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BERLIN Freitag 29. Juli

1932

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Der Abend

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Nr. 354

B 172 49. Jahrgang

Polizeimißbrauch in Oldenburg

Die Naziregierung besteltt SA zur Hilfspolizei

Oldenburg , 29. Juli. ( Eigenbericht.)

Die oldenburgische Regierung gibt folgendes Kom­muniqué heraus:

,, um allen Unruhen wirksam entgegentreten zu können, hat das Staatsministerium beschlossen, die staat­liche Polizei vorübergehend erheblich zu verstärken.

Pressestelle des Staatsministeriums."

Diese Mitteilung der oldenburgischen Regierung beleuchtet grell den Kurs, der heute in den nationalsozialistisch regierten Ländern gesteuert wird. Die oldenburgische Landespolizei mar bisher 300 Mann starf. Diese Truppe hat in den stürmischen Wahlwochen vollauf genügt, um im allgemeinen Ruhe und Ordnung im Lande aufrechtzuerhalten. Jetzt erklärt die Naziregierung plöglich, daß ihre Polizeitruppe zu schwach sei, um den zu erwartenden kommunistischen Unruhen zu begegnen.

Die Regierung hat sich also entschlossen, die oldenburgische Polizeitruppe zu verstärken.

Diese Verstärkung sieht so aus, daß 250 SA.- Leute in die Polizei eingestellt werden. Wie wir hierzu erfahren, find die SA.- Mannschaften bereits in die Oldenburger Polizeikafernen eingerüdt und zum Teil bereits ein­gekleidet und bewaffnet worden.

Diese Maßnahme der oldenburgischen Naziregierung stellt eine ungeheuerliche Provokation der republikanischen Bevölkerung dar. Allein schon die Persönlichkeit des amtierenden Nazi- Ministerpräfi­denten Röver, der sich durch seine blutrünstigen Wahl= reden Ich garantiere diesen Schweinehunden, daß sie gehängt werden und wir werden sie solange hängen lassen, bis die Krähen sie gefressen haben", den Namen Hänge Rover verschafft hat, genügt, um die republikanische Bevölkerung in stärkstem Mißtrauen zu halten. Die neueste Provokation der oldenburgischen Naziregie rung, die Landespolizei durch Einstellung von SA.- Bürgerkriegs­garben zu verdoppeln, so daß jezt jeder 3 weite Bolizist in Oldenburg ein SA.- Mann ist, muß das Mißtrauen und die Unruhe der republikanischen Bevölkerung bis zur äußersten Grenze

steigern.

Wir fordern, daß die Reichsregierung gegen diesen ungeheuer­lichen Gewaltmißbrauch des Oldenburger Nazikabinetts sofort ein schreitet.

Wo sitzen die Waffendiebe?

Ein ertannter SA- Munitionstransport. Braunschweig , 29. Juli. ( Eigenbericht.) Nach der Taktik Haltet den Dieb" versuchte vor einigen Tagen die bürgerliche Presse im Lande Braunschweig einen Munitions­transport in Wolfenbüttel dem Reichsbanner anzu= hängen. Dadurch, daß von einem in sausender Fahrt durch Wolfenbüttel rasenden Auto Pakete Infanteriemunition verloren gegangen waren, die die Polizei beschlagnahmte, war die Deffentlich­teit auf den Transport aufmerksam geworden. Die Nazipresse hatte sogar die Stirn, eine Belohnung für die Ergreifung der Transportführer auszuschreiben.

Wie nunmehr der Bolksfreund" mitteilen kann, ist das er­fannte Auto von einem ebenfalls erfannten nationalsozialistischen Führer begleitet, wenn nicht gar geleitet worden. Von weiteren Nachforschungen der Polizei wird man nun wohl nichts mehr hören.

Ein Terroraft jagt den andern.

In Braunschweig wurde ein Mitglied der sozialdemokratischen Arbeiterjugend und ein Reichsbannerkamerad von Nazi- Ban-| diten angeschossen.

Ungeheuerlich sind die Zustände auch auf dem Lande. So um­stellte in Bommasdorf bei Helmsten eine SA- Formation das Lokal, in dem eine Kundgebung der Eisernen Front stattfand. Nachdem die Fenster eingeworfen worden waren, eröffneten die Nazibanditen ein Schnellfeuer. Vier Personen wälzten sich in ihrem Blute, auch die Frau des Wirts wurde angeschossen. Das Braun­ schweiger Ueberfallkommando hatte nach seinem Eintreffen nichts anderes zu tun, als die Anhänger der Eisernen Front nach Waffen zu durchsuchen, ohne natürlich welche zu finden. Die bewaffneten Nazischüßen hatten sich unterdessen aus dem Staube

gemacht.

