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Morgenausgabe

Rr. 293

A 148

49. Jahrgang

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Vorwärts

Beeliner Boltsblatt

Freitag

24. Juni 1932

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Pfeile in die Zukunft.

Das sozialistische Wirtschaftsprogramm der Gewerkschaften

Politisch steht die Arbeiterklasse im Verein mit allen Kreisen des Voltes, die den Sinn für politische Freiheit noch nicht verloren haben, in einem erbitterten Rampf gegen die Mächte der Vergangenheit, die in dem Kabinett der Barone, gestützt von den Garden Hitlers, ihren sichtbaren Ausdrud gefunden haben. Wirtschaftlich ringt die Arbeiterklasse mit den zerstörenden Mächten der Gegenwart. Sie führt den Kampf um die Ueberwin­dung der Wirtschaftskrise, den Kampf um die Linderung der Not der Opfer der Krise, den Kampf um Arbeitsbeschaffung. Aber über die augenblidlichen Nöte hinaus richtet sich mehr denn je der Blick der kämpfenden Arbeiterklasse auf die Ge­staltung der Zukunft.

Der Gedanke, daß, wenn es einmal durch inter­nationale Beruhigung und durch staatliche Hilfs. maßnahmen gelungen sein wird, aus dem Tief. stand dieser Krise wirtschaftlich wieder emporzus steigen, daß dann der Tanz von neuem beginnen sollte, daß von neuem fapitalistische Planlosig feit und Mißwirtschaft die Massen der Arbeiter­schaft der Gefahr der Wiederkehr von Wirtschafts. fatastrophen aussehen sollte, ist unerträglich. Deshalb muß der Blick der kämpfenden Arbeiterklasse im gleichen Augenblick, in dem er auf die Ueberwindung der Krisennot von heute gerichtet ist, auch gerichtet sein auf den Umbau der Wirtschaft zur Verhütung der Wieder­fehr der sinnlosen Leiden der Massen in der Zukunft.

Die moderne Arbeiterbewegung steht in allen Organi sationen, die sie verförpert, in der Sozialdemokratischen Partei wie in den freien Gewerkschaften, fest auf dem Boden der gleichermaßen von wissenschaftlicher Erkenntnis der Gegenwart und von Zukunftsglauben getragenen Erkenntnis, daß es nur eine Rettung aus der Not und der Ungerechtig keit der herrschenden sozialen Zustände, nur eine Möglich keit der Ueberwindung des Wirtschaftschaos der Gegenwart gibt:

die Verwirklichung des Sozialismus. Das leuchtende sozialistische Zukunfts­ziel der modernen Arbeiterbewegung hat seine Anziehungs­fraft in jahrzehntelangem Kampf und Aufstieg so bewährt, daß wir es heute erleben, daß die Mächte der Reaktion, die gegen den Freiheitskampf der Arbeiterklasse mobilisiert wer­den, den Ansturm auf die Volksmassen gar nicht anders pollziehen können als unter dem Mißbrauch der sozialistischen Ideen für ihre reaktionären Zwecke.

Die Arbeiterbewegung selbst aber hat nicht nur die Auf gabe, diesen Pseudosozialismus, der im Dienste der Junker und Industriebarone marschiert, zu entlarven, sondern fie hat auch gerade in dieser Periode, in der die Erschütterung der kapitalistischen Welt ungeahnte Formen angenommen hat, die Aufgabe,

konkret den Weg aufzuweisen, der von der kapita listischen Planlosigkeit der Gegenwart zu der sozialistischen Planwirtschaft der Zukunft führt. Wer fein Scharlatan und fein Boltsbetrüger ist, der muß es ehrlich aussprechen, daß die grundlegende Umgestaltung des Wirtschaftssystems, daß die Verwirklichung unseres sozialistischen Ideals feine leichte Aufgabe, nicht die Sache eines technischen Kunstgriffes und auch nicht die Sache eines einmaligen politischen Diktats sein kann. Nur ein syste­matischer Umbildungsprozeß, nur ein auf öko­nomischer und politischer Macht gegründetes Borrüden von Stufe zu Stufe zur Neugestaltung der Wirtschaft wird aus der sozialistischen Utopie von gestern die sozialistische Wirk­lichkeit von morgen werden lassen.

