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Der Kampf um die Wurst

Das Bekenntnis eines Genossen/ Von Max Barthel

Hans Weidner, einer der Wandelſterne der sozialen Revolution ,, erzählte von seiner Kindheit. Wir hatten uns vor dem Krieg in Zürich und nach dem Krieg in Moskau befreundet. Zwischen der fühlen Gerechtigkeit der Stadt Zürich und der fanatischen Be­harrlichkeit der Stadt Mostau ging der Pendelschlag seines Lebens. Was gab seinem Leben den großen Anstoß zu dem weitausholenden Bendelschlage? Was stieß ihn nach der linken Seite der Arbeiter Plasse?

Die frühen Jahre hatte er ausschließlich mit bürgerlichen Menschen verbracht. Sein Vater war der Mitbegründer des ersten politischen Arbeitervereins in Zürich gewesen, aber er hielt die Kinder selbst von der Politik fern. Der Knabe, ein empfindsamer Junge, hatte jahrelang nur mit Büchern, Zeitungen und ihren Ge­* stalten gelebt. Und nun kam die große Frage seiner Berufswahl, die auch seine Umgebung ernst bewegte.

Er hatte sich schon lange entschieden.

Zuerst wollte er Arbeitersekretär werden, dann aber überwäl­tigte ihn der Gedanke, Arbeiter zu sein, Arbeiter unter den Ge­nossen und Kameraden, ein Gleicher unter den Gleichen. Die Mutter aber träumte von einem unerhörten Aufstieg in die Gipfel­welt der herrschenden Klasse und erklärte, der Mensch müsse daran denken, für das Leben zu lernen und sich für den Kampf ums Dasein zu rüsten. Und das Arsenal in diesem Kampfe sei das Gymnasium, der Sieg in diesem Kampfe aber der Ruhm und das gesicherte Dasein.

Weidner lächelte in der Erinnerung an jene Auseinander­segungen mit der Mutter und sagte:

Die Seele, die bekanntlich keine Begriffe fennt, hat vom praf­tischen Leben erst recht keinen. Für sie war das Problem der wirt. schaftlichen Erhaltung nur der willkommene Anlaß, endlich mal den bisher nur geträumten Sozialismus zu erleben und für ihn zu fämpfen.

Wie aber sah die sozialistische Selbsterhaltung mitten in der feindlichen Umwelt aus? Nun, ganz einfach: Kampf ums Dasein! Dafür war man ja Darwinist. Und ich empfand unter Kampf ums Dasein ohne weiteres den Kampf ums Dasein der Gesellschaft, natürlich der sozialistischen Gesellschaft!

,, Wenn du dir am Abend eines jeden Tages sagen kannst, daß du an diesem Tage alles getan hast, die Revolution anzufeuern oder wenigstens den Kapitalismus zu stören und zu schwächen, dann hast du deine Pflicht erfüllt", sagte ich mir. Und weiter for= mulierte ich:

,, Aus dieser erfüllten Pflicht, mein Lieber, ergibt sich ohne weiteres das selbstverständliche Recht auf Leben. Dein Kampf für den Sozialismus gibt dir das heiligste soziale Eigentumsrecht auf eine Wurst mit Brot und ein Zimmer für die Nacht. Jeder, der dir diese wohlverdiente Wurst verweigert, ist ein Dieb, dem du klar machen sollst, daß schon die Bibel das Stehlen verbietet."

Das war alles ganz gut und schön, und an Würsten fehlte es in Zürich auch nicht. Sie hingen in langen Ketten an allen Fleischer läden, brieten gegen zwölf Uhr mittags auf zehntausend Brat­pfannen, winften in allen Größen und Qualitäten aus jedem Restaurant.

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Mir blieb also nur die Qual der Wahl unter soviel Ueberfluß. Eine dieser Würste war mein unbestrittenes Privateigentum denn für Konsummittel blieb ja das Privateigentum unangetastet, aber welche von den hunderttausend Würsten gehörte mir? Das war das große Problem, denn jede der Würste hatte natürlich schon einen Eigentümer, der sein Recht am Eigentum herleitete von den Gesetzen der kapitalistischen Verteilung, die ich ja bekämpfen wollte.

