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Bentralorgan der Sozialdemokratischen Partei Deutschlands

Die Wahrheit über den Streik

CA. überputscht KPD. !

Die neue Taktik des Faschismus

Borgestern war in Berlin Berkehrsstreit, gestern war SA - Putsch zur Berhinde­⚫rung der Arbeitsaufnahme. Die SA. hat die Führung übernommen, sie hat die KPD. überputscht.

Der deutsche Faschismus will neue Wege wandeln. Seit aus seinem Geschäft mit den Baronen nichts geworden ist, ist er so ,, arbeiterfreundlich" geworden, daß die Ar­beiter, wenn sie auf ihn hineinfallen, jahr­zehntelang daran denten werden!

Eine neue proletarische Einheitsfront" wird sichtbar. Braunjaden schmücken ihre Reihen. Adolf Hitler ist ihr Führer. Diese proletarische Einheitsfront bringt be­stimmt nicht die Diktatur des Proletariats ". Sie bringt höchstens die Diktatur der Bour­geoisie durch den Sieg des Faschismus. Die PD. steht der nationalsozialistischen Einheitsfront von unten" völlig raflos gegenüber. Sie marschiert einfach mit. Die Parole lautet bis auf weiteres: ,, Umarmt die Faschisten, wo ihr sie trefft!"

Der Bruderbund ist geschlossen. Der ge­meinsame Haß gegen die Sozialdemokratie, gegen die Gewerkschaften und gegen den ,, Vorwärts " feiert Orgien. Straßenred­ner schwärmen aus und predigen Wuf und Geifer gegen die SPD .

Warum gegen fie? Sigt sie in der Direk­fion der BBG.? Nein! Kein einziger der jetzt amtierenden Direktoren ist Sozialdemo­frat! Hat sie den Schiedsspruch gefällt, ihn für verbindlich erklärt? Nein, fein einziger Sozialdemokrat hat damit etwas zu fun ge­habt! Befehligt sie die Polizei? Nein, Po­lizeipräsident ist bekanntlich der Vertrauens­mann Dr. Brachts, Herr Melcher.

Was wirft man der Sozialdemokratie vor? Daß sie die Löhne gesenkt hat? Aber das hat sie doch nicht getan! Umgekehrt wirft ihr die deutschnationale Preffe vor, daß sie früher die Löhne zu hoch getrieben hätte! Die Gewerkschaften haben alles getan, was fie fonnten, um die Cohnminderung abzu­wehren, es ist ihnen nicht ganz gelungen, weil die Gegenfräfte stärker waren. Nun hat die S2. mit Unterflüßung der KPD . die Führung übernommen. Sie verhindert bis auf weiteres das Ausfahren der Wagen. Aber ob es ihr gelingen wird, die Aufhebung des gefällten Schiedsspruches zu erzwingen, das ist eine ganz andere Frage.

Man tut der SA. bestimmt kein Unrecht, wenn man fagt, daß ihr der Schiedsspruch vollkommen gleichgültig ist. Für sie und ihre Partei geht es um etwas ganz anderes, näm­lich um den Machtkampfdes Faschis­mus. In diesem Machtkampf des Faschis­mus ist der Kleinfrieg, den die SA. mit der Polizei führt, ein tattischer Schachzug, weiter nichts.

Die& PD. aber? Sie, die oft genug eine politische Hilfstruppe der Nazis gewesen ist, ist jetzt auf dem besten Wege, zu einer mili­tärischen Hilfstruppe der SA. herabzusinken. Arbeiter, hütet euch vor den Arbeiter­freunden" im braunen Hemd! Heute helfen fie euch streifen, morgen werden sie, wenn ihr ihnen folgt, eine& nechtschaft über euch bringen, die in der Geschichte ohne Bel­spiel ist!

Augen auf! Jeht erst recht am morgigen Wahlsonntag alle Stimmen der Hüler'n der Volksfreiheit: der Sozialdemokratischen Partei!

SA.- Putsch in Schöneberg

Barrikaden!- Polizei schießt- Verbrüderung zwischen Nazis und Kommunisten

Die Berliner Straßen des Südens und Süd­westens boten in den ersten Nachmittags­stunden ein außergewöhnlich bewegtes Bild. Die Ankündigung der BVG., daß von 3 Uhr nach mittags ab ein Teilverfehr für Straßen­bahn und Autobusse aufgenommen wurde, hatten sich besonders in dem gestrigen Un­rubezentrum Schöneberg sozialisten und Kommunisten zunuze gemacht und sich zu Tausenden auf den Straßen angesammelt. Auch am Halleschen Tor und in der Belle- Alliance- Straße mogte ein dichtes Gedränge, doch herrschte hier das von der Arbeit heim­tehrende Publifum vor.

