Generalversammlung der Arbeilersänger
Mitgliedsbuch- Klare Front
Aus vcm Gcschästsbericht hatten wir bereits Mitteilungen über die Entwicklung des Arbeitersängerbundes veröffentlicht- Di« vom Genossen F c h s e l gegebene mündliche Ergänzung läßt erkennen. daß der durch die Krise bedingte Mitgliederrückgang sich bei den Männern mehr auswirkt als bei den Frauen. Der Konzertbstrieb leidet auch stark unter der Verbreitung mechanischer Musik. Beim Kassenbericht des Genossen � o e s t trat der Rückgang der Beiträge und des Berlagsumsatzes infolge der Arbeitslosigkeit klar zutage. Durch freiwillige Lohnreduktionen. Verlagssperre, Strei- chcn von Kursen wurde einigermaßen Ausgleich erzielt. Erfreulich ist der starke Umsatz der Chorsammlungen für Gemischten- und Männerchor. Im Bundesgebiet sind von der ersten etwa IlXIlKXZ, von der letzten rund 30 Mi Stimmbücher umgesetzt. Der Obmann des Künstlerischen Beirats, Genosse G u t t m a n n, konnte von der Herausgabe von kleinen Liedsammlungen berichten: 25 internatio- nale Volkslieder für Frauen, 12 Bekenntnislieder für Gemischten Chor, 26 heitere Männerchörc(mit Legleitung durch einzelne In» strumente). Aber auch Einzelausgaben von Liedern sind in größerer Zahl innerhalb der Geschäftsperiode möglich gewesen. Auch auf dem Gebiete der abend- und halbabendfüllenden Chororchesterwerke sind neun in Vertrieb genommen worden. Als kommende Arbeits- gebiete stellte Genosse Guttinann fest: Hebung der Kampfmusik, Steigerung ihres künstlerischen Wertes, aber auch Pflege des Volks- liebes, der volkstümlichen Lieder und der alten Meister. Voraus- setzung unseres Schaffens sei aber nicht nur Freundschaft, sondern auch Freiheit. Die Diskussion über die Berichte ließ schon erkennen, daß mancherlei Sparmaßnahmen durchgeführt werden müssen. Bei der Beratung der neuen Satzungen konzentrierte sich diese Stimmung in dem Beschluß: Der Bundesbeitrag wird von 80 auf 66 Pf. im Jahr herabgesetzt. Weitere Reduzierungen der Bezüge. Einstellen des Sängerführers und der Dirigenten« und auch der Funktionärkurse gelten als Ausgleich für den Ein- nahmeausfall. Weiter soll der für das 2. Bundessängerfest in Nürn berg bereits gezahlt« Festbeitrag in Höhe von rund 46 000 M. vom Bundesvorstand als Gutschrift der Gaue für zu zahlende Bundes- beitrage verwendet werden. Auch der noch bestehend« Hannoverfest. fand« kann in besonders ernsten Fällen verbraucht werden. Von diesem Fonds wurden dem Gau Rheinland zur Kostendeckung für den Denkstein des Zlrbeiterkomponisten G. A. Uthmann 3000 M. überwiesen. Wichtig für weitere Arbeit ist die Einführung eines für alle Bundesmitglieder gültigen Mitgliedsbuches. Ebenso die ab 1. Juli 1032 gültige Einführung einer besonderen Bundes«
beftragsmarke, die vierteljährlich zu entnehmen ist. Dieser Versuch zur Zentralisierung im Arbeitersängerbund muß folgerichtig auch die satzungsgemäße Bestimmung mit sich bringen:„Dia dem Ar- beitersängerbund angehörenden Vereine können nicht gleich- zeitig einer weitere« Sängerorganisatton angc- schlössen sein. Das gilt auch für die aktiven Mitglieder der Ver- eine." Beschlossen wurde, das für 1033 vorgesehene 2. Bundessänger- fast„auf unbestimmte Zeit zu verschieben". Die Be- lastung durch die Musikschutzverträge löste Erbitterung aus. Das ist auch