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Rr. 357 49. Jahrgang

4. Beilage des Vorwärts

Gerhart Herrmann Mostar :

Die Geschichte der Woche!

Unkwallens Traum

Dem bekannten Altertums- und Rassenforscher P. H. An­ta ftitus gelang es, eine uralte Runeninschrift zu entziffern, die gerade in diesen Tagen von Interesse sein dürfte.

In einer Senfung lag der heilige Hain, und aus der Mitte des Haines erhob sich der gleichmäßig gerundete Kopf eines Hügels. Auf diesem Hügel befand sich der Opferstein, und auf dem Opfer­stein befand sich Untwalte. Nicht etwa als Opfer dazu war Untwalte nicht schön genug; schon damals, also im ersten Jahr­hundert der Bronzezeit, waren die Schönen die Opfer und die Häßlichen die Schlächter. So war denn auch Untwalte, eine rüftige Greifin von beiläufig etwa hundertfünfzig Jahren, ihres Zeichens Drude ein einträglicher Beruf, dessen Obliegenheiten vor allem im Wahrsagen bestanden, das, um Anachronismen zu Der= meiden, nicht mittels Kartenspiel und Kaffeesay, sondern mittels Menschenblut vorgenommen wurde. Außerdem hatte die Drude beim allsonnenwendlichen Menschenopfer zu affistieren.

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Borerst aber war es noch nicht so weit. Vielmehr war Untwalte damit betraut worden, den neu gestifteten Opferstein zweckente sprechend herzurichten: nämlich mit Hilfe eines Steinmeißels das Glücks und Heilszeichen der Zeit, das Swastika, in die harte Fläche zu rizen. Eine anstrengende Aufgabe, sonderlich wenn man eine betagte Drude und wenn es auf dem Opferhügel so heiß war; so hatte denn auch Untwalte einen Krug mit met neben sich stehen und sprach dem Honigtrant fleißig zu. Etwas zu fleißig: die belebende Wirkung des Mets verwandelte sich in die einschläfernde, und schließlich ließ Untwalte, lange ehe das Hakenkreuz vollendet war, den Meißel aus der Hand und sich über den Opferstein und in den Schlaf sinken; und bald rasselte das rhythmische Schnarchen der Drude in das geheimnisvolle Flüstern des heiligen Hains... So fand sie nach einer guten Stunde Liutfrid, der Priester Teuts, der gekommen war, um sich nach dem Fortschreiten des heiligen Werkes zu erfundigen. Er begriff erschauernd, daß mit dem Entschlummern der Drude auf dem Opferstein ein göttliches Zeichen gegeben war; schon in der Bronzezeit hatte die Verschlafen heit hochgestellter Persönlichkeiten eine eminente zeitgeschichtliche Bedeutung. So wartete Liutfrid denn schweigend und kaum atmend, bis Untwalte aus anscheinend schwerem Traum seufzend ermachte; dann fragte er demütig und gespannt: Drücke heraus, o Drude, was dräuend dir träumte; du weißt ja, o Weiheb, daß Wahrheit es wird!" Untwalte strich sich die grauen Strähnen aus der Stirn, schüttelte das zerfurchte Haupt, spie dreimal kunstgerecht über den Opferstein und sagte: Scheußlich, o Liutfrid, scheußlich und sonderbar!" Liutfrid erzitterte: es war ein schlimmes Omen, daß die Drude das Stabreimen vergaß..

Die Drude blickte versonnen vom Hügel herunter über den Hain auf das Dorf, das unten friedlich in der Sonne sich räkelte, umgeben und behütet von der Allmende, dem Acker, der allen ge­meinsam gehörte. Ich habe gesehn", sagte sie ,,, wie unser Dorf aussehen wird nach zweitausendfünfhundert Jahren!"

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,, Was du nicht sagst!" meinte Liutfrid verdutzt und vergaß nun auch seinerseits die Alliteration. Wie sah es denn aus?" ,, Dreimal was sage ich: zehnmal! so groß wie heute, o Liutfrid! Und die Aecker nicht mehr bestellt mit Roggen und Spelz, sondern mit Kartoffeln und Spargel!"

