ZWEITE BEILAGE
Vorwärts
SONNTAG, 25. DEZ. 1932
Ein Kind spielt unterm Weihnachtsbaum
nter dem Weihnachtsbaum stand eine große bunte Schachtel. Valentin hatte erst lange damit zu tun, sie anzustaunen und das bunte Bild, das auf den Deckel geklebt war, zu betrachten. Es stellte ein Haus dar von Bäumen umgeben, davor hielt ein Wagen mit Pferden. Ein Mann war aus der Haustür getreten mit einem Jungen an der Hand, und sie verabschiedeten fich von einer Frau, die ein Kind auf dem Arm trug und in der Haustür stand Ein Hund sprang kläffend um den Wagen und konnte die Zeit nicht erwarten, bis die Reise losging
,, Du kannst die Schachtel auch aufmachen und fehen, was drin ist", sagte Valentins Mutter.
Daran hatte er noch gar nicht gedacht, so gut hatte ihm das Bild gefallen. Der Deckel faß ziemlich fest, der Vater mußte helfen, ihn loszuschieben, aber dann vergaß Valentin den Lichterbaum und überhaupt, daß heute Weihnachten war und alles.
Da lag in der Schachtel wirklich das Haus, das auf dem Deckel abgebildet war; Valentin konnte es aufstellen und Bäume rundherum pflanzen. Da war auch der Wagen mit Pferden, da war die Frau mit dem Kind auf dem Arm, von der sich der Mann und der Junge verabschiedeten. Auch der Hund fehlte nicht. Man fonnte sie auf den
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Wagen sehen und losfahren meit fort von dem Haus, in die Welt hinein.
Denn es war ja noch viel mehr in der Schachtel: da war eine Schafherde mit dem Schäfer und einem anderen Hund, der die Schafherde bemachen helfen mußte. Natürlich kläffte der Spitz vom Wagen her den Schäferhund an, und es hätte mahrscheinlich eine blutige Beißerei gegeben, wenn der Schäfer nicht gerufen hätte, denn ein Schäferhund muß ja auf die Schafe aufpassen, daß sie nicht in alle vier Winde laufen.
Der Wagen rollte weiter und kam in einen Wald, da roch es wunderschön nach Lac, mit dem die Bäume gestrichen waren, daß es nur so glänzte.
,, Ach, sieh doch mal", rief der Junge auf dem Wagen ,,, sieh doch Vater, da im Walde steht ein Hirsch!"
,, Richtig!" fagte der Bater. Und da drüben kommt ein Jäger mit der Flinte auf dem Rücken!" ,, Hirsch! Hirsch verstecke dich!" rief der Junge. Und der Hirsch versteckte sich hinter den
Bäumen, er legte sich einfach auf den Boden, und der Jäger konnte ihn nicht finden. Da war der Hirsch gerettet. Im Walde waren noch viele Tiere: Wildschweine, ein paar Rehe und auch ein Fuchs. Der Fuchs lief dem Jäger grade über den Weg rumps! schoß der mit seiner Flinte, und der Fuchs mußte sein Leben lassen.
Danach fragte der Jäger, ob er mit seinem erlegten Fuchs mitfahren dürfe ins nächste Dorf. Dagegen hatten nun die Leute auf dem Wagen nichts einzuwenden, aber der Hund knurrte den toten Fuchs böse an Darüber mußte der Junge lachen. Und der Hund schämte sich, weil er so dumm gewesen war, einen toten Fuchs anzufnurren. Er klemmte den Echwanz ein und verfroch sich im Stroh, das auf dem Wagen lag.
Der Weg ins Dorf war ziemlich meit, er führte
Beobachtet und erzählt- Von Kurt Schmeltzer
durch die ganze Stube, die Leute auf dem Wagen hatten also lange zu fahren. So hatte Valentin Zeit, das Dorf aufzubauen: Häuser und Ställe, ein Wirtshaus und eine Kirche, einen Teich aus
Glas mit Gänsen, die darauf herumschwammen, Leute, die auf der Straße hin und her gingen und wieder viele Bäume, so daß das Dorf hübsch im Grünen stand.
