FÜNFTE BEILAGE
80]
Vorwärts SONNTAG, 2. OKT. 1932
Gilgi
eine von uns
Es passiert ein Wunder: Martin arbeitet drei Tage hintereinander- Tag und Nacht. Bilgi geht auf Fußspizen durch die Wohnung. Stellt ihm lautlos das selbstgekochte Mittagessen auf den Schreibtisch schwindet wieder. Nachher sind ein paar Säße auf den beschriebenen Bogen nicht mehr zu lesen, weil Spinatflecke drauf sind
ver=
wird man morgen Blumenkohl fochen. Gilgi ist auf sich selbst angewiesen. Ihr fällt ein, daß sie nichts Rechtes mehr anzuziehen hat. Lieber aufhängen als schlampig herumlaufen. Frühjahrs- und Sommergarderobe muß in Ordnung gebracht werden. Gut, daß man Zeit dazu hat. Am Nachmittag geht sie zur Sparkasse, läßt sich von ihren zwölfhundert Mark fünfhundert auszahlen. Erstens muß man Stoff taufen, Schuhe, einen Hut- Handschuhe Gott , hat man auf einmal viel nötig. Badesalz , bißchen Parfüm, Puder
,, erst Puder und Parfüm dann Essen ",
jagt Olga immer. Liegt eine tiefe Weisheit drin. Na, und im übrigen wird man zum Haushalt beisteuern, braucht Martin gar nicht zu merken. Mal sehen, ob nicht heimlich, still und leise doch noch so' bißchen Ordnung in die Geschichte bekommt.
man
werden so'n Kleid, sonst In der Sparkasse verliert man die Lust
dran. Und am nächsten Morgen wird zum Arbeitsnachweis gegangen. Etwas über dreizehn Mark wird man die Woche friegen. Rann man doch mitnehmen, das Geld! Mußt du doch einsehn, Martin- über fünfzig Mart im Monat für nichts und ' wieder nichts! Ist doch kein Dred!"
,, Na, ja, wenn das so eine Art Rente ist.." Martin hat mal eine Offizierswitwe gefannt, die hat auch... Zweckloses Unterfangen, ihm Sinn und Bedeutung sozialer Einrichtungen flarzumachen, das versteht er doch nicht- versucht man's also erst gar nicht.
,, Bilgi, ich hab' mir von einem Freund zweitausend Mark schicken lassen, sollen wir fortfahren?"
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,, Kann das nicht, Martin versteh' mich doch gibt doch für jeden was, das er nicht fann. Ich kann nicht auf's Geratewohl mit geliehenem Geld ins Blaue hineinfahren. Ich bin fein Spießer und bin auch nicht feige, aber was ich tu', muß ich übersehn und auf eigenes Risiko tun können. Ich fann nicht so mit Haut und Haaren auf jemanden angewiesen sein und wenn's der mir liebste Mensch auf der Welt ist dann vielleicht erst recht nicht.
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Schick deinem Freund das Geld zurück oder laß uns Schulden damit bezahlen mir zuliebe, Martin..."
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Tausend Einwände von Martin, tausend Einwände von Gilgi und es gibt noch einen tausendundersten Einwand- gibt ihn vielleicht man fann noch nicht drüber sprechen. Großer Gott teuer bezahltes Glück! Keine Möglichkeit festzuhalten, feine..
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,, Martin, sei gut, sei vernünftig. Kann doch keiner raus aus seiner Haut. Sieh mal, ich hätte dich weniger lieb, menn ich so hilflos bei dir im Schlepptau hinge. Ist doch
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ein Grund, das oder nicht? Willst du, daß ich dich weniger lieb haben soll?" Nein, das will er nicht, muß sie wohl lieber haben, die Kleine, als er weiß, daß ihn beim bloßen Gedanken an diese Möglichkeit richtig friert.
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,, Ich will deine Wunderlichkeiten ja in Gottes Namen respektieren, Bilgi - auch ohne sie zu verstehen. Aber wenn deine Unabhängigkeitspsychose nun mal unheilbar ist, dann geh' doch einfach mal zu deiner Mutter zu der, die soviel Geld hat sie hat sich ihr Lebelang nicht um dich gefümmert soll dir doch ruhig mal ein paar mein Gott, ist doch' s tausend Mark Selbstverständlichste von der Welt: wer Geld übrig hat, gibt's anderen, die ihm nah stehn -die gar nichts haben. Hab' ich auch immer
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so gehalten. Für sich allein macht Geldhaben doch gar keinen Spaß und.
