Einzelbild herunterladen
 

BERLIN Sonnabend 7. Mai

1932

Der Abend

Erscheint tåglich außer Sonntags. Bugleich Abendausgabe des Borwärts". Bezugspreis für beide Ausgaben 75 Pf. pro Woche, 3,25 m. pro Monat davon 87 Vf. monatlich für Zustellung ins Haus) im soraus blbar. Doft bezug 3,97 m. einschließlich 60 Vf. Vostzeitungs­und 72 Vf. Voftbestellgebühren

Spätausgabe des Vorwärts"

10 Pf.

Nr. 213

B 107 49. Jahrgang

Anzeigenpreis: Die einspaltige Millimeterzelle 30 Dt.. Reklamezeile 2.-M. Ermäßigungen nach Tarif. Boftscheckkonto: Borwärts- Berlag G. m. b. H., Berlin Nr. 37 536. Der Berlag behält sich das Recht der Ablehnung nicht genehmer Anzeigen vor! Redaktion und Erpedition: Berlin SW 68, Lindenstr. 3 Fernsprecher: Dinhoff( A 7) 292-297

1995

૧૦.

Doumer gestorben

Paris , 7. Mai( Eigenbericht)

Der Präsident der französischen Republik Doumer ist heute morgen kurz nach 430 Uhr seinen schweren Verlegungen erlegen. Auf Anordnung der französischen Regierung haben sämtliche Staatsgebäude halbmast geflaggt.

Paris , 7. Mai. ( Eigenbericht.)

Der Tod des Präsidenten der französischen Republik, der um 4.37 Uhr eintrat, ist durch die Verlegung der Schädelbasis und durch den enormen Blutverlust hervorgerufen worden, der auf die Durchreißung der Schlagader am Oberarm zurückzuführen ist und der im Laufe der Nacht mehrere Blutübertragungen notwendig machte. In der Nacht gelang es den Aerzten, die Schlag­ader zusammenzunähen. Das Befinden Doumers schien fich darauf etwas zu bessern. Er erkannte den Chirurgen und seine Familienangehörigen, die lange Zeit an seinem Bett weilten. Die Aerzte hofften, ihn retten zu können, bis gegen ein Uhr morgens eine Ver. schlechterung eintrat, infolge der Stockung der Blut­zirkulation im linken Arm und des eintretenden Brandes. Man erwog eine Amputierung des Armes, gab jedoch diese Absicht infolge der zunehmenden Schmerzen des Patienten auf. Der Präsident verlor wiederum das Bewußtsein. Um 2.30 Uhr trat der Todeskampf ein.

Die Reden des Geistesfranken.

In den Nachtstunden fand im Innenministerium eine Be ratung zwischen Tardieu, dem Innenminister, dem Justiz­minister, dem Generalstaatsanwalt und Polizeipräfeften statt, nach der um Mitternacht eine Mitteilung über das

Borleben des Mörders

veröffentlicht wurde. Darin heißt es, daß Gorgulom am 7. No­vember 1931 die Aufenthaltserlaubnis in Paris ver= meigert wurde. Er habe am 25. Dezember Paris verlassen, um fich angeblich nach der Schweiz zu begeben. Die in seinem Notiz buch eingezeichneten Memoiren enthalten eine Art Verteidigungs­schrift, in der er auseinandersetzt, daß er sich an Frankreich rächen wolle, weil es Rußland in den Krieg hinein gezogen habe. Außerdem habe er sich an Amerika rächen wollen und zu diesem Zmed

das kind Lindberghs entführen lassen(!?). Was seine politischen Ansichten betrifft, habe er sich in Prag im Jahre 1930 mit der Gründung einer panrussischen Bauernpartei von neubolfchemistischem" Cha rafter beschäftigt. In einer Pariser Druckerei habe er eine Bro­schüre drucken lassen, die mit einem neubolschemistischen Abzeichen ver­sehen sei: z mei Sicheln, eine Tanne und ein Totenkopf. Der Inhalt der Broschüre, so heißt es in dem amtlichen Kommu­niqué, lege deutliches Zeugnis ab von der Geistes verwirrung Gorgulows. Der Attentäter bezeichnet sich darin öfter als grüner Diktator und Retter.

Aber die bestimmten über ihn bisher bekannten Auskünfte ließen es als möglich erscheinen, daß Gorgulom nur ein Simulant

Präsident Doumer bei der Pariser Goethe- Feier

Berbrechen empfindet, und die Untersuchung bestätigt das un­bestreitbar."

,, Deuvre" meint, es tönne fich allem Anschein nach nur um die Handlung eines Geistes gestörten handeln, und man dürfe fie auf teinen Fall polemisch oder politisch aus chlachten.

