Merten, örohten vor sich hin:„Wir wollen Frauen— wir wollen das Mädchen... wir wollen Frauen— warum ist die Mauer—?" Der Stolze beschwor sie, der Stolze schmeichelte ihnen, er ver- lachte sie. Da drängten sie ihre siechen Leiber gegen ihn und starrten ihn mit ihren kranken, zerfressenen Augen wie Rasende an. Der Stolze flehte, der Stolze drohte, und seine Zunge wurde ihm schmerz- Haft trocken, denn alle Glut der Sonne schien sich unheilvoll über die Quarantäne von Manila zu sammeln und aufzuspeichern. Aber der Stolze trat von neuem vor das Haupttor, gegen das die Männer wie zum Ansturm standen, und redete zu ihnen wie zu Kindern und wie man ein Tier beruhigt. Sie müßten alles vergessen, was draußen wäre— müßten daran denken, wie Frauen sich vor ihnen entsetzen würden. Aber das Murren wuchs nur an. Di« Wärter und die Pfleger, alle, die sich für die Leprakranken opferten, hörten es in der Müdigkeit des schwülen Mittags nicht, daß dieser Jammer nicht die gewohnte Klage unsäglich Leidender war. Den Stolzen schauderte es, weil er begriff, daß die Männer um ihn nicht mehr an dem Ungewöhnlichen, Abseitigen des Fluches litten, der über sie geworfen war, sondern daß sie auffchrien unter der Verzweiflung, daß ihre Körper, ein Spott aller Verwesung, in gesunden und natürlichen Trieben weiterleben mußten. Da gab er ihnen Versprechungen, da riet er ihnen. Er werde es den Pfle> gern zurufen und die sollten es weiterschreiben an die Konsuln und Gouverneure, an die Minister, Aerzte und Rechtslehrer, sie müßten den Aussätzigen die Ehe freigeben, die unfruchtbare Ehe, ein grauen» volle», armseliges, totes, ein unendlich großes Gllick der Liebe zwischen Verwesenden. Wie sollte er die Entfesselten und Verzweifelten zu Ueberlsgung, zu Geduld bringen? Sie vermuteten in ihm nur noch den Feind, der sie verraten könnte. Als der Stolze in einem Winkel geknebelt lag, ging von seinen früheren Worten etwas wie Beruhigung auf die Leprosen über. Das hatte ihnen eingeleuchtet, daß es für sie nur die tranken Frauen aus der Weiberguarantäne gab. Viele wurden darüber stumpf und dachten in dem Ekel vor sich selbst nicht mehr an den Ausbruch, an Gewalt und an Raub. Viele aber sehnten sich nur danach, bewahrte und gesunde Menschen, schöne und junge, zu umarmen und zu küssen mit dem entsetzlichsten Judaskuß entmenschter Rache. In den anderen kam eine Art von Ueberlegung auf, daß sie die Unruhigsten unter sich hinderten, im Augenblick loszubrechen. Die Ueberlegung kam ihnen von einer Wolke her. Ueber der Mauer der Quarantäne, dort wo das Meer liegen mußte, zirkelte sich eine Wolkenwand seltsam scharf und weiß ab. Es war den Männern offenbar, daß sie auf die Insel, daß sie auf Manila zukam. Die Wolke wurde den Aussätzigen wie eine Fahne, wurde wie eine Uhr, nach der man sich richtet, wie«in Wegweiser, der«inen leitet. Manche unter ihnen wußten es jetzt wie in einer plötzlichen List und flüsterten es weiter wie eine gefährliche und beglückende, heimliche Weisheit, daß die Stadt Manila , die fern von den Lsprakranken arbeitete, liebte, handelte, sich bereicherte und er- träzliche Leiden litt, wie sie auch über alle blühenden Menschen kommen— daß die Stadt Manila jetzt nur auf diese Wolke achten würde. Fetzen rissen sich los und flatterten mit der Eile des wachsen- den Windes voran. Die Menschen von Manila stauten sich am Ufer. Die Wolke, hoch am Nachmittagshimmel stehend, lastete mit schwerem Druck auf ihnen; sie benahm ihnen den Atem und warf schwüle Dämmerung über ihnen aus. Dann brach es los in tosenden Windstößen, breiten, schrägen Regenstrahlen, sich steigernder Hitze und zuckenden Blitzen. Die Menschen, vom Ufer hinweggeflüchtet, hockten zusammen. Die Aussätzigen hatten die ermatteten Wächter überwältigt und die Tore gesprengt, ohne daß der Aufruhr und das Getöse des heißen Sturmes«inen Laut davon aufgenommen hätten. Aber unter den Leprosen selbst entspann sich ein wilder Kampf. Einer, sieben, alle wußten es, alle wußten es ganz genau, daß zu wenig Frauen für sie da waren und daß sie Feinde waren, einer dem anderen. Die jungen Aussätzigen rotteten sich zusammen, schlugen die alten in Winkel, Türen, Gänge zurück und rissen sich aus gespensti- schen Verschlingungen der Ueberwältigten los. Sie behingen sich mit abgerissenen Blumen und Blätterwerk, mit roten Hibiskusblüten und steckten steife, weiße Frangipanen ms blutverklebte Haar. Sie sanken ins Dunkel der vorzeitigen Finsternis ein— sich schiebend,
