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Beilage

Sonnabend, 27. August 1932

Günther Birkenfeld : Ewige Dauer

Zu Goethes Geburtstag am 28. August

In den ersten Maitagen des Jahres 1824, da Goethe und Edermann, von einer Bagenpartie heimkehrend, der sinkenden Sonne entgegenfuhren, sagte Goethe mit heiterer Stimme: Mich läßt der Gedanke an den Tod in völliger Ruhe. Denn ich habe die feste Ueberzeugung, daß unser Geist ein Wesen ist ganz unzerstör­barer Natur, es ist ein fortwirkendes von Ewigkeit zu Ewigkeit, es ist der Sonne ähnlich, die bloß unsern irdischen Augen unter­zugehen scheint."

Oft genug, früher und später, in Dichtungen und in Gesprächen, hat Goethe diesen Glauben an die ewige Dauer der in ihm ver­einigten Kräfte wiederholt. Doch niemals wohl herrlicher und herrischer zugleich als am Abend des 4. Februar 1829, da er im schwarzen Staatsfrack, den silbernen Ordensstern auf der Brust, still aufgerichtet am Fenster seines Arbeitszimmers stand und davon sprach, daß die Natur verpflichtet sei, ihm eine andere Form des Daseins anzuweisen, sobald die jetzige seinen Geist nicht mehr auszuhalten vermöge.

Eckermann, der diese Worte demütig anhörte, erbebte in seinem Innersten.

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Hundert Jahre nach Goethes leiblichem Tode können aus einer beliebigen Stunde des Jahres 1932 die folgenden Begebenheiten berichtet werden, die- wiederum unter vielen ähnlichen Inhalts­nach Belieben ausgewählt wurden: Der Minister für Notstandshilfe sitzt im Wintergarten seiner Dienstwohnung. Seine Haltung verrät anfänglich Nachdenken, dann Zweifel und schließlich Angst. In zwei Stunden wird im Parla­ment über das Programm für Landbesiedlung entschieden werden, das der Minister nach unermüdlichen Studien und nach erschöpfen­den Verhandlungen geschaffen hat. Er fand wenig Freunde, hin­gegen viele entschiedene Gegner. Seit Monaten schon wird er fritifiert, gewarnt und auch verunglimpft.

Der Minister beharrte bei seiner Ueberzeugung, daß sein Plan für Millionen von existenzlos gewordenen Menschen die Rettung bringe. Indem er in dieser Stunde noch einmal alles überprüft, wird seine Gewißheit von neuem bestärkt.

Die Angst jedoch davor, daß sein Plan abgelehnt werden fönnte, wächst unbezwinglich und würgt den Mann wie eine Faust. Er­schöpfung droht ihn zu überwältigen, bevor er sich noch der Ent­scheidung stellte.

Unstet wandern die Augen über die seltenen und mannigfach gefärbten Blüten zwischen den Doppelfenstern. Und auch die Ge danken schweifen ab. Der Minister erinnert sich, daß heute die Goethe- Feiern stattfinden. Wortkarg hatte er sein Fernbleiben ent­fchuldigt und für sich gedacht, daß Goethe zu feiern etwas für Leute sei, die feine ernsteren Sorgen hätten.

Er überlegt sich eine neue Verteidigung für einen der am heftig­ften bekämpften Punkte seines Programms.

Doch jetzt meilt jemand im Raum... unsichtbar und auf ge­heimnisvolle Weise... jemand, der den Minister für Notstandshilfe, zwei Stunden vor der entscheidenden Parlamentssigung, dazu zwingt, die Gedanken immer wieder und aufmerksamer auf ihn zu richten.

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In den ,, Wanderjahren" müssen sich Pläne befinden, die meinen Forderungen sehr verwandt sind, glaubt der Minister sich zu ent­sinnen. Und dann muß er des alten Faust gedenken, der sich nach allen stürmischen Reisen durch die große, durch die kleine Welt auf den Entschluß beschränkt, den Menschen neues Siedlungsland aus der Meeresanschwemmung zu schaffen.

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Ein Lächeln überrinnt die gequälten Züge des Mannes, zag, dann kampffreudig. Er schellt nach seinem Sefretär.

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erst

Der vertraute Helfer vieler Arbeitsjahre kleidet sein Erstaunen über die hochgemute Stimmung des Chefs in eine Phrase der Bewunderung.

Ja, es sei jemand bei ihm gewesen, dessen Besuch ihm sehr wohlgetan habe, erwidert der Minister geheimnisvoll und sagt leiser, das vermehrte Befremden des Sekretärs nicht beachtend:

.. doch rufen von drüben

Die Stimmen der Geister, Die Stimmen der Meister: Versäumt nicht zu üben Die Kräfte des Guten! Wir heißen euch hoffen!"

