nazischoizen und ihr Todesopfer. S© UeberfiSBe zyrscht gemacM.
Das Berliner Blatt des Herrn Goebbels berichtete mehrfach über einen Feuerübersall angeblich kommunistischer Schützen aus einen Autobus der Linie 42, in dem sich Nationalsozia- listen befanden. Der vollbesetzte Autobus sei von Kommunisten, die im Hinterhalt lagen, mit einem Kugelregen überschüttet worden. Als das Ueberfalltommando eintraf, seien die feigen Mordschützen bereits verschwunden gewesen. Zwei Tage später be- nutzt das Naziblatt diesen Vorfall zu einer erneuten wüsten Hetze gegen die Polizei Der Ueberfallwagen sei an den Verbrechern vor- beigebraust, die noch aus der Straße standen und die„rauchenden Pistolen" in den Händen hielten. Wir haben uns die Mühe genommen, einige Tatzeugen zu hören, und was dabei herausgekommen ist, zeigt wieder einmal, wie das nationalsozialistische Blatt lügt. Am vergangenen Sonnabend kurz noch 23 Uhr hielt an der Endhaltestelle an der Heiners- dorfer Straße in Weißensee ein Autobus der Linie 42. Der Wagen war in der Hauptsache mit Nationalsoziali st en besetzt. Plötzlich ertönte von der gegenüberliegenden Straßen- feite ein Kommando und in wenigen Augenblicken leerte sich der Autobus. Die ganze Hitlerbande eilte auf die gegenüberliegende Straßenseite und nahm an der dort befindlichen Tankstelle Auf- stellung. Wenige Minuten daraus ertönten zahlreiche Schüsse. Die Detonationen kamen von der Tankstelle, andere Schüsse wurden nicht gehört. Von einer Kugel wurde ein Mann namens Bürde getroffen, der in der Heinersdorfer Straße auf dem Balkon stand. Die Kugel drang dem Unglücklichen in den Unter- leib und tags darauf starb er im Weißensser Krankenhaus. Als einige Zeit später das Ueberfallkvmmando anrückte, war von den angeblichen kommunistischen Schützen keine Spur zu entdecken. Ein bezeichnendes Licht auf die Verrohtheit der Hitlerburschen wirft noch folgende Begebenheit, die sich wenige Minuten nach dem tödlichen Schuß auf Bürde abspielte. Die Frau des Getroffenen kam topflos auf die Straße gestürzt und rief:„Wo wohnt hier der nach st e Arzt?" Das quittierte einer der Naziburschsn mit den Worten:„Wenn es ein Kommuni st gewesen ist—
ist er jetzt bestimmt kein Kommunist mehr!" Eine andere Bewohnerin, eine alte Frau, die ebenfalls kurz nach der Schießerei den Flur betrekn wollte, sah einen schwarzen Gegen- stand auf der Erde liegen. Sie stieß mit dem Fuß dagegen und zu ihrem Schrecken erkannte sie eine Pistole. In ihrer Bestürzung rief die Frau ziemlich laut:„Herrgott— da liegt sa ein Revolver." Das wurde von einem Nazibengel gehört, der hinzustürzte, die Wajse an sich riß und schleunigst davonlief. Zwei Ehepaars, die gerade in dem Augenblick heimkehrten, als die Nazis den Autobus verliehen, geiieten wenige Minuten später in den Kugelregen. Die Schüsse kamen von den Nazis. Wie durch ein Wunder blieben die Leute, die in ein Haus- tor flüchteten, unverletzt. Raubüberfall im Butterladen. Zwei Täter nach Kampf festgenommen. In einer Butterfilials der Firma Schill in der Luisen- stratze 60 erschienen gestern abend kurz vor Ladenschluß zwei junge Burschen, um„einzukousen". Plötzlich zog einer der Burschen eine Pistole hervor und hiest die Berkäuserinnen mit der Waffe in Schach . Der Begleiter räumte inzwischen die L a d e n k a s s e aus, in der sich etwa 256 M. befanden. Mit der Beute liefen die Täter zum Hinterausgang hinaus, um zu slüchien: die Verkäuferinnen unter Hilferufen hinterher. Ein Passant stellte sich den beiden Räubern, die gerade den Hausflur verlassen wollten. entgegen. Es kam zu einem Handgemenge, in dessen Verlauf einer der Burschen auf den Mann einen Schuß abfeuerte, der glücklicherweise fehlging. Durch Boxhiebe machte der Passant die beiden kampsunfähig und übergab sie der Polizei. Di« Beute wurde ihnen wieder abgenommen. Die Kriminalpolizei glaubt, zwei Burschen gefaßt zu haben, die zu einer Kolonne gehören, die in letzter Zeit wiederhost mit großem Erfolge Kassenräubereien aus- geführt haben.