verständlich, wenn man bedenkt, daß ein Drittel sämtlicher Beiträge dem Musikschutzverband überwiesen werden muh. Daher auch die Kundgebung der Generalversammlung, den Bundesvorstand zu beauftragen,„mit aller Energie, eventuell mit Hilfe aller Or- ganisationsn, die an den Musikschutzvarband Gebühren zahlen, eine Minderung der Pauschalgebühren zu erreichen". Den Spaltern des Arbeitersängerbundes gab die Generaloersammlung die ge- bührende Antwort durch Annahme folgender Entschließung:„Die Generalversammlung verurteilt auf das schärfste die Handlungs- weise einzelner Chöre im Reiche, die zur Gründung eines zweiten Arbeitersängerbundes führte." lieber eine eingebrachte Entschlie- ßung, daß die neuen Satzungen„die Grundsätze der Demokratie verletzen", wurde einstimmig zur Tagesordnung übergegangen. Der Kampfgemeinschaft gab die Generalversammlung zu erkennen, daß diese„eine Sängerorganisation sei, der die Mitglieder des Arbeiter- sängerbundes nicht angehören können". Die Kommunisten glaub- ten. durch ein Flugblatt den Delegierten gute Ratschläge zu er. teilen. Der Inhalt des Flugblattes konnte ober unmöglich auf Funktionäre der Arbeiterbewegung wirken. Die Wahlen ergaben folgendes Resultat: Geschästsführender Vorstand die Genossen F« h s e l, K l a u d e r, alz Vorsitzende, Hoest als Kassierer. Kirch und Brauner als Sekretäre. Bei- siger im erweiterten Bundesvorstand die Genossinnen Ludwig- Paderborn, M e r z» Frankenthal, Z ä n k« r- Leipzig und die Ge- nassen Blankenfeld- Hamburg , Buckel- Stuttgart. Grobe- Erfurt , Schneider- Berlin. Künstlerischer Beirat die Genossen Guttmann, Hänel, Dießen . Mit der Wahl fanden die Arbeiten der 8. Bundesgeneralver- sammlung ihren Abschluß. Der Abend brachte einen Rundfunkvor- trag über„Entstehung und Entwicklung des Deutschen Arbeiter- sängerbundes" und, ebenfalls als Rundfunkübertragung, ein Kon- zcrt Braunschweiger Chöre.
Es HsZdi prsisfle! An Hindenburg und Gayl. Breslau , 23. Juni. (Eigenbericht.) Das Reichsbanner Schwarz-Rot-Gold. Gau Mittelschlesien, hat aus Anlaß der schweren blutigen Zusammenstöße, die sich am Mitt- woch abend m Breslau abspielten, ein P r o t e st t c l e g r a m m an den Reichspräsidenten gerichtet Ferner wurde ein Protesttelegramm, in dem ebenfalls um Maßnahmen gegen die SA.-Rowdys ersucht wird, an den Reichzinnenminister gesandt. Jtvischrei der Krankfurter llniversität. Frankfurt a. AI. , 23. Juni. (Eigenbericht.) Die Frankfurter llniversität ist am Donnerstagvormittag bei strenger polizeilicher Türkontrolle wieder eröffnet worden. Sehr bemerkenswert ist die Schärfe eines Tele- g r a m m s, dos Rektor und Senat der Universität an den Reichs- Innenminister gerichtet haben:„Demonstration und Eindringen einer bewaffneten SZl.- Abteilung(Richtstudenten) in Uniform in die Universität hat zu blutigen Krawallen geführt. Rektor und Senat fordern gegen diese Bedrohung des Lehrbetriebes und des Friedens der Studentenschaft Hilfe und verlangen Schutz vor Ruhestörungen durch hochschulfremde politische Organisationen." Die zwei schwerverletzten soziolistischeu Studenten und der ebenfalls schwerverletzte kommunistische Student befinden sich außer Lebensgefahr. Die Verletzungen geschahen durch Stahlruten bzw. durch Schläge mit Fäusten, die mit Lederriemen und Schnallen umwickelt waren.
