Unsere Zukunft.
Der Proletarier trägt in dieser Krisenzeit ein oft faft untrag bar schweres Schicksal: Arbeitslosigkeit, Sorge, Not. Der Einfame. bricht darunter zusammen; und die Gemeinschaft kann den einzelnen stüzen, fann ihm den Glauben, die Sicherheit geben, daß der Weg in die bessere Zukunft doch gefunden, daß an einem nicht allzufernen Tage die Menschheit ihn einmütig gehen wird. Geht den Kindern schon diesen Glauben mit auf den Weg, reibt sie so früh wie möglich ein in die profetarische Gemeinschaft, und ihr helft nicht nur die Welt vorwärts zu bringen auf diesem Weg, ihr gebt auch den Kindern damit Kraft für die harten Tage, durch die sie gehen müssen, Kraft, die in der Erkenntnis wurzelt, daß der einzelne der werttätigen Masse Teil ist einer starten, zukunftbauenden Macht! So war es am 1. Mai:
Am Rande des Menschenmeers, das den Luftgarten überflutet, sammelt sich ein Kindertrüpplein. Es wächst zum Trupp, zur großen Schar: Jungfalfen und die von den Kinderfreunden betreuten Proletarierkinder. Sie wollen sehen, wie die Großen den Maitag feiern, dem zu Ehren sie die grüne Krone mit dem Blumenstrauß in der Mitte gewunden haben, die an der Spitze des Zuges schwankt. Doch die Kinderaugen reichen nur an den nächststehenden Menschen herauf, die ihren Weg säumen, und schauen und vergnügt sind und sonst nichts weiter tun. Der Maitag scheint ein buntes, unbefümmertes Fest zu sein. Freundschaft!" grüßen die Kleinen die befannten Abzeichen. Da steht der Zug still, ein menig abseits vom Gedränge. Die Kinder lachen und schwagen, froh über den unalltäg.
lichen Ausflug. Nun hebt die Ordnerin einen kleinen plappernden Bengel hoch.„ Ein guter Spaß", scheint er zu denken, und plötzlich übersieht er den weiten Plaz und über sein Gesicht breitet sich mort loses Staunen. 0-0-0-0!" fagt er langsam und atemlos im Herabgleiten, und dann steht er verstummt in der Kinderschar. ,, Mich auch! Mich auch!" Hilfsbereite. Arme finden sich. Jeder von den Kleinsten darf einen Blick über das von roten Fahnenbüscheln gekrönte Menschenmeer tun, und wenn sie herabfommen, steht ein großes Bundern in den Augen, und der kleine Mund findet höch stens zwei Worte: So piele!" Als die Schar wieder abzieht, vergißt sie sogar ihren Gruß: Freundschaft!" Erst an der nächsten Ecke holt sie ihn nach. Das Erlebnis dieses ,, Wir" hat sie übermältigt. So viele!" Es wird eine unauslöschliche Erinnerung sein, eine Kraft, die fortwirkt, die euch reich und start macht.
Es ist dieses Wir", das den einzelnen trägt, vorwärts, auf märts. In ihm ist die Wurzel zum menschlichen Glüd. Da steht mitten im Gedränge des Plages eine Mutter mit ihrem Kind auf dem Arm. Niemand fann vorwärts oder rüdwärts. Doch die erdrückende Enge scheint Freiheit, wenn man in ihren Gesichtern liest, die im Schein der roten Fahnen aufgeblüht find. Biele Augen bleiben eine kurze Sefunde an den beiden hängen, gleiten erschüttert meiter; so vom Alltag erlöst sind diese beiden Gesichter. Als die Fahnen sich lichten, bleiben sie grau und welt zurüd; aber das befreite Leuchten in ihren Zügen ist geblieben, das das Glüdserlebnis hineinzeichnete: Bir!"
