Der Nazi-Gewährsmann! Ein Retrüger und Schwindler. Eine mehrtägige Verhandlung vor dem Schöffengericht Char» lottenburg enthüllte das wahre Gesicht eines Gewährmannes der Nationalsozialisten, des Herrn Julius S ch l i ch t i n g. Man erfuhr, was für ein Individuum das Material zu einer widerlichen Hetze gegen S e v e r i n g geliefert hatte. Unter der Maske eines Biedermannes hatte er es verstanden, seinen Freunden jahrelang Sand in die Augen zu streuen, unter Mißbrauch ihrer Namen Schwindeleien zu begehen, um, endlich entlarvt, zu den Feinden seiner früheren Freunde hinüberzuwechseln. Herr Julius Schlichting befaß ein gutgehendes Installation»- geschäft. Er ließ sich in Spekulationen ein, lebte über seine Mittel, es ging mit ihm bergab, er war schließlich nicht imstande, seinen Angestellten die Gehälter zu zahlen, gab aber seine Lebensweise nicht auf, sondern setzte sie fort auf Kosten seiner Mitmenschen, die er in der skrupellosesten Weise betrog, selbst vor Kaution»- und Heiratsschwindel schreckte er nicht zurück. Unter der Vor- spiegelung, heiraten zu wollen, und Vortäuschung, er sei geschieden, näherte er sich einer Frau B. und brachte sie um ihre ganzen Er- sparnisse in Höhe von 3S00 M. Als alles das nicht mehr ausreichte, ließ er sich vom Stahl- Helm, dessen Mitglied er geworden war, einen Lager- vermalter empfehlen, ließ sich von diesem in Form einer Kaution ein größeres Darlehen geben, vier Wochen später erklärte er, ihm nicht da» vereinbarte Gehalt zahlen zu können. Sein Geld sah der Mann nicht wieder. Aehnlich oerfuhr er mit G., den er als „Akquisiteur gegen ein Darlehen" von 4500 M. engagierte. Viele Zehnlausende von Mark flössen durch andere Betrügereien in seine Taschen. Seinen Friseur brachte er um dessen ganzes Vermögen, in zehn Tagen sollte das Geld zurückgezahlt sein; er habe vom Staat 78 000 M. zu erhalten, erklärte er; die Plauener Sparkasse habe ihm 200 000 M. zugesagt, in Wirklichkeit schuldete er dieser 180 000 M. Der Staatsanwalt hob die gemeine Gesinnung des An- geklagten hervor, auch den Umstand, daß er sich vor dem Gericht nicht entblödst habe, die Leute, die er in unglaublichster Weise ge- schädigt, ja selbst vollkommen ruiniert habe, in der unflätigsten Weise anzugreifen. Das Gericht verurteilte den sauberen Herrn wegen Betruges in zwanzig Fällen, Pfandbruches in vier Fällen, wegen Pfandbruches in Tateinheit mit Unterschlagung in fünf Fällen zu einer Gesamtstrafe von zwei Iahxen Gefängnis und wegen der gemeinen Gesinnung zur Aberkennung der bürgerlichen Ehren- rechte auf die Dauer von drei Iahren. Von einem Haftbefehl wurde abgesehen. So sehen Gewährsleute der Nationalsozialisten aus!
Großseuer! Gefährliche Oachstuhlbrände in Neukölln und in Charlottenburg . Zu den gestrigen Nachmitkagsstunden war die Jeuerwehr mit der Bekämpfung zweier großer Dachstuhlbrände längere Zeit beschäftigt. Der erste Feueralarm kam aus der Schillerstraße 75 in Char- lottenburg. Dort war gegen 13 Uhr im Dachstuhl des Quer- gebäudes aus unbekannter Ursache Feuer entstanden, das rasch um sich griff und auf den Seitenflügel übersprang. Vier Schlauchleitungen größter Kaliber mutzten in Tätigkeit gesetzt werden, um die Flammen, die eine weitere Ausdehnung zu ge- Winnen drohten, einzukreisen. Starker Rauch erschwerte die Lösch- oktion. Durch herabdringende Wasiermassen ist in den oberen Etagen schwerer Schaden entstanden. Die Ablöschungs- und Aufräumungs- arbeiten waren erst in den späten Nachmittagsstunden beendet. Um 18.47 Uhr traf die zweite Feuermeldung aus der Böhm!» schen Straße 31—32 in Neukölln ein. Dort war gleichfalls der Dach- stuhl des langgestreckten Eckhauses in Brand geraten. Als die alar- mierten Feuerwehren an der Brandstelle eintrafen, hatte das Feuer, das an Bodengerümpel und dem trockenen Dachgebälk reiche Nah- rung fand, bereits weit um sich gegriffen. Etwa 250 bi« 300 Qua- dratmeter Dachstuhl brannten herunter. Als Entstehungsursache ist Selbstentzündung festgestellt worden.