In einer Zeit, in der die Kapitalisten selbst den Glauben an die Kraft ihres Systems verloren haben, in einer Zeit, in der mehr und mehr zusammenbrechende Zweige der privaten Wirtschaft unter die schützenden Fittiche des gleichen Staates flüchten, deffen wirtschaftliche Betätigung fie prinzipiell bekämpfen, wird es zur dringlichen Gegen

Walther Rathenau

Zum 10. Jahrestag feiner Ermordung am 24. Juni 1922

Walther Rathenau , Reichsaußenminister der Regierung Wirth, wurde heute vor zehn Jahren ermordet.

Einer der fähigsten Staatsmänner unserer Zeit fiel den Kugeln und Handgranaten einer Gruppe verschworener Landsknechte zum Opfer, die ihm nichts anderes vorzuwerfen hatten, als daß er Jude war.

Ein mittelalterlicher Hegenaberglaube, in den politischen Kampf des 20. Jahrhunderts verpflanzt, war die einzige Triebkraft der Mörder: das Ammenmärchen der ,, Weisen von 3ion", die den Weltkrieg herbeigeführt, die Niederlage Deutschlands gewollt, den Bolschewismus erfunden hätten, um die germanische Rasse zu vernichten. Ein jüdischer Außen­minister konnte nur ein Verräter am deutschen Dolke sein. und deshalb wurde einer der treuesten, begabtesten Söhne des deutschen Dolkes am 24. Juni 1922 gemeuchelt, wenige Wochen nachdem er sich auf der Weltkonferenz von Genua mit sichtbarem Erfolg um die wachsende Erkenntnis des Auslandes für die tragische Lage des besiegten Deutschland bemüht hatte. Diesem scheußlichen Derbrechen war eine monatelange, niedrige Heze der Rechtsradikalen aller Schattierungen gegen ihn vorangegangen. Die moralische Mitverantwortung für diese Freveltat trugen freilich jene großkapitalistischen Scharf­macher, die Walther Rathenau nicht verzeihen konnten, daß er, weil ihnen geistig turmhoch überlegen, sich in den Dienst der Republik gestellt hatte und dem sozialistischen Streben der deutschen Arbeiterschaft wohlwollendes Derständnis entgegen­brachte: sie haben damals in ihrer Presse den Boden für diesen Mord beadkert und die Verschwörerorganisationen finanziert, von denen dieses und andere ähnliche politische Derbrechen in jener Zeit ausgegangen sind.

Dor zehn Jahren schienen alle anständigen Menschen von diesem sinnlosen Mord, begangen an einem der wertvollsten Köpfe der deutschen Kulturwelt, entsetzt abzurücken. Uur wenige Fanatiker wagten es, sich zu dem Hakenkreuz zu bekennen, in dessen Zeichen Walther Rathenau ab­geschlachtet wurde. Heute ist dieses ostasiatische Symbol der germanischen Rassentheorie Adolf Hitlers salon-, hof- und an­geblich regierungsfähig geworden. Aus den antisemitischen, republikfeindlichen Mordverschwörern von einst ist eine Millionenbewegung geworden, die nur noch durch die Abwehr der sozialistischen Arbeiterschaft und des politischen Katholizis­mus von der Macht ferngehalten wird. Das Bürgertum, ein­schließlich der Partei Rathenaus selber, ist entweder zerrieben oder es hat sich dem Mordfaschismus unterworfen, aus Angst vor ihm oder aus Haß gegen die republikanische Arbeiterschaft.

Die Reichsregierung veranstaltet heute im Hause Rathenaus im Grunewald eine offizielle Gedenkfeier. Die­selbe Reichsregierung ist die Gefangene Hitlers und führt seine Befehle aus, weil sie mit seiner Hilfe entstanden und von ihm abhängig ist.