durcheinanderspringend. Ihre Bewegungen schienen Tier« nachzu- ahmen. Die schrillen Stimmen psalmodierten. Aneinandergeschlagene Aeste skandierten den Gesang:„Wir wollen Frauen, wir wollen Frauen." Die hatten es vernommen, bereiteten sich vor, schwerfällig und voll Hast. Die Frauen fielen ihnen entgegen wie schwer und sterbend. Die Angst, das Wissen, eine unerträgliche Betäubung durch das Unwetter, eine maßlose Spannung und Erwartung hatte die Frauen sich in den Pfeilernischen zusammendrängen lassen, seit der Aufruhr in der Männerquarantäne durch die Mauern vernehmbar wurde. Viele Frauen waren halbnackt und hatten ihre Wunden auch mit den Blumen und Blättern ihrer Krankengärten bchangen. Sie bogen sich in die Knie, sie sanken unter die Männer— ein unlösbares Gemenge wälzte sich dem Walde zu, wie siegestrunken und' schamlos flüchtend in einem. Di« zurückgestoßenen Greisinnen fielen in sich zusammen. Mächtige Bäume des Waldes waren vom Unwetter aus den
Wurzeln gedreht. Die warme sumpfige Erde war von gierigem Regen so durchweicht, daß die Aussätzigen bis zum Knie in ihr ver- sanken. Aber mit jedem Schritt, den sie sich vorwärts quälten, ge- mannen sie festeren Boden, bis sie so hoch gestiegen waren, daß das Wasser herabströmte, ohne die Erde in der stürzenden Eil« noch zer- wühlen und auflösen zu können. Zerstreute Wolkenlappen jagten weit droben, aber der Himmel wurde licht. Die Sonne, nah am Versinken, trat noch einmal hervor. Wie anmutige und hoheitsoolle Zeichen der Schönheit und des Sieges standen Palmen schwarz vor dem gelben Sonnenuntergang. Die befruchtete Erde dampste in warmem Nebel dem Südseeabend entgegen. In erstem Mondlicht atmete ruhig das Meer. Falter und Insekten schwebten zwischen Wald und Küste, die Liebesfunken der Leuchtkäfer glitzerten sprühend durch die Dunkelheit. Blaue, rote und topasfarbene Bänder von Scharen und Schwärmsn der Abendschmetterlinge durchleuchteten die Nacht wie Ströme von Stille und Glanz.
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Wenn ein Schriftsteller arbeitet, will er nicht gestört sein. Jeden Besuch, auch den liebsten, verbittet er sich— den liebsten am drin» gendsten gar! Sie kam aber dennoch, kam im braunweiß gewürfelten Pull» over. Eine Käferin, von so süßen, ausgeglichenen Maßen, daß der Schriftsteller, von ihrer Grazie gleichsam geknebelt, nicht die ge- ringste Bewegung oersuchen noch eine Ansprache halten konnte, um sie auf seinen heroischen Willen zur Einsamkeit aufmerksam zu machen. Er konnte an Gegenwehr, geschweige an Angriff nicht ein- mal denken. So war diese Kleine. Sie war unter der Zeitschrist hervorgekommen, die gerade neben dem Manuskript des Schrift- stellers lag, und der Schriftsteller hielt sie im Anfang für eine Laus. Aber das war nur Verfolgungswahn— eine Laus, jeder weiß das, kommt niemals in braunweißem Pullover, sie sucht auch ge- meinhin unter und auf einer Zeitschrift nichts. Die kleine Käferin lief von unten über die Seite quer hoch, und der Schriftsteller kon- statierte lächelnd mit jeder Zeile, um welche sie, wie auf einer Terrasse, höher gelangte, welche Hindernisie die Käferin mühelos, ohne jeglichen Anlauf, im Krabbeln nahm! Sie lief zunächst durch die„nationale Bewegung", dann durch„ganz Frankreich ", darauf mitten durch„einen Ausnahmezustand", sodann durch„eine Zwei- drittelmajorität"— all das, ohne sich im geringsten zu fürchten; sie lief(der Schriftsteller sah es mit Schaudern) mitten durch„ver- schieden« Landtagsabgeordnete" hindurch, durch„den Neubau des Staates" und durch viele mehr oder minder gefährliche Dinge. Sie trabte eilig über den„Klafsenhaß" hinweg, überwand ohne sichtlich« Mühe„die Alpen ", umging dann aber austalligerweise„die Re- formbewegung gewisser Kreise", stutzte kurz vor„den Rechts- Parteien", um einen Bogen um sie zu vollführen, kroch dann aber mit alter Sicherheit quer durch„die unerhörtesten Zustände", lief einen Augenblick später durch„die Riviera", darauf über„Palmen" und dann über einen Stadtverordneten. Sie wäre wohl bald auf der obersten Stufe