Die Leute, die vorgeben. Deutschland „erneuern" zu wollen, haben es soweit gebracht, daß ein eoiarteter politischer Bruderkamps jeden Tag mehrere Menschenopfer fordert. Ein Menschenleben gilt den gewerbsmäßigen volksoerheßern nicht viel. Die Polizei, als die Hüterin über Leben und Sicherheit der Staatsbürger, hat in diesen unruhigen Zeiten ihren Rettungsdienst besonders ausgebaut. Einen Ausschnitt aus dieser Arbeit schildert der nachstehende Artikel. Jeder Polizeibeamte ein Schwimmer, jeder Polizeibeamte ein Retter, das ist das Ziel der Schwimmausbildung in der Schutz- polizei Berlin . Jeder Polizeibeamts muß und soll so weit im Schwimmen und Retten vorgebildet sein, daß er, wenn es sein mutz, in voller Uniform einem Ertrinkenden nachspringen und Hilfe bringen kann. Gerade Berlin mit seinen vielen Wasserstraßen und der wasserreichen Umgebung bringt die Polizeibeamten fast tag. lich in die Lage, einem Ertrinkenden Rettung bringen zu müssen. Daß die Schutzpolizei auch hier ihren Mann stcht, davon zeugen die Rettungsmedaillen, die im Laufe der Zeit viele Be- amte der Schutzpolizei erwerben konnten und die mit besonderem Stolz getragen werden. Wenn auch im Winterhalbjahr die Schwimmausblldung nie ganz ruht, so herrscht doch gerade in den Sommermonaten Hochbe- trieb in den vom Polizeipräsidium gemieteten Badean st alten. Ein beängstigendes Gewimmel herrscht in einer solchen Badeanstalt. Man sieht es den Beamten an, daß ihnen dieser Dienst besonderen Spaß macht. Da übt der junge Bereitschaftebeamte neben dem älteren Revierbeamten, der schon seine Kinder mit zum Schwimmen bringt. Wie geht nun die Schwimmausbildung vor sich? Die Leine und die Angel, die vielen von der M i l i t ä r d i e n st z« i t als wahre Marterinstrumente in Erinnerung sein werden, sind streng verpönt. Nur da, wo kein flaches Wasser vorhanden ist, sind sie
noch vereinzelt im Gebrauch. Aber auch hier gibt es kein Tauchen und unnötige Ueberanstrengung, denn nur der Beamte wird auch im vorgeschrittenen Alter das Schwimmen erlernen, der das Per- trauen zum Wasser gewinnt. Im seichten Wasser übt der Beamte unter Anleitung von Kameraden, die als Schwimmlehrer ge- eignet find, so lange, bis er tatsächlich schwimmen kann. Die nächste Etappe ist das Schwimmen mit Schwimmkorken im freien Wasser. In verhältnismäßig kurzer Zeit ist der Schwimmschüler dann so weit, daß er die vorgeschriebene Viertelstunde schwimmen kann und damit das Frsischwimmerzeugnis erwirbt. Ist die Ausbildung zum Freischwimmer in verhältnismäßig kurzer Zeit zu erreichen, so erfordert die Ausbildung zupz Retter mehr Zeit und für den Schwimmlehrer viel Geduld, denn der Retter muß ein unbedingt sicherer Kleider- und Rückenschwimmer sein. Hier geht es ohne kräftiges Wasserschlucken meist nicht ab. Der Schüler soll sich aber auch von den sehr unangenehmen Umklamme- rungsgriffen Ertrinkender befreien können. Da sich diese Befrei- ungsgriffe aber unter Wasser abspielen, muß er auch Tauchen lernen. Der Minister des Innern hat hier ganz besondere Ueoungen vorgeschrieben, die jeder Polizeibeamte in jedem Jahr neu ablegen muß. Darüber hinaus hat das Kommando der Schutz- polizei noch einen Schwimm-Mehrkampf ausgeschrieben. Diesen Schwimm-Mehrkampf gewinnt die Dienststelle, die die meisten Rettungsschwimmer ausbildet. Neben dieser Ausbildung veranstaltet das Kommando der Schutzpolizei S ch w i m m- W e t t k ä m p f e für die fortgeschrittenen Schwimmer. Wer Gelegenheit hatte, diesen Wettkämpfen beizu- wohnen, der konnte feststellen, daß die Polizeibeamten auch im spart- lichen Wettkampf Leistungen zeigen, die weit über dem Durchschnitt liegen. Die nächsten Schwimm-Wettkämpfe finden am Mittwoch in der Polizei-Badeanstalt in Spandau . Schäferstraße, statt. Der Eintritt zu der Veranstaltung, die am Nachmittag be- ginnt, ist f r e i.