Damit nimmt der Minister die Mappe unter den Arm, die das Programm für Landbesiedlung enthält, und geht mit straffen Schritten der Entscheidung entgegen.

Zur gleichen Stunde flingelt Theodor Sommer, Prokurist der Holzgroßhandlung Philipp Zarnke, an der Flurtür seiner Nachbarin, der Frau Sanitätsrat Pflüger.

Der Sanitätsrat war vor einigen Wochen einem Herzschlag erlegen. Die Witwe hatte sich so gefaßt, so ohne Klagen und Tränen bezeigt, daß manche der Kondolenten, die eine untröstlich Weinende erwartet hatten, enttäuscht, wenn nicht gar entrüstet waren. Nicht so Prokurist Sommer, der an nahezu zwanzig Jahren neben den Pflügers wohnte. Er bangte um die Witwe und hatte täglich bei ihr vorgesprochen.

Gestern jedoch hatte Sommer vergeblich geschellt und hatte schließlich einen Schlosser kommen lassen. Und später war es not­wendig gewesen, die Feuerwehr mit einem Sauerstoffapparat, einen Arzt und eine Pflegerin herbeizurufen.

Erregt hüstelt der Prokurist, indem er darauf wartet, daß die Wärterin ihm öffne. Er fürchtet sich, Frau Pflüger wiederzusehen, fürchtet die Anklage in ihrem Blick.

"

Warum haben Sie mich denn nicht zu ihm gelassen?" jammert die Kranke tonlos. Jaja, Sie haben's ja nur gut gemeint, lieber Herr Sommer!... Aber ich hielt es einfach nicht mehr aus. Diese Sehnsucht!... Im Anfang war ich ja wie gelähmt... aber jetzt war es nicht mehr zu ertragen!" Frau Pflüger kehrt sich zur Wand. Mit glutrotem Gesicht und ratios an seinem Filzhut fingernd, fizt der Prokurist auf seinem Stuhl. Er ist eine ehrliche Haut und versteht etwas von Maserungen und vom Fournieren. In einer beschwerten menschlichen Stunde jedoch das rettende Wort zu finden, nein, das ist ihm nicht gegeben.

Ja, warum ließ ich sie denn nicht? Mit welchem Recht hielt ich sie zurück? Dann martert wieder die Gegenfrage fein Hirn: Aber war es denn nicht einfach meine Pflicht... meine Pflicht als Christenmensch?

der da steif und stumm vor der Kranken sizt und seinen Hut dreht. Herrn Sommers Gedanken sind wie Bienen. Ueberall suchen und tasten sie und vermögen sich doch nirgendwo festzusaugen. Bon ungefähr fällt sein Blick auf die Zeitung, die am Bett liegt. Da ist von Goethe die Rede.

,, Goethe, hm, der hat doch soviel Schönes gesagt!" Abermals suchen die Bienen. Schulerinnerungen, angestrengt hervorgemüht: ,, Erlkönig , Egmont , Der Taucher?, Hermann und Dorothea , weiter, weiter... der Mann hat doch so treffende Sprüche geschrieben...

all die vielen Zitate!"

Von der Ungeduld, das rechte zu finden, wird der Prokurist Von der Ungeduld, das rechte zu finden, wird der Prokurist bald verwirrt. Sein Hirn wird bleiern. Er entschuldigt sich und geht auf den Zehen hinüber in die Bibliothek des Sanitätsrats, findet den gesuchten Band und blättert mit zitternden Fingern.

Dann tehrt er zu der Witwe zurück und bittet sie um Gehör. mit der treuherzigen Betonung eines Schulknaben liest der Pro­furist der Holzgroßhandlung Philipp Zarnke:

,, Kein Wesen kann zu Nichts zerfallen, Das Em'ge regt sich fort in allen, Am Sein erhalte dich beglückt! Das Sein ist ewig. Denn Gesetze Bewahren die lebend'gen Schäze,

Aus denen sich das All geschmückt!"

,, Schön ist das... so weit..." meint die Witwe mit einem Lächeln des Dankes. Goethe, nicht wahr?... Geben Sie doch ditte

einmal."

Draußen wischt Prokurist Sommer sich den Schweiß von der Stirn. Und drunten an der Ede trinkt er ein Helles. Und findet es nicht widerfinnig, den ersten Schluck auf das Wohl des Dichters zu nehmen, der schon so lange tot ist.-

Und abermals zur gleichen Stunde wird Erika Krüger in der Strophe des Gedichts ,, Die wandelnde Glode" hersagen. Zur vierten achten Klasse von der Lehrerin aufgerufen und muß die erste Strophe wird Hertha Flieg aus dem Dösen geweckt.

