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BERLIN Montag 7. März

1932

Der Abend

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B 56 49. Jahrgang

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Wels spricht zu 100000

Massenaufmarsch der Eisernen Front im Lustgarten

Ungezählte Menschenmassen demonstrierten gestern im Lustgarten für die Kampfparole gegen den Faschismus. Schon anderthalb Stunden vor dem offiziellen Beginn der Kundgebung füllte sich der weite Plak. Die Alten, die schon seit Jahrzehnten für Frei­heit und Sozialismus kämpfen, ebenso wie die Jungen, wenn es um die Bezwingung des Faschismus geht.

Die Formationen des Reichsbanners mit Spiellenten und Musikern, denen sich Tausende von Republikanern anschlossen, marschierten von 11 Uhr ab in sieben Marsch säulen zur Lustgartenversammlung. Ueberall wurden die Züge, die mit wehenden Fahnen bei klingendem Spiel einherrückten, von der republikanischen Bevölkerung freudig begrüßt.

Bald war der Platz vor dem Schloß der Hohenzollern bis hin zum Alten Museum dicht gedrängt voll Menschen. Als dann mit klingendem Spiel die Marsch= kolonnen heranrückten, ward es schwer, überhaupt noch Plak zu finden. Die Kapelle des Reichsbanners Weißensee unter Leitung des Kameraden Mewes spielte unermüdlich die Sturm- und Kampfweisen der Arbeiter. schaft, und besonderer Beifall ertönte, als das Jung­

EISERNE- FRONT

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Die Arbeiterjugend in marschkolonne.

banner Mitte als stramme Fahnenkompagnie mit schwarzrotgoldenen Bannern aufmarschierte.

Auf der Terrasse wogte ein Fahnenmeer im Schwarz rotgold der Republik und im leuchtenden Rot der sozial­demokratischen Organisationen.

Ueber den Menschenmassen kreisten die Flugzeuge des ,, Sturmvogel ", die in großen schwarzen Lettern die Parole Hindenburg verkündeten und durch kühne Bogen und Spiralen immer wieder die Bewunderung der Tausende erregten.

Nicht im Zeichen einer marktschreierischen Exaltation stand diese große Kundgebung der Eisernen Front. Wohl aber legte sie deutlichsten und eindrucksvollsten Beweis ab für die unerschütterliche Entschlossenheit, den Faschismus mit allen Mitteln zu schlagen und für die hohe politische Einsicht der Berliner Arbeiter schaft.

Der Vorsitzende des Ortsausschusses Berlin des Allgemeinen Deutschen Gewerkschaftsbundes , Genosse Bredow, eröffnete die Rundgebung mit einer kurzen Ansprache. Er wies darauf hin, daß es den Bemühungen der in der Eisernen Front vereinigten Ber bände gelungen sei, die Einschränkung des Demonstrationsverbotes bei der preußischen Staatsregierung durchzusetzen. Einig und start steht die Eiserne Front und fämpft in fester Entschlossenheit unter der Parale: Schlagt den Faschismus, fchlagt Hitler!( Lebhafter. Beifall.)

Die Fahnen der Partei auf der Schloßterrasse.

Dann trat, stürmisch begrüßt, an das Rednerpult der Bor fizzende der deutschen Sozialdemokratie

Otto Wels :

Es sind fast auf den Tag sieben Jahre, daß in Berlin die Massen auch so auf den Straßen und Plätzen standen wie heute. Es war aber nicht hier im Lustgarten, es war drüben auf dem Pariser Platz und auf dem Platz der Republit. Die Massen standen dort, um einem Toten die legte Ehre zu erweisen: dem ersten Reichs­präsidenten, unserem unvergeßlichen Friedrich Ebert . Wir standen mit dem Hut in der Hand an dem Sarg dieses Mannes, der Fleisch von unserem Fleisch gewesen, Blut von un

serem Blut. Wir fühlten Trauer, wir fühlten aber auch einen ungeheuren Haß im Herzen, einen Haß gegen die, die ihn mit Schmähungen und Lügen bis über die Schwelle des Todes gehegt hatten. Sieben Jahre lang haben wir seitdem ununterbrochen gegen fie im Kampfe gestanden. Nun soll zwischen ihnen und uns

am nächsten Sonntag die Entscheidung fallen. Friedrich Ebert hat viel getragen. Eines aber blieb ihm er spart: das Bitterste.

Seine alten Freunde und Kampfgefährten, sie haben ihn nicht verlassen, sie sind nicht von ihm abgefallen, sie haben ihm die Treue gehalten. Sie halten sie ihm über das Grab hinaus.

-

Man preist die Treue als eine deutsche Tugend, fingt im Liede von der deutschen Treue. Wir müssen heute feststellen, daß diese deutsche Treue in Deutschland nur noch eine Stätte hat bei uns, die wir im Munde der anderen vaterlandslose Gesellen heißen. wir haben uns nie mit ihr gebrüstet, die Deutsche Treue anderen haben es getan. Sie, die jetzt ihrem Führer, ihrem an­gebeteten Retter, ihrem Hindenburg davongelaufen sind, die sich vor ihm aus dem Staube gemacht haben, die ausgerissen sind wie Schafleder, sie, die von der deutschen Treue fingen und den schlimmsten Att der Treulosigkeit begangen haben, den die Geschichte tennt.

Heil, daß aus deutscher Erden Ein Retter uns erstand. Nun soll es Frühling werden, Frühling im deutschen Land.

So haben sie ihn vor sieben Jahren angesungen. Den besten Mann nannten sie ihn, den würdigsten Mann, den lautersten Charakter, den unbestechlichsten Hüter von Recht und Sitte, den getreuen Ekkehard des deutschen Volkes.

Sie haben ihn so genannt, nicht wir!

Und jetzt, und jetzt? Jezt heißt derselbe Hindenburg bei ihnen der Kandidat der Kriegsdienstverweigerer, der November­verbrecher, der Leute, die kein Vaterland kennen, das Deutschland heißt, der Kandidat der Afterpatrioten, der Landesverräter, Juden, Schieber und Kriegsgewinner!( Stürmisches Pfui!)

Die Maffen vor dem Alten Museum .