Ernähre dich modern! Aber erst müssen die Arbeiter wieder Geld haben. Kürzlich trat die Reichsarbeitsgemeinschaft zur Förderung der Volksernährung vor eine breitere Oeffentlichkeit. Diese Reichs- arbeitsgemeinschaft ist eine Spitzenorganisation von Verbänden und Vereinigungen, die an der Aufklärung über richtige Ernährung interessiert sind. Am Mittwoch beginnt in Verlin eine Tagung dieser Arbeitsgemeinschaft, auf der alle einschlägigen Themen behandelt werden. Zusammen mit der Tagung läuft cm Curopahaus eine ent- sprechende Ausstellung über die Grundfragen moderner Ernährung. Es Handell dabei aber nicht um eine einseitige Rohkostpropaganda, sondern jedem Nahrungsmittel steht es frei, für seine Güte zu werben. Scharf stehen sich die Fleisch- und die Pflanzenköstler gegen- über, wobei die Vegetarier sehr sinnfällig darstellen, wieviel mehr eingefangenen Sonnenschein der Mensch bei basenreicher Pflanzenkost zu sich nimmt Ohne daß man nun im einzelnen Stellung nimmt, bleibt der Vorzug dieser Reichsarbettsgemeinschaft, daß sie endlich die Fragen zweckmäßiger Ernährung vor einem größeren Publikum stellt. Denn bei allem Fortschritt unserer Technik sind die Mechoden der Essenzubereitung meistens besonders im Arbetterhaushalt, wo man Maschinen und neue Kochgeräte nicht anschaffen konnte, immer noch die gleichen geblieben wie zu Urgroßvaters Zeiten. In einem Vortrog wurde übrigens bemerkt, daß man heute nicht mehr nur die 6 Millionen Erwerbslosen einsetzen darf, sondern besser von 14 Millionen Erwerbsbeschränkten zu sprechen hat. Man wies also erfreulicherweise darauf hin, daß bei einer richtigen Er- nährung die taufenden Massen auch Geld im Portemonnaie haben müssen. Wieder zwei tödliche Verkehrsunfälle. Gestern ereigneten sich wieder zahlreiche schwere Verkehrsunfälle. Am Treptower Park wurde die 69 Jahre alte Perta Hein aus der Elsenstraße 51 von einem Auto überfahren. Dil» Verunglückte wurde
ins Urbantrantenhaus gebracht, wo die Aerzte bei der Einlieferung nur noch den Tod feststellen konnten.— An der Ecke Kurfürstendamm und Nestorstraße geriet der Opernsänger Dr. phil . Richard Banasch aus der Sybelstraße 40 in Charlottenburg unter die Räder eines Prioatautos. B. wurde ins Martin-Luther-Krankenhaus gebracht, wo er kurze Zell nach seiner Einlieferung starb.— An der Ecke Gormann- und Mulackstraße wurden zwei Pasianten von einer Autodroschke überfahren. Di« Verunglückten, der 57 Jahre alte Ge- schäftsmann Emil Enderlein aus Freienwalde a. d. Oder und der 51jährige Tischler Josef Normann aus der Prinzenstraße 46 fanden im Krankenhaus am Friedrichshain Aufnahme.
Oanziger Kaufmannsiragödie. Großvruckereibesiher geht mit Familie in den Tod. D a n z l g. 27. lluni. Gestern früh wurde der in Danzig wohlbekannte Sausmann Gerhard Dlx, der Besitzer der Großdruckerel Dix u. Co. in vanzig, zusammen mit seiner Irau und seinen beiden Kindern mit Gas vergiftet tot aufgefunden, wie aus einem hinter- lassenen Brief hervorgeht, hat Dix, der im Alter von 46 Jahren stand, im Einverständnis mit seiner 4ljährigen Ehefrau die Tat aus wirtschaftlicher Rot und wegen Krankheit in der Iamilie be- gangen. Die Sinder, ein Knabe von elf Jahren und ein achtjähriges Mädchen, tonnten ebenso wie die Ellern nicht mehr ins Leben zurückgerufen werden._ Kopenhagen — Berlin in zwei Stunde«. Wie die Lufthansa mittellt, ist die Junkers G 38, D 2500, am gestrigen Montag in den regelmäßigen Dienst auf der Strecke Berlin — Hannooer— Amsterdam — London eingesetzt worden, nachdem sie von einem Flug nach Kopenhagen zurückgekehrt ist, wo sie an einem Flugtag teilnahm. Bei dem Rückflug legte sie die Strecke Kopenhagen — Berlin in zwei Stunden zurück.
