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föeilage Somabend, 9. Juli 1932

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Gerhart Herrmann Mostar / Geschichte der Woche; Strom wird erschossen

Ein Berliner Einbrecher wurde aus frischer Tat van einem Polizeihund gestellt. Er schoß aus das Tier und verletzte es tödlich. Tennoch konnte er ihm nicht entrinnen... Der Schein der Taschenlampe gespenstert durch den Ladenraum. Hier die Regale. Links die Tür zum Nebenzimmer. Rechts, matt blinkend, das Schaufenster. Die Rolljalousie schlieht dichti es duritc 'von draußen kein Lichtschimmer zu sehen sein... Vorn der Laden» tisch . Und da die Kasse. Die Kasse. Der Einbrecher nimmt seine Instrumente aus der Tasche, stellt die Taschenlampe auf den Tisch, so daß sie die Schublade beleuchtet. Die Arbeit beginnt, sachlich, flink, doch ohne Host: fast geräuschlos. In fünf Minuten wird es geschafft sein. In drei Minuten. In zwei... Da Schritte draußen. Der Einbrecher lauscht auf, hält inne. Er kennt sich aus: das sind nicht eilige oder trunkene Heimkehrer- schritte. Das sind ruhige, feste Wächterschritt«... Gleich wird die Tür aufgeschlossen werden. Verflucht: hat er sie überhaupt wieder zugeschlossen...? Schlüsselklirren. Der Einbrecher schaltet die Taschenlampe ab. schleicht sich im Dunkel zur Tür des Ladens, die zum Hausflur führt. Im Augenblick, als der Wächter der Wach- und Schließgesellschaft die Haustür öffnet, saust ein Schatten an ihm vorbei, flitzt über die schlecht erleuchtete Straße. Der Wächter reiht die Signalpfeife zum Mund... Der gellende Pfiff treibt den Einbrecher über den Zaun des Loubengeländes, das an der anderen Seite der Vorstadtftraße be- ginnt. Wenn jetzt nicht Pollente in der Nähe ist. dürste er fürs erste durch sein. Dennoch hetzt ör weiter. Baete, Lauben, Zäune und wieder Zäune... Er lauscht zurück. Die Signalpfeife schweigt. Also telephoniert der Wächter. Oder sollte doch schon Pollente...? Der Flüchtling läuft nicht mehr. Man könnte das Knacken der Drahtzäune hören, das Rauschen der Pflanzen auf den Beeten. Er schleicht. Den Revolver reißt er aus der Tasche. Für jeden Fall. Obwohl ihm kein Beamter die Sprünge über Zäune so rasch nach- machen wird. Aber doch was raschelt da...? Was läuft da...? Etwa im dritten, vierten Garten von hier...? Nein, kein Mensch. Nur nicht nervös werden. Ein naher Igel vielleicht, im Drahtstall ein paar Kleingärtnerkaninchen. Nacht täuscht. Nicht nervös werden... Gottlob: kein Mond, kein Stern. Kann keiner also ihn sehen. lind doch da drahternes Klirren...? Setzt einer über eine Drahlwand...? Hechelt's da nicht, wie ein Tier hechelt in hastigem Lauf? Und dort, nur wahrnehmbar seinen nachtgewohnten Augen: ein schlanker Schatten, hinwegfegend über den Stacheldraht.-- Verflucht! Polizeihund! Polizeihund. Da hilft kein Leisesein. Die haben nicht nur Ohr. Da hilft keine Finsternis. Die haben nicht nur Auge. Die haben Nase... Pflanzen genug hat er niedergetreten. Kinderleicht nimmt seine Spur sich auf für das Vieh. Also wieder rennen. Dort,«in Bretterzaun, zwei Meter wohl hoch. Den nimmt das Vieh vielleicht nicht. Nimmt es bestimmt nicht. Er kommt noch rüber, ehe es ran ist. Er ist drüben. Blickt noch einmal hinauf. Do, wahrhaftig ein leises, ganz leises Winseln drüben ein Anschorren von Pfoten ans Holz der Breiter und da hängt weiß Gott schon der Vorder- körper über der erklommenen Bretterwand, Hinterleib wird blitz- schnell nachgezogen, Sprung herab.