Einer dieser Wursteigentümer war also ein Dieb, der mir meine Wurst widerrechtlich vorenthält. Das war doch sonnenklar. Aber wer war es nun? Die Antwort meiner Seele war schön und rührend in ihrer Einfalt:

,, Jeder, der zwei oder mehr Würste sein eigen nennt!" Oder, vom Einzelfall der Mittagswurst zum Generalfall der Lebens­erhaltung überzugehen: Jeder, der mehr hat als ich, ist mein Schuldner!"

Und solche Leute gab es doch massenhaft! Meine Bedürfnisse maren gering und lagen unter dem sozialen Durchschnitt. Es blieb noch die Möglichkeit, was sage ich, die große Wahr scheinlichkeit blieb bestehen, daß der Herr Burſteigentümer mein Eigentumsrecht an seiner zweiten Wurst nicht anerkannte. Mun, dann war er eben in einem Rechtsirrtum befangen, den ich vor dem Tribunal unserer Vernunft rasch und sicher aufklären würde. Mein Beweismaterial war ja erdrückend!

Sollte er aber, trotz seiner Unfähigkeit zu jedem Gegenbeweis, das Urteil nicht anerkennen, dann war er ein abgestempelter Dieb, und mir blieben alle Mittel der Gewalt, der List und der Ueber­raschung, um zu der Wurst zu kommen, die von Rechtes wegen die meinige war.

Und diesem Endkampf um die Wurst mit allen Mitteln sah die Seele mit größter Spannung entgegen.

Vielleicht ging ich in dem Kampfe unter? Das schredte mich nicht. Es war doch entschieden besser und schöner, in diesem Kampfe als Opfer zu fallen, viel besser war es, dafür zu sterben, als an der Tuberkulose, am Krebs, an der Verkalkung oder an einer anderen der üblichen Todesarten. Sterben muß man doch zuletzt immer, so bedauerlich das auch ist.

Auf jeden Fall aber, so sagte ich mir, wäre es eine unverzeih­liche Feigheit, wenn ich aus Furcht vor Gefahr und Untergang mich abhalten ließ, nicht alle Kräfte einzusehen. Dazu war ich ja verpflichtet! Wenn ich nicht meine Pflicht tat, wie fonnte ich es von den anderen verlangen?

Das alles, so hirnverbrannt es, in die Begriffe des Verstandes übersetzt, aussieht, das alles war mir damals bei der Frage der Berufswahl seelensonnenklare Selbstverständlichkeit. Dagegen konnte man einfach nichts einwenden als ein paar flägliche Stammeleien der sogenannten praktischen Lebensflugheit, die alle beim näheren Zusehen immer das als Voraussetzung enthielten, was sie hätten beweisen sollen.

Was tat es dann zur Sache, wenn eine Bande gemeiner Diebe mir den ehrlich verdienten Lohn vorenthielt? Da bin ich doch nicht schuld! Wenn der von Räubern ausgeplünderte Wanderer betteln gehen muß oder verhungert, wer wird ihm daraus einen Vorwurf machen?

Er brauchte sich nicht in Gefahr zu begeben, ist das einzige, mas man ihm sagen konnte. Aber: wenn er den gefährlichen Weg in Ausübung eines Berufs gehen mußte?

Aber nun kam der Verstand und warf erst leichte Nebel und dann immer dichtere Wolkenschwaden in den blauen Lebenshimmel. Der Verstand hatte neben der Seele noch einen zweiten Herrn be­kommen, den er dienen sollte und der ihm stets gebieterisch seine Wünsche und Launen mitteilte.

Dieser zweite Herr war der Trieb, der persönliche Selbſterhal tungstrieb. Aber er eriſtierte für mich ja noch nicht und konnte also auch nicht ins Hirn eindringen und den Verstand für sich in Marsch sehen. Das, mas der Verstand als seinen zweiten Herrn

empfand, war in Wirklichkeit der auf mich bedachte Selbsterhaltungs­trieb meiner Angehörigen und Freunde.

