Abend- Ausgabe
Nr. 518 B 251 49. Jahrg.
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Sozialdemokraten
Vorwärts
BERLINER
VOLKSBLATT
MITTWOCH
2. November 1932
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Am 12. September hat die sozialdemokratische Reichstagsfraktion ein Volksbegehren beantragt, durch das jener Teil der Verordnung des Reichspräsidenten vom 4. September, der sich mit sozialpolitischen Maßnahmen beschäftigt, außer Kraft gesetzt werden soll. Es handelt sich um jene Bestimmungen, durch die der Reichsregierung die Ermächtigung erteilt wird, mit der Sozialpolitik und mit den Arbeiterrechten zu machen, was sie will.
Die Kommunistische Partei hat sich gegenüber diesem Vorstoß der Sozialdemokratie zu einer klaren Stellungnahme lange nicht entschließen können. Sie war offenbar durch die bekannte Theorie vom sozialdemokratischen Hauptfeind, der unter allen Umständen zu bekämpfen sei, stark behindert. Jetzt endlich jedoch veröffentlicht die ,, Rote Fahne" einen Beschluß der kommu nistischen Parteikonferenz, der besagt:
,, Sofern es zu irgendeinem Zeitpunkt zur Durchführung eines Volksbegehrens oder Volksentscheids gegen die Notverordnung der Papen - Regierung oder gegen einen Teil derselben kommt, wird die Kommunistische Partei Deutschlands sich mit allen Kräften für dieses Boltsbegehren und diesen Bolks. entscheid einsetzen."
Daß diese Erklärung in tolle Schimpfereien gegen die Sozialdemokratische Partei förm= lich eingewickelt wird, versteht sich bei der bekannten Taktik der KPD. von selbst. Es wird dabei immer noch an der These festgehalten, daß die Sozialdemokratie das Volksbegehren nur zu dem Zweck eingeleitet habe, ,, die Massen vom wirklichen Massenkampf abzulenken". Wie sich die KPD. an einer Aktion beteiligen kann, die nur dazu dient, die Massen vom wirklichen Massenkampf abzulenken, das muß sie mit sich selber ausmachen. Uns genügt einstweilen ihre, wenn auch verspätete, positive Entscheidung zugunsten der sozialdemokratischen Aktion.
Aus dem Reichsministerium des Innern hat man aber auch schon wieder lange nichts mehr gehört, wie man dort den Antrag der Sozialdemokratischen Partei behandeln will. Bekanntlich hat man dort den Versuch gemacht, sich hinter die Bestimmungen der Verfassung zu verschanzen, wonach Bolksentscheide, die die Finanzen des Reichs oder der Länder berühren, nur vom Reichs präsidenten eingeleitet werden können. Da der sozialdemokratische Antrag sich auf den fozialpolitischen Teil der Verordnung beschränkt und den finanzpolitischen damit ausdrücklich ausnimmt, lassen sich die Vorwände des Reichsinnenministeriums nicht aufrechterhalten. So zog man sich bis auf weiteres hinter der Erklärung zurück, daß die Zulässigkeit des sozialdemokratischen Antrages geprüft werde. Da aber diese Zulässigkeit über jeden Zweifel erhaben ist, bedeutet die Hinhaltetaktik des Reichsministeriums des Innern nichts anderes als die Verweigerung eines wichtigen, in der Verfassung verankerten Volksrechtes. Von diesem Bolksrecht haben die jetzigen Regierungsanhänger wiederholt, so zum Beispiel bei ihrer Aktion gegen den Young- Plan, Gebrauch gemacht. Sie könnten der Arbeiterschaft das ihnen verfaffungsmäßig zustehende Recht nicht verweigern, ohne fich mit den Geboten der politischen Loyalität und den Vorschriften der Verfassung in Widerspruch zu setzen.
Die Sozialdemokratie wird nicht locker laffen. Sie wird weiterfämpfen für das Recht des arbeitenden Volkes. Und wenn die Kom munistische Partei , sei es auch unter den absonderlichsten Verrenkungen, sie dabei unterstüßen will, so fann ihr das nur recht sein!