-- Der Einbrecher steht. Laufen Hilst nicht mehr, er weiß: Wenn man überhaupt sich wehren kann gegen die Bestie, dann nur aus festem Stand. Er hebt die Hand mit dem Revolver bis neben sein Gesicht, als wolle er sich erschießen. Zwei, drei wütende Kläfflaute. Hart vor seinen Füßen der geschmeidige Schatten. Instinktiv springt der Einbrecher zurück. Da sind zwei schwere Pfoten auf seinen Schultern, heißer Hechclatem in seinem Gesicht, Kläfflaute an seinem Ohr. Der gehetzte Mensch handelt fast ohne Hirn, seine Hand richtet fast selbständig den Lauf des Revolvers, fein Finger drückt an den Hahn-- Peitschen- schlag des Schusses. Aufheulen, Aufschreien des Hundes, menschlich jast die Pfoten lösen sich-- Der Mensch flieht. Nicht weit. Ein stechender Schmerz dicht oberhalb der Ferse er ist gebissen. Also hat tr nicht getroffen? Er bleibt stehen, wendet sich. In diesem Augenblick ein zweiter Biß. tief in die rechte Hand, der Revolver haut dumpf auf den Gortenboden. Und schon sind wieder die beiden Pranken aus den Schultern, der heiße Atem im Gesicht... Verslucht, also wirtlich nicht getroffen. Und der Revoloer weg. Also warten, warten unter den Tatzen und vor dem Rachen des Viehs, wenn einem sein glattes Gesicht lieb ist warten, bis man verhaftet wird.-. Aber was hat der Hund? Warum bellt er nicht, in kurzen, drohenden Kläffern? Warum heult er, wimmert er, schreit er auf um nur dazwischen immer wieder zu bellen...? Der Mensch sieht dem Hund ins Gesicht. Sieht die Lichter, die spitzen, scharfen, bösen Schein haben. Sieht die weißen Pallisaden der Zähne. Sieht die Zunge hängen aus dem lechzenden Maul... Aber: ist das die Zunge..? Ist das nur die Zunge? Die ist so lang... die hängt bis auf die Brust des Menschen... verlängert sich, da, wo dos Hemd in den Gürtel hängt, wird es feucht, warm, rieselt, rieselt hinab... der Hund blutet, blutet aus dem Maul... ist doch getroffen, ist in den Hals getroffen, muß sterben, kann das Werk fein von Sekunden, muß ablassen, zusammensinken, fliehen kann man dann... fliehen!! Läßt aber nicht los, läßt noch nicht los. Bellt, wimmert, bellt. Vielleicht aber ist das Tier doch schon schwach...? Dielleicht kann man es erwürgen...? Wenn nur die verdammten Knie einem nicht schon zitterten, wenn man nicht wäre wie gelähmt... Wie manchmal Menschen in Sibirien gelähmt sein sollen, wenn der Wolf sie packt... Das ist ja auch schon kein Hund mehr, das ist ja ein Wols... das ist schlimmer als ein Wolf, schlauer, furchtbarer, ein von Menschen erzogener, dressierter, verdorbener Wolf, ein Wolf mit Pflicht, der aushält, bis andere Menschen heran sind, der fem Opfer nicht fressen will, der es abgibt, damit sie es verhaften... Aber es kommt niemand. Warum kommt nur niemand? Kamen sie doch nur schon... besser wäre das, besser als dies zitternde, schon knieoebeugte Stehen vor dem Rachen dieses Tieres. dem zähnebleckenden Rachen, aus dem das Blut schießt in einer dicken Bahn, immerzu schießt und fließt über Hemd und Hofe des Menschen zu Boden, und es schreit und bellt und hält aus.,,

Herrgott, ist denn dos Gegenwart hier, Wirklichkeit, ist das Berlin , eine Großstadt mit Asphalt und Garten...? Ist das nicht Wild» nis,«ine von Menschen geschaffen« Wildnis... Warum ist er ein Einbrecher? Warum raubt er, stiehlt, flüchtet, schießt, tötet er, ein Wilder? Warum steht das Raubtier hier vor ihm, das mal ein tapsiger, verspielter kleiner Wauwau gewesen ist, wie er selbst mal einen hatte, gutmütig, handleckend und hegt nun Menschen, ist wieder Wildnis wie feine Urahnen, andere, bösere, oermenschte Wildnis freilich, gebeugte Instinkte, aber die alte, dräuende Schärte der Zähne, dos alte, furchtbare Geheul... und Nacht, Raub, Kampf zwischen Mensch und Tier wie je, und er das Opfer, er. der doch schoß und traf-- Wildnis, Wildnis... Der Mensch bricht zusammen. Ueber ihm, spreizbeinig, zitternd in den Gelenken, verreckenld und doch oushaltend, steht, wimmert, bellt der dressierte Wolf... Weit, weit weg spitzt ein anderer Polizeihund die Ohren, reißt an der Leine. Weit, weil weg auch van dem Beamten, zu