Daran wollen wir heute und in den nächsten Wochen immer wieder denken: der Anblick der braunen Bürgerkriegs­uniformen und der Hakenkreuzbinden ist untrennbar per­bunden mit dem Bewußtsein nicht nur der wachsenden Der­elendung der breiten Dolksmassen, sondern auch mit der Erinnerung an die Abschlachtung Walther Rathenaus und unzähliger anderer, bekannten und unbekannten Soldaten der deutschen Republik.

Wir aber werden weiter kämpfen und siegen für das Jdeal, dem auch Rathenau zum Opfer fiel: für die Freiheit!

net sich als der Kern der notwendigen Maßnahmen zum Umbau der Wirtschaft mit aller Deutlichkeit die verän derte Rolle, die der Staat, der demokratische Staat, der die Gesamtheit des Volkes verkörpert, in der Wirtschaft zu spielen hat, ab.

martsaufgabe der Arbeiterklasse, die nächsten notwendigen| in diesen Richtlinien die Rede. Darüber hinaus aber zeich­Schritte zum Umbau der Wirtschaft aufzuzeigen. Der Aus­gangspunkt der notwendigen Wandlung ist der Finanz­und Monopoltapitalismus in seinem heutigen Bersagen. Die nächste Aufgabe ist es, durch die Gestaltung des Raumes, der zwischen dem versagenden Kapitalismus und dem vollendeten Sozialismus liegt, den Weg zum Auf­bau der neuen Wirtschaft zu weisen.

Von dieser geschichtlichen Lage unserer Zeit gehen die gestern veröffentlichten Richtlinien der freien Gewerkschaften für den Umbau der Wirtschaft aus. Sie haben es sich nicht zur Aufgabe gesetzt, das sozialistische Zukunftsziel, das längst Ge­meingut der modernen Arbeiterbewegung ist, in seiner Vollendung und in seinen Einzelheiten auszumalen. Sie haben sich die bescheidenere, der Forderung des Tages entsprechende und des halb um so wichtigere Aufgabe gestellt, die Pfeile zu zeigen, die unmittelbar in die Zukunft der Wirtschaft führen.

Von der notwendigen Anpassung der Massenfauftraft an die gesteigerte Produktivität der menschlichen Arbeit, von der planmäßigen Ronjunkturpolitik der öffentlichen Körper schaften, von einer Außenhandelspolitik, die auf die Ein­ordnung der Volkswirtschaft in die internationale Arbeits­teilung gerichtet sein muß und von manchen anderen un mittelbaren Gegenpartsaufgaben der Wirtschaftspolitik ist

Mit der Forderung nach Verstaatlichung der Schlüsselindustrien, die die Stützpunkte der groß industriellen gesellschaftlichen und politischen Macht sind, mit der Forderung der Unterwerfung der Kar telle und privaten Monopole unter staat. liche Aufsicht und Lenkung werden dem Staat die nächsten Aufgaben auf dem Gebiete der Gestaltung von In­dustrie und Handel gewiesen. Das sind entscheidende Schritte im Wandel der Eigentumsordnung, entscheidende Schritte in der Richtung zur Vergesellschaftung der Pro­duktionsmittel.

Aber der moderne Kapitalismus ist zum Finanz­fapitalismus geworden. Die Banken als Gammel­beden des Kapitals sind zur Grundlage gesellschaftlicher Herrschaftsstellungen geworden. Daß ihre Funktionen längst über den privatwirtschaftlichen Rahmen hinausgewachsen sind, hat sich gerade in der Kreditkrise der Gegenwart, in der der Staat in Deutschland und in anderen Ländern das Risiko für verfrachende Banken übernehmen mußte, mit aller Deutlichkeit gezeigt. Deshalb wird die Forderung der Verstaatlichung der Banken und sonstigen Kredit­institute erhoben. Bei dieser Forderung aber handelt es