgegangene, die hochschulbildung war auf der Grundlage des huma nistischen Gymnasiums aufgebaut. Die Beschäftigung mit den alten Sprachen war das Zentrum der Bildungsinhalte. Diese Bildungsgrundlage ist erschüttert. Das wissenschaftliche Studium ist immer mehr spezialisiert und verfachlicht worden; Technik, Handel und Landwirtschaft sind zu umfassenden Hochschulwissenschaften geworden. Dadurch verliert der Begriff des Gebildeten im Sinne des klassischhumanistischen Bildungsideals mit Notwendigkeit seine frühere alles beherrschende Bedeutung; ganz andere Bildungsinhalte, die mit der wirklichen Lage des heutigen Menschen in Zusammenhang stehen, erfüllen das gesellschaftliche Bewußtsein.
Damit werden aber auch die überlieferten Bildungs we ge problematisch, weil sie den neuen Anforderungen noch nicht gerecht werden. Das zeigt sich vor allem an den pädagogischen Nöten der Universitäten, über die von allen Seiten Klage geführt wird. Aber die Erschütterung der Bildungswerte ist nur die äußere Seite der Kulturkrise. Viel wesentlicher als die Einsicht, daß die bisher an erkannten Bildungswerte an Geltung verloren haben, ist die Ertenninis, daß das gesamte Wertbewußtsein der Gesellschaft erschüttert ist. Bindungen und Weltdeutungen, die als verpflichtend galten, haben ihre zuverlässige Bestimmungskraft verloren und haben daher keine verläßliche pädagogische Einflußmacht mehr. Besonders seit dem 18. Jahrhundert war man gewohnt, die Bildung der Individualität im einzelmenschlichen Sinne des Wortes in den Vordergrund zu stellen. Das Wesen des Menschen wurde nicht auf seine räumliche und zeitliche Umwelt bezogen. Die höchste Ausbildung der individuellen Kräfte machte den Gebildeten aus. Dem Gebildeten in diesem Sinne ist heute die gesellschaftliche über seine schicksalhafte gesellschaftliche Einfügung und damit über Das Gliedhafte auch seines Schicksals". Die realen gesell. schaftlichen Wandlungen bestimmen und prägen auch das geistige Schicksal. Eine geistige Deutung der Lebens- und Weltverhältnisse ist nur mehr im Zusammenhang mit den gesellschaftlichen Kräften möglich.
schiedenen Stellen, dann kommen die Diebe in geduckter, lauschender Hälfte der Kinder feine oder höchstens zwei eigene Bücher besißt, Existenzgrundlage entzogen; auch der Gebildete muß sich klar werden
und lauernder Stellung und stehlen auf dem Felde. Wo anders find Einbrecher- und Bettlerspiele beliebte Kinderspiele. Ein kleiner Junge blieb wegen Arbeitslosigkeit der Mutter aus dem Kindergarten fort, später kam er wieder, nahm es aber mit den kindlichen Arbeiten und mit der Ehrlichkeit nicht mehr genau: Wo warst du so lange?" ch ging mit Großmutter betteln!" Bir merken: nicht die Erziehungskraft der Mutter wird in der Zeit der Arbeitslosigkeit genutzt, wie ahnungslose Gemüter sich einbilden das Kind wird zum Betteln gebraucht!
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Jedes Kleinkind weiß auch schon mit dem Stempeln bescheid. Fast immer erfolgt auf die Frage der Kindergärtnerin: ,, Was tut dein Vater?" die Antwort: Der stempelt!" Oder: Mein Bater geht nicht arbeiten, aber Geld friegt er auch." Oder: Mein Papa muß nicht arbeiten, da schläft er immer so lange bis Mittag. Oder: Wenn meine Mutter wäscht, hilft mein Vater nicht, der macht gar nichts, der liegt bloß im Bett und schläft, und dann steht er auf und stempelt!"
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So ist das Ergebnis dieser mit reichem Belegmaterial und gewissenhaften Untersuchungen und Berichten vervollständigten Statistik recht trübe. Denn wenn mur ein Drittel der Schülerinnen eine kleine geistige Anregung daheim erhalten kann, wenn die dann sind die Leistungen dieser Heranwachsenden mit anderem Maß zu meffen als mit dem normalen Intelligenzund Bildungsmaß, das auf Kinder in einigermaßen gesicherten, behüteten, auskömmlichen Verhältnissen angewendet werden tann. und wenn nur 16 Proz. frei von häuslichen Arbeiten sind, und ihre 3eit zur ruhigen Erledigung der Schularbeiten, zum Spiel und Ausruhen benügen fönnen, wenn etwa ein Drittel der Schülerinnen der Oberklassen der Volksschule auf Wunsch der Mutter die Schule versäumen müssen, um bei der Wäsche, beim Plätten, bei der Wartung der Geschwister und anderem zu helfen, dann ist das nur auf Kosten der geistigen Entwicklung möglich.
Wir stehen heute nicht mehr auf dem Standpuntt einseitiger Milieutheorie, aber niemand wird leugnen können, daß vor allem auf den Heranwachsenden die Umwelt, die ihn umgibt, einen starten Einfluß ausübt. Es gehört schon ein über den Durchschnitt weit hinausragendes Maß von Intelligenz und Willenstraft dazu, um eine ungünstige, dem geistigen Fortschritt mur hinderliche Umwelt überwinden zu können und einen Weg zu finden, der die Enge und eine eiserne Gesundheit und ein unverbrauchter Nervenapparat dazu. Das Kriegsfind, der Heranwachsende im Zeichen der Notverordmmg und der jugendliche Arbeitslose der Gegenwart werden deshalb
Selbst in Kinderreimen findet die Arbeitslosigkeit ihren Nieder- Beschränktheit dieses Kreises hinter sich läßt. Es gehört aber auch
Schlag:
Schrumm, schrumm, schrumm,
Ber arbeit, der ist dummm!"
Erziehung und Bildung darf daher den einzelnen nicht isolieren, die besondere gesellschaftliche Lage des einzelnen muß bei der Er ziehung die größte Rolle spielen. Die moderne Erziehungswissenschaft muß das Problem der Erziehung von dieser Erkenntnis aus neu fassen. Das Klassen und Gruppenschidsal muß Ausgangspunkt pädagogischer Maßnahmen werden. Nur in der Teilnahme an der besonderen gesellschaftlichen Gestaltungsaufgabe seiner Gruppe tann der heutige Mensch ein Verhältnis zum Ganzen der Gesellschaft gewinnen. Daher muß jeder sein gesellschaftliches Gruppenschidfal kennen und erfassen lernen. Diese Einsichten haben weitgehende Konsequenzen für den Aufbau des Bildungswesens. Mennicke bleibt nicht bei negativer Kritik stehen. Er zeigt in flaren und einleuchtenden Sägen, welche Wege die neue Erziehung beschreiten muß, wenn sie ihre Aufgabe im Leben des heutigen Menschen erfüllen will.