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,, Kartoffel? Was ist Kartoffel? Und was ist Spargel?" ,, Das kann ich dir auch nicht sagen, ich habe es aber bestimmt geträumt... Und was das Sonderbarste war: den Menschen, die da viel mehr und bitterer arbeiten mußten auf den Feldern als wir heutzutage den Leuten gehörte das Feld gar nicht! Es gehörte auch nicht ihnen allen zusammen es gehörte einem einzigen Menschen, der in einem prunkvollen Hause wohnte, und fie mußten für ihn arbeiten!"

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,, Wie denn! Auch was sie ernteten, durften sie nicht behalten?" ,, Nein; auch das gehörte dem Mann im prunkvollen Haus; der hatte Gewalt über sie und sorgte dafür, daß sie immer arm blieben..."

,, Ah so! Jetzt verstehe ich! Die Bauern waren eben Sklaven, es waren Wenden, nicht wahr, mit mendischen Namen, und der Mann im Schloß war ein Sohn Teuts...?"

,, Aber nein! Die Arbeiter riefen sich mit deutschen Namen; aber der Mann im Schloß hatte ein von" vor seinen Namen, und diefer Name endete mit ,,- om" oder mit,-iz" oder mit ,, nl" oder so, es war also ein wendischer Name."

,, Demnach, o Prophetin, werden also die Wenden die Söhne Teuts überwinden?"

Die Drude dachte eine Weile angestrengt nach. Nein; das

kann auch wieder nicht sein; denn die Herren in den Burgen und Schlössern waren sehr stolz auf ihre Abfunft und erklärten, sie allein wären der richtige, alte deutsche Adel; deshalb müßten die anderen, also unsere Nachkommen, für sie arbeiten und unfrei sein, während sie selbst sich Freiherren " nannten." ,, Entschuldige, o weise Frau, mit allem schuldigen Respekt: aber das ist doch Quatsch!"

Ich habe es doch aber so geträumt, und es fommt noch viel quatschiger, o Liutfrid! Das heißt: zuerst kommt es ganz ver­nünftig. Nämlich allmählich besannen sich die Arbeiter auf den Feldern darauf, daß ihre Vorfahren das Land sich erarbeitet hatten, und daß sie noch immer die Arbeit taten, und daß sie ein Recht darauf hatten, auch die Früchte zu ernten. Sie schlossen sich zu­sammen und forderten, daß der Boden wieder Eigentum des Volkes sein sollte, und sie scharten sich um unsere alte, heilige rote Fahne, die Fahne der Freiheit; und einmal, als die Herren in den Schlössern einen Krieg anzettelten und verloren, wobei unsere Nachfahren hatten bluten müssen, verlangten ste ihren Boden wieder und die Früchte ihrer Arbeit."

,, Das muß herrlich gewesen sein!"

Jawohl, das wäre herrlich gewesen, und die Herren auf iz und om und yl hatten schon Angst und wollten nachgeben da

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aber passierte das Allersonderbarste. Dieser Opferstein, in den ich hier eben das Hafenkreuz meißele, war inzwischen in die Erde perfunken. Nun fand ihn ein Mann, der danach grub, und ent­deckte das Hakenkreuz. Und die Herren auf den Schlössern jagten, das wäre ihr Zeichen, das Zeichen aller derer, die reinrassige Söhne Teuts wären

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,, Aber ich denke, sie waren Wenden!"

Ja doch, aber sie sagten es trotzdem! Und darum wären sie bevorzugt vor allen anderen Rassen und Völkern auf der Erde, flüger, beffer, mächtiger, und

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,, Teure Untwalte, deine Prophetengabe in Ehren aber du weißt doch so genau wie ich, daß uns das Swastikafreuz ganz im Gegenteil gegeben ist als Zeichen der guten Menschen unter allen Völkern der Erde, daß es fich findet unter Gelben und Schwarzen und Roten !"