Der Krieg mit dem Süden
,, Abbruch der diplomatischen Beziehungen"- Kalter Hohn gegen den Reichsrat
Die Offenherzigkeit, mit der der bayerische Ministerpräsident held in Stuttgart über die Ber fassungstreue der Papen- Regierung gesprochen hat, hat in der Wilhelmstraße start verschnupft. Die Regierungspresse, als welche zur Zeit die Hugenberg- Presse anzusprechen ist, teilt infolgedessen mit, daß eine
,, Einschränkung der Beziehungen zu Bayern " in Aussicht genommen ist. Die Reichsregierung,
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,, Pfoten weg, du Arbeitsloser! Wie sagt doch Hitler so schön: Mein Nutz geht vor dein Nutz!"
so wird erklärt, beabsichtige nicht, auf die Anklagen Helds zu antworten, sie werde aber aus seiner Rede in Stuttgart die Folgerung ziehen, daß der politische Verkehr zwischen Berlin und München , folange sich Dr. Held nicht entschuldigt hat, starf eingeschränkt wird. Es werde deshalb auch kein weiterer Besuch des Reichsvertreters, Freiherrn von Lersner, benn bayerischen Ministerpräsidenten stattfinden. Die bayerische Regierung, so wird höhnend hinzugefügt, werde also einstweilen andere Wege benügen müssen, um sich über die politischen Absichten der Reichsregierung zu unterrichten. Das bedeutet nicht viel weniger als einen
Abbruch der diplomatischen Beziehungen zwischen der Reichsregierung und der bayerischen Regierung oder, da die anderen süddeutschen Regierungen mit der bayerischen übereinstimmen, zwischen dem Norden und dem Süden. Zum Verfassungskonflikt in Preußen, der zu dem Nebeneinanderbestehen zweier Regierungen geführt hat, tritt also nun auch ein allerschärfster Konflikt zwischen den verschiedenen Teilen des Deutschen Reiches. Das ist das erhebende Ergebnis der Politik einer Regierung, die sich bei ihrem Amts= antritt als eine Regierung der nationalen Konzentration bezeichnet hat!
Solange die Regierung von Papen glaubte, über die preußischen Stimmen im Reichsrat verfügen zu fönnen, war ihre Taftik darauf gerichtet, sich gegenüber dem Reichstag auf den Reichsrat zu stügen, ja, man munkelte davon, daß der Plan bestehe, mit Hilfe eines willfährigen Reichsrats eine neue Reichsverfassung zu oftroyieren. Inzwischen hat sich durch den Spruch des Staatsgerichtshofs, der der rechtmäßigen Regierung Braun- Severing das Recht auf die preußischen Stimmen im Reichsrat zuspricht, und durch den Konflikt mit dem Süden die Situation vollständig geändert, und
die Regierung von Papen ist auch zum Reichstat in eine Art Kriegszustand geraten. Kennzeichnend dafür ist die Art, wie die deutschnationale Regierungspresse vor dem Zusammentritt des Verfassungsausschusses des Reichsrats, der morgen erfolgen soll, über den Reichsrat herfällt. So macht der Hugenbergsche Tag" unter der Ueberschrift Was kann der Reichsrat wollen?"
Hugenberg abgebliẞt
Bei den sächsischen Industriellen
Eigener Bericht des„ Vorwärts
Dresden, 2. November.
Bei den ihm politisch sonst so nahestehenden sächsischen Industriellen ist Hugenberg dieser Tage gehörig abgebligt. Er hielt im Gesamtvorstand einen Bortrag über die Kontingentie= rung, für die er lebhaft eintrat und wobei er behauptete, eine Kontingentierung brauche durchaus nicht eine Autarkie zu sein. Er versuchte, die Industriellen, die die verhängnisvollen Wirkungen der bisherigen Kontingentierungspolitik am eigenen Leibe schon deutlich verspüren, für seine und die Pläne Papens und Brauns einzufangen. Damit hatte er fein Glüd, zumal er sich auch noch vor diesem, mindestens offiziell unpolitischen Gesamtvorstand erlaubte, auf verschiedene Führer der Deutschen Volkspartei zu schimpfen, die von der Hugenbergschen Kontingentierungsweisheit nicht überzeugt sind.
Der Vorsitzende Wittke erteilte Hugenberg einen scharfen Rüffel, indem er erflärte, er be= daure außerordentlich die parteipolitischen Ausführungen des Redners, fönne darauf aber nicht erwidern, um die Angegriffenen zu schützen, weil der Verband jede parteipolitische Stellungnahme aus seinen Kundgebungen und Arbeiten streng ausschlösse und auch in diefer Sigung einer Aussprache auf parteipolitischer Grundlage fein Raum gegeben werden
fönne. Hatte schon damit Hugenberg seine Rafe meg, so legte nun Wittke erst recht los, als er in fachlicher Beziehung auf Hugenbergs Rattenfängermelodien einging und betonte, daß die sächsische Industrie die Kontingentierungsmaßnahmen der Reichsregierung nicht gutheißen tönne. Die Folgen der bisherigen Einfuhrdrosselung seien schon so verheerend, daß sich die Wirtschaftslage immer mehr zu einem Zusammenbruch zuspitze. Es würde der Arbeit vieler Jahre bedürfen, bis die Ausfuhr wieder aufgebaut und damit die Beschäftigung eines großen Teils der sächsischen Industrie wiederhergestellt sein würde. Der deutsche Binnenmarkt fönne einen großen Teil der Beredelungsproduktion der einheimischen Industrie nicht aufnehmen, sondern nur das Ausland. Umgekehrt könnten die Rohstoffe aus dem Ausland nur mit ausländischen Zahlungsmitteln, die durch Ausfuhr hereinfämen, gekauft werden. Die aus der Kontingentierungspolitik herrührende Berärgerung im Ausland durch Stodungen des Absages der sächsischen Industrie und ihre Folgen wären gar nicht abzusehen.
