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Morgenausgabe

Nr. 445

A 217

49. Jahrgang

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Vorwärts

Berliner Boltsblatt

Mittwoch 21. September 1932 Groß- Berlin 10 Pf.

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Wir greifen an!

Wels und Löbe rufen zum Freiheitskampf.

FUR DEMO

TEM PET

Die Berliner Sozialdemokratie hat den Wahlkampf er-| öffnet, fieben Wochen vor dem Entscheidungstag. Daß sie gerüstet und entschlossen ist, das bewies der im­ponierende Verlauf der überfüllten Rundgebung im Sportpalast.

Nicht lärmende, aufflackernde Begeisterung, sondern un­ermüdliche kampfesfrohe Bereitschaft, abermals unter Auf­bietung aller Kräfte den Feinden der Arbeiterklasse und der fozialen Demokratie siegreich die Stirn zu bieten das war das Rennzeichen dieser Kundgebung im Zeichen der roten Fahnen und der drei Pfeile. Die Berliner Sozialdemokraten, die vor sieben Wochen über 700 000 Stimmen aufgebracht haben, werden durch Agitation und Aufklärung dafür sorgen, daß in sieben Wochen noch weit mehr Wählerinnen und Wähler sich zu ihrem Programm und zu ihren Zielen be­

fennen.

Nicht wir sind es, die einen fünften Appell an das Volt zu scheuen brauchen. Mag auch der Name der Eisernen Front neueren Datums sein, die sozialistische Bewegung ist zu alt erprobt, zu festgeschmiedet, zu diszipliniert, um nicht jeder zeit bereit zu sein, dem Ruf ihrer Führer geschlossen zu folgen: am 6. November zum fünften Male innerhalb von neun Monaten und, wenn es sein muß, ein sechstes Mal bald danach. Wir sind bereit, jederzeit und immer bereit! Das war das Gelöbnis der 18 000, die aus allen Teilen Berlins in den Sportpalast zusammengeströmt waren.

Aber über diese Demonstration der Kraft und des Kampf willens hinaus gewann die gestrige Rundgebung eine eminent politische Bedeutung durch die aufsehenerregen den Enthüllungen des Genossen Otto Wels über den Verzweiflungsplan Adolf Hitlers am Vorabend der letzten Reichstagstagung:

Als der nationalsozialistische Führer jah, daß ihm der Weg zur Macht durch Hindenburgs Nein versperrt war, wollte er durch die Vermittlung des Zentrums die Sozialdemokratie für eine gemeinsame Aktion zur Absehung Hinden burgs durch einen Reichstagsbeschluß mit Zwei­drittelmehrheit gewinnen! Die Marxisten", die Landesverräter", die Novemberverbrecher" sollten sich dazu hergeben, seine enttäuschten Machtansprüche auf Umwegen zu befriedigen!

Daß wir uns auf solche betrügerischen Geschäfte nicht

eingelassen haben, ist selbstverständlich, und die Versammlung brachte durch Zurufe und Beifall zum Ausdruck, was sie von den Charaktereigenschaften dieses neuen Messias des deutschen Spießbürgertums hält.

Und wie es in den obersten Sphären der NSDAP . aus­fieht, dafür lieferte Wels einen neuen Beweis mit der weite­ren Enthüllung eines Schrittes von Gregor Straßer bei Schleicher, ebenfalls am Vorabend der Reichstags= auflösung:

Ein paar zündende, aus dem Herzen kommende, zu den Herzen sprechende Worte des österreichischen Abgeordneten Genossen Karl Ellenbogen, ein flammendes Gelöbnis des Genossen Franz Künstler , ein strammer Abmarsch der Fahnendelegationen unter den Klängen unserer alten | Truglieder die Berliner Sozialdemokratie zieht siegesbewußt in den neuen Kampf!