Sie machten sich Kopfschmerzen, wie ich denn einst leben fönne. Und vor ihnen mußte ich eine Rechtfertigung haben, wenn sie mich fragten oder auch nicht fragten, was noch drückender war. Konnte ich ihnen von meinen Seelenwünschen sprechen? Das wäre ja Wahnsinn gewesen oder höchstens gut genug, daraus eine soziale Ballade zu machen.

Welcher Schmerz für die Mutter, wenn ich ihr in harten, klirrenden und schneidend scharfen Verstandesbegriffen hätte sagen follen, auf welche phantastische Art meine Seele den Kampf ums Dasein auslegte! Gibt es ein tieferes Leid für eine Mutter als die Gewißheit, daß ihr Lieblingskind entweder den Verstand verloren oder geradenwegs in die Laufbahn des Gelegenheitsarbeiters, Va­ganten, Bettlers oder Verbrechers hineinsteuert?

Nein, das fonnte ich der Mutter nicht antun, und so ging ich manchmal auf ihre Vorschläge scheinbar ein und besprach mit ihr die Vorteile und Nachteile dieses oder jenes bürgerlichen Berufes, ganz

als ob...

Mein Selbsterhaltungstrieb regte sich zum erstenmal an einem Apriltag abends um sechs Uhr in Neuenburg. Ich war damals zwanzig Jahre alt und hatte den ganzen Tag nichts gegessen, weil ich keinen Rappen Geld mehr besaß. Riesenstart erwachte der Trieb und verlangte, ich solle entweder in einem Geschäft einbrechen oder, noch besser, in ein Restaurant gehen und nach dem Essen dem Wirt

erklären:

Ich hatte Hunger, aber fein Geld!"

Mochte dann der Verstand mit dem Wirt die Aussprache fort­fezzen, er, der Trieb, war befriedigt und kümmerte sich nicht mehr um die Angelegenheit. Er war eben wie jeder Trieb an sich: ohne Gedächtnis und nur dem Augenblid lebend. Nur wenn er Hunger fühlte oder vergeblich ein Nachtlager suchte oder in zerrissenen fühlte oder vergeblich ein Nachtlager fuchte oder in zerriffenen Schuhen an den nassen Füßen fror, nur dann machte er sich auf und schlug alles kurz und klein.

Die Seele lebte nach eigenen Gesetzen und begriff nicht, wie man über Sein und Nichtsein" welterschütternd monologifieren fonnte. Sie fand Hamlet vielmehr zwerchfellerschütternd:

,, Gott , fommt der Mensch sich wichtig vor! Als ob ,, Sein oder Nichtsein überhaupt eine Frage wäre! Da fönnte sich ja jeder Ochse noch einmal auf die Hinterbeine stellen und das tief­erschütternde Universum daran erinnern, daß ,, Sein oder Nichtfein" ( nicht des Universums, sondern nur des Ochsen!) hier in Frage fäme."

Der Verstand fand es ganz in Ordnung, wenn der Selbst. erhaltungstrieb sich aufbäumte, wenn er hungerte, fror oder kein Bett fand. Er beglückwünschte ihn zu der Revolte, sehr im Gegen fag zum Geschlechtstrieb, dessen Zuckungen ihn tief erschreckten.

,, Nimm, was du brauchst", sagte der Verstand ,,, aber du mußt es wirklich notwendiger brauchen als der, dem du es' wegnimmst. Und nimm es keine Minute früher als du es brauchst."

Diese Gespäche aber zwischen Verstand und Trieb wurden natürlich noch nicht geführt, als ich das Elternhaus bewohnte. Der Selbsterhaltungstrieb hatte sozusagen noch nie einen Laut von sich gegeben. Der Konflikt damals war ein Konflikt zwischen Gebieten, die benachbart in der Seele lagen: dem Gesellschaftsinteresse einer seits und dem unabweisbaren Einzelmitleid mit den Angehörigen, die meinetwegen schlecht schliefen.