Erpressung im Oevaheim-prozeß. Or. Ehrlich und Or. Spieker als Zeugen. Im Deooheim-Prozcß kam es zur sensationellen und stürmischen Vernehmung des Verlegers des„Jndustrie-Rurier". Otto Ehrlich. und seines Chefredakteur Spieker. Wie erinnerlich, war Spieker gezwungen, aus Veranlassung der Angeklagten in dem Siedlung:-- bankprozeß Hoest und Genossen die Gerichtsverhandlung, der er als Berichterstatter beiwohnte, zu verlassen, weil von ihm behauptet wurde, er sei an einen der Angeklagten mit dem Anliegen heran- getreten, gegen Zahlung von 40000 Mark über den Pro- zeß nicht zu berichten. Aehnlich liegen die Dinge auch in diesem Falle, es wird von den Angeklagte» I e p p e l und E r c m e r behaupter— und diese Behauptungen bilden den Gegenstand eines Ermittlungsverfahrens bei der Staatsanwaltschaft—, daß Dr. Otto Ehrlich und Dr. Spieker an sie herangetreten seien mit dem Borschlag, das ihnen über Deva- heim zugegangene Material unbenutzt zu lassen, falls eine bestimmte Summe gezahlt würde. Sie sollen auch in Wirklichkeit 2 2000 M. erhalten haben. Cremer übergab die Angelegenheit seinem Anwalt, der an Ehrlich einen Brief richtete, der an Deutlichkeit nichts zu wünschen übrig ließ. Dr. Jeppel trat zuerst in telephonischc Berbindung, dann auch in persönliche Fühlung mit Ehrlich. Das Ergebnis dieser Unterredung war, daß Jeppel einen Wechsel in Höhe von 30000 Mark ausschrieb. Im ganzen machte die Summe, die vereinbart wurde, 400 000 M. aus. Spicker gibt von dem Vorgang folgende Schilderung: Er stellt sich als früheres Mitglied des Hansabundes vor, in welcher Eigenschaft ihm zum erstenmal der Gedanke gekommen sei, daß man sich für die Vertretung gewisser wirtschaftlicher Interessen bezahlen lassen könne. In der Folgezeit habe er von dieser Idee reichlich Gebrauch gemacht. Jeppel habe ihm in Gegenwart von Spieker sofort den Vorschlag gemacht, gegen ein bestimmtes Honorar mit ihm für die Sanierung des Zentralausschusies und der Devaheim zu orbeilen. Er habe ihm in bewegten Worten sein Leid geklagt, daß Psarrer Cremer mit seinen Söhnen, Schwägern und Freunden voll und ganz den Zentrolausschuß und sämtliche Institutionen beherrsche und den Verbänden Zuteilungen zukommen lasse, weil diese drohten, widrigensalls die Werbung sür die Bausparkassen einzustellen. Er sei nur das Werkzeug des Psarrers Cremer und müsse mittun, um nicht um Stellung und Brot zu kommen. Als erste Rot« für die Mitarbeit ist der Wechsel in Hohe von 30 000 Mark ausgestellt worden. Der Angeklagte Jeppel erklärt dazu, daß feine ganze Unter- Haltung mit Dr. Ehrlich wie auch die Ausftclliuig des nicht ernst gemeinten Wechsels nur den Zweck gehabt hoben, Dr. Ehrlich und Dr. Spieker zu beruhigen, damit die Sanierungs- aktion durch die Donatbank nicht gestört werde. Ehrlich beteuert ober noch wie vor seine lauteren Motive: er behauptet, das un- schuldige Opfer eines Presfefeldzugez zu fein. In ähnlichem Sinne äußert sich auch Dr. Spieker. Weflen-Kolonne gesprengi. Zwei