Oskar WöKrlc
Iau Hus. Der XvteitZay
Das Schottentor schmeißt ja ordentlich Licht aus. Hoffent- lich sieht mich keiner hier. Ah, du bist's, Totenfischer?! Eia, Glenk, wie hast du mein empfindliches Gemüt durch deine Nahuna erschreckt! Wohin willst du? An den Rhein ? Jetzt, zu dieser hundsheulenden Zeit? Treibt wohl irgendwo wieder ein Toter an? Was, du hast's im Gefühl, wenn es einen gegen die Pfähle schwemmt? Höre, wie lange bleibt ein rechtschaffen Ertrunkener unten im Tang? So, volle neun Tage? Das ist eine verdammt lange Zeit! Ich möchte nicht neun Tage im Rheinwasser schwimmen, nein, ich nicht, ich bestimmt nicht! Nein, wenn schon gestorben sein muß, lieber gleich auf der Stelle hin sein, kein langes Quälen und Sichwehren! So ein Herzschlag, verstehst du, Glenk, das wäre etwas Reelles! Fort, weg, mitten aus dem Betrieb raus! Wenn die andern noch tafelnd am Tisch sitzen, still die Türe aufmachen, ade, meine Herren, ich marschier jetzt in ein anderes Zimmer! Haha, hoffentlich ist's nicht so ver- wanzt und so verungeziefert wie mein altes! Sonst wäre ja der Umzug sozusagen zwecklos! Was, es gibt auch welche, die gar nicht untergehen, sondern die wie ein Kort die stillen Wasser beschwimmen? Was, du träumst jedesmal, wenn dich ein Toter an deine Arbeit ruft? He, so sage, was hast du heute geträumt? Hast du etwa mich davonschwimmen sehen? Hier, mein samtenes, rotenschwarzes Wams? Rein? Nicht? Dann hätt' ich also noch mal Schwein gehabt! Wa», sagst du, hat dein heutiger Traumtoter an? Ein gelbes Wams? Ob du dich diesmal nicht irrst, Totenfischer?-Wer trägt hier in Konstanz ein gelbes Wams, wenn's nicht ein Iuü ist, und ein Iud, Glenk, soviel mußt du wissen, bringt sich nicht selber um. Der säuft nicht freiwillig Rheinwasser. Ein Jude hat zuviel Mores vor Abrahams Schoß, die Well ist ihm sicherer. Ein gelbes Wams, du beharrst darauf? Nur eines gibt es in Konstanz , Glenk, und das gehört einem hell-
äugigen Milchgesicht bei den Böhmen , einem Jungen aus Prag , dem Herrn Kepka bedienstet. Aber der Junge schläft zur Zeit in der steinernen Arche im Knappenbett und wird wohl im Traum an einer Jungfer Brust schwimmen, aber nicht im Rhein , vorausgesetzt, daß ihn das Hundsgeheule nicht aufgeweckt hat. Bleib mir vom Leib mit den Träumen, Glenk! Träume sind Schäume! Falls du es noch nicht ge- wüßt haben solltest, so wirst du es heute an deinem Gelb- wämsigen sehen! Nein, ich komm nicht weiter mit, Toten- fischer, ich schwenke hier ab, zum Klaghaus hinüber. Ich Hab in dieser Gegend noch was Lebendiges zu fischen. Hahaha, nein, nicht wie du meinst; kein Vergnügen, nichts Unter- röckiges, hundertprozentiges Geschäft. Wie seiltänzerhaft der Kerl da auf dem Mondstreifen dahinschwebt! Er sieht mit seinem Vierecksschädel und dem gemaserten Gesicht selber aus wie ein Ertrunkener. Kein Wunder, daß fem Gestell alle Wasserleichen anzieht wie ein Magnet die Eisenfeilspäne. Ein Totenmagnet! Pfui Teufel, ich möchte nichts mit ihm zu tun haben! Ins Leben wollen wir, Zagg, nicht wahr, alter Bursche, ins Leben! Ins Leben! Pst! Herr! Ritter! Ja, er ist's; er trägt die lederne Binde. Jawohl, gut Freund, Ritter! Jawohl, mich schickt der Notar. Wo mein Mann ist? Der Hus? Vorm Turm Sankt Paul steht er und schreit: .Leronym! Ieronym!" Nein, ich bin kein