So war es: ich redete meinen Selbsterhaltungsplänen etwa fo zu wie der Arzt, der einem aufgegebenen Kranken um so energischer die Heilung verspricht, je unmöglicher sie wird.

Vielleicht spreche ich zuviel von der Seele?

Ich bin Politiker, und das ist letzten Endes Arbeit an einer Seele durch eine andere. Wer im Kommunistischen Manifest zum Beispiel die Worte nur als Verstandesbegriffe auffaßt, könnte den Beweis versuchen, daß Karl Marg den Klassenkämpfen vollkommen objektiv, unbeteiligt gegenüberstand: ein fluger Berstand, der aus rechnet, daß im Kriege zwischen Honduras und Guatemala die Leute von Honduras geschlagen werden, und der deshalb den Kauf von Staatspapieren von Guatemala als vorteilhaft empfiehlt.

Der Stil ist der Ausdruck einer Seele und wirkt seelenhaft. Die algebraischen Formeln haben keinen Stil. Aus dem Manifest spricht eine gigantische Seele zur Seele eines anderen Giganten.

Jawohl, die Seele ist ein Faktor der Politif.

Berstandesbegriffe passen für ihre Tatsachen wie geliehene Papiere für den politischen Flüchtling: wenn man das Signalement prüft, wird er verhaftet. Prüft man es nicht, muß der Unglückliche dennoch die Schulden bezahlen, die seinem Baß irgendwo an getreidet sind.

Siehst du, das alles, das Materielle, das Geistige und das Seelische, das alles muß zusammenschmelzen und ist die Grundlage des Sieges für den Kampf um die Wurst!

Treue bei Tieren

Das Seelenproblem im Tierreich/ Von Dr. Ernst Bergmann

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Ist das Tier treu? Man fönnte mit der Gegenfrage fommen: Ist denn der Mensch treu? In dieser Zeit, in der wir den Begriff der Treue im öffentlichen wie im privaten Leben so sehr wanten sehen, wendet man sich unwillkürlich dem Tier zu und sucht hier gleichsam nach den Ursprüngen unserer besten Gefühle. Dazu aber gehört nun einmal in allererster Linie die Treue. Was Liebe ist, läßt sich sehr schwer sagen, sie ist ein so allgemeiner Begriff, gleich­zeitig auch wieder so speziell- man denke an die erotische Liebe daß sich gerade für das Tier bedeutende Schwierigkeiten bei dem Versuch einer Definition dieses Gefühls ergeben. Aber das ist jedenfalls sicher: Wo es Treue gibt, echte Treue, da muß auch Liebe vorhanden sein. Denn was es sonst noch an Treue beim Menschen gibt, ist Prinzipientreue, also das Festhalten an einer Idee, einem Prinzip, weil ich es nun einmal gefaßt habe, auch wenn ich vielleicht meine Ansicht inzwischen längst verändert habe; ich glaube es mir selbst schuldig zu sein, an dem einmal veralteten Prinzip festzuhalten und würde mich sonst nicht mehr achten fönnen usw. Vielleicht ist solche Treue im Grunde ziemlich töricht. Sicher ist jedenfalls, daß das Tier sie nicht kennen kann. Bei ihm kann es nur Treue geben, wo es so etwas wie Liebe gibt. Gibt es das beim Tier?