Mitglieder auf frischer Tat festgenommen. Durch die Aufmerksamkeit eine« Postbeamlen. der in der Sied- lung an der Laden- und Weslendollee wohnt. Ist es ge- glückt, eine Einbrecherkolonae dingfest zu machen. Die Diebe hallen eine Villa in der Oldenburgollee 16 heimgesucht. Gegen 4 Uhr wurden sie im Garten beim Einpacken der Leute beobachtet. Als dos Ueberfallkommando eintraf, flüchteten sie. Es gelang, zwei der Täter festzunehmen. Ein Mann und eine Frau sind entkommen. D'e Festgenommenen sind bekannte Einbrecher. Ein P o st b« a m t e r. der in der Postsiedlung an der Bundes- ollee wohnt, beobachtete vom Garten aus die Diebe auf dem Grund- stück und alarmierte das Ueberfallkommando. Di« Ueberraschten, unter denen auch eine Frau gesehen worden war, flüchteten durch die Badenallee und Bundesalle«. Es gelang, an der Heerstraße zwei von ihnen einzuholen. Die anderen entkamen in den bemal- beten Teil von Westend . Mit der Festnahm« dieser beiden Ein- brechcr will die Kriminalpolizei aus die Spur der größten Ein- brecherkolonne gekommen fein, die in der letzton Zeit Berlin un- sicher gemacht hat.
Todessprung aus dem dritten Stock. Aus dem Fenster seiner im dritten Stockwerk des Hauses K o l o n i« st r a ß e 12 2 gelegenen Wohnung stürzte sich in der vergangenen Nacht der 46 Jahre alle Arbeiter Richard W. aus den Hof hinab. Mit zerschmetterten Gliedern wurde der Lebensmüde ins Krankenhaus gebracht, wo bei seiner Einlieferung nur noch der Tod festgestellt werden konnte.— In der W a i tz st r a ß e in Char- lottenburg spielte sich in den frühen Morgenstunde» ein anfregender Vorfall ab. Eine Frau versuchte sich in einem Nervenanfall aus dem dritten Stockwerk in die Tiefe zu stürzen. Dem Ehemann gelang es. die Kranke im letzten Augenblick vom Fenster zurück- zureißen. Die alarmiert« Feuerwehr hatte sicherhenshakber auf der Straße«in Sprungtuch ausgebreitet.
Ist Aliern und Tod unvermeidbar? Dortrag von Or. Hämmerling. So fragte der junge Dahlemer Biologe Joachim Hämmer- l i n g, der auf Einladung der„Gesellschaft für wissenschaftliche Philosophie" über die die Menschheit seit je aufs brennendste inter - essierenden Fragen:„Fortpflanzung, Altern, Tod" die neuesten Ergebnisse der biologischen Wissenschaft vortrug. Bis um die Jahrhundertwende galt der Satz:„In allem Lebendigen steckt unentrinnbar der Keim des Tode?" für unbedingt gültig. Damals wühlte der große Biologe Weismann die Gemüter auf durch sein« aufsehenerregende Lehre von der„Potentiellen Unsterblichkeit der Einzeller". Deren Vererbungsmschanismus— die einfache Zweiteilung— und die Tatsache ihrer Einförmigkeit scheidet den Ein- zeller von der Welt der vielzelligen Lebewesen, für die nicht nur die Vielheit der Zellen als solche charakteristisch ist. sondern vor allem die vielseitige Differenzierung der einzelnen Zellgruppen nach dem Prinzip der Arbeitsteilung. Die Keimzeller find es, die die Kontiumtät des Lebens wahren: wie die Einzeller, die gewissermaßen noch ganz