,, Natürlich weiß ich das, aber sie wußten es doch nicht oder wollten es nicht wissen, so habe ich es doch nun mal geträumt! Also ich fahre fort: wer ein Recht auf Freiheit haben wolle, sagten sie, der müsse groß, langschädlig und blond sein. Und die Menschen glaubten das, und einer gründete eine große Partei unter dem Beichen unseres Hakenkreuzes. Er gewann auch viele Arme und Versklavte und Mittelreiche für sich, und die standen den Herren auf den Schlössern bei und zogen gegen die Arbeiter zu Felde, die ihre Freiheit wollten."

,, Aber warum denn, wenn sie doch selbst-"

,, Ja, warum, warum, warum.? Das frage ich mich auch. Ich habe es doch aber so geträumt!"

trav

Liutfrid die Drude lange an, und zum ersten Male mar etwas wie Mißtrauen in seinen Augen. Dann aber besann er sich und sagte: Also weiter: da war der Mann, der die Hakenkreuz­partei gründete, gewiß ein großer, langschädliger, blondhaariger Mann aus dem Norden, von Adel-"

,, Nein, nein! Von Adel war er nicht, aus dem Norden war er nicht, sondern aus Böhmen

Liutfrid rang die Hände. Aus Böhmen ! Also ein Wende! Aber doch blond..?"

,, Mit nichten: dunkel!"

Liutfrid sank in eine leichte Ohnmacht. Als er erwacht war, fragte er: ,, Hat man denn nun den dunklen Mann aus Böhmen nicht gefragt, warum er für die Adligen und für die Reichen und für die Blonden eintrat, wenn er doch selbst gar nicht adlig und blond war.?"

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,, Doch. Das hat man ihn schon gefragt. Aber da hat er ge­antwortet, auf seine Achselhaare käme es an, und die wären blond!" ,, Komisch", fand Liutfrid und schüttelte den Kopf ,,, komisch. Nun bin ich achtzig Jahre alt geworden und habe noch nie nachgeguckt, was ich eigentlich für Achselhaare habe... Das muß eine merk würdige Zeit sein in zweitausendfünfhundert Jahren!"

,, ja", stammelte Untwalte, nun selbst ratlos ,,,, und die Männer feines Gefolges, die für die Reinhaltung der blonden und großen Rasse und für die Aufnordung durch Kinderzeugen eintraten, die waren auch sonderbar. Der eine, der Sprecher, der mar winzig flein und schwarz von Haar, und der andere, der Hauptmann, der nordete selbst nicht mit auf

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,, Warum denn nicht...?"

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Sonntag, 31. Juli 1932

,, Das darf ich nicht sagen, sonst kommt eine einstweilige Ver­

fügung!"

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Was tommt um Teuts willen?" ,, Eine einstweilige Verfügung weiß auch nicht, was das ist. Die besorgte immer der Rechtsanwalt dieses Mannes, der auch für einen der allergrößten und schlimmsten reichen Herren eintrat."

,, Hör auf!" flehte Liutfrid. Ich kann nicht mehr. Ich verstehe das nicht. Mir wird ganz schwindlig." Und plötzlich wurde des Priesters Ausdrud ganz streng. Sein Auge mar auf den Metkrug gefallen. Ha! Untwalte! Nun weiß ich wohl! Absetzen werden wir dich müssen als Drude! Zu tief tunktest du in den Topf des Taumeltrants! Daher der Unsinn!"

" Glaub's immerhin und setze mich ab," sagte die Drude ergeben, ,, aber zuvor laß mich noch das Ende des Traumes erzählen. Also der Mann mit dem falsch verstandenen Hafenkreuz ging mit all seinen Mannen los auf die Arbeiter mit der heiligen Fahne rot, und sein Haufe schrie fortgesetzt: Deutschland erwache! Na, und da sind sie erwacht, und ich auch

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und da war es aus, der Traum!" ,, Aus der Traum!" wiederholte Liutfrid- ,, ich glaube doch, Unfwalte, ich habe dir Unrecht getan; es tam nicht vom Trinken. Es wird schon so sein, es wird schon so fommen in zweitausendfünf­hundert Jahren, wir brauchen's ja gottlob nicht mehr mitzumachen aber wenn die mit unserem heiligen Rot mur am Ende erwachen dann wird's schon merden. Unfmalte! Aus der Traum Fretheit!"