*

Stehend, mit zum Schwure erhobener Faust, grüßten die Massen Gregor Straßer suchte den Reichswehrminister die Banner der Freiheit, die von unseren Kämpfern im Arbeitsrock, auf und legte ihm nahe, auf Hitler einzuwirken, da­mit er endlich seinen Anspruch auf den Reichsgeleitet wurden. Dann eröffnete Franz Künstler die erſte in der Uniform des Reichsbanners oder im Sportdreß in den Saal kanzlerposten preisgebe, den zu bekleiden Wahlkundgebung der Berliner Eisernen Front mit dem Hinweis er gar nicht fähig sei. Aber Schleicher war offenbar bereits fest entschlossen, den Weg der faktischen Diktatur mit Papen weiterzugehen und lehnte eine solche Einwirkung ab.

Diese Enthüllungen werden im In- und Ausland in den tommenden Tagen zweifellos im Vordergrund des politischen Intereffes stehen und im Wahlkampf selbst dazu dienen, den nationalsozialistischen Mitläufern zu zeigen, wie es mit ihrer Führung bestellt ist.

Zu immer neuer Begeisterung rüttelte unser Parteivor­sigender die Versammlung auf, als er in ergreifenden Worten das sozialdemokratische Bekenntnis zum Baterland und zur Heimat im Sinne einer höheren Kultur, im Sinne der staatsbürgerlichen Freiheit ablegte und den Miß­brauch der nationalen Gefühle durch Hitler , den Mann des Bürgerkrieges, und durch Papen, den Mann der Herren­schicht, brandmarkte.

Nun folgte Genosse Paul Löbe , der, wie der Be­zirksvorsitzende Franz Künstler unter immer wieder holten Beifalls- und Freiheitsrufen feststellte, in Berlin erst recht populär geworden ist, seitdem er durch seinen Eintritt in die Vorwärts"-Redaktion den Berliner Parteigenossen noch näher steht. Seine teils humorvollen, teils packenden Worte rissen die Versammlung immer wieder zu Beifalls­stürmen auf, als er den Kazenjammer der betroge= nen Nazis verhöhnte, die Verantwortung der Kommunist en eindringlich nachwies, die sozialreaktionäre Gefährlichkeit des kapitalistischen Papen- Kurses feststellte und Gefährlichkeit des fapitalistischen Papen- Kurses feststellte und als er schließlich die Rettung aus der Wirtschaftskrise allein durch den Sozialismus verkündete.

darauf, daß in der Eisernen Front Parteigenoffen, Gewerkschafts­kollegen, Arbeitersportler und unsere tapferen Reichsbannerkame­raden zu dem gemeinsamen Werke der Freiheit vereint sind. Einen ersten Gruß widmete Künstler dann dem im Zuchthaus sizenden zu: Es wird der Tag kommen, wo die Opfer der Reaktion wieder Berliner Reichsbannerkameraden May Rothe, und er fügte hin­werden. Ein Zeichen der innigen Verbundenheit zwischen Berliner an unserer Seite für Sozialismus, Demokratie und Freiheit kämpfen

Partei und Berliner Reichsbanner waren die Worte, die Künstler tete, der noch immer unter den schweren Verwundungen leidet, die an den am Vorstandstisch sitzenden Kameraden Wölfel rich­er durch einen feigen Ueberfall nationalsozialistischer Burschen erlitt. unserer schwedischen Genossen und begrüßte mit herz­Genosse Künstler erinnerte dann an den großen Wahlsieg lichen Worten den Genossen Ellenbogen aus Deutschösterreich und Bertreter der deutschen Sozialdemokratie der tschechoslowakischen Republif. Mit einem Appell, auch in diesem fünften Wahl­kampf des Jahres in mutigem Angriff auf alle Gegner die Pflicht zu erfüllen, schloß Künstler seine einleitenden Säge. Nach dem dann Martha John hinreißend Verse der Freiheit ge­sprochen hatte, nahm das Wort, stürmisch begrüßt, der Vorsitzende der deutschen Sozialdemokratie

Otto Wels :

Die Beauftragten des Herrenklubs in der Wilhelmstraße haben entschieden, daß das deutsche Volk am 6. November wiederum zur Wahlurne gehen muß. Das Urteil über die Regierung Bapen ist bereits gesprochen, noch ehe das Volk zur Wahlurne geht Sie wird wiederum eine Schlappe erleiden und wir wollen dann sehen, ob es der Reichspräsident nochmals wagt, wiederum einen Vor­wand zur nochmaligen Auflösung des Reichstags