Grüne Jungen als ,, Führer"
Der Nazisturm auf den Bahnhof Treptow
Der Borsitzende des Schöffengerichts Schöneberg , Landgerichtsdirektor Sinapius, sprach gestern ein großes Wort gelassen aus, als er von dem Führer der wegen Landfriedensbruchs, Widerflands gegen die Staatsgewalt, Gefangenenbefreiung, Hausfriedensbruchs und Körperverlegung angeklagten Nationalsozialisten und früheren SA.- Leuten, den" Bahnhofftürmern" in Treptow , jagte: Es ist eben zu bedauern, daß Führerstellen grünen Jungen anvertraut werden, die kein Augenmaß dafür haben, was erlaubt und was unerlaubt ist. Mit der Jugend dieses„ Führers" sollte die milde Strafe, die gegen ihn verhängt wurde, entschuldigt werden.
Die fünf Angeklagten, der frühere SA.- Führer Runte und die früheren SA.- Leute Hilpert, Neuhaus, Gerstorff und Schmidt hatten gemeinsam mit einer Anzahl meiterer EA- Leute am 8. April in Treptow am Sturm auf den Dienstraum des Reichsbahnassistenten Mielenz teilgenommen. Die S.- Leute hatten in Treptow Figublätter verbreitet und waren im Begriff, nach Steglis zurückzufahren. Als der Führer der SA.- Leute Kunte erfuhr, daß der Student Richter wegen Verteilung von Flugblättern auf dem Bahnsteig sistiert sei, begab er sich in den Dienstraum und stellte Bahnsteig sistiert sei, begab er sich in den Dienstraum und stellte Rebe: Ich bin Führer, unterlassen Sie die Unverhier den Reichsbahnassistenten Mielenz in überheblichem Tone zur Rede: Ich bin Führer, unterlassen Sie die Unverich am the it." Mielenz verbat sich den Ton, Kunte drohte ihm: schämtheit." ,, Sie werden zeitlebens daran denken, Sie sind die längste Zeit hier auf dem Bahnhof." Mielenz forderte ihn auf, den Raum zu verlassen und machte ihn darauf aufmerksam, daß er Polizeigewait habe. Runfe griff den Beamten tätlich an, wurde zusammen mit seinen Begleitern von Mielenz und einem anderen Beamten hinausgedrängt, rief jetzt: Sturm auf den Dienstraum, befreit den Mann", drängte mit etwa 15 bis 20 Nationalsozialisten
Berhandlung, da diese beiden zum Beweise dafür, daß fie an der Schlägerei unbeteiligt gewesen sind, sich auf Zeugen beriefen, die zur nächsten Verhandlung geladen werden sollen.
Der tödliche Messerstich im Hospiz.
2% Jahre Gefängnis für den Zäter.
Das Landgericht I verurteilte den 26jährigen Klempner Jakob Pfaff, der am 9. Januar d. J. im Christlichen Männerhospiz in Ein neuer Menschenzug staut sich am Rande der Masse, dringt der Templiner Straße dem Arbeiter Gerhard Schulz einen
in den Dienstraum, versetzte Mielenz einen Faustschlag gegen das Auge, warf ihn auf einen Sessel nieder und schlug gemeinsam mit anderen SA.- Leuten auf ihn und auf den anderen Beamten ein. 3wei Bahnbeamte tamen mit Knüppeln bewaffnet zu Hilfe, die SA.- Leute wurden hinausgedrängt, versuchten einen zweiten Sturm und wurden an weiteren Ausschreitungen vom lleberfallkommnando gehindert. Mielenz hatte Verletzungen davongetragen, die Tür des Dienstraumes war beschädigt, in der Damentoilette fand man einen Revolver, einen Dolch, eine Stahlrute und einen Totschläger.
