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BEILAGE

Günther Birkenfeld Berliner Skizzen

Cine frostige nebelnasse Novembernacht. Gleich gespenstischen Monden hingen die Lichtkreise der Laternen im Dunst. Hinter ihnen ragten als ge= staltlos grauschwarze Massen die Kaufhäuser und Mietfasernen des alten Berlin . In der Ferne er­starb das firrende Geräusch eines entgleitenden Autos, dann Stille. Jezt wurden Schritte ver­nehmlich, schwere, langjame, gleichmäßige Dienst­schritte. Die beiden Schupos gingen ihre Runde. Indem die Rathausuhr mit tiefen erzenen Schlägen die dritte Morgenstunde meldete, bogen sie in die enge gewinkelte Grünstraße ein.

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Blöglich blieb der ältere der beiden Wachtmeister stehen, lauschte nach vorn und raunte seinem jungen Kameraden zu: Eine Alarmglocke!" Der junge Beamte, der erst seit einigen Wochen dem Nachtdienst zugeteilt worden war, mußte ange­strengt in die bezeichnete Richtung horchen, bis auch er das eintönige Geffingel vernahm. Auf

Vorwärts

Kameraden

Hans! Und wir hätten dir und deiner Frau ja nicht mal ne Tasse Kaffee anbieten tönnen. Wer so tief gerutscht ist, soll die andern nicht mehr be­läftigen. Tjaja, Hans, hättest du mich man damals im Granattrichter liegen und trepieren laffen! Jegt mußte mich aufs Revier schleppen! Jezt sind es meine vier in Tiefwerder, die kre­pieren müssen! Das haben wir nun von unserer Kameradschaft plus E. K. I!" Er schluchzte, seine Lippen zitterten. Der Wachtmeister blieb stehen und blickte auf den alten Gefährten und flehentlich und alles in einem: ratlos. ,, Walter, Menschensfind..." murmelte er nur. Dann wandte er sich plötzlich ab und ging zu einer Rotunde, die drüben stand.

den Fußspizen und mit schußbereiten Pistolen Waller Rodenbusch:

eilten die beiden durch die nebelblinde Straße.

Der Mann, der das Schutzgitter des Pelz­geschäftes Herzer durchschnitten und die Scheibe mit einem umwickelten Werkzeug eingeschlagen hatte, mußte ein ahnungsloser Anfänger sein. Statt das Loch zu erweitern und schleunigst mit einem oder mehreren der ausgestellten Belzmäntel zu türmen, forschte er gemissenhaft mie ein Elektrotechniker nach dieser vermaledeiten Alarmglocke. Ueberhaupt konnte es nur ein Dilet­tant sein, der sich ganz allein an ein derartiges Unternehmen gemagt hatte. Nicht mal eine fahrt= bereite Tage stand in der Nähe.

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In aller Gemütsruhe nahm der ältere Wacht­meister den Mann von hinten in den Schraubgriff und sagte: Na, nu kommen Sie mal mit. Die Klingel finden Sie doch nicht." Der Schred durch­fuhr den Ueberrumpelten wie ein Schlag. In­stinktiv wollte er sich zur anderen Seite hin los­reißen, mußte jedoch aufschreien unter dem schmerzenden Schraubgriff. Er ergab sich in sein Schicksal, ließ die Schultern fallen und wandte sich rücklings dem Wachtmeister zu.

Offensichtlich bestürzt und einen Ausruf unter­drückend, starrte der in das hohle Gesicht, das fich ihm da zukehrte. Unwillkürlich lockerte er den Griff und machte mit dem freien Arm eine un­deutliche Bewegung. Nicht minder überrascht schien. sein Opfer zu sein. Die verkrampften Züge löften fich zu freudiger Betroffenheit. Bevor er noch Worte finden konnte, rief der Wachtmeister seinem jungen Kameraden im Dienstton zu: Geh weiter die Runde, Schlegel. In zwanzig Minuten bin ich am üblichen Treffpunkt." Währenddem nahm er dem Häftling das Werkzeug ab, durchsuchte ihn vergeblich nach Waffen, faßte ihn mit den vor­geschriebenen Griff und entschwand mit ihm in der Nebelnacht

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In einiger Entfernung flüsterte er: Walter, Menschenskind! Was machst du denn für Zicken!" ,, Tjaja, ist schon spaßig, mas, wie man sich so trifft!" versetzte der andere ebenso leise. ,, Aber. ich wußte mir feinen Rat mehr, Hans. Siz du mal mit Frau und drei Kindern in einer Laube! Eines Tages pact dich eine irrsinnige Wut, die Tollkühnheit der Verzweiflung! Dann macht man eben solche Geschichten."