National

Das Bild änderte sich schlagartig in der Schöneberger Hauptstraße. National. sozialisten und Kommunisten hielten hier diese starte Berkehrsader in dichter Masse beseßt. Wiederholt versuchte die Polizei, zunächst ohne Zusammenstöße die Hauptstraße zu fäubern und die Menge in die Seitenstraßen abzudrängen, jedoch bildeten sich immer wieder dichte Haufen, die auf das Erscheinen der ersten Wagen warteten. In der Hauptstraße, Ede Eisenacher Straße, war vor dem Anrücken des starken Polizei­aufgebots im Handumdrehen

eine Barrilade in einer Länge von reichlich zehn Metern

aus Pflastersteinen, Balfen, Pflöden und anderem Baumaterial entstanden, und die Echienen waren durch eingestreuten Ries unfahrbar gemacht. Unter polizeilicher Absperrung wurde ein Laftzug des Berliner Tiefbauamts herangeholt, dessen Begleit­mannschaft sich sofort unter dem Gejohle der Menge an das Freilegen der Strede heranmachte.

Während es bis 4 Uhr nur zu fleineren Blänfeleien und mehreren Berhaftungen von radaulustigen Jugendlichen gekommen mar, er, eigneten sich bei der Anfahrt der ersten Berkehrs. fahrzeuge schwere Straßentumulte. Als der erste,

noch völlig leere, Straßenbahnwagen nahte, erhob sich ein ohrenbetäubendes Pfeifen und Johlen und nur mit Mühe konnte die aufgeregte Menge von der Polizei in Schach gehalten werden. Als nach wenigen Minuten die nächsten Verkehrs­fahrzeuge an der von den Demonstranten beson­ders dicht befeßten Hauptstraße, Ede Eisenacher Straße, vorbeikamen, zeigte es sich, daß hier unter nationalsozialistischer Leitung fyftematisch Tumulte erzeugt

wurden. Als ein bereits halbbesetzter Wagen der Linie 40 diese Straßenede freuzte, murde er von einigen Dugend nationalsozia listischer Radfahrer und einer mehr­hundertköpfigen Menge unter dem Rufe., Streif brecher" und Herunter mit den Bluthunden" an­gegriffen. Die Schupoestorte auf dem Border: und Hinterperron zog die Pistolen und gab zu­nächst mehrere Schreckschüsse, darauf

ein Duhend scharfe Schüsse

in die Menge ab, die schreiend auseinanderstob. Biele warfen sich bei den ersten Schüssen auf den Damm und den Bürgersteig lang hin. Da zu gleicher Zeit die Fahrbahn freigegeben war und zahlreiche Autos in schneller Fahrt herantamen, gab es wüste Banitszenen In das Ge­schrei der aufgeregten Menge und das Knallen der Schüsse mischte sich der harte Laut freischender Bremsen. Eine Frau wurde mit schwerem Ober schenkelschuß in das nächstgelegene Krankenhaus geschafft und ein gleichfalls niedergeschossener Mann von mehreren Tumultuanten in einen Hausflur gefchleppt.

In diesem Augenblid, als die Polizei, darunter auch die Besatzung eines heranrasenden Flizers, nur auf den Schuß dieses angegriffenen Straßen­bahnwagens konzentriert war, tam auf der Gegenseite von der Rheinstraße her der erste gleichfalls schon halbbelegte Autobus der Linie 5.

Maffen im Sportpalaft

Beigeisterte Kundgebung von Zehntausenden für die Sozialdemokratie!

Umheult von der Wuf der neuen Einheitsfront von KPD . und Nazis, veranstaltete die Sozial­demokratie am Freitagabend außer fechs über­füllten Bersammlungen in verschiedenen Stadtteilen einen

Massenaufmarsch im Sportpalast.

Trotz des Verkehrsstreits waren Zehntausende von Wählern und Wählerinnen aus den fernften Stadtteilen Berlins in den Sportpalast gewandert, um dort für Freiheit, Demofrafie und Sozialismus zu zeugen. Je lauter der Haß­gefang der Jrregeleiteten ihnen entgegenfchallt, desto fefter stehen ihre Reihen, um die Errungen­fchaften der Republik gegen Faschisten und Bolsche­wiften, gegen die Barone und ihre Helfershelfer zu verteidigen.

Die Kundgebung im Sportpalaft legte ein neues und herrliches Zeugnis ab von der Unbeirrbarkeit und Unüberwindlichkeit der sozialistischen Ueber­zeugung. Während draußen die Notverordnungs­jaden Hitlers Arm in Arm mit den kommunisten auf die Partei der Arbeit Pech und Schwefel herabwünschten, bekannten die vielen Tausende, die in der Kundgebung vereinigt waren, ihre Trene zur Sozialdemokratie und zu den Gewerk­khaften in begeisterter Kampfesstimmung.