In der gestrigen Verhandlung stellte Kunte die Dinge so dar, daß nicht er den Beamten angeschnauzt, sondern jener ihn und daß der Beamte. Der nicht er der Angreifer gewesen sei, sondern Staatsanwalt beantragte gegen Kunte acht Monate Gefängnis, gegen Hilpert und Neuhaus je viereinhalb Monate, gegen Gerstorff einen Monat und für Schmidt Freispruch.
Das Gericht verurteilte Kunfe zu vier, Hilpert zu zwei Monaten und Neuhaus bloß wegen Hausfriedensbruchs zu drei Wochen Gefängnis. Gerstorff und Schmidt wurden freigesprochen. Das Urteil gegen Kunte erscheint um so milder, als die Mindeststrafe wegen Aufreizung zu Gewalttätigkeiten drei Monate beträgt, er also für Widerstand gegen die Staatsgemalt, Gefangenenbefreiung, Körperverlegung und Hausfriedensbruch gewissermaßen nur einen Monat befommen hat. Diese aufreizende Milde des Urteils wird wohl weniger auf das Konto der Berufsrichter als auf dasjenige der Schöffen zu setzen sein. Nicht unerwähnt soll die eigenartige Einstellung des Vorstehers des Bahnhofs Treptow bleiben; er bezeichnete die ganze Angelegenheit als harmlos.
den darauffolgenden Begrüßungsworten von Oberbürgermeister Dr. Sahm spielt das Orchester der Städtischen Oper die Ouvertüre zur Oper„ Die Meistersinger ". Gerhart Hauptmann wird sodann zur Festansprache, in der er sich in erster Linie an die Jugend mendet, das Wort ergreifen. Vor dem Abschlußmarsch des Kosledjchen Bläserbundes unter Leitung von Musikdirektor Rossow werden 2500 Mitglieder aus den Reihen der deutschen Schreberjugend in dem Rasenoval Tänze und Spiele aus ihrem Gemein schaftsleben dem großen Kreise der geladenen Gäste vorführen. Die Feier wird durch Rundfunk übertragen.
mühsam, Schritt für Schritt, in fie ein. Reihe für Reihe wird auf Mefferftich verfekte, megen Störperverlegung mit Lodes: Der New Yorker Hafenbrand.
gesaugt, ist in ihr verschwunden, faum, daß sie mit der Menge in Berührung fam. Nur ein Kind, das hoch auf der Schulter eines Mannes thront, bleibt sichtbar. Es sigt frei aufgeredt da, scheint nicht mehr von einem, sondern von der ganzen Menge getragen. Cin Lied klingt auf: Mit uns zieht die neue Zeit!"
erfolg zu 2% Jahren Gefängnis. Bon einer Aberfennung der bürgerlichen Ehrenrechte sah das Gericht ab. Dem Antrag auf Haftentlassung wurde nicht stattgegeben.
später getöteten Schulz eine ausgiebige Kneiptour hinter sich hatten und Pfaff fidh geweigert hatte, den erneuten Aufforderungen des Schulz, die Kneiptour fortzusehen, Folge zu leisten, tam es zur ganz unbegreiflichen Bluttat. Schulz bat Pfaff um eine 3igarette, statt dieser erhielt er einen Stich in die Brust mit seinem eigenen Messer, das Pfaff ihm aus der Tasche gezogen hatte. Gestern wollte er sich an nichts erinnern. Der Sachverständige wollte sinnlose Betrunkenheit nicht gelten lassen. Eine Absicht zu töten wurde vom Gericht verneint.