,, Was? Ihr wohnt nicht mehr in der Aleran­drinenstraße? Ja, bist du denn nicht mehr im Elet­trizitätswerk?"

,, Abgebaut. Vor anderthalb Jahren schon. Im vorigen Frühjahr mußten wir unsere Wohnung verlassen. Tjaja. Da haben wir manchen schönen Stat zusammen gekloppt, was, Hans? Bei Glüh­wein. Als wir raus mußten, haben wir geheult wie die Schloßhunde, die Ilse und ich. Den Sommer über wohnten wir im Zeltlager an der Havel . Das war nur noch ein Vegetieren. So un­gefähr wie damals im Schüßengraben, Hans. Nur daß ich diesmal Frau und drei Kinder bei mir hatte. Zu vieren unter einer einfachen Zeltplane und jeder mit einem Woilach! Na, da kannst du dir ja wohl vorstellen Wir tamen uns vor wie ausgesetzt... an den Rand der Zeit gespült... unbrauchbar gewordenes Schwemmgut. Er verfiel in ein unheimliches Gelächter. Dem Wachtmeister zerschnitt es das Herz. Er war feines Wortes fähig. Dann fuhr der andere fort: ,, Das Zeltlager, das sei geradezu wie ein Kurort, so hatten sie uns

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schmerzlich

Mit schräg geneigtem Kopf und, ja, mit einem Lächeln, das stetig über sein Gesicht wuchs und es ganz und gar verwandelte, blickte Walter hinter dem Freunde drein. Alter Kumpel!" dachte er nur immer wieder. Und... ,, Alter Rumpel!" raunte der Wachtmeister erstickt, indem er endlich zurückkam und den Freund reglos im Rebel stehen und marten sah. Jezt war er es, dem die Augen feucht wurden. Dussel !" fnurrte er den alten Kameraden an, während er mit zögernden Schritten wieder neben ihm dahin ging.

,, Nee, mein Lieber". meinte Walter, schwer den Kopf schüttelnd ,,, du bist im Dienst. Du darfst nicht auch noch um Amt und Brot kommen. So

SONNABEND, 10. DEZ. 1932

wie du dir das denfst, geht das nicht!" Aber mit einemmal, wie aus einer Eingebung, schien er zu wissen, wie es ging. Blitzschnell riß er die Drahtschere aus der Tasche des Freundes, schlug sie kräftig auf den Tschako nieder, versezte Hans einen derben Tritt vor das Schienbein und rannte davon.

Umständlicher, als notwendig war, half der Wachtmeister sich wieder auf die Beine und pfiff so spizbübijd wie ein Schuljunge nach einem gelungenen Streich. Dann humpelte er zum Revier und meldete der Wahrheit gemäß, auf welche Weise der Häftling ihm entkommen sei. ,, Nana, Wolters", drohte der Leutnant vom Dienst lächelnd, solch ein erfahrener alter Be­amter wie Sie sollte sich nicht mehr wie ein Kleines Kind auf den Fahrdamm segen lassen. Ich sag's ja immer wieder, mit den Berliner Jungs ist nicht zu spaßen."

Zu Befehl, Herr Leutnant!" rief Wolters in strammer Haltung und ging wieder hinaus in die Nacht.

Tropf Zwischendings, Objekt der Wirtschaft

Frei Perspektiven

Bon oben gesehen, stellten sich die Dinge etwa so dar: Nachdem politische Konfusion es glücklich dahin gebracht hatte, die wirtschaftlichen Fäden zu verwirren und zu zerschneiden, war die Güter­versorgung dermaßen ins Stocken geraten, day ein ungeheurer latenter Bedarf entstand. Da murde schließlich die Gewinnchance gegenüber der Borsicht das stärkere Motiv im egozentrischen Seelenleben der Kapitale eigner. Sie spien ihr Geld aus, und sofort dröhnten die Fabriken, mimmelte es in den Büros, rasten tausend Ver­kehrsmittel zu Lande, zu Wasser und in der Luft.