Schurke! Die heilige Jungfrau kann es bezeugen, Ritter! Ich Hab ihn aus der Zelle geholt; ich habe alles gehalten, was ich dem Notar versprach. Es war nicht leicht. Ich Hab ihn blind und taub reden müssen, bis er überhaupt mitkam. Aber diese verdammten Hunde, die seit einer Stunde heulen, müssen ihn glattwegs verrückt gemacht haben. Was? Nicht einmal, zehnmal Hab ich ihm gesagt, daß man hier beim Klaghaus auf ihn wartet. Nein, er ließ sich nicht abbringen, er mußte unter allen Umständen erst zum Turme Sankt Paul. Nein, wie komm ich dazu? Soll ich mir seinetwegen die Scharwache auf den Hals laden? Nein. Ritter, so weit geht meine Menschenfreundlichkeit doch nicht. Schließlich hat man noch was zu verlieren. Herr. Man hat Frau und Kinder, denen man sich erhalten muß. Komm, Ritter, ich habe dem Turmbrüller gesagt, ich würde dich holen! Sicher steht er noch da. Was du mit ihm machst, ist deine Sache. Mein Auftrag war. ihn heil bei den Barfüßern raus- bringen. Das Hab ich getan. Du bist so still, Ritter?! Du zweifelst wohl? Ich schwöre dir, daß ich nicht lüge! Hus
ist frei! Hier, siehe, diese Hand hier hat seine Kette aufge- schlössen! Diese Hand hier, diese Versammlung von fünf Fingern, hat ihn aus seinem Kerker hinausgeführt! Gehe zum Turme Sankt Paul! Nein, nein, ich locke dich m keine Falle, weder dich, noch einen der andern Böhmen ! Nein. nein, dreimal nein, ich habe an keinem von euch als ein Judas gehandeft! Nein! Nein! Nein! Mann, Ritter, stier mich nicht so an! Laß deine Wehr stecken! Ich schwöre dir auf den Knien, ich sage die Wahrheit, die reine Wahrheit: Hus ist frei! Nein, großer Gott, Ritter, du kannst nicht so grausam sein! Was Hab ich dir getan, daß du mein Hand- gelenk brichst?! Tu das Messer weg! Tu es weg, sag ich, oder ich schreie um Hilfe! Ich schreie Mordio, daß die Welt einbricht! Mordio! Weg! Weg! Nicht! Nicht! Nicht!..." 17. Noch immer beheulen die Hunde des Henkers Weg. Es ist inzwischen im nächtlichen Konstanz tagtoller Lärm und Tumult geworden, nicht anders, als ob ein feindlicher Heerhaufen mitwegs der Rheinbrllcke stünde. Trotz dem strengen Verbot des Rats, zu nachtschlafender Zeit auf die Gassen zu laufen, verlassen die Bürge? die Häuser. Jeder möchte wissen, was los ist. Mit Laternen, vorn an die Spitzen langer Stecken gehängt, leuchten die Verwegensten des Nachtvolkes die dunklen Hofecken, Keller- hälfe und Ehgräben ab. Doch ohne Erfolg; die Ursache des Aufruhrs der Hunde läßt sich nirgends entdecken. Amman Weikli sitzt bereits im Breiten Haus am Henker- steg mit seinen drei Gesellen beim Nachtmahl, um sich für die Anstrengungen des kommenden Tages zu stärken. Seine Wut hat sich gelegt, fest er den ersten Becher Rannfaller runierschüttete. Wo Wein sich setzt, da steigen die Gedanken. Iegt ist der Graubünder sogar imstande, sich über das teuf- lische Geheule draußen zu freuen. Eine solche Begrüßung wie durch diese Höllenorgel ist noch nie einem Menschen zuteil geworden! Noch einer freut sich an dunkler Stelle über das Hunde- aeheul: Freiherr Jürgen vom End, der mit einem seiner Knechte dabei ist. die Konstanzer Pfandkammer aufzu- sprengen So ein Brecheisen macht Lärm, wenn es eine eisenbeschlagene Tür aus dem Schloß wuchtet. Aber dieser Diebslärm geht unter in dem der Hunde. (Fortsetzung folgt.)