dem der getroffene Hund gehört: mühsam bahnt dieser Beamte sich den Weg in die Richtung, aus der das Bellen kommt: wohl tausend Meter war das Tier dem Menschen nachgesetzt, ehe es ihn stellte. Aber nun ist der andere Hund der Leine ledig. Rast durch Straßen, durch Gärten, über Wege, Zäune. Rast dem Kameraden zu Hilfe. Weite Sätze, Sprünge, federnde Beine, gestreckter Leib, stummes Maul, weiß schimmerndes Gebiß. Nur Minuten sausen hin: da steht er bei dem angstoerstörten Menschen und dem ver- blutenden Woli, ein Kamerod dem Mittier und ein zuverlässiger Scherge dem Menschen. Im Moment, der den Helfer heranbringt, sinkt der Körper des verwundeten Tieres schwer in sich zusammen. Letzter Strom Blut stürzt über das Gesicht des liegenden Menschen. Letztes Zucken des Leibes streckt ihn quer über den Leib des Opfers, im Sterben noch es fest pressend an den feuchten Boden. Der andere ist da, der aridere nimmt den Dienst auf, verbellt den Mann weiter. Der eine kann sterben. Er hat ausgehalten... Drei Beamte kommen heran, mühsam, vorsichtig. Leuchten dem liegenden Mann ins Gesicht.Das ist der Heinrich S.', sagt einer.Den haben wir lange gesucht." Und das", sagt der zweite,das war Strom, unser bester Hund. Hm. War uns treu feit zehn Iahren. Treu bis zuletzt..." Sie führen den Mann ab. Es wird grau im Osten. Aus der Wildnis der Nacht hebt das Licht die grauen Konturen der großen Stadt Berlin ...

Im Hmillszchlltten unterwegs Alfred Wegeners letzte Grönlandfahrt

33 eg enei, wenig bctannigeworden. Erst das jetzt im Verlag F.?I. Brockbaus, Leipzig , erscheinende Such über diese Forschungsreise Alsred Wegeners Icpte Grönlandfahrt" bringt Austlörung über die abenteuerlichen und harten Erlebnisse der Expedition. Wir entnehmen dem Buch mit Erlaubnis dc§ Berlages nachstehenden Abschnitt: Nach der Trennung von drei Grönländern bei Kilometer kbl gingen Wegener, Rasmus Villumsen und ich mit drei Gespannen weiter nach Osten. Langsam, langsam nur ging es vorwärts. Am 7. Oktober kamen wir bis Kilometer 160, am 8. Oktober bis Kilo- meter 165, am 9. Oktober bis Kilometer 170. Das Wetter war neblig und bis zum 9. Oktober milde. Die Bahn blieb schlecht. Be- wundernswert war, wie der vorausfahrende Rasmus die vom Schnee fast ganz bedeckten Fahnen, quadratzentimetergroße Reste in einer kleinen, vor den übrigen kaum auffallenden Schneewehe, zu finden wußte. Aber es war fast unmöglich vorwärts- zukommen. Die Hunde des ersten Schlittens schwammen, rüder- ten bis zum Bauch im losen Pulverschnee. Die folgenden Schlitten kamen erwas besser vorwärts, solange sie die Kufen auf der Spur des oorauffahrenden Schlittens halten konnten. Aber sie war manch- mal in dem diffusen Licht der jetzt schon dämmerigen Tagesstunden nicht genau zu verfolgen, und kaum rutschte der Schlitten seitlich von der festen Bahn herab, so versank er mit seinen 250 Kilogramm Last sofort bis an die Querhölzer im weichen Pulver. Wollte man ihn dann wieder in Gang setzen, so bedurfte es verzweifelter Arbeit, bei der man sich bis über die Knie in den Schnee einwühlte. End- lich war der Schlitten wieder in Bewegung, aber nach wenigen Augenblicken schon steckte er erneut im grundlosen Schnee fest. Bei Kilometer 170 lagen wir am 10. Ottober. Es war kälter, 30 bis 40 Grad. Wegener war vom letzten Tage her etwas überanstrengt und, entgegen seiner sonstigen Gewohnheit, für Warten, weil er Erfrierungen im Gesicht durch den lebhasten Gegen- wind fürchtete. An diesem Rasttage gab es wieder eine lange Er- örterung. Mit Lebensmitteln