République" spricht gleichfalls von einem verabscheuungs­würdigen und unverständlichen Attentat. Das Blatt warnt davor, die Faschisten aus Rußland oder anderwärts dafür verantwortlich machen zu wollen.

Dagegen versucht Figaro" die Tat politisch auszuschlachten, indem es schreibt: Am Borabend des Tages, an dem die Nation das entscheidende Wort sprechen wird, ist nicht der Augenblic ge­geben, die französische Einigung zu zerbrechen und sich mit den Feinden der Gesellschaft zu verbünden. Die Stunde für die nationalgesinnten Franzosen ist da, sich aufzuraffen. Alle

Der Mörder

ſei. Drei Nervenärzte feien mit der Prüfung seines Geisteszustandes des Präsidenten

beauftragt worden. Aus Prag sei der Polizei mitgeteilt worden, daß Gorgulom 1930 wegen seiner Nationalität und des schlechten Rufes, den er in russischen Kreisen genoß, die Gründung der von

ihm geplanten Partei verweigert worden sei und daß er damals wird abgeführt

eine Mitgliedstarte der Kommunistischen Partei(!) gehabt habe. Die Frau Gorguloms, die geborene Schweizerin ist, wurde am Freitagabend in Monato verhaftet, als sie von einer Kirche in ihre Pension zurückkehrte. Sie erklärte, von dem Attentat ihres Mannes nichts gemußt zu haben.

11

Die Morgenpresse gibt in ihren Leitartikeln ihrer Empörung über das Attentat Ausdrud. Léon Blum schreibt im Popu= laire": Die Betrübnis gleicht dem Abscheu, den man vor diesem ebenso unverständlichen mie gräßlichen Verbrechen empfindet. Welches ist der Beweggrund des Mörders gewesen? Wen wollte er in der Person Doumers treffen? Welche Aenderung fonnte er von seinem Verschwinden erhoffen? Doumer war der nichtverant mortliche und machtlose Chef einer freien Demokratie, die morgen mie heute nur ihrem eigenen Willen und ihren eigenen Gesezen gehorcht hätte. Geistes perwirrung und verbrecherische Manie sind die einzigen Erflärungen, die der Berstand für dieses

*

Bildtelegramm Keystone.

diejenigen, die die Handlung Gorguloms verabscheuen, müssen sich gegen die Theoretifer und Praktiker der Inter­nationale(!) zusammenschließen, die den revolutionären Aus­ländern in Frankreich gleiche Behandlung mit den Franzosen ge währen und unsere Grenzen allen öffnen wollen. Dienstag Neuwahl

-

Beisetzung im Pantheon.

Paris , 7. Mai. ( Eigenbericht.) Die Regierung, die gemäß ihrer Verfassung in ihrer Ge samtheit die Funktion des Staatspräsidenten bis zur Neuwahl aus­übt, hat in einem Ministerrat beschlossen, Doumer im Pan. theon beizusetzen. Die Feier findet am Donnerstag vors mittag ftatt.

Der Leichenzug wird sich vom Elysée nach der Notre- Dame­Kathedrale, wo die kirchliche Feier stattfindet, und von dort nach dem Pantheon bewegen. Ferner hat die Regierung im Einver nehmen mit dem Senatspräsidenten beschlossen, den Kongreß zur Neuwahl des Präsidenten am Dienstag nachmittag nach Versailles einzuberufen. Die Senatoren und Abgeordneten werden durch persönliche Briefe benachrichtigt werden. Ein vor. heriger Zusammentritt der Rammer und des Senats findet nicht statt. Der Kampf um die Präsidentschaft wird sich wahrscheinlich Zwischen Lebrun als kandidat der Rechten und Painlevé als Kandidat der Linken

abspielen. Man nimmt im allgemeinen an, daß Lebrun zum Prä­sidenten gewählt werden wird. Nach dem Ministerrat hat die Re gierung eine Rundgebung an das französische Volk erlassen. Die staatlichen Theater werden heute und am Begräbnistage geschlossen sein.

Die Leiche des Präsidenten wurde kurz nach 5 Uhr morgens ins Elysée übergeführt. Die Gattin und die Töchter Doumers sowie Tardieu und einige Minister, die am Sterbebett des Präsidenten gemeilt hatten, begleiteten die Leiche auf dem Wege nach dem Elysée. Im Laufe des Vormittags wurde die Leiche einbalsamiert und in einem Salon des 1. Stockwerkes aufgebahrt. Von Montagnachmittag an wird sie in dem Festsaal des Elysée, der zur Zeit in eine Toten­fapelle umgestaltet wird, aufgestellt und zur Besichtigung freigegeben werden.

Gestern abend haben sich im Montparnasse - Viertel fremden feindliche Kundgebungen im Anschluß an das Attentat