Keimzellen dar- stellen, sind auch sie unsterblich oder besser unbegrenzt lebensfähig. Die Körperzellen dagegen, deren ewiges Leben für den Fortbestand der Art ohne Belang ist, sind dem Tode verfallen. Die Unsterblich- keit der Keimzellen reicht hin, um die Dauer der Art für unendliche Zeiten zu garantieren. Ist ober, so fragt Hämmerling, der Schüler Hartmanns, dieses Schicksal der Vielzeller wirklich unentrinnbar? Oder gibt«»«ine Berufung dagegen, sind Bedingungen denkbar, unter denen auch die vielzelligen Lebewesen dem allgemeinen Verhängnis entgehen können? So überraschend, ja Paradox die Frage klingt, man kann sie auf Grund der neuesten experimentellen Forschung, insbesondere der Gewebezüchtung, in einer Reihe von Fällen bejahen. Um aber über das Problem des Todes das letzte Wort zu sprechen, ist es notwendig, zuvor von dem verursachenden Vorgang zu sprechen, der dem Tode vorangeht: dem Gespenst des Alterns. Biel ist es nicht, was wir über diese Frage bis heute ermittelt haben. Das liegt hauptsächlich an unserer fehlerhaften Fragestellung nach dem Altern des Gesamtorganismus, also des aller- kompliziertesten Systems überhaupt. Sinnvoll dagegen ist allein die Frage nach dem Altern der Zellen, der Bausteine des Organis- mus. Warum altert und stirbt die Zelle? Weil sie— so hatte Wcismonn geantwortet— so hoch und fein differenziert ist, daß sie sich notwendig beim Lebensprozeß„abnützen" muß. Tatsache ist zwar, so meint der Referent, daß alle differenzierten Zellen, solange sie im Vorband des Organismus oerbleiben, zugrunde gehen: ob sie aber wegen ihrer Differenzierung sterben, ist doch höchst zweifelhaft. Gegen diese Annahme sprechen sogar eine ganze Reihe höchst gewichtiger Tatsachen der Gewebezüchtung. Da ist zunächst jenes berühmt gewordene Zellensystem aus dem Herzen eines Huhns, also ein bereits differenziertes Gewebe, das bis heute 21 Jahre hindurch in dauernder Vermehrung gehalten werde, ohne daß die geringsten Anzeichen von Altern nachzuweisen sind. Diese Kultur kann sich also in oll« Ewigkeit erhalten. Ferner gelang es, noch weit differenziertere Zellen, z. B. Darmzellen zu kultivieren, die schon so weit differenziert waren, daß sie bereits die ihnen eigentümlichen Verdauungsfermente produzierten oder Zellen der Regenbogenhaut, die die Eigenschaft, Farbstoffe zu bilden, unbegrenzt beibehalten. Würden diese Zellen im Organismus verbleiben, so würden sie von einem bestimmte Zeitpunkt ab die Fähigkeit, sich zu teilen— das Zeichen der Jugend—, einbüßen. Aus dem Gefamwrganismu« herausgenommen und In Gewebekulturen bei dauernder Teilung er- halten, altern die Zellen nicht. Unter den Bedingungen der Ge- webekultur sind Alter und Tod für die Zellen auch der vielzelligen Organismen vermcidbar. Von hier aus, so meint der Vortragende, müsse sich auch einmal ein Weg finden lassen, da» Todes- und Ver- jüngungsproblem experimentell in Angriff zu nehmen und zu zeigen. wie bereits gealtert« Zellen zu verjüngen find. Dr. L. H.