drauf und dran, wie ein Kartenhaus zusammenzustürzen. Nur wird dadurch dos Dunkel um die Toten nicht heller. e- Carl Grubert wurde heimtückisch ermordet. Vier Monate später erschießt sich unter seltsamen Umständen sein Hausdiener Wollny. Die Berliner Mordkommission stellt als Ergebnis ihrer Ermittlungen fest, daß W mit dem Mord nichts tun hat. Die Gerüchte im Volt wollen das Gegenteil wissen. Der Täter allerdings war er nicht, am 2. Februar, abends 3 Uhr, war er in der Gastwirtschaft. Wollny wird keine Frage mehr beantworten. Aber wer stand nun an jenem eiskalten Februarabend hinter den Bäumen und wartete mit dem Schießprügel in der Hand darauf, Carl Grubert zu ermorden? Wo- her wußte der Mörder, daß Grubert um 3 Uhr abends zur Gast- wirtsversammlung nach Schmöckwitz gehen wird? Der Mörder scheint die Berliner Schweiz gut zu kennen...
Mutter kämpft um ihr Kind. Wegen Kindesentführung zu i20 Mk Geldstrafe verurteilt. Das Schössengericht Charlottenburg verurteilte eine Mutter wegen st. i n d« s e n t s ü h r u n g zu 120 M. und die Großmutter zu 100 M. Geldstrafe. Der Vorsitzende führte in der Urteilsbegründung aus. daß man der Angeklagten menschliches Mitgefühl nicht versagen könne, sie habe zäh ihr Sind verteidigt gegen den Voter! Dr. B. hatte im Jahre 1920 die Tochter des Professors H. geheiratet unter der Bedingung oder, wie er vor Gericht sagt?, nur weil seine Schwiegermutter ihm ständigeZuschüss« versprochen hatte. Er übte auf einer Insel ärztlich« Praxis aus, litt an häufigen Nervenzusammenbrüchen, steuerte keinen Pfennig zum Haushalt bei und ließ sich ernähren, zuerst von den S ch w i e g e r- eltern, dann auch durch die Frau. Er zeigte sich lieblos zu dem kleinen Sohn und mißhandelte ihn und die Mutter im Jäh- zorn. Ms er dann in der Nähe von Berlin mit dem Geld« der Schwiegereltern ein Sanatorium erössnete, da brachte seine Frau in Erfahrung, daß er während der ganzen Jahre in Berlin «ine Zehn- zimmerwohnung unterhielt und auch eine gutgehende ärztliche Praxis besaß. Sie trennte sich von ihm. Er reichte die Scheidungsklage ein. Während des Prozesses blieb der Junge bei der Mutter. Kaum war die Scheidung ausgesprochen, da erwirkte der Mann eine einstweilige Verfügung um Herausgabe des Kindes. Er wollte nicht die' Unterhaltskosten zahlen, die schon während des Scheidungsprozesses bloß durch Pfändungen zu erreichen waren. �ietzt setzte der Kampf der Mutter um chr Kind ein. Um es dem lieblostn Vater nicht herauszugeben, zog sie von Ort zu Ort, hiest sich ganze drei Jahre vor dem Manne verborgen. Der erste Vormundschaftsrichter hatte gegen sie entschieden, sein Nachsolger f ü r sie. Der Junge sollte vorläufig bei der Mutter bleiben. Auch das Land- und das Kammergericht entschieden, daß sie es bis zum 1. Mai d. I. behalten dürfe. Der Junge sollt« den Vater von Zeit zu Zeit besuchen. Das Kind wollte schließlich diese Besuche nicht mehr machen: die Tante und auch der Vater beschimpften die Mutter. Nach dem 1. Mai entbrannte der Kamps von neuem. Der Vater erwirkte zum zweiten Male eine einstweilige Verfügung um Herausgabe des Knaben. Die Mutter hielt ihn wieder v e r- borgen. Sie wurde zusammen mit der Großmutter im Kammer- gericht verhaftet. Beide Frauen blieben sechs Tage in Hast. Der Junge, bereits Quintaner, las das in der Zeitung.„Jetzt ist Vater mein schlimmster Feind," erklärte er. Als dieser ihn beim letzten Besuch dabehielt, sprang er aus dem Fenster und zog sich dabei eine leichte Gehirnerschütterung und eine Verstauchung des Fußes zu. Als der Vater ihn mit Hilfe der Polizei von der Mutter holen wollte, entwich er. Der Kampf dauert auch jetzt noch fort. Die Mutter häll auch jetzt den Jungen verborgen bis zur Entscheidung ihrer Klage. Sie erklärte vor Gericht, sie sei bereit, jede Strafe anzunehmen, das Kind gebe sie nicht heraus. Der Berufsvormund sagte, daß man eine bessere Mutter nicht finden könne. Der Staatsanwalt hatte aber gegen dies« Mutter, die wie eine Löwin um ihr Kind kämpft, eine Gefängnisstrafe von einem Monat beantragt. Das Gericht begnügte sich mit den Geldstrafen.