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Deutsche Sozialisten

Ferdinand Lassalle ( 1825-1864).

dem Elend, der Unwissenheit, der Armut, der Machtlosigkeit und

Die Geschichte, meine Herren, ist ein Kampf mit der Natur, mit

somit der Unfreiheit aller Art, in der wir uns befanden, als das

Menschengeschlecht im Anfang der Geschichte auftrat. Die fortschrei Freiheit, welche die Geschichte darstellt. In diesem Kampf würden tende Befiegung dieser Machtlosigkeit das ist die Entwicklung der

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wir niemals einen Schritt vorwärts gemacht haben oder jemals weiter machen, wenn wir ihn als einzelner jeder für sich, jeder

allein geführt hätten oder führen wollten. Der Staat ist es, welcher die Funktion hat, diese Entwicklung der Freiheit, diese Entwicklung des Menschengeschlechts zur Freiheit zu vollbringen. Der Staat ist

diese Einheit der Individuen in einem sittlichen Ganzen, eine Ein­heit, welche die Kräfte aller einzelnen, welche in diese Vereinigung eingeschlossen sind, millionenfach vermehrt, die Kräfte, welche ihnen allen als einzelnen zu Gebote stehen würden, millionenfach verviel­fältigt.

Der Zweck des Staates ist also nicht der, dem einzelnen nur die persönliche Freiheit und das Eigentum zu schützen, mit welchem er nach der Idee der Bourgeoisie angeblich schon in den Staat ein­tritt; der Zweck des Staates ist vielmehr gerade der, durch diese Vereinigung die einzelnen in den Stand zu sehen, soiche Zwecke, eine solche Stufe des Daseins zu erreichen, die sie als einzelne nie erreichen könnten, sie zu befähigen, eine Summe von Bildung, Macht und Freiheit zu erlangen, die ihnen sämtlich als einzelnen schlechthin unersteiglich wäre. Der Zweck des Staates ist somit der, das menschliche Wesen zur positiven Entfaltung und fortschreitenden Entwicklung zu bringen, mit anderen Worten, die menschliche Be­stimmung, d. h. die Kultur, deren das Menschengeschlecht fähig ist, zum wirklichen Dasein zu gestalten; er ist die Erziehung und Ent­wicklung des Menschengeschlechts zur Freiheit. Diese ist die eigent­liche sittliche Natur des Staates, meine Herren, seine wahre und höhere Aufgabe. Sie ist es so sehr, daß sie deshalb seit allen Zeiten durch den Zwang der Dinge selbst von dem Staat, auch ohne seinen Willen, auch unbewußt, auch gegen den Willen seiner Leiter, mehr oder weniger ausgeführt wurde.

Der Arbeiterstand aber, meine Herren, die unteren Klassen der Gesellschaft überhaupt haben schon durch die hilflose Lage, in welcher sich ihre Mitglieder als einzelne befinden, den tiefen Instinkt, daß eben dies die Bestimmung des Staates sei und sein müsse, dem einzelnen durch die Vereinigung aller zu einer solchen Entwicklung zu verhelfen, zu der er als einzelner nicht befähigt wäre. Ein Staat also, welcher unter die Herrschaft der Idee des Arbeiterstandes gesetzt wird, würde nicht mehr, wie freilich auch alle Staaten bisher schon getan, durch die Natur der Dinge und den Zwang der Umstände unbewußt und oft sogar widerwillig getrieben, sondern er würde mit höchster Klarheit und völligem Bewußtsein diese sittliche Natur des Staates zu seiner Aufgabe machen. Er würde mit freier Lust und vollkommenster Konsequenz vollbringen, was bisher nur stück­weise in den dürftigsten Umrissen dem widerstrebenden Willen ab= gerungen worden ist, und er würde somit eben hierdurch notwendig einen Aufschwung des Geistes. die Entwicklung einer Summe von Glück, Bildung, Wohlsein und Freiheit herbeiführen, wie sie ohne Beispiel dasteht in der Weltgeschichte und gegen welche selbst die gerühmtesten Zustände in früheren Zeiten in ein verblassendes Schattenbild zurücktreten.

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