Hansjürgen

Der Abend

Spalausgabe des Vorwards

Die Lehrerin erfreut sich an dem Behagen, mit dem Hertha auf der Zeile verweilt: ,, Die Glode tommt gemadelt".

Und Lise Scholz, wohl die kindlichste unter den Schülerinnen, die mitunter jedoch verblüffend alttluge Fragen hervorbringt, rect den Zeigefinger und will wissen, ob der Dichter Goethe selbst noch ein Kind war, als er das von der wackelnden Glocke schrieb.

jener beliebig ausgewählten Stunde begegnete. Denn er hat für nahezu alle menschlichen Schicksalsstunden das erfüllende oder lösende Wort gefunden. Und so lebt und wirkt er fort und fort, in zahllosen Entscheidungen zahlloser Männer und Frauen.

So könnte noch von vielen berichtet werden, denen Goethe in

Ewige Dauer.

Stunde soll nicht verschwiegen bleiben: Das wohl am meisten bewegende Ereignis jedoch aus unserer

Inmitten der Arbeitslosen, die mehr als eine Stunde in einem Mädchen, auffallend schmächtig und blaß. Eine Frau will ihr den engen und muffigen Gang auf Abfertigung warten müssen, steht ein Plak halten, sie soll sich indessen draußen auf die Bank setzen. ,, Ach nein, danke, ich halte schon noch durch", gibt das Mädchen zur Ant­wort und blickt weiterhin ihrem Vordermann über die Schulter, einem abgebauten Handlungslehrling vielleicht, der aus einem ver­

schmuddelten Hefte Gedichte liest.

sich seitlich ab. Dann wird er gewahr, daß nebenan jemand mit Der Handlungslehrling bemerkt die Blicke von hinten und kehrt dem Nachbarn die letzte Zigarette teilt... schämt sich und stellt sich so, daß das Mädchen bequem mitleſen kann.

Zulegt läßt er ihr das Heft mit Goetheschen Gedichten bis zum nächsten Zahltage.

Bergeblich erwartet er sie. Aber ein anderes Mädchen, wohl ihre Freundin, tritt mit dem Heft an ihn heran und sagt: Immer wieder hat sie die Gedichte gelesen. Bis zuletzt. Und dies hier, das fei nun ihr Gedicht, hat sie gesagt."

Die Freundin schlägt auf, dort wo ein Schnipsel Papier zwischen den Seiten liegt. Es ist Mignons Abschiedslied:

,, So laßt mich scheinen, bis ich werde, Zieht mir das weiße Kleid nicht aus! Ich eile von der schönen Erde Hinab in jenes feste Haus.

Dort ruh ich eine kleine Stille, Dann öffnet sich der frische Blick, Ich lasse dann die reine Hülle, Den Gürtel und den Kranz zurück.

Tech: Amerika ? Ogottogott!

Weidlich:

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nie wieder zurückgegangen. Ach Deutschland ! Deutschland ! Wissen Sie, wer meine legte Erinnerung ist an drüben? Kainz. Josef Kainz . Wie oft habe ich ihm zugejubelt! Ach, überhaupt das Theater in Berlin , in Wien !"

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,, Aber Menschenskind! Wenn Sie so ein Theaterenthusiast sind, was wollen Sie dann um Gottes willen hier in Amerika ! Warum sind Sie denn nicht gleich zurückgegangen, als Sie merkten, hier war fein Vorwärtskommen für Sie?"

Es ist nachts halb zwölf. Ich size in der Hochbahn und fahre| auch Deutscher . Ja, vor 20 Jahren bin ich ausgewandert und bin nach Hause. Bis elf Uhr habe ich übergearbeitet. Fünf Stunden Kisten gepackt. Und dafür 75 Cents. Das ist nicht viel. Dennoch- der arme Kerl, der da neben mir pennt, würde es sicher ein Ver­mögen nennen. Wie heruntergekommen der aussieht! Die Stiefei sind mit Bindfäden zugeschnürt. Der Anzug ist voller Flicken. und das Hemd, wie dreckig das ist! Kragen ist natürlich nicht vorhanden. Aber, sieh mal einer an, seine Melone, so alt sie auch ist, aber staubig nein, das ist sie nicht. Und das Gesicht ja, warte mal- der Kerl ist ja tadellos rasiert. Nanu?! An der 42. Straße wird's voll. All die Leute, die sich auf dem Broadway amüsiert haben. Du lieber Himmel, kann die Dicke aber drängeln!. Die quetscht mich doch tatsächlich gegen den armen Kerl. Daß er man bloß nicht aufwacht! Da!- da haben wir es schon! Er ist wach. Verzeihen Sie nur", sage ich und sehe ihn an. Komische Augen hat er. So weit weg sind die. Vielleicht hat er gerade geträumt. Komischer Kerl überhaupt.