Aber dann schrie Valentin geradezu los vor Vergnügen: da mar ja ins Dorf gerade eine Menagerie gekommen! Wagen, an denen man die eine Seite herunterklappen konnte, so daß ein Gitter zu sehen war, und dahinter Löwen und Tiger und Bären und Hyänen. Auch einen Elefanten und ein Kamel gabs, aber die Bären waren so zahm daß man sie frei herumlaufen lassen konnte.
Und die Leute auf dem Wagen ahnten noch gar nicht, daß sie das alles bald zu sehen kriegen mürden! Nicht einmal der Jäger wußte es.
Aber dann kamen sie ins Dorf, spannten vor dem Wirtshaus die Pferde aus, und während der Bater die Futterbeutel zurecht machte, durfte der Junge die durstigen Pferde an den Dorfteich führen und tränken Hernach setzte sich der Vater mit dem Jäger zu einem, Glase Bier und der Junge stromte im Dorf herum. Und da entdeckte er ja dann die Menagerie. Natürlich lief er und holte den Vater und der Jäger tam auch mit, und dann staunten sie die wilden Bestien an,
während sie der Bärter mit Fleisch fütterte. Nachher durfte der Junge auf dem Elefanten reiten, und der Spitz kläffte an dem Riesentier empor. Aber davon wurde der Elefant scheu, und ehe sich's die anderen versahen, raste er mit dem Jungen davon. Der Vater schrie, der Jäger schrie und der Wärter schrie, aber der Elefant galoppierte schon weit mit dem Jungen auf seinem Nacken und schwenkte wild mit dem Rüssel durch die Luft. Da stieg der Wärter auf das Kamel und ritt hinterdrein und der Vater des Jungen lief in das Dorf, spannte die Pferde ein und fuhr gleichfalls schnell in der Richtung, die der Elefant genommen hatte.
Der war inzwischen in den Wald gekommen und zwischen den Bäumen mußte er wohl langsamer gehen. Aber der Junge mußte doch mächtig aufpassen, damit er von den Zweigen nicht herabgestreift wurde Plöglich stand da der Hirsch, den er vorher vor dem Jäger gewarnt hatte.
,, Spring auf meinen Rücken! Spring auf meinen Rücken!" schrie der Hirsch. Der Junge nahm die Gelegenheit mahr, sprang, als der Elefant gerade an dem Hirsch vorbeikam, und landete glücklich auf dem Hirsch.
,, Das ist mein Dank, weil du mich vorhin gewarnt hast" sagte der Hirsch. Wo soll ich dich denn nun hintragen?"
,, Am liebsten in das Dorf dort hinten, wo mein Vater mit dem Wagen ist, wenn du so freundlich sein willst", antwortete der Junge.
,, Weit aus dem Wald möchte ich freilich nicht gerne", meinte der Hirsch. Auf freiem Felde ist mir's zu gefährlich. aber bis an den Waldrand will ich dich gerne bringen." Damit trabte er los.
Am Waldrand trafen sie den Wärter auf dem Kamel, und während ihm der Junge Bescheid sagte, wohin der Elefant gelaufen war, verschwand der Hirsch. Aber nach einem Weilchen hörte der Junge Räder rollen und Hufe flappern, und es tam sein Vater, und die Freude war groß. Nun mußten sie freilich noch einmal nach dem Dorfe fahren, denn sie wollten ja Kartoffeln für den Winter kaufen.
Dann luden sie im Dorf die Säcke auf den Wagen, und als er voll war, fuhren sie auf einem anderen Wege wieder heim, denn sie wollten dem wilden Elefanten, wenn ihn nun der Wärter zurüdbrachte, nicht gerne noch einmal begegnen, und dann hatte Valentin in der Spielzeugschachtel ja auch noch eine Brücke und ein Schiff und eine Eisenbahn gefunden. Ueber die Brücke mußten sie
natürlich fahren und ins Wasser hinuntersehen, wo das Schiff vorüberschwamm. Dann kamen sie an eine Eisenbahnüberführung und mußten warten, Und dann da die Schranke geschlossen war. brauste der Zug vorbei, die Schranke ging hoch, und sie konnten weiterfahren.
So kamen sie endlich nach Hause. Die Mutter mit dem Kind auf dem Arm fam ihnen entgegen und freute sich, daß sie endlich glücklich wieder daheim waren, der Spig fläffte vom Wagen herunter, die Pferde wurden ausgespannt und in den Stall gebracht, die Kartoffelsäcke abgeladen und...