In Breslau schossen mehrere Nazis zwei Arbeiter nieder, die mit mehreren Verwundungen schwer verletzt ins Krankenhaus ge­bracht wurden. In Rostock und Flensburg wurden vier National fozialisten schwer verleßt.

Severing hält Abrechnung.

Weberwältigende Wahlfundgebung in München .

München , 29. Juli. ( Eigenbericht.)

In drei Massenversammlungen der Eisernen Front München sprach am Donnerstag abend Genosse Severing, dem 20 000 Männer und Frauen des werktägigen Volkes einen überwältigenden Empfang der Begeisterung bereiteten.

Alle drei Versammlungen mußten lange vor Beginn polizei­lich gesperrt werden. Nachdem im Zirkus Krone , der von vielen Tausenden umlagert war, die feinen Einlaß mehr finden konnten,

19 Uhr Stadion Neukölln

Fahnen- und Banner- Treffpunkt:

Haupteingang Oderstraße Pünktlich 19 Uhr

der Jubel der Begrüßung sich gelegt hatte, umriz Severing in meisterhafter Kürze die Bedeutung der Wahl am 31. Juli.

Sie laffe sich nur vergleichen mit der Wahl zur national­versammlung im Januar 1919.

Damals handelte es sich darum, die Grundlagen für eine demo ratische Verfassung zu legen und am nächsten Sonntag

tomme es darauf an, die Grundlagen des demokratischen Staates der 2 brechnung mit der Reichsregierung werden, aber auch mit zu erhalten. Deshalb müsse der 31. Juli zu einem Tag den Kräften, die ihre Tragbalken darstellen. Diese Regierung Papen sei keine Zusammenfassung der nationalen Kräfte, denn es fehlten ihr die Männer der Arbeiterschaft, die sich an wahrer Vaterlandsliebe von feiner rechtsgerichteten Oberschicht übertreffen lasse.( Stürmischer Beifall.)

Mit besonderer Schärfe wandte sich Severing gegen die Ver­meinung des Wohlfahrtsstaates durch die jetzige Regierung, einem Programmpunkt in ihrer Regierungserklärung, der dem Wortschatz der Hakenkreuzler entnommen sei. Wenn diese Forderung der Regierung erfüllt werden sollte, dann, so erklärte Severing, höre Deutschland auf, ein Staat der Ruhe und Konsolidierung, der Kultur und der Zivilisation zu sein.

Das deutsche Volf will in seiner übergroßen Mehrheit eine prak­fische Solidarität mit den 6 Millionen Arbeitslosen und das fann ohne Wohlfahrtsstaat nicht geschehen.

Wer ein wahrer Patriot ist, hat dafür zu sorgen, daß diese Wohl­fahrt in Deutschland geübt wird. Wir Sozialdemokraten lassen am Wohlfahrtscharakter des heutigen Staates nicht rütteln, aber nicht deshalb, weil wir unseren Klaffengenossen Liebesgaben chenfen wollen, sondern weil wir die Grundlage der deutschen Republit nicht zerstören lassen dürfen. Demgegenüber predigen die Nationalsozialisten den gemein­schaftsschädlichen Maffenkampf, denn sie haben die Worte vom Köpferollen und von der Nacht der langen Messer" erfunden. Sie tolerieren nicht nur die Existenz dieser Regierung, sondern auch ihre Taten gegen die Wohlfahrt des Volkes. Ich, so fuhr Severing mit erhobener Stimme fort, habe niemals Haß gegen die National­sozialisten und ihre Parteigänger gekannt. Während meiner ganzen Amtstätigkeit habe ich niemanden, der zu mir kam, nach seiner parteipolitischen Herkunft gefragt, wogegen ich mich aber von An­fang an gewandt habe, war die Untergrabung der Staatsautorität durch die militärischen Verbände aller Art.

Mit der Duldung dieser Verbände war es aber nicht nur vor­bei mit der Staatsautorität, sondern sie war der eigentliche Beginn des Bürgerkrieges. Nach dieser Erkenntnis habe ich schon 1920 ge­handelt. Diese Verbände sind aber auch eine außenpolitische Gefahr, denn das Ausland hat kein Vertrauen, wenn es täglich damit rechnen muß ,, daß die Flammen des offenen Bürgerkrieges aus dem Dach des deutschen Hauses emporschlagen.