Nein, nein, nein, Martin, das will ich nicht da hingehn", fährt Gilgi auf ,,, das will ich nicht, fann ich nicht, mag ich nicht"
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ärgert sich selbst über den eraltierten Ton in ihrer Stimme, fällt Martin um den Hals ,, laß uns doch hierbleiben, laß uns doch jetzt um Gottes willen hierbleiben. Und ich mag das nicht, ich kann niemandem um Geld bitten niemanden..."
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,, Aber mein Gilgichen ist mir ja noch tausendmal lieber, wenn du nicht hingehst. Was hast du denn nur? Ist doch kein Grund da, um so aufgeregt zu sein. Ich dachte ja nur, wenn dich so'n bißchen Abhängigkeit von mir so stört..." Fast klingt ein wenig Bitterkeit in den Worten. Furchtbar dummer Mann! Einer wie alle. Logisch mit dem Verstand, zuweilen unlogisch mit dem Gefühl, immer. Ihr bekommt gleich wahre Plazangst, wenn man sich euch mit Haut und Haaren ausliefert Schreckgespenst: freiheitraubende Verpflichtung na, schön, ist ja zu verstehn. Aber dann soll man plöglich wieder ganz und gar auf euch angewiesen sein, und will man das nicht, paßt's euch erst recht nicht..." ,, Mein Bilgichen, stehn dir gar nicht, solche Pluralreden: Wir Frauen! Ihr Männer! Komm, jei nett und lieb. Freut's dich, wenn ich sage: bleiben wir hier in Gottes Namen?"
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,, Ja, Martin, ja und, nicht wahr, jetzt bezahlen wir Schulden?"
,, Ja", sagt Martin. Klingt ziemlich lau, das Ja und könnt' gerade so gut Nein heißen. Quatsch- Schulden bezahlen! Kann man immer noch früh genug. Ist doch herrlich, zweitausend Mark in der Tasche zu haben, man hat früher gar nicht gewußt, wie herrlich das ist.
Und Martin geht gleich nachmittags zu Olga. Will einen schönen Belzmantel für Bilgi kaufen- da muß Olga mithelfen aussuchen und Stoff zu einem veilchenblauen
Gespräche mit Klein- mila
Von Jaroslav Hajek
Vier Monate schon size ich in Untersuchungshaft und noch immer habe ich nicht gestanden, was ich mit meinem kleinen Neffen, dem vierjährigen Mila Klogner, gemacht habe.
Ich fürchte mich, daß ich ihn, wenn ich eingestehen würde, wo ich ihn gelassen habe und man ihn finden würde, nic mehr vom Hals betommen würde. Ich weiß, daß sein erstes Wort sein würde: ,, Warum?" dieses unglückselige ,, Warum?"
Vor mehr als vier Monaten versprachen die Eltern dem kleinen Mila, daß sein Onkel, also ich, mit ihm spazieren gehn werde. Ob ich wollte oder nicht, mußte ich mit ihm gehen und vorher den Eltern versprechen, daß ich ihn wieder in Ordnung heimbringen werde.
Gleich wie wir aus dem Hause gingen, sagte ich ihm:
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,, Nimm mich bei der Hand, damit dir nichts zustößt!" Warum soll mir nichts zustoßen?" Mit dieser Frage überraschte mich das kluge Kind. ,, Weißt du, Mila, man könnte dich überfahren." Warum fönnte man gerade mich überfahren? Warum nicht dich?" ,, Weil du noch klein bist." ,, Warum bin ich klein?" ,, Weil du erst vier Jahre alt bist." ,, Und warum bin ich erst vier Jahre alt?" ,, Weil du noch nicht fünf bist." ,, Und wenn ich fünf Jahre alt bin?" Dann wärst du um ein Jahr älter." Was ist das, älter?"„ Siehst du, das Fräulein dort, die ist älter." ,, Warum sagst du, Onkel, das Fräulein dort?" ,, Weil sie, mein Liebling, nicht hier ist, sondern gegenüber." ,, Wieso gegenüber?" Schweig schon, Mila." Warum foll ich schweigen?"