Obwohl diese Erklärungen von dem gesamten Vorstand gebilligt wurden und hier nur Fachleute vertreten sind, wird Herr Hugenberg sich natürlich nicht eher überzeugen lassen, als bis die ganze Industrie und mit ihr die sächsische Arbeiterschaft dant seiner großen Ideen ruiniert sein wird.
die Ländervertretungen in wenig höflicher Form darauf aufmerksam, daß sie gar keine Bedeutung hätten. Der bestehende Reichsrat, so wird ausgeführt, sei eigentlich nur ein ,, Arbeitsausschuß des Zentrums und seiner roten Eideshelfer" und eine Institution mit sehr bescheidenen Befugnissen". Zu politischen Kundgebungen habe er keinerlei Befugnis, und seine Meinungsäuße= rungen hätten für die Reichsregierung nicht die geringste verbindliche Kraft.
,, Also was soll das Theater um den Reichsrat?" ruft der ,, Tag" höhnisch aus.„ Sollten seine Mita glieder sich verleiten lassen, dieses ausbaufähige Organ des Reiches zum Werkzeug einer überlebten Parteipolitik zu machen, so würden sie... die Institution des Reichsrats überhaupt ge= fährden."
Das ist nun auch eine Kriegserklärung an den Reichsrat, eine offene Drohung mit Gewalt. Es scheint fast, als ob sich die Regierung von Papen innerpolitisch in dieselbe Situation begeben wollte, in die sie sich auch außenpolitisch schon hineinmanövriert hat, nämlich die einer völligen Isolierung. Feinde ringsum mag es sein!" Die ,, Tägliche Rundschau" freilich, der man Beziehungen zum Reichswehrministerium nachsagt, prophezeit, daß die Papen- Herrlichkeit den 6. NoDember nicht überdauern werde. Man weiß vom Kabinett Brüning her", so schreibt sie ,,, wie schnell fich der Reichspräsident von seinen Mitarbeitern trennen kann, wenn er den Eindruck gewinnt, daß fie seine Erwartungen nicht erfüllt haben. Es ist anzunehmen, daß er nach dem 6. November sein Berhältnis zu Herrn von Papen einer Nachprüfung unterziehen wird."
Wie jedes reaktionäre Experiment wird auch dieses mit einem ungeheuren Scherbenhaufen enden und aufs neue den Beweis erbringen, daß die sogenannte nationale Rechte nicht regierungsfähig, sondern nui imstande ist, über das deutsche Bolt maßloses Unglück zu bringen.
Labour fiegt
Gemeindewahlerfolge in England
Bei den Wahlen in 300 Gemeinden konnte die Arbeiterpartei 20 Sige gewinnen, während die Konservativen 13, die Liberalen 1 und die Unabhängigen 6 Sige verloren.
Die Arbeiterpartei fonnte nur in Sheffield und Leyton ihre Mehrheit nicht behaupten. Sie ficherte sich aber dafür die Oberhand in zwei Städten, wo bisher Konservativ- Liberale am Ruder waren.
Die Handgranaten
Nazibombenwerfer vor Gericht
Allenstein, 2. November. Am Mittwoch um 9 Uhr begann unter großem Andrang der Bevölkerung der Prozeß gegen 16 Nationalsozialisten, die angeklagt worden sind, Handgranaten in das Kaufhaus Abraham in Allenstein geworfen zu haben. Die Anklage lautet auf verfuchten Mord, Anstiftung zum versuchten Mord, Verbrechen gegen das Sprengstoffgefeß und Begünstigung zur Begehung eines Verbrechens gegen das Sprengstoffgefeß. Im Ermittlungsverfahren haben die Angeklagten Teilgeständnisse abgelegt. Sie wollen einem höheren Befehl Folge geleistet haben. Nach der Verlesung der Anklage durch den Staatsanwalt begann der Vorfizende mit der Vernehmung der Angeklagten.
Eine Reihe von Angeklagten soll trotz der Kenntnis von dem beabsichtigten Verbrechen keine Mitteilung an die zuständige Behörde gemacht haben und somit gleichfalls schuldig geworden seir. Im Ermittlungsverfahren haben die Angeflagten Teilgeständnisse abgelegt. Es wurde festgestellt, daß am Morgen des 8. August bald