Die Frage ist keineswegs so leicht zu beantworten. Sie hängt davon ab, ob man im Tier ein Wesen sieht, das ähnlich wie der Mensch denken und fühlen kann, wenn auch in noch so ver ringertem Grade, oder aber ob man es als eine Art Automat ansieht, der rein mechanistisch auf die Reize der Außenwelt reagiert. Die Wissenschaft hat lange genug diese lettere Auffassung vertreten. Allmählich aber bricht sich doch mehr und mehr die Auffassung Bahn, daß man wirkliche Tierpsychologie ohne Annahme einer Art Seele treiben kann, das heißt also, daß man dem Tier echte seelische Phänomene, wie Denken und Fühlen, zubilligen muß. Aber es wäre nun ein Fehler, wieder in die vorwissenschaftliche Porpular­meinung zurückzufallen, und alles was das Tier tut, nach Analogie der menschlichen Psyche erklären zu wollen. Diesen Fehler hat zum Beispiel auch der berühmte Alfred Brehm allzuoft begangen, was den Wert seiner sonst hervorragenden und noch heute zuver­lässigen Beobachtungen beeinträchtigt. Ein typisches Beispiel solcher Uebertreibung ins Anthropomorphe, das heißt ins Allzumenschliche, stellen etwa auch die bekannten Erzählungen des Försters von seinem flugen Hund dar, und jene Jagdgeschichten, wie sie der Sonntagsjäger berichtet.

Eins ist klar: Wir müssen natürlich alles, was am Tier Dressur ist, von vornherein bei unserer Betrachtung ausschalten. Wenn ich einen Hund mit einem Leckerbissen belohne, weil er Gegenstände, die ins Wasser geworfen werden, brav apportiert hat, so erziehe ich das Tier gewissermaßen zum Egoisten. Rettet der Hund nun etwa einmal ein Kind aus dem Wasser, so ist es ganz flar, daß hier von Treue, Mitleid, Opferbereitschaft oder dergleichen gar keine Rede sein kann. Sowie das Tier weiß, daß der Effekt seines Handelns etwas Angenehmes ist, fann von echtem Gefühl nicht mehr gesprochen werden. Das scheint ſelbſtver­ständlich, aber im Leben finden sich immer wieder Verwechslungen dieser Art. So kannte ich einen Hund, einen kleinen Rehpinscher, der scheinbar mit rührender Liebe an seinem Herrn hing, ihn begleitete und nach Möglichkeit nicht von seinem Schoß wich. Scheinbar also rührende Treue und Anhänglichkeit. In Wahrheit feine Spur davon: Das Tier war einfach von seinem Herrn maßlos verwöhnt worden. Wenn Herrchen, bekam der Hund seine gute Hälfte davon. Bekam er sie aber einmal nicht, so fläffte er seinen Herrn wütend an und schnappte sogar nach ihm. Das ist schon ein außerordentlicher Grad von Egoismus und Treulosigkeit, aber frei lich hatte der Herr sein Tier durch die unglaubliche Verwöhnung förmlich dazu erzogen.

Natürlich ist auch der Artcharakter bei Beurteilung von Charaktereigenschaften wesentlich. Es ist bekannt, daß Hund und Kaze verschiedenen Charakter haben. Die Katzenarten haben ihren Lebensgewohnheiten entsprechend eine andere Psyche als die Hunde­arten. Aber auch in den Grenzen der Art sind die verschiedenen Unterarten verschieden zu beurteilen. Das Wesen der Bulldogge ist ein anderes als das des Windhundes oder des Pudels. Aber nicht nur das: Jedes Individuum zeigt wieder, wie schon der Tier

freund weiß, eine ganz bestimmten Charakter. Von den sechs Jungen einer Hündin zeigt sich schon in der ersten Zeit des Lebens bei jedem der Kleinen ein besonderes Wesen, besondere Gewohn heiten, eben ein bestimmter Charakter. Zwischen Hund und Hund ist ein großer Unterschied. Im Rundfunt berichtete fürzlich ein bekannter Tierfenner über zwei Hunde derselben Rasse aus dem gleichen Wurf, die er besaß. Beide wurden mit der gleichen Sorg falt gepflegt. Bei dem einen war es unmöglich, ihn auch nur einen Tag zu Bekannten zu geben, wenn der Herr einmal verreiste. Das Tier war nur mit Gewalt von seinem Befizer zu trennen und suchte so bald wie möglich von den Fremden, die ihn natürlich glänzend behandelten, wegzulaufen. Er war dort taum zu bewegen, irgend welches Futter anzunehmen. Hier kann von echter Liebe und darauf beruhender echter Treue gesprochen werden. Keine anderen Gründe als solche echten Gefühle können ins Treffen geführt werden. Denn die Behandlung bei den Fremden, die dem Hund zudem meist teine Unbekannten waren, war so gut wie zu Hause beim Herrn. Aber das echte Gefühl für den, den das Tier tannte und mit ihm zu leben gewohnt war, blieb bei noch so guter Behandlung unbefriedigt.