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Ich gab ihm ein Kopfstück.
Der Junge fing an zu heulen und ich sagte ihm: ,, Heul' nicht mehr." Er wischte mit dem Aermel über die Augen und fragte mich unschuldig:
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Warum soll ich nicht heulen?" Weil du ein Mann bist." Und warum bin ich ein Mann?" ,, Weil du kein Mädel bist." ,, Warum bin ich fein Mädel?" Weil du Hosen anhast, das andere wirst du erfahren, bis du älter bist."„ Du hast auch Hosen, Onkel?"„ Das siehst du doch." ,, Warum bist du nich, Onkel, ein Junge wie ich?" Weil ich schon erwachsen bin." ,, Werde ich auch erwachsen sein?" Auch, freilich und jetzt halte den Mund!" ,, Warum soll ich den Mund halten?"" Weil ich dich sonst in den Fluß werfe."„ Das wäre sein, Onkel." Jetzt war die Reihe an mir, ihn zu fragen: Wieso wäre das fein, Mila?" ,, Weil ich Dampfschiff spielen würde." Und wie würdest du Dampfschiff spielen?" Ich würde mich aufblasen, Onkel, die Leute würden auf mich draufsteigen und ich würde läuten. Ich würde Dampfschiff ,, Bremen " spielen und Feuer spucken." Plötzlich wendete er seine Aufmerksamkeit einem Manne zu, der die Straßen sprengte. ,, Warum bespritzt der Mann die Straße?" Weil den Staub wegmacht." ,, Warum bespritzt er nicht auch uns?" Weil er das nicht darf." ,, Warum darf er nicht?" ,, Weil er uns die Kleider verderben würde." ,, Warum würde er uns die Kleider verderben?" ,, Mit dem Wasser, Junge."" Und wieso mit Wasser?" ,, Weil er mit Wasser spritzt und nicht mit Bier." ,, Und warum sprigt er nicht mit Bier?" Weil er sich betrinken würde." ,, Warum würde er sich betrinken, Onkel, du betrinkst dich doch auch, sagt die Mama. Warum bist du ein Schwein, Onkel?" ,, Das verstehst du nicht, jetzt aber sei ruhig, sonst gibt's Hiebe." ,, Und warum gibt's Hiebe, Onkel?" Weil du mich beschimpfst."„ Warum soll ich dich nicht be
er
Kleid, dazu einen Schmuck aus dunklen Amethysten in altsilberner Fassung. Hat er neulich bei einem Antiquitätenhändler am Dom gesehen: Ring, Armband, Kette. Muß doch hübsch sein so ein federleichtes, blasses Mädchen mit dem schweren Schmuck. Olga ist Feuer und Flamme. Es ist eine Leidenschaft von ihr, einzukaufen, ganz gleich, ob für sich oder für andere.
,, Ach Martin!" Gilgi verzieht das Gesicht zum Weinen, als Martin glückstrahlend am Abend seine Schäße vor ihr ausbreitet. Wenn ich jetzt heule... nein, nein, nein- er hat sich so gefreut, und ich freu' mich ja auch, ich freu' mich so sehr heute noch, morgen noch... ja, ja, ich freu' mich. So gut ist er zu mir, lieb und gut.
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Gleich am nächsten Tag wird das Veilchenkleid genäht. Gelingt herrlich. ,, Hab' noch nie so ein schönes Kleid gehabt, Martin!"
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schimpfen, zu Hause beschimpfen sie dich doch alle." ,, Das ist aber nicht schön von ihnen." ,, Von dir ist das auch nicht schön, Onkel."
Ich gab ihm ein neues Kopfstück. Er zuckte nicht und sagte nur: ,, Gelt, ich darf nicht weinen, du meinst auch nicht, wenn dich die Tante verhaut. Warum haut sie dich?" Ich gab ihm einen Rippenstoß. Er schwieg und dann fing er wieder an, als märe nichts geschehen: ,, Warum haben die Häufer die Türen vorne und nicht hinten?"" Weil man sonst nicht hineingehen könnte." ,, Und warum geht man überhaupt hinein?" ,, Weil man dort wohnt." Warum wohnt man dort?" Weil man muß." ,, llnd warum muß man?" ,, Weil man nicht auf der Gasse schlafen will." ,, Warum will man nicht auf der Gasse schlafen?" ,, Weil ein ordentlicher Mensch nicht auf der Gasse schläft."