Die Tat des 26jährigen Klempners, mirft wieder einmal grelle Schlaglichter auf die demoralisierenden Folgen der Arbeitslosigkeit. Der junge Bursche ist seit 1929 arbeitlos und kommt unter die Räder, ebenso wie sein Freund und Landsmann, der ,, schwarze Jad", Ein Leberfall auf Reichsbanner. von dem er an dem verhängnisvollen Tage schon am frühen Morgen 3u einer Kneiptour aufgefordert wurde. Nachdem diese beiden geZwei Nazis freigesprochen. Verhandlung verlagt.meinsam mit einigen anderen, gleichfalls arbeitslosen und auch dem Die Nazifeiglinge verstehen es ja befanntlich meisterhaft, fich herauszureden; so gelingt es ihnen, vor Gericht mit einem blauen Auge davonzukommen. Gestern hatten sich wieder vier Na tionalsozialisten wegen eines Ueberfalls auf Reichsbannerleute zu verantworten. Am 6. März befanden sich etwa 30 Reichsbannerleute auf dem Wege zu ihrem Treffpunkt. In der Teltower Straße sahen sie sich etwa 60 Nationalsozialisten gegenüber. Natürlich machten diese von ihrer llebermacht Gebrauch und fielen über die Reichsbannerleute her mit Koppeln und Latten. Erst das Ueberfallkommando bereitete der Schlacht ein Ende. Fünf Nazis wurden auf der Flucht verhaftet. Drei Reichsbannerleute trugen mehr oder weniger schwere Verlegungen davon. Vor dem Schöffengericht Berlin- Mitte behaupteten sämtliche vier Angeklagte, mit der Sache nichts zu tun gehabt zu haben. Der fünfte Angeklagte war nicht erschienen. Drei Angeklagte wurden von den Reichsbannerzeugen mit Bestimmtheit wiedererkannt. Das Gericht sprach zwei Angeklagte frei und vertagte in bezug auf die beiden anderen die
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Oskar Wöhrles
Fan Hus.
Der Tetzte Tags
Aechzend läßt sich Herr Johann von Schwarzach in den breiten, reich geschnitten Bürgermeistersessel fallen, vertauscht aber, sobald er sigt, den Griff um die ledergepolsterten Armlehnen sofort mit dem nervösen Zugriff in seinen schwarzen Krausbart.
,, Ja, der Rat ist rasch bei der Hand, die Ausgaben und die Gülten zu bewilligen und gutzuheißen. Aber auf mir, als dem Bürgermeister bleibt legiglich der ganze Zimmet hängen, ob grobgestoßen oder gemahlen. Ich habe für Deckung zu sorgen. Neue Abgaben, neue Lasten dem Bürger auf den Nacken zu legen. Zu welchem Ende, meine Herren vom Rat, zu welchem Ende? Daß sich schließlich eines müsten Tags wieder die Zünfte zusammenrotten, die Metzger mit der Blutfahne voran, und uns hier auf dem Rathaus, wie wir gehen und stehen, tappen und schnappen, auflüpfen und zu den Bogensfenstern hinausschmeißen, daß die Buzenscheiben frachend aus der Fassung kommen und unser Gehirn unten, auf den Kazenköpfen des Pflasters, großtropfig versprigt!"
Der bullenköpfige Biersieder zeigt wieder die Bahnlücke: So schlimm ist's nicht mit dem Blutsprißen, Bürger meister! Da müssen immer zwei dabei sein! Solange so viel fremd gewappnet Wolf in unsern Mauern liegt, wie feit Allerheiligen des letzten Jahre, allwo das Konzil seinen Anfang nahm, solange wird sich fein Mäuslein wider uns regen, weder eins im Loch noch eins im Oberarm. Und wenn auch, hier ist schon noch ausreichend Gegengewaffe!" Dabei läßt. er wohlgefällig rechtsarmig seinen Zuschlagmustel spielen.
Shr habt allem Anschein nach die Lehren der Geschichte vergessen, Herren vom Rat! Ihr habt vergessen, daß das Bolk, dem wir vorstehen, ein Tier ist, das von Zeit zu Zeit gefüttert werden will, und zwar mit Blut, von seinesgleichen mit seinesgleichen! Gestern waren die Juden daran. Morgen ist dieser Hus das Futter. Wer weiß, im nächsten Monat
Eröffnungsprogramm für die Sommerschau.