Aus der Erdenwurm- Perspektive aber erblickte man den Menchen Tropf Zwischendings, stellungs­lofen Expedienten, der auch während dieser trüge­rischen Konjunktur noch über sechs Monate herum­frampfte, ehe er endlich wieder einen Posten fand. Freude erhob sein Gemüt, und das ergebungs­volle Herz seiner jungen Frau, der zarten Tröpfin, war voll Jubel.

Dann platzte die Seifenblasen- Konjunktur. Birt schaftsschrumpfung. Vor allem natürlich Ge­haltsschrumpfung. Immer feste zuerst auf die armen Tröpfe die Folgen der großen Pleite ab­wimmeln, die herbeigeführt wurde durch den Un­

aus Kriegsschulden, strategischen Zöllen, übertriebenem Agrarschutz und nationalen In­dustrien, die in vielen Ländern aufgepäppelt wor­den waren, jeder Wirtschaftlichkeit zum Hohn.

Tropf Zwischendings nahm alles gebuldig hin. Er hatte die wahnwißige Hoffnung, daß ihm wenigstens das Lezte, der wirtschaftliche Tod, er­spart bliebe. Deshalb war es gut für ihn und seine zerbrechliche Tröpfin, daß er nicht wie ein Gott den Blick für die großen Zusammenhänge besaß und ihre unabweisbare Fortwirkung bis zu den geringsten Konsequenzen wahrnehmen fonnte. Sonst hätte er eine zmar interessante, aber für ihn schmerzliche Kette von Ereignissen überschaut, die mir anderen lieber erst einmal still für uns überfliegen wollen.

Santa Roja- Berlin

In Santa Rosa , Territorium La Pampa , Ar­ gentinien , lebte Victorino Saenz Quintana, trieb Viehzucht und verkaufte seine Viehauftriebe regel­mäßig an ein Schlacht- und Kühlhaus in Buenos Aires . Das seinerseits betrieb den Gefrierfleisch­Export nach Europa . O Santo Cristo! Was für miserable Preise zahlten die Herren in der Hauptstadt dem biederen Don Victorino!

Der Unmut des Kreolen blieb nicht unproduk­tiv. Er war im Begriff, eine famose Idee zur Ausführung zu bringen. Selbst eine Rühlanlage zu haben! Das war's! Und so ging denn nach langem Feilschen seine Bestellung an die Liefe=

Walter C. F. Lierke:

ranten, eine Berliner Exportfirma, ab. Sein Brief erreichte den Anschluß an den italienischen Passagierdampfer Conte Berde und gelangte fo auf schnelle Weise über Genua nach Berlin . Dank der nordamerikanischen Konkurrenz hatte Don Victorino günstige Zahlungstedingungen herausgeschlagen: die Hälfte nach Aufstellung und Prüfung und den Rest in Vierteljahre raten von fünfundzwanzig Prozent. Seine nächsten Auf­triebe sollten das Geld bringen.

In Berlin große Freude bei Tropfs Direktoren. Sofort Orders an die Spezialfabriken mit raff nierten Strafbestimmungen für den Fall der Lieferzeit- Ueberschreitung. Herr Zwischendings joll mal zum Chef kommen. Also, Herr Zwischen­dings, Santa Rosa ist perfekt. Ganz große Sache. Wie? Sie wissen schon? Ja, Mensch, unterbrechen Sie mich doch nicht fortwährend! Lassen Sie mich doch auch mal reden! Wider­märtige Angewohnheit! Hören Sie zu! Sie lassen alles andere stehen und liegen und geben sofort die Versandinstruktionen an die Fabriken. Die schweren Brocken bis auf die Motoren gehen ab Lager. Motoren und Instrumente in vier Wochen hinterher. Daß mir alles klappt, ver standen?" Jawohl, Herr Direktor", sagte Zwischendings, und zog furchtsam ab.