und Hundefutter stand es ungefähr wie folgt: Proviant war etwa für 14 Tage vorhanden, d. h., er reichte bei einer mittleren Marschleistung von 15 Kilometer täglich knapp bisEismitte". Hundefutter konnte bei allmählich verminderter Hundezahl auf die gleiche Zeit gestreckt werden. Der Entschluß zur Umkehr mußte bei gleicher Marschgeschwindigkeit spätestens bei Kilometer 230 gefaßt werden, denn wir durften den auf der Strecke liegenden Notprovianr nicht angreifen, da möglicher- weife Georgi und Sorge aus ihn angewiesen waren. Bei Kilo- meter 230 lag von früheren Reisen eine Kiste Hundepemmikan, den wir für den Rückmarsch hätten verwenden können. Sorge und Georgi noch vor ihrem Abmarsch am 20. Oktober inEismitte" zu erreichen, erschien uns beiden unmöglich. W e- g e n e r glaubte darüber hinaus, wir könntenEismitte" überhaupt nicht erreichen oder ups zum Zusammentreffen mit Sorge und Georgi durcharbeiten. Auch ich hielt ein Durchkommen in Anbetracht der Prooiantvorräte und der Jahreszeit für unwahrscheinlich, glaubte auch, daß die Gefährdung unserer Abteilung nicht geringer sei als die von Sorge und Georgi, denen man für ihren Rückmarsch ge> gebenenfalls eine neu aufgestellte Abteilung entgegenschicken konnte. <Die Entsatzreise im November hat gezeigt, daß dies unmöglich war.) Doch erwartete ich im Innern bessere Schlittenbahn und wollte das Durchkommen nicht fürunmöglich" erklären. Schließlich beschlossen wir, bei Kilometer 2 30 Proviant niederzulegen und umzukehren. Wir liehen daher bei Kilometer 170 etwas Hundefutter und den letzten Rest des wissenschaftlichen Materials zurück. Aber am nächsten Tage, am 11. Oktober, besserten sich die Schneeverhältnisse. Trotz späten Aufbruchs(nach Liegetagen sind Geschirr und Zugleinen immer besonders in 11n> ordnung) kamen wir verhältnismäßig leicht zehn Kilometer weiter. Nun schien es doch wieder möglich, bis zum Zusammentreffen mit Georgi und Sorge weiterzureisen. Leider erforderten es dann die Proviant- und Futterverhältnisie, nach dem Zusammentreffen zur Neuverproviantierung bisEismitte" zu gehen. So entschlossen wir uns wieder anders, holten am 12. Oktober das bei Kilometer 170 hinterlegte Hundefutter und den dort liegenden Proviant nach, außerdem einen Teil des Postsackinhalts für Georgi und Sorge, und kamen am selben Tage noch fünf Kilometer weiter. Am 13. Ok- tober trafen wir endlich bei Kilometer 200 ein. Weit verstreut stan- den hier drei große Depots, Petroleum, Benzin und das Haus der Zentralstation: daneben, hoch über die halb verwehten Depots aufragend, die meteorologische Hütte mit dem auf? gesetzten Signalturm Bisher hatten wir den Hunden immer die Schnaipzen ver- bundenz aber allmählich wurde die Obers eile davon wund. Die

Hunde begannen zu beißen, und wir mußten darauf verzichten. Nun nahm das Geschirrs refsen überhand; da unsere Ersatzvorräte zu Ende gingen, konnten wir uns nur dadurch helfen, daß wir allen Hunden die Geschirre während der Ruhe abnahmen. Das ging ganz gut, bis die scharfe Kälte ihren Heißhunger weckte, sie an das Zelt trieb und zu Einbruchsversuchen veranlaßte. Die Arbeit hatten wir so verteilt, daß Wegener die Zeltarbeit (Reif abfegen, Einrichten, Kochen) zufiel, während ich und Rasmus die Hunde versorgten. Wegener richtete sich beim ersten Morgen- grauen aus: er brauchte von uns dreien am wenigsten Schlaf. Wenn er uns weckte, war das Frühstück schon fertig. Leider waren die Tage schon so kurz, dauerten die Morgenarbeiten trotz des besten Willens so lange, daß wir stets bis in die Dunkelheit hin» ein fahren muhten. Die ganze Zeltarbeit war daNn in Dunkel- heit und Schncefegen zu leisten, die Beschäftigung mit den ver- knoteten, vereisten Zugleinen