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Auf einmal fragt er mich: ,, Ich interessiere Sie wohl?" ,, Nun ja allerdings Sie fallen mir auf."

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,, So? Ach! Ich falle Ihnen also auf? Das ist höchst bemerkens­wert. Sie, ein intelligenter Mensch, sagen...

,, Nun aber mal langsam, langsam

,, Nein, lassen Sie's nur gut sein. Sie als intelligenter Mensch sagen, daß ich Ihnen auffalle. Das ist eine sehr wichtige Fest­stellung für mich. Denn das beweist doch, daß ich mich nicht täusche, wenn ich behaupte, daß es bergauf geht mit mir."

" Wieso? Das verstehe ich nicht. Das müssen Sie mir erklären." Ja, sehen Sie, mir ist es schlecht gegangen, sehr schlecht. Kein Mensch hat mich mehr beachtet. Ich habe jahrelang nichts Ordentliches zu essen gehabt. Aber ich habe mir immer gesagt: nicht unterkriegen lassen, durchhalten, es werden bessere Zeiten kommen. Und jetzt jetzt ist es soweit. Ich bin übers ärgste hinaus."

,, Das würde mich wirklich freuen. Aber woher wissen Sie das?" ,, Ganz einfach. Wohin ich komme, beachtet man mich. Wenn ich früher in ein Restaurant tam und um etwas zu essen bat, wurde ich sofort wieder hinausgewiesen. Heute ist das anders. Ich brauche nicht einmal mehr zu fragen. Man gibt mir immer etwas. In der 21. Straße habe ich ein richtiges Stammlokal. Dort darf ich sogar an einem Tisch sizen, an einem richtigen Tisch wie die anderen Gäste auch. Und, so oft ich komme, friege ich eine Tasse Kaffee und ein Stück Apfelkuchen. Neulich sogar mit Schlagsahne, weil man sich so über mich amüsiert hatte. Die Leute lachen über­haupt sehr oft über mich. Darauf bauen sich auch meine Zukunfts pläne. Denten Sie an, ein Barbier nennt mich direkt: Chaplin. Und weil ich ihm immer so viel Spaß mache, bekomme ich Rasieren und Haarschneiden für umsonst. Das sind doch alles Beweise, daß man Interesse an mir hat, nicht wahr?"

,, Ja, ja. Gewiß doch." So schäbig, so hoffnungslos elend sieht er aus, daß man ihn nicht mehr hinausweist. Weil man sieht, der fann wirklich nicht mehr arbeiten. Und man gibt ihm zu essen: Hier, komm, damit du nicht ganz auseinander fällst. Und er hält das für Interesse an seiner Person. Schmiedet Pläne. Und merkt nicht, daß die Leute über ihn nur lachen, weil sie sich darüber

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er

lustig machen, daß so ein Wrack noch Unternehmungsgeist haben Und ich darf ihm seinen Glauben auch nicht nehmen, muß sagen: ja, ja; gewiß doch.

fann. Ogottogott!

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,, Sehen Sie einmal an! Also Sie geben mir darin recht. Das ist doch wirklich sehr wichtig für mich. Jetzt glaube ich immer mehr daran, daß es vorwärts geht mit mir. Haben Sie neulich mein Bild in der Zeitung gesehen? Nein? Ja, denken Sie einmal an, ich bin photographiert worden und mein Bild hat in der Zeitung gestanden. Und das will doch etwas bedeuten, wenn die Zeitung das Bild von jemandem bringt. Dann ist doch etwas besonderes an ihm, nicht wahr?"

Ja natürlich. Nein so etwas! Ihr Bild in der Zeitung!" 3a, das bedeutet schon etwas, allerdings. Armer Kerl! Warum steht er mich denn auf einmal so merfwürdig an? Go prüfend? ,, Run, mas ist denn los?"