Die Abgeordneten Arfur Crifpien und Toni Sender zeigten, von fürmischer Zustim­mung oft unterbrochen, die Notwendigkeit der demokratischen Selbstbestimmung in einem republi­fanischen Deutschland . Der Kampf gegen die frei­herrliche Reaktion, die sich heute breit macht, muß naturgemäß ein Freiheitstampf gegen die frei­willigen Helfershelfer diefer Reaktion, gegen die Faschisten und Kommunisten fein. Ohne deren Zer­fplitterungsarbeit wäre ein auch nur vorüber­gehender Erfolg der Barone nicht denkbar gewesen. Besonders deutlich machte das der

Führer der österreichischen Sozialdemo­fratie, Otto Bauer , Wien ,

der in hinreißender Beweisführung darlegte, wie eng verknüpft das heutige Elend mit dem Welt­trieg und seine Auswirkungen ist. Wenn wir in Deutschland wie in Desterreich 1918 nur die halbe Demokratie erringen fonnten, so war es nicht die Schuld einzelner:

,, Wir standen in wirtschaftlicher Abhängigkeit Dom fapitalistischen Ausland. Wir konnten die Demokratie in Staat, Ländern und Gemeinden schaffen, aber wir konnten sie nicht schaffen in den Betrieben!

Toren sind es, die da sagen, es gebe nur eine

Als dieser Wagen fich in langsamer Fahrt näherte, fommandierte ein uniformierter SS.- Mann, der innerhalb einer dichten Gruppe von Na­fionalsozialisten ffand: Achtung, Feuer!"

und ein dichter Steinhagel, darunter eine Anzahl dicker Brocken, praffelte gegen den Autobus, dessen Scheiben in Trümmer gingen, während die Insassen sich zu Boden warfen oder zum Ausgang drängten.

In den gleichen Augenblicken erfolgte ein neuer, organisierter Ueberfall der Nationalsozialisten. Wieder unter dem Kommando unifor. mierter GS.- Leute stürzte sich auf den Befehl: Jett ran an die Rampe!" ein Rudel Nationalsozialisten auf den in der Hauptstraße noch haltenden Lastzug des Berliner Tiefbauamts und stürzte einen mit dem Material der abgeräumten Barrikade gefüllten Wagen unter den Zurufen der Menge um. Diese Tat der aufbauwilligen Kräfte" des Herrn von Papen begeisterte die herumstehenden Kom­munisten derart, daß

ein Wahlfondsjammler der KPD. einen nafio­nalsozialistischen Büchsenjungen unterhafte und beide unter den Beifallsrufen der Umstehenden im Taft ihre Bettelbüchsen schwangen mit dem Ruf: Gebt für den Wahlfonds!"...

Dieser Berbrüderungsaft zwischen National­sozialisten und Kommunisten blieb nicht der ein. zige seiner Art. So erschien in dem SA.- Lokal von Rothbart in der Urbanstraße 47 furz vor 3 Uhr ein Mitglied der RGO. und forderte die anwesenden 15 S.- Leute auf, gemeinsam nach dem Hermannplaz zu ziehen und ein Ding zu drehen".

Gestern noch Braune. Mordpest" hüben und ., Rotes Untermenschentum" drüben! Heute in treuester Bundesgenossenschaft vereint! Welchem Plassenbewußten Arbeiter sollte da nicht die Scham­röte ins Geficht steigen!

Wahl zwischen der Demokratie und der Dittatur des Proletariats.

Nein, es gibt nur eine Wahl zwischen der Demokratie und der Diktatur der Barone oder des Faschismus. Ihr werdet die Macht der Demokratie nicht in einem Wahlkampf wiedererobern. Aber ihr werdet sie wiedererobern, wenn die Enttäuschung über die Miß­erfolge der Reaktion da ist.

Weder wird eine altmodische Reaktion die Wirt­schaft ankurbeln, noch auch wird dies eine neu modische Reaktion mit faschistischer Diktatur können. Die Generalsdittaturen haben in Jugo­flawien und Polen die Wirtschaftskrise nicht gebannt und in Italien hat das auch der Faschis mus Mussolinis nicht vermocht. Die Krisis murzelt im Wesen der fapitalisti. schen Wirtschaftsordnung.( Sehr richtig.) Nur eine Umwälzung dieser Ordnung kann die Ge­fiefung und Lösung bringen.( Stürmischer Beifall.) Es gibt feinen Bhrasensozialismus, sondern nur ganzen Sozialismus. Es gibt feinen anderen Aus­weg und darum vorwärts zum Kampf um die ganze Demokratie!"

Dieser Appell des österreichischen Sozia listenführers löfte löfte einen begeisterten Widerhall aus. Er wird weiterwirken über die Massen vom Sportpalast hinaus und wird beitragen zum Siege des demo. fratischen Gedankens und des Sozialis. mus durch die Wahl der Liste 2!