Führung durch Alt-Charlottenburg von E. TrinkauS Sonntaa, 19. Juni, 1914 Uhr, Am Lützow, gegenüber der Feuerwoche. Die silberne Hochzeit begeht beute das Ehepaar Paul und Marie Regel, Maldemarstr. 62 wohnhaft. R. ist treuer Abonnent des„Vor- wärts". Osk&r � NUS. 38«uftj\ v i&Txra „Das kann man, das kann man! Hus ist ein Schulfall für dieses Können. Er hat Gott zu seinem Steckenpferd ge- macht, und, siehe, wie hat er sich hineingeritten!" „Und dieser seiner Irrung weiß die Kirche keine andere Antwort als den Scheiterhaufen? Eminenz, die Augen der Welt sind auf Konstanz gerichtet. Fürchten die Väter nicht der West Urteil?" „Mitnichten, mitnichten, Domdekan! Die Kirche hat keine Furcht vor Leuten, die vernünftig denken!" „Eminenz! Petrus , der Kirche erster Oberster, sagt: Einer trage des andern Last! Christus, der Kirche König und Herr des Himmels, sagt: Wenn dein Bruder strauchelt, stütze ihn, daß er nicht falle! Gegenseitige Hilse soll also des Christen Schmuck und Zeichen sein. Was sehn wir statt dessen? Einer des andern Teufel, einer des andern Erdrückeb und Henker!" „Albrecht von Büttelsbach, das Recht liegt tief! Es ist all Ding viel anders, als es scheint. Die Schrift, aust die du dich berufft, ist der Welt Tod und Strick. Es steht in der Schrift auch anderes. Ich bin nicht gekommen, den Frieden zu bringen, sondern das Schwert! steht da. Es stehet auch vom Unkraut darin, das mit der Wurzel ausgereutet und ins höllische Feuer geworfen werden soll!" „Trotzdem, Eminenz, ich kann mir nicht helfen! Ein Scheiterhaufen in dieser Zeit und in dieser Stadt, ein Scheiterhaufen, angezündet vom Konzil, ist das Eingeständnis des Bankerotts der Kirche!" ,�)oho, Freund, wieso?" „Sie gibt damst zu: Ich, die Kirche, allhier verkörpert durch das heilige Konzilium, bin mit meiner Macht über die Gehirne am Ende!" „Glaubst du, Domdekan? Ich teile diese Ansicht nicht. Ich meine ganz im Gegenteil, die Kirche ist mit ihm Macht über die Gehirne erst am Anfang. Zudem, vergiß nicht, die Schafe,
Einer beschuldigt den andern. Wie bei der Oevaheim verdient und verschwendet wurde. Die weitere Fortführuvq des Vevaheim-Vrozesses läßt die Geschäftsgebarung bei dieser kirchlichen heimstättengesellschas! in immer seltsamerem Lichte erscheinen. Die Vernehmung des Angeklagten C l a u s s e n, der bei dem Ienlralausschuß für Innere Mission eine führende Stellung einnahm, brachte zahlreiche Zwischenfälle. Claussen wird u. a. der Untreue zum Nachteil des Zentralausschusses in höhe von Z0 000 bis 40 000 M. beschuldigt. Auf ein Gut mit dem Namen Lupken war auf Veranlassung von Claussen von der Baugenossenschaft eine Zahlung von 10 9 00 0 M. geleistet worden. Direktor I e p p« l stellte einen Bar- scheck mit Blankountcrschrift aus, den Claussen auf den Betrag von 1 10000 M. einlöste. Die Frage ist nun. was aus den überschießenden 10 000 M. geworden ist. Claussen will sie der Bau- genosse'nschaft wieder gutgebracht haben, davon ist aber in den Akten nichts zu finden. Ebenso liegen die Dinge bei einer zweiten Summe in Höhe von 30 000 M. Als freilich der Staatsanwalt Claussen beschuldigte, 10 Proz. in die eigene Tasche verdient zu haben, sprang dieser