Und nun der andere Hund, der stets die gleiche gute Behandlung vom Beginn seines Lebens an erfahren hatte. Eines Tages sah sich der Herr genötigt, das Tier zu verkaufen. Mit Schrecken sah er dem Augenblic entgegen, wo der Hund abgeholt werden sollte. Er war entschlossen, in ein anderes Zimmer zu gehen, um seinem Liebling nicht nachzublicken, wenn er von dem neuen Herrn fortgeführt würde. Aber es tam ganz anders. Der Hund, der immer ein Aller. weltsfreund gewesen war, der sich über jeden Besuch gleicher­maßen gefreut hatte, ging sofort vergnügt mit, als man ihm bedeutete, er solle einen Spaziergang mit dem Fremden machen. Keine Spur von Angst oder Trauer. Und das nicht nur, weil man ihn etwa zu einem Spaziergang überredet hatte. Auch im Hause des neuen Besizers war er von Anfang an vergnügt und munter und zeigte keinerlei Sehnsucht nach seinem früheren Herrn. Besuchte ihn dieser einmal, so zeigte er sich so erfreut wie mit jedem anderen Besuch auch. Das war also der Bruder von dem, der vorher genannt wurde. Der Charakter entscheidet beim Menschen wie beim Tier.

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Endlich noch ein Beispiel zur Treue zwischen Tier und Tier. Häufige Beobachtungen haben gezeigt, daß es Liebe und Treue auch zwischen Tieren gibt, wiederum aber auch, daß man solches Verhalten keineswegs verallgemeinern darf. Zwischen den Ehepartnern ist im Tierreich freilich nur bei den höheren Tieren, bei denen allein es überhaupt echte Gefühle gibt eheliche Treue häufig beobachtet worden, dann auch freilich wieder vollkommene Untreue. Auch hier sind Artcharakter, aber auch persönlicher Charakter maßgebend. Auch Freundschaft und Treue zwischen Tieren verschiedener Art, die sich aneinander gewöhnt haben, ist vielfach bekannt. Wie weit Treue zwischen Tieren gehen fann, zeigt ein Beispiel, das der bekannte Tierkenner und Gartendirektor Dr. Knottnerus mener erzählt. Eines Tages war von einem Elefantenpaar er" trant und sie" allein imstande, ihr Heu zu fressen. Er durfte keins bekommen, um eine Reizung einer bösen Bunde zu verhindern. Da brachte eines Abends ,, Greti" furz ent­Schloffen ihrem Toto" einen guten Rüssel voll Heu und legte es por ihm hin. Der Beobachter erklärt selbst, daß er diesen einmaligen Fall kaum einem anderen glauben würde, wenn er ihn nicht mit eigenen Augen gesehen hätte.

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So vorsichtig man also bei der Beurteilung tierischer Hand­lungen sein muß, und um so mehr, je höher die seelischen Leistungen sind, die das Tier scheinbar aufweist, so kann doch nach allem kein 3weifel sein, daß das Tier echtes Gefühl tennt, also auch eins der höchsten, die echte Treue. Schaltet man bei wissenschaft­licher Beobachtung alle Fehlerquellen sorgfältig aus, so bleibt doch ein erfreulicher Rest übrig, der das Vorhandensein von echter Treue in der Tierpsyche unzweifelhaft erweist. Und von diesem Rest wäre es ein Fehler und durchaus unwissenschaftlich, wollte man ver­suchen, ihn durch künstliche Hypothesen wegzudiskutieren, nur um etwa die Theorie vom Tier als Automaten aufrechtzuerhalten. Es war nur die Seelenlosigkeit der Menschen einer bestimmten Zeit, die im Tier die Seele, das Menschenartige übersehen konnte.