„Hamlei" aus Sowjeirussifch. Ein Moskauer Theater hat Shakespeares„Hamlet " in einer neuen Bearbeitung herausgebracht, die statt des grüblerischen melan- cholischen Dänenprinzen einen überaus lebhaften, von sich überzeugten jungen Mann auf die Bühne stellt, der weiß, was er wert ist, und entschlossen ist, sich Geltung zu verschaffen. Der neue Hamlet der Sowjetbühne ist ein gedrungener stämmiger Sportsmann, der mit dem philosophierenden Poeten des bourgeoisen Theaters nichts mehr zu tun hat. Der Geist seines Vaters ist natürlich als romantische Ausgeburt ausgemerzt. Der Geist ist Hamlet selbst, der vor seinen Freunden in der Rüstung seines Vater» erscheint und nach der Art eines Bauchredners auf sie einspricht. Die ganze Geisterszene dient nur dem Bemühen Hamlets, Horatio und die anderen zum Ausstand gegen seinen Onkel, der sich die Herrschaft angemaßt hat, aufzu- putschen. Ophelia ist eine alberne Kokette, die in der Rolle des „Vamp" all« Künste spielen läßt, um den Prinzen zur Heirat zu be> wegen. Polonius ist über die Aussicht, in die königliche Familie aus- genommen und der Schwiegervater eines richtiggehende» Prinzen zu werden, vollständig närrisch geworden. Die Bearbeiter, denen man die neue Version verdankt, behaup- ten, daß sie nicht» weiter getan haben, als Hamlet die ursprüngliche Gestalt wiederzugeben, ganz im Sinne der Absichten seines Dichters. Die traditionelle Vorstellung des Hamlet baue sich auf Grund falscher Voraussetzungen auf, die Generationen hindurch Geltung gehabt hätten. Die neue Version habe die Staubschichten des falschen Ham- letismus beseitigt, die nur die kapitalistische Kultur unter Fälschung von Shakespeares Absichten abgelagert haben. Gleichwohl haben sie sich zu diesem Zweck große Freiheiten erlaubt. E» sind ganze Szenen ausgemerzt und neu« eingeschoben worden. Rur wo das Shake- spearefche Original übernommen wurde, wurde auch der Text unver- ändert gelassen. Die neue Bearbeitung hat einen lebhaften Widerstreit der Meinungen ausgelöst, denn der russischen Intelligenz ist es mit dem Theater heiliger Ernst. Dom künstlerischen Standpunkt aus wird die Aufführung indessen einstimmig als eine der besten bezeichnet, die man in Moskau seit der Revolution gesehen hat. Spiel, Inszenierung und Begleitmusik seien über alles Lob erhaben. Das gleiche gelle für den Vertreter der Titelrolle, Gorunow, der als unvergleichlich ge- rühmt wird. Die Regie führte Nicolai P. Akimow, den man als den ebenbürtigen Nachfolger Stanislawskys bezeichnet. Filmreprisen. Der Stand unserer Tonfilmproduktion und der Rückgang der Filmbesucher haben in diesem Sommer dazu geführt, daß Filmreprisen auch in den Uraufführungstheatern an der Tages- ordnung sind. Sogar aus stumme Filme wird vielfach zurück- gegriffen. Im Capitol läuft wieder der K a r a m a s o w- Film(mit Kortner und Anna Sten ), im Usa -Pavillon werden„Die Drei von der Tankstelle" vorgeführt. Die Titania nahm die Reprise von dem Elisaboth-Bergner-Film„Fräulein Else" vor. und seit kurzem werden wieder„Mädchen in Uniform" vorgeführt(Kammerlichtspiele), einer der größten deutschen Erfolge im Auslande ist das Musterstück eines Kollektivfilms. Im Ufa-Palast am Zoo wird der Alpensilm„Stürme über dem Mont- b l a n c" neu erprobt. Goethe in Japan . In dem Verlag Iwanami. Tokio , ist ein« umfangreiche Goethe-Festschrift erschienen, zu der Thomas Mann die Einführung geschrieben hat. Außer ihm ist auch Prof. Fritz Strich-Bern mit einem Beitrag vertreten, in der von japanischer Seite zehn Professoren von Ruf eine Darstellung des Gesamt- schaffene Goethes unternehmen. Der von dem Iapanisch-Dcutschen Kulturinstitut in Tokio herausgegebene stattliche Band ist in Japan als die bisher bedeutendste japanische Publikation über Goethe be- grüßt worden. In der klusstelluno„Lust, Tonne und Hau» siir Alle" zeigt Sonntag nachmittag 4 Uhr Berthe Krull mit ihrer Kindergruppc neue Tänze. I» der Städtischen Oper werden wegen des großen Ersolgez OffenbachS „Banditen außer am 2S., S8., auch noch am 30. d. M. gespielt.