ihrer Terrasse gewesen. Aber da mußte ihr persönliches Schicksal es wollen, daß sie wieder in einer Kurve— „nur die angestrengteste Arbeit" umging. In diesem Augenblick er- wachte der Schriftsteller aus seiner verzückten Bettachtung der käferlichen Laufbahn... „Käferin", sagte der Schriftsteller(ihre selbstgenügsame, einsame Lebensweife hatte ihn endlich denn doch über ihre zweifelsfrei unverdächtige FamLienabstammung belehrt)—„Sie oder ich". So sagte der Schriftsteller. Die Käferin lief aber von der belichteten Seite der Zeitschrift auf den dunklen Umschlag hinunter, als wäre ihr der Spaziergang im Hellen über so viel brennende Dinge nun doch nicht besonders bekommen. Sie krabbelte sichtlich beruhigt im Schatten über das braunrote Papier — aber der Schriftsteller, aus seinen Gründen gegen die Kleine, die ihn gefessest hielt, heftig erbost, kehrte die braunrote Seite ins Licht, und nun lief sie, immerhin etwas erregt, über lauter bedeutende Namen. Schließlich erreichte sie glücklich das Ende, bog landeskundig um das inzwischen ge-
schlössen« Heft herum— bei dieser halsbrecherischen Wendung zitterte der Schriftsteller in Wahrheit um sie. Aber als sie dann auf- atmend begann, über die Bücherreklamen zu wandern, fand sie sich plötzlich wieder im Licht. Daraus machte sie wieder Beine. Ihr Herz schien zu zittern. Offenbar halle sie keine Zlhnung. was das Schicksal mtt ihrer fraglos nicht überaus wichtigen Persönlichkeit vorhaben konnte, daß es sie immer und immer wieder ins Licht kommandierte, aus dem ihr mit aller Gewalt nicht zu fliehen gelang. Irgend etwas Neues, Furchtbares, Grausames, sicherlich der Natur sehr Entgegen- gesetztes hinderte sie(die kleine Person, der sonst alles glückte), dies- mal zu tun, was sie wollte. Aber schon gab es des llebermächttgen, Unbekannten, Unfaßbaren mehr: Eine glatte, der Käferin einfach widerliche Masse, von starker Ausdünstung, seltsamer Boden- beschaffenhett und umfangreicher Höhe und Breite stand da— plötzlich, wie in einem Moment aus der Luft in den Boden gewachsen. Dies war des Schriftstellers Fingernagel, auf den er sie laden wollte. Aber die Kleine stand still. Nein, auf solche verdächtigen Sachen ließ sie sich ganz gewiß nicht mehr ein. Sie war ja kein unerfahrenes Kind. Solch eine Einladung anzunehmen, verbot ihr nicht nur der Instinkt, sie hatte auch von dem schrecklichen Tod eines Familienmitgliedes gehört, das sich auf unbekannte Gebiete gewagt und dort von einer furchtbaren Macht erschlagen, zerquesscht, zermust worden war. Die kleine Käferin stand also still, tat keinen Schritt und wartete ab. Als sich aber die seltsame Masse über die Fläche hin zu bewegen begann, lief sie, wie unsichtbar angebunden, in Kurven und Schleifen hinter ihr her. Wo die Masse hielt, blieb auch die Käferin, schnuppernd, dicht vor ihr stehen. Es war, als ob sie sich selber, höchst mißtrauisch, fragte: Sollt' ich's am Ende doch tun? Da wurde plötzlich die ganze Zeitschrift emporgehoben, es wurde dunkler, die Käferin begann schon, sich deswegen zu steuen; dann wurde es warm, die Käferin freute sich noch mehr;— aber dann wurde es kalt, puh, katt, entsetzlich und bitter katt.— Und plötzlich geschah unter der Zeitschrift ein gollgewaltiger Weltfwß, die Käferin schoß ins Stockdunkle hinein, hinab— ins Feuchte, ins Kalte.— Der Kleinen vergingen die Sinne. So hat der Schriftsteller die nette Person, die ihn mit ihrer zierlichen Schönheit im emsigen Schaffen störte, durch«in energisches Knipsen unter dem Heft in die kalte Nacht befördert. Aber darum ging es mst seiner Arbett nun doch noch nicht weiter. Er saß vor der Lampe . Kein Laut war im Raum. Nur unter dem Fenster vom Heizungskörper kam manchmal«in Tropfen, ein klagender Laut.— Sie oder ich— dachte der Schriftsteller—, das ist die Losung dieser Welt: Käserin, Sie oder ich. Und sie war so überaus zierlich gewesen, geschaffen, um eines Lebens Freude zu fein. Der Schriftsteller ging ans Fenster und lauschte hinaus. Nein, nichts, kein Seufzer. Nur der Wind in der Nähe, und in der Ferne Ge- räusche der Stadt. Er schloß die doppelten Flügel fest, es war kalt. Und fein letzter Trost war nur der Gedanke: Sie hatte ja den warmen Pullover angehabt.
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