300 Feuerwehrleute rauchvergiftet.
New York , 7. Mai. Der Brand des Cunard- Piers ist noch immer nicht gelöscht.. Die Brandstelle steht jedoch unter ständiger Kontrolle. Die Gefahr für die angrenzenden Piers ist jedoch zur Stunde als behoben anzus sehen. Der Brandschaden ist durch Versicherung gedeckt. Bon den Feuerwehrleuten befinden fich 300 megen Rauchvergiftung und Berlegungen anderer Art in ärztlicher Behandlung. Eine niederträchtige Tat.
Die Sturmvogel- Ortsgruppe Berlin West baut in der Immelmannstraße in Berlin- Schöneberg in einem Schuppen auf dem dem Finanzamt für Liegenschaften gehörenden Gelände ihr Segelflugzeug. In der Nacht zum Sonnabend wurde nun das fast fertige Flugzeug von unbekannten Tätern zerstört. Mit schweren Gegenständen hat man den Rumpf und die Tragflächen zerschlagen, die Bespannungsleinemand zerrissen und völlig unbrauchbar gemacht. Die Sturmvogel- Ortsgruppe Berlin - West sezt sich fast ausschließlich aus Ermerbslofen zusammen, die in monatelanger mühseliger Arbeit das Flugzeug hergestellt haben. Leider konnten die Läter bisher nicht ermittelt werden.
Alle!" wird am 14. Mai, vormittags 11 Uhr, durch einen Festakt Die Berliner Sommerschau 1932,, Sonne, Luft und Haus für In der Wanderausstellung ,, Der Mensch in gesunden und kranten eröffnet werden. In dem weiten Rund des neu angelegten Terrassen Tagen" im Europahaus, Stresemannstraße, findet am Mittwoch, 11. Mai, gartens bringt nach einer Fanfare des Kosteckschen Bläserbundes Deutschen Hygiene- Museum in Dresden spricht über Frühjahrsabends 7 Uhr, ein besonderer Bortragsabend statt. Herr Dr. Neubert vont das Orchester der Städtischen Oper Berlin unter Leitung von Frisuren". Besonderes Eintrittsgeld zu diesem Vortrag wird von den Bes Stiedry Beethovens Leonoren- Ouvertüre III zu Gehör. Nach suchern der Ausstellung nicht erhoben.
oder spätestens zum Schluß unserer Amtszeit sind wir daran, mir, Bürgermeister, Vogt, Ammann und die Zwanzig des Kleinen Rats, vielleicht sogar noch die Dreißig vom Großen Rat mit, wenn wir nicht besser Kasse führen, als bis dato!" ,, Recht hast du, Bürgermeister!" stimmt sarkastisch Muntprat zu, der bekannte Großhändler in Konstanzer Leinen und Brabanter Damast. Das Volk ist wirklich ein Tier. Zum Glück aber eins von den harmlosen. Eine Kuh, und mir Herren wissen's! Das ist der Trost- und Leitsprach allen Regierens. Bad's mit dem richtigen Griff am richtigen Horn und du kannst's führen, wohin du willst!"
Ehinger, der Muntprat auf die Lippen gesehen hat, stimmt ihm mit bedächtigem Kopfnicken bei. Er fügt hinzu: Außerdem, mer fann uns was vorwerfen? Wir tun, was wir fönnen, und so viel, als in unseren Kräften steht!"
Herr Johann fommt wiederum in Hize: Und die alten Geschlechter, faten die nicht auch, was sie fonnten? Hä? Und doch, wie hat man ihnen hierzustadt die Schwarzwurzeln gefocht! Sie mußten rennen, als hätten sie die schnelle Kätter, und aus purer Freude, ungeschunden davongekommen zu sein, haben sie gerne das Wiederkommen vergessen!"
,, Das war damals, Bürgermeister! Das ist gewesen. Und fürs Gemesene gibt fein Jud nichts, selbst der dümmste nicht. Nicht einmal einen armseligen Dickpfennig, nicht mal einen Plappert. Wir leben im Jetzt. Im Heute leben wir. Das hat eigenes Gesez!"