erregt aus und sckrier Wie können Sie so etwas behaupten, Herr Staatsanwalt! Der Direktor Jeppel blieb bei seiner Bekundung, daß er die umstrittenen 10 000 M. nicht erhalten habe. Auch bei der Besprechung weiterer Kredite und Zahlungen, die von der Gesellschaft geleistet worden waren, kam es bei den Aus- sagen der Angeklagten zu heftigen Widersprüchen. Keiner will der Schuldige sein, jeder beteuert sein« vollkommene Schuldlosigkeit, und der eine schiebt dem andern die Verantwortung zu. Wie bei der Devaheim mit dem Gelde herumgeworfen wurde, das wurde wieder einmal klar, als man eine dreitägige Reise Claussens nach Amsterdam besprach, die im Interesse der Auslandsanleihe erfolgt war. Claussen hatte für diese Reise bei der
die die Kirche zu weiden bestimmt ist, haben nicht nur Gehirne. sondern auch Herzen. Und auf diese kommt es hauptsächlich an. auf die armen, erdverängstigten, lebensgescheuchten, von Konflikten zerrissenen Herzen. Deshalb wird die Kirche ewig an der Macht fein!" „Ewig, Eminenz?" „Ewig, ewig! Das heißt, solange es Menschen gibt! Wo anders soll die Kreatur sich hinwinden als zur Kirche? Keinen anderen Ausweg hat die Erde. Wir find ihre Gefangenen. Die Kirche ist die einzige Pforte, die sich ins Jenseits öffnet. Darum wird sie ewig gestürmt werden." „Und Hus bei diesem Sturm, Eminenz?" „Sein Urteil ist gesprochen. Er hatte alles für Gott übrig, nichts für die Kirche!" „Das ist fein Verbrechen, Eminenz?" „Ja!" 14. Die Humpen sind umgestürzt; der Wein ist in Lachen über die breiten, zirbelholzenen Tafeln verschüttet. Längst sind die letzten Funken der Fackeln verstiebt, die Stimmen der Heimkehrenden verstummt, die Lustschreie der gekauften Dirnen verklungen. Die Stadt des Krames schläft und träumt Gewinn. Ueber den hochgegiebelten Dächern hängt als kühles, klares Rad der Iulimond. Breitflächig streut er das Licht, tief und eindringlich mall er die Schalten. Der See ist wach. Obwohl kein Wind geht, auch nicht der allerleichteste, schlagen dennoch die Wellen in einemfort aufpatschend an die langgezogenen Festungsmauern am Ufer. Weiter draußen, dem Horn zu, sind die Wasser sanfter. Dort ist die flachgeschwungene Schüssel des Sees aefüllt mit ge» schmolzenem Gold. Es glänzt und glitzert, glost und aleißt, als ob's aus dem Schatzhaus Muntprats wäre; selbst des BischofsMünze hat kein besseres. Die Sicht ist klar Auf Meilen in der Runde, bis an das jenseitige Ufer, liegt die Gegend so' hell wie am Tage, von keinem Nebel, von keiner Trübung behindert. Die Rebstecken auf dem Meeresburger Ufer scheinen sogar mit der Hand zu greifen zu sein. Wenigstens behauptet das der Stadtknecht Siräubele, der Schwab, in unverfälschtem Buchhornisch seinem Rottmann Andres Axt gegenüber, mit
Baugenossenschaft den Betrag von 1000 M. als Spesen liquidiert. Der Staatsanwalt wies ihn da/auf hin, daß man mit der Hälfte dieses Betrages sehr anständig reisen und austreten könne. Es kam aber eben bei der Devaheim auf einen Hundert- markschein mehr oder weniger nicht an, da ja das Geld nicht aus der eigenen Tasche, sondern aus den Zuwendungen hauptsächlich der ösfentlichen Hand bezahlt wurde. Die Verhandlung wurde auf Dienstag vertagt.