war sehr schwierig und nicht unge- fährlich. Trotz günstiger Witterung kamen wir am 14. Oktober nicht von Kilometer 200 fort, weil einige kleinere Arbeiten. Registrierinstru- mente in Gang setzen. Neuordnen der Depots, Hunde schlachten, zuviel von der knappen Tageszeit wegnahmen. Am 15. Oktober kamen wir bei schönem Wetter 20 bis 25 Grad, schwacher Wind) gut voran. Am 16. Oktober passierten wir Kilometer 230. Wir beschlossen, da der Fortschritt von 15 Kilometer täglich unserm Plane entsprach. weiterzureisen. Der Rückweg schien jetzt abgeschnitten, denn der legte Proviant, abgesehen von dem unangreifbaren Notprooiant, lag bei Kilometer 62. Wir sprachen oft davon, ob Sorge und Georgi wohlEismitte" verlassen würden. Wegener hoffte, sie würden es nicht tun, während ich glaubte, daß sie der brieflichen Mitteilung entsprechend auch dann abmarschieren würden, wenn sich inzwischen die Möglichkeit de; Verbleibens herausgestellt hätte. Wegener wünschte, daß Georgi und Sorge sich, auch wenn wir sie beim Rückmarsch träfen, zur Umkehr entschließen möchten, damit er zu den Arbeiten an der West- station zurückkehren könne. Andernsalls wollte er selbst mit mir dort die Ueberwinterung versuchen. Jedenfalls ober meinte er, daß die Unsicherheit über das Schicksal der Besatzung vonEismitte", die durch unsere Umkehr entstehen könnte, die Winterarbeiten an der Weststation in unerträglicher Weise stören würde. Wir sollten daher, wenn überhaupt die Möglichkeit dazu bestände, alles daransetzen, Verbindung mit Georgi und Sorge auf- zunehmen. Auch weiterhin verlief die Reise planmäßig. Am 20. Oktober, dem Abmarschtermin Sorges und Georgis vonEismitte", er- reichten wir Kilometer 292. Wir rechneten damit, sie am 24. Oktober bei Kilometer 335 zu treffen. Das Wetter war angenehm, Tempe- raturen zwischen20 und30 Grad bei meist schwächerem Wind. Wir hatten als Nutzlast nur noch einen Dunk Petroleum(40 Liter), ein Zweimannzelt, einen Segeltucheimer, eine Schaufel und eine Laterne. Das Schicksal wollte es. daß von diesen nach langer Ueber- legung ausgewählten Sachen dann im Winter außer der Laterne nichts benutzt wurde. Die Schlittenbahn blieb brauchbar bis etwa Kilometer 280. Von da ab wurde sie noch besser, und ab Kilometer 360 war die windgepreßtc Harschkruste vielfach so hart, daß sie die Hunde und selbst einen Fußgänger gut trug. Die Vertiefungen zwischen den flachen Wehen waren allerdings mit weichem, mehligem Schnee gefüllt, der die Schlitten stark bremste. Diese Schnee- bcschaffcnhcit war eine große Ueberraschung: mußte man doch nach den Erfahrungen früherer Expeditionen im Innern des Inlandeises stets tiefen, lasen Schnee erwarten. Trotz hinreichender Fütterung und leichter Last begannen die Hunde infolge der langen Dauer der Schlittenreise zu ver- jagen. Rasmus fuhr immer voraus, trotzdem er jetzt am schwer- sten geladen hatte. Es ist eine merkwürdige Tatsache, daß die Grönländer, obwohl sie die Hunde bedeutend weniger schonten, z. B. fast nie vom Schlitten abstiegen, doch häufig weniger Hunde ver- loren als wir. Vielleicht erhielten wir gewöhnlich die weniger leistungsfähigen Hunde, wofür uns der Blick mangelte, vielleicht wissen sie die Anstrengung gleichmäßiger auf die Hunde ihres Ge- fpanns zu verteilen. So brachte Rasmus neun von seinen zehn Hunden nachEismitte", Wegener fünf, ich sechs. Unser Zeug wurde allmählich naß. Die fortwährende Arbeit an den Zugleinen führte bei mir zu leichten Erfrierungen an den Fingern, die zwar unbedenkliä) waren, aber stark schmerzten. Auch meine Füße waren ein wenig mitgenommen. Wegener, der größere Erfahrung und für Polarreisen geeignetere Konstitution befaß, hatte Erfrierungen bis jetzt vermieden.