Der Herr Ernährungsminister spricht

Zur selben Stunde hielt der Reichsernährungs­minister vor dem engeren Gremium seiner Kolle­gen diese Rede: Meine Herren, wer es heute noch wagt, an der Not unseres Bauernstandes vorbeizusehen, der verkennt in unverantwortlicher Weise, daß es der Bauer ist, der den Staat trägt, und daß allein die aufopfernde Schollen­verbundenheit des deutschen Bauern es vermag, unser Volk aus schwerer Notzeit und Knechtung herauszuführen. Nicht auf dem schwankenden Boten der Exportwirtschaft, die jeden Augenblick von der Zollpolitik der Abnehmerstaaten ab­hängig ist, fönnen die Fundamente der neuen, nationalen Wirtschaft errichtet werden. Allein durch eine allmähliche Heranentwicklung zur na­tionalen Selbstgenügsamkeit, wenigstens in den Hauptprodukten der Agrarwirtschaft werden wir diese Krise überwinden. In diesem Sinne will ich es heute mit schwerem Herzen zu verantworten suchen, daß mein Antrag auf sofortige Erhöhung der Getreidezölle noch zurückgestellt wird, unter der strikten Voraussetzung, daß in der vordring­lichsten Weise die Herauffeßung der Einfuhrsäge für Frisch und Gefrierfleisch beschlossen und durchgeführt werde." Defret und Ausführungs­bestimmungen erschienen noch in der gleichen Woche im Reichsanzeiger.

Noch einmal Santa Roja- Berlin

Sofort annullierten sämtliche Lebensmittel­importeure bei ihren ausländischen Lieferanten die betroffenen Positionen. Zahlungseinstellungen folgten. Personal wurde entlassen. Und als nach

gefagt. Na ja. Ilse bekam Gliederreißen und Stillgelegte Maschinenfabrik vierzehn Tagen Don Victorino im Patio

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Heinz einen Nesselausschlag. Und die Kleinste wird ihren bösen Husten wohl nicht mehr los werden. Hinter dem Lager war ein versumpfter Graben. Wenn du auch nur fünf Minuten still lagst, mur­dest du verrückt vor Mücken. Na, und im Sep­tember bezogen wir dann eine Laube bei Tief­werder. Ein größerer Wohnraum und eine Kammer. Brauche dir wohl nicht noch zu schil= dern, wie wir da haufen. Schließlich fonnt' ich's nicht länger mit ansehen. Jetzt ist ja doch schon alles egal, dachte ich Entweder, oder!" Aber nu hör mal, Walter", sagte der Wachtmeister mit freundlichem Vorwurf er hatte den anderen längst losgelassen-- ,,, von alledem habe ich ja keine Ahnung! Weshalb hast du dich denn gar nicht mehr gemeldet? Alte Kumpels, die zwei Jahre draußen allen Schlamassel zusammen er= tragen haben brauchen sich doch nicht voreinander zu schämen, mas?"

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Ihr hättet uns ja auch nicht helfen können,

Stapel von Maschinenteilen in der Halle. Schwungrad, Zahnrad, eins ans andere gelegt­Tote Arbeit. Und sie werden alle langsam Rost ansetzen, weil sie niemand pflegt. Kessel, kupfern, schon am Oxydieren, eigentlich bestimmt, Gedröhn der D- Zug- Achsen der Frachttransporte durch das Land zu führen-: und hier liegen sie und hören nur die Stille wachsen.

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Die Dynamos ruhn, der Wächter macht auch am hellen Tage seine Runde, und er nennt's verdrießlich eine Totenwacht, wenn er redet währenddes mit seinem Hunde.. Drüben am Verladegleis gedeihen Gras und Unkraut ungetreten, ungestört Ganz, wie draußen in den Siedlungshäuser­

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reihen

der Fabrikarbeiter sich die Not vermehrt.

etwa

seines Hauses die milde Nachtluft genießen wollte, sieht er seinen Boyero Affonso mit einer Ber­zweiflungsmiene hereinmanken. Der Viehtreiber Affonso, ein Brasilianer aus Rio Grande do Sul , war ins reichere Argentinien eingewandert, um mehr zu verdienen Und nun stand er da, auf­geregt, zitternd, schon pantomimisch die schlechte Botschaft andeutend. die er seinem Herrn über­bringen mußte. Er beschvor seine liebsten Hei­ligen und ließ schließlich den erstarrten Don Vic­torino zu der bitteren Erkenntnis kommen, daß der gesamte erste Auftrieb, vor acht Tagen noch fröhlich, weil ahnungslos, nach Buenos Aires unterwegs, soeben wieder quietschfidel, wenn auch etwas müde, zur Hazienda zurückgekehrt sei. An­fauf verweigert Statt des Geldes bringt Affonso eine schmuddelige Ausgabe der Brensa" mit, und so erfuhr Don Victorino auch den tieferen Grund, aus dem seine Prachtochsen verläufig dem mensch­lichen Appetite entronnen waren. Knallvoll waren