Gastragödie in Neukölln? In ihrer Wohnung in der Bergstraße 130 in Neukölln wurden gestern abend die 46 Jahre alte Frau Agnes M. und ihr lljähriger Sohn Helmut durch Gas vergiftet bewußtlos auf- gefunden. Die Wiederbelebungsversuche der Feuerwehr waren nur bei der Frau von Erfolg. Frau M. wurde ins Neuköllner Kranken- haus gebracht. Nach den polizeilichen Ermittlungeen liegt Selbst- mord vor. Die Tat wurde entdeckt, als der Mann gestern abend völlig ahnungslos heimkehrte. Nervenzerrüttung soll das Motiv zur Tat sein._ Die Opfer der„Cimbeline" Bisher 25 Tote und 50 Verletzte. Montreal . 18. Juni. Nach den letzten Feststellungen haben die drei Explosionen auf dem englischen Oeltankdampfer„Cimbeline" 23 Todesopfer ge- fordert. Die Zahl der Verletzten beträgt 3 0. Die Zahl der Opfer unter den Rettungsmannschaften ist besonders groß, weil die Explosionen in größeren Zeitabständen erfolgten. Der Führer der Feuerwehr und drei Feruerwehrleute sind tot. Die Bergungsarbeiten gestalteten sich äußerst schwierig. Die Feuerwehr mußte sich darauf beschränken, mit den Löschbovten eine weitere Ausbreitung der Feuersbrunst zu verhüten, da in der nächsten Näh« des brennenden Dampfers ein großes Oellager liegt.
dem er gemeinsam die Mitternachtswache am Lucken- häusle schiebt. Der Axt ist auf einmal quick geworden. Und diese plötz- liche Lebendigkeit trotz den steifen, verwachten Knochen hat triftigen Grund. Im Gegensatz zu seinen schlechten Ohren hat er gute Augen. Am Tag sieht er scharf wie ein Sperber, in der Dämmerung wie ein Luchs, in der Nacht gar wie eine mausende Haselnußeule. So ist ihm nicht entgangen, daß in Sträubeles hinweisender Hand kurz wie ein Blitz eine grün- lechte Buddel aufleuchtet. Er denkt: Bei Sankt Josephs Hosenladen! Wo eine Buddel ist, ist auch etwas Gebranntes, zumindest bei Leuten in Wehr und Harnisch. Laut sagt er: „Hol mich der Teufel überzwerch und schwanzlos, wenn da kein Kirschwasser drin ist!" Dabei hustet er so mordsmäßig, als ob ihm die Gräte eines Kretzers im Rachen steckenge- blieben wäre. Doch ist es nur der Speichel der Gier, der ihm unvermutet in den unrechten Hals gekommen ist. Auf dies Husten hin hört der Schwab in seiner Unter- weisungsrede auf, setzt die bauchige Gutter an und nimmt einen tiefen Schluck. Dann streicht er sich schmatzend den dünnen Schnauzbart, der ihm gelb wie eine abgedörrte Peter- silie über den Mund hängt, sagt:„Hast recht geraten, langes Elend,'s ist wirklich Kirschwasser darin, sogar vom Vorlauf!" und gibt den Feuertrunk dem Sundgauer hinüber. Der Axt läßt sich flicht nötigen. Wie ein saufendes Huhn legt er andächtig den Kopf ins Genick und schaut die Sterne an. Seine Eisentappe stößt hinten ein paarmal merkbar auf den blechenen Halskragen. Das oerrät Schlucke von solcher Güte, daß der Sträubele schleunigst mii einem„Donnders- blechle!" zugreift, aus Angst, der lange Lattenhelland gießt. wenn man ihm nicht Einhalt tut, alles in seinen unersättlichen sundgauischen Schlund. Schnaps ist bei alten Wachtsoldaten eine angesehene Sache, er kommt noch ein gutes Stück vor der Pritschendirne. Er soll ihnen helfen, die Nacht hindurch die Augen offen zu halten: denn der Posten, an den sie gestellt sind, ist der wich- tigste in der ganzen Stadt, viel wichtiger, als die simple Srubenwache an einem der Tore. Der Schwab und der Sund- gauer regieren heute nacht die Sperrkette, die bis Sonnenauf- gang, bis die ersten Marktschiffe fahren, die Hafeneinfahrt ab- riegelt und so die Stadt gegen unerwünschten Besuch von der Seeseste her sichert. tFortsetzung folgt.)