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den Hals gebunden worden war. Zu den alldort Ersäuften zählen der Chronik nach auch Muntpratsche Vorfahren. Das weiß in Konstanz jedes Kind, und der Großhändler ist nie gern an diese 3mangstaufe erinnert.
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Herr Johann von Schwarzach freut sich des sichtlichen Eindrucks, den seine kassandrahaften Worte machen. Düstere Betrachtungen der Zukunft, Jammersäge über die verderbte, zerscherbte Welt sind überhaupt sein Lieblingsspruch, und er hätte sicherlich weil ihm das wohltut und sein schweres Geblüt ablenft noch stundenlang die trübsten Aussichten und Schreckschatten an den Horizont seines Gespräches ge= malt, die Herren des Rats mit dunklen blutigen Möglichfeiten bis in die hintersten Winkel ihrer Seelen schreckend, um auf diese Weise den Zorn über den erhaltenen Befehl des Konzils zu vergessen, wenn nicht inzwischen Hans Hagen, der Vogt der Stadt, eingetreten und an der Tür stehengeblieben wäre.
Der Vogt ist in Wehr und Harnisch .
Alles flirrt an seinem Brustkasten, als er zur Begrüßung den mächtigen Rücken beugt, und dieses Klirren zerschneidet wie mit einem Messer das Gespräch des Bürgermeisters mit den Ratsherren.
Es wird still im Zimmer und bleibt es lange.
Nichts anderes ist hörbar, als das Atmen der fünf Männer und das Riesein des Sandes im Uhrglas . So still und peinlich ist diese Pause, daß ihr schließlich Herr Ehinger gewaltsam ein Ende macht, indem er mit hüstelndem Lächelin fagt: Mir will scheinen, ehrsame Herren, wir hätten eben samtander einen Juden in den Himmel gelüpft!" ,, Einen Juden in den Himmel gelüpft! Einen Best
Herr Johann stredt wie Segen spendend seine feist gehügelten Hände aus: Gott erhalte deinen rosenroten Mut und deine pfirsichblütne Fröhlichkeit, Muntprat! Ich wünsch dir auf deine fünftigen alten Tage ein ehrliches Christenbegräbnis in ehrlicher Christenerde und fein naffes Fischfarbigen!" fchreit aufstehend Herr Johann von Schwarzach. fonvoi nach Schaffhausen hinunter, unterwegs von Aalen und Kregern angefressen!"
Der Großhändler in Leinen, und Damasten lächelt. Aber es ist dünn, dieses Lächeln, und etwas gequält. Denn Muntprat sieht bei den Worten des Bürger meisters zum Greifen nahe die Rheinbrücke nach Petershausen vor sich mit der angebauten Mühle, wo sich ohn' Unterlaẞ, Tag und Nacht, das größe, unterschlächtige Holzrad dreht. Von dort aus ist in früheren Zeiten gar mancher Patrizier von der aufständischen Bürgerschaft in die nasse Tiefe beför dert worden, und zwar Kopf voran, nachdem ihm zuvor besserer Schwimmtraft halber ein Dugend Mauersteine an
Ei du geröstetes Donnerwetter! Warum nicht gar!" Dabei schlägt er ein prustendes Lachen an, in das die drei Herren vom Rat unverzüglich mit einstimmen, indessen der grimme Hans Hagen auch nicht das fleinste Fältchen in feinem ledernen Jagdhund gesicht verzieht.
Das Lachen mirit wie ein Signal zum Aufbruch. Die Ratsherren schlurfen nacheinander in den Saal
zurüd. Muntprat, als der Jüngste, bückt sich beim Hinausgehen, hebt das Amtsrohr auf und legt es vor Herrn Johann von Schwarzach auf den Tisch. ( Fortsetzung folgt.)