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die Kühlhäuser in Buenos Aires und sämtliche Ladungen von Gefrierfleisch nach Hamburg in­hibiert Im Hauptartikel kritisierte die Prensa" mit scharfen Worten, was nach ihrer Meinung zu einer neuen Isolierung Deutschlands führen würde, und nannte die Zollerhöhung einen Schlag gegen die traditionelle Freundschaft zwischen Ar= gentinien und Deutschland . Die Worte ,, miopia feroz", also etwa brutale Kurzsichtigkeit, standen in diesem Zusammenhang. Was nun mit der bestellten Kühlanlage? Ja, menn man mit leben­den Ochsen bezahlen könnte! Kurz und gut, die erste Lieferung der Berliner Exporteure tam prompt mit dem schönen Hapagschiff General Osario" an und blieb unverzollt im Hafen von Buenos Aires liegen. Don Victorino verweigerte die Annahme. Kein argentinisches Gericht hätte ihn verurteilt. Eine Klage war daher im vor­hinein zwecklos. Schließlich mußte die Sendung zurückbeordert verden.

Das große Geschäft wurde somit für die Ber­ liner zu einem harten Schlag ins Kontor. Und er brach natürlich zuerst dem armen Tropf das Genid. Die Veranlassung der Retoure aus Ar­ gentinien mar feine letzte geschäftliche Obliegen­heit. Seine Kündigung wurde im Auto des Seniorchefs beschlossen, auf der Fahrt zum Amts= gericht Berlin- Mitte , wo der Prozeß der Liefer­merke gegen die Erportfirma megen Bezahlung der Kühlanlage schwebte. Ja", sagte der jüngere der beiden Herren ,,, ich sehe sehr schwarz in der Sache Uebrigens werde ich gleich morgen mit dem Personalabbau anfangen. Zuerst muß Zwischendings dran glauben. Die paar Versand­sachen, die jetzt noch vorkommen, kann der kleine Pips bequem mitmachen." ,, Ich überlasse das dir", erwiderte der alte Herr, jedenfalls den fleinen Pips bitte ich zu halten. Er ist mir durch meinen alten Freund Klumpen warm empfohlen. Der Vater ist ein großes Tier bei der Disconto Maatschappy in Rotterdam ." ,, Ich weiß, ich weiß", meinte der jüngere, der Zwischendings, das harmlose Schaf, tut mir eigentlich leid. Der Jüngste ist er auch nicht mehr. Na, schließlich seine Sache. Wir sind ja kein Wohltätigkeits­institut." Der alte Herr sog nachdenklich an seiner Zigarre. Hoffentlich macht er dir keine Schwie­rigkeiten mit dem Arbeitsgericht. Pips ist jünger und noch nicht so lange bei uns. Dazu ist der Zwischendings dummerweise noch verheiratet."

,, Herr Zwischendings zum Chef!"

Am nächsten Tage hieß es wieder: Zwischen­dings zum Chef! Voll Dienstbeslissenheit und ahnungslos mie Don Victorinos Ochsen beim Gang zum Schlachthaus begab sich der Arme in den direktorialen Glaskasten. Treffsicher wurde dort die Bedauernsheuchelei der Kündigungs­phraseologie gegen sein unvorbereitetes Herz ge= stoßen. Mein lieber Herr Zwischendings, es tut mir sehr leid. Auch uns trifft ja die Krise schwer. Die Sache mit Santa Rosa tennen Sie ja. Be­danken Sie sich beim Herrn Ernährungsminister. Wir verlieren Sie ungern, sehr ungern. Wir haben lange gezögert. Aber die Verhältnisse zwingen uns. Natürlich bekommen Sie ein gutes Zeugnis."

Auf dem Heimwege hatte Tropf Zwischendings Schwindelgefühl und Brechreiz Eristenzangst!- Die kollegialen Tröftungsplumpheiten und die llebergabe des Postens an den jungen Nachfolger waren überstanden. Doch jezt kam das Schwerste. Es seiner jungen Frau sagen. Aber er brauchte nicht viel zu reden. Schon als sie Tropf sah, mußte sie, daß etwas Schlimmes geschehen war. Bleich und mit Tränen stand das junge, zarte Weib da. Ihr Mann war wieder arbeitslos. Die entsetzliche Seuche dieses Jahrzehnts ergriff fie aufs neue. Der nach zehn Jahren des War­tens mühselig aufgerichtete bescheidene Haushalt brach zusammen

Armer Tropf, liebe fleine Tröpfin, wann end­lich werdet thr aufhören, Objekte der Wirtschaft au sein?.