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Er schwieg eine Weile, dann sagte er: ,, Aber du wohnst doch auch nicht, Onkel." Dann folgte eine Reihe weiterer Fragen: ,, Warum nennt man den Baum Baum, warum hat der Baum Zweige oben, warum fann man aus einem Baum keine Seifenblasen machen, warum zerplatzt die Seifenblase, warum sehe ich wie eine Seifenblase aus, wenn ich zerspringe"( worauf die Bitte folgte, ich möge hinter der nächsten Straßenecke zerplazen).
Als er einen Hund sah, fragte er, warum das feine Kaze sei( Kopfstüd). Große Pause, während der in seinem Kopf neue Fragen entstanden: ,, Warum kann man aus einem Schußengel keine Krapfen machen? Warum schwitze ich? Warum streckst du, Onkel, wenn es heiß ist, nicht die Zunge heraus, wie ein Hund? Warum bist du kein Hund, sondern ein Elefant? Warum hast du eine. Schnauze, wie die Mama sagt?"
"
Wir gingen am Bahnhof vorbei. Verzweifelt fragte ich ihn: Willst du nicht nach Ungarn fahren?"„ Warum nach Ungarn , Onkel?" Weil ich dir eine Karte kaufe und wir fahren zusammen, weißt du, mit der Eisenbahn". Er flatschte in die Hände: ,, Ich werde schnaufen, ja, Onkel?" ,, Schnauf nur, Junge." Ich werde Dampf ausblasen." ,, Mach, was du willst, Mila." Und ich kaufte zwei Fahrkarten nach Busta Madarad, der letzten Station in der ungarischen Steppe. Das kluge Kind fragte wieder und wieder: Wann sind wir schon dort, Onkel?"
Endlich waren wir am Ziel. Wir gingen von der Haltestelle Puszta Madarad über zweieinhalb Tage zu Fuß weiter, und dann sagte ich zu Mila, daß er auf mich warten solle.„ Warum soll ich warten, Onkel?" Weil du ein so gescheiter Junge bist" Und rasch entfernte ich mich. Nur von weitem hörte ich seine unschuldige Stimme: ,, Warum läufft du, Onkel?" Eine Weile nachher: ,, Warum beißen mich die Ameisen, Onkel?" Dies ist meine Beichte.
( Autorisierte Uebersetzung aus dem Tschechischen V. R. Schwarz.)
Don
Dem Geheimnis der alten italienischen Geigen glauben zwei Baseler Geigenbauer auf die Spur gekommen zu sein. Sie haben nämlich entdeckt, daß die Geigen der italienischen Meister nicht nur ladiert, sondern auch mit Metall imprägniert waren. Mit der Lösung, die sie im Anschluß an diese Entdeckung herstellten, behandelten sie nun gewöhnliche Geigen und verbesserten ihre Klangfülle außerordentlich. Auch bei Klavieren und Flügeln erzielten sie ähnliche Resultate.
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Der staunt: ,, Wie du sowas sowas kannst, Gilgichen! Ein Traum von Boiret, ein was weiß ich..." Und Gilgi hat rote Backen vor Stolz und Freude. Und ist so niedlich sie findet keinen anderen Ausdruck rührend niedlich, die Art, wie so ein Mann Frauenkleider betrachtet mit einem Auge den Inhalt, mit dem andern das Kleid so mit halbem Verständnis. Und furchtbar stolz ist er auf dies halbe Verständnis und hält fast ehrfurchtsvoll so ein Stückchen Seide in der Hand, ängstlich, als fönnt's zwischen seinen Fingern zu brennen anfangen.
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,, So, Gilgichen, und nun werden wir heute - abend ausgehn in größerem Stil und lauter Sachen essen und trinken, die zu dem Kleid passen." Ünd Olga muß mitkommen, die hat mit so heiligem Eifer den Stoff ausgesucht. ( Fortsetzung folgt.)
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