Wer das deutsche Ansehen in der Welt wieder herstellen und das Vertrauen zurückgewinnen will, der muß sich heute in aller­erster Linie und mit größter Entschiedenheit gegen diese Ber

bände und ihren Terror wenden. In diesem Zusammen­hang übte Severing scharfe Kritik an der Rundfunkrede des Herrn von Schleicher.

Es nüht gar nichts, so sagte er, wenn der Reichswehrminister im Hause der Funkstunde mit der Faust auf den Tisch schlägt, daß es das Ausland höre. Wir Deutschen können von den ande­ren nur dann volle Gleichberechtigung verlangen, wenn wir den Beweis erbringen, daß wir friedfertig sind, und insbesondere dem franzöfifchen Volk müssen wir die Ueberzeu­gung beibringen, daß seine beste Sicherheit ein friedfertiges deutsches Bolt ist.

Man muß das Säbelrasseln unterlassen, um so mehr, da diese

Gäbel nur Papp( en-) schwerter sind und die Kanonen nur Maul­tanonen sind. Zum Schluß erörterte Severing mit viel Humor seine Amtsenthebung durch den Reichskommissar von Papen und erläuterte die Gründe, warum im gegenwärtigen Augenblick die Chance einer Abrechnung mit der Regierung nicht günstig ist. Den Versuch dieser Abrechnung hätte die Regierung, insbesondere ihre Tragbalken, die Nationalsozialisten, lebhaft begrüßt. Aber die deutsche Arbeiterklasse lasse sich nicht provozieren. Sie werde ganz allein bestimmen, den Zeitpunkt und die Art der Abrechnung. Aber ein wichtiges Borpostengefecht um die Freiheit sei die Wahl am nächsten Sonntag.

Severing schloß mit den Worten: Wir verachten die Methode halten, sondern uns verteidigen, nicht mit Papierkugeln, sondern wir der Barbarei, aber wenn man uns angreift, werden wir nicht still. werden zeigen, daß wir Deutsche sind, die auch ihren Bizeps haben.

Nicht endenwollender Beifall begleitete Severing auf dem Wege zu den anderen Massenversammlungen. Noch am Abend fuhr er weiter ins Rheinland .

Pani Nazi

,, Vom Stamme der Germanen."

Die amtliche Liste der nationalsozialistischen Reichs­tagskandidaten weist u. a. folgende Namen auf:

Schukat, Wockatz, Pottag, Pridat, Nawroth, Roschatt, Magunia, Skoda , Robra, Sossna, Swatzina, Czeromin, Russek, Adamek, Gregorczek, Czerny, Czirniok, Domnick, Sagroll, Jobski, Turowski, Zelewski, Satzki, Czarnowski, Szymanovski, Wysocki, Sochatzki, Krawielicki.

Großer Wotan, verhülle dein Haupt!

Hugenberg- Presse kneift.

Sie druckt die Berichtigung Heinigs nicht ab.

Genosse Kurt Heinig schreibt uns:

,, Die Redaktion des Berliner Lokal- Anzeiger" hat eingesehen,

"

daß sie nach den eindeutigen Erklärungen des Landrats Schlem

minger und meiner ebenso eindeutigen Festellung mit ihrer Fäls schung hereingefallen ist. Sie versucht jetzt mit einem langen Artikel den juristischen Rückzug auf die Art, daß sie nur noch be­hauptet, die Unterschrift des Schreibens sei e cht! Damit will der ,, Lokal- Anzeiger" beim Strafrichter die Annahme erzeugen, daß sie den gefälschten Brief gutgläubig veröffentlicht habe. Das wird ihr aber nichts nügen. Wir werden unter Beweis stellen, daß die Redaktion des Berliner Lokal- Anzeiger" wissen mußte, daß der Brief mitsamt der Unterschrift gefälscht ist. Die Einzelheiten des Beweises werden vor Gericht unterbreitet werden.

"

Fest steht heute, daß die Wahlbombe" des Berliner Lokal­Anzeiger" nicht gezündet hat. Der einzige ,, Erfolg" ist, daß wieder einmal unter öffentlichen Beweis gestellt wurde, mit wie unan­ständigen Mitteln die Presse der Reaktion zu kämpfen pflegt. Im übrigen habe ich weiteren Strafantrag gegen die Redaktion des ,, Berliner Lokal- Anzeiger" gestellt, weil sie meine ordnungs­gemäße und juristisch einwandfreie Berichtigung nicht in ihrem ganzen Wortlaut abgedruckt hat."

Neuer Gesandter in Reval . Der Reichspräsident hat den vor­tragenden Legationsrat von Reinebeck zum Gesandten in Reval ernannt.