,, Ach, entschuldigen Sie bitte, aber nicht wahr? Sie find Sie find Mergerlich, verweisend blidt die Pflegerin auf den Besucher, doch Deutscher? Oh, wie ich mich darüber freue! Ich bin nämlich

,, Nein, das wollte ich nicht. Ich war drüben Kaufmann ge­wesen. Der Beruf paßte nicht zu mir. Da habe ich Schluß gemacht und bin nach hier gekommen, um etwas neues anzufangen. Und ein Zurück gab es da nicht. Erst mollte ich etwas werden."

,, Na ja, das ist ja sehr lobenswert. Aber als es nun nicht so flappte, wie Sie sich das gedacht hatten?"

,, Da war es zu spät. Ich hatte kein Geld mehr. Und zum Zurückarbeiten war ich zu schwach. Die Kapitäne nahmen mich nicht. So habe ich mich denn durchgeschlagen hier. Als Geschirr­wäscher, Fensterpuzer, Fahrstuhlführer na Sie wissen ja wohl, wie das hier ist. Und später habe ich angefangen zu betteln. Was blieb mir sonst übrig?"

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,, Sicher. Nun passen Sie aber mal auf. Wenn Sie jetzt zurück mollen, dann geht das. Sie melden sich bei der Ein­manderungsbehörde. Und die sorgt dafür, daß Sie nach Deutsch­ land zurückkommen. Das kostet absolut nichts für jemanden wie Sie."

,, nein. Das tue ich nicht, gerade jetzt, da es anfängt, mit mir vorwärts zu gehen. Nein, nein! Bedenken Sie doch, was ich in den 20 Jahren alles durchgemacht habe! Und ich habe es aus­gehalten. Habe dabei nicht den Verstand verloren. Sie habe ich doch sofort als Deutschen erkannt. Das ist eine sehr ernste Fest­stellung für mich. Ich kontrolliere mich nämlich sehr genau. Deswegen bin ich auch so froh, Sie getroffen zu haben. Denn Sie | sind ein intelligenter Mensch und bestätigen mir, daß ich in allem, was ich von mir behaupte, recht habe."

,, Ja, das stimmt. Und ich bin überzeugt, daß Sie, wenn Ihre Energie nicht nachläßt, auch Ihr Ziel erreichen." Was soll ich ihm sonst sagen? Ich darf doch seine Illusionen nicht zerstören. Nun müssen Sie mir aber noch verraten, worauf Sie eigentlich lossteuern." ,, Ach so ja. Ich will natürlich zur Bühne. Als Komiker. Vielleicht auch zum Tonfilm. Das ist nur noch abhängig von meinen 3ähnen. Die haben sehr gelitten in den 20 Jahren. Aber der der ist nämlich auch gleichzeitig Dentist will sie mir Barbier wieder in Ordnung bringen, sowie er Zeit dazu hat. Und sobald ich dann wieder normal sprechen kann, gehe ich..."

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,, Augenblick mal, bitte." Ich kann das nicht mehr mit anhören. ,, Wir sind schon an der 145. Straße. Ich muß bald aussteigen. Wollen Sie mitkommen und bei mir schlafen? Ich habe allerdings nur einen Schaufelstuhl für Sie."

,, Das ist sehr liebenswürdig. Haben Sie vielen Dank. Aber ich schlafe heute nacht hier in der Hochbahn. Da kann ich dann morgen gleich am Pennsylvania Bahnhof aussteigen, wo ich mich immer wasche. Und außerdem, da ich hier nun schon 5 Cents ausgegeben habe, will ich die auch voll ausnüzen. Morgen muß

ich wahrscheinlich doch wieder in einem Hausflur schlafen; denn im Central Park ist es mir jetzt zu falt. Und dann sind die Bänke da auch so unbequem. Jedesmal fünf Armlehnen! Wie soll man da mit seinen Beinen zurecht kommen!"

,, Gut, daß Sie mir das sagen. Da kann ich Ihnen einen Rat geben. In Höhe der 90. Straße, etwa in der Mitte des Central Parks

, dort steht ein altes verlassenes Auto. Darin schläft es sich sehr bequem und man ist auch geschützt vor Regen. Sie müssen nur früh hingehen, damit Sie der erste sind. Bis vor kurzem habe ich dort noch gehaust. Jetzt aber, seitdem ich regelmäßig arbeite, habe ich ein kleines Zimmer. Besuchen Sie mich doch gele... Donner­metter, hier ist ja schon meine Haltestelle. Da! Da sind 70 Cents für Sie. Vielleicht helfen die Ihnen ein bißchen. Auf Wiedersehen! Alles, alles Gute!"

Er winkt mir noch nach. Dann fährt die Hochbahn mit ihm fort. Nun wird er die ganze Nacht hin- und herfahren und für 5 Cents schlafen. Menschenstind!

fort.