,, Und nun ist es Zeit, daß du schlafen gehst, Balentin", sagte seine Mutter.„ Sieh mal, die Weihnachtskerzen sind schon ganz heruntergebrannt. Morgen ist auch noch ein Tag zum Spielen."
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,, Doch!" sagte Valentin betrübt. Aber dann packte er doch alles wieder in die große Schachtel: die Eisenbahn, das Schiff, die Brücke, die Menagerie samt Elefanten und Kamel, das Dorf mit dem Teich, den Wald mit Hirsch und Fuchs, die Schafherde, das Haus mit den Bäumen drum
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herum, die Frau mit dem Kind, den Mann, den Jungen und zuletzt Wagen und Pferde und den Spitz.
Und dann wurde die große bunte Schachtel zugemacht, Valentin gab Vater und Mutter einen Kuß zur guten Nacht, die Lichter am Weihnachtsbaum durfte er noch auspusten, dann ging er ins Bett und träumte davon, wie er am nächsten Tage die Welt einrichten wollte aus seiner Spielzeugschachtel.
,, Am 16. Juni 1822 dem Küchenmädchen aufgefagt.
Am 19. Juli die Küchenmagd eingetreten. Am 28. August die Küchenmagd ausgetreten. Am 6. September das Mädchen eingetreten. Am 5. Oktober abends ist die Küchenmagd entflohen.
Am 12. Dezember ist das Küchenmädchen eingetreten."
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Beethoven überflog unter störrischen Brauen diesen sorgsam geführten Kalender seines häuslichen Kummers dann packte er mit wütendem Griff die Feder und fügte hinzu: Am 24. Dezember dem Küchenmädchen aufgefagt." Und dann, besinnungslos fast in Zorn und Einsamkeit, setzte er darunter: Miser et pauper sum."
,, Arm und unglücklich bin ich", wiederholte er sehr laut und lauschte scharf hin, ob er seine eigene Stimme hallen höre im weiten, ungeordneten Zimmer, aber er hörte sie nicht unglüdlich und arm, taub und einsam, und ohne Hilfe wieder einmal!"
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Er fegte mit fahriger Geste ein Buch vom Tisch, hob es unmutig wieder auf es war der Kalender- überlas seine letzte Eintragung von heute und dachte, daß es nun so weiter gehen werde, der Kampf um die Größe des Gedankens, das Anrennen gegen die Mauer im Ohr und der viel widerwärtigere Kampf mit der Kleinheit des immer so weiter, heute, morgen, Wirklichen
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was
bis ans Ende... Er sah sich im Raum um: zerstreute Papiere, unabgetragene Eßreste, staubige Möbelplatten, der Ofen schweigend. dunkel und kalt wollte er hier? Er trat ans Fenster: jäher Tau nach drei Tagen Schnee, Nässe lief grau über die Steine. Nässe lief selbst von blinden Fenstern, Wind warf Schnee wie mit Schaufeln von mißfarbenen Dächern, unmutig und widerwillig glomm das spärliche Licht des Winterabends häßlich, liebelos, einsam, morsch das alles, aber doch Natur, freier Weg ohne Wände, unbelauschter Steg ohne misperndes Menschengewürm: plötzlich hatte er die Tür ins Schloß geworfen, war er die schiefe Treppe hinunter, schritt er mit harten, haftigen Tritten die Gasse hinab,
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irgendwohin... Er hatte den Mantel vergessen und den Hut, sein Rock war offen, die Nässe tlebte sein wirres Haar zu dicken, unförmigen Locken, der Wind zauste sie wieder auseinander; er merkte all das gar nicht, er fror nicht, er hielt den mächtigen Kopf geneigt, rempelte die menigen späten Passanten an und knurrte eine widerwillige Entschuldigung, die geballten Hände stießen vom kurzen und doch gewaltigen Körper weg wie von Explosionen geschleudert so tam er an den Kanal.
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Der Kanal war nicht mehr gefroren und noch nicht vom Taumasser geschwellt, er troch grau, schmierig, langsam und lichtlos hin wie ein verpfuschtes Leben. Beethoven gesellte sich ihm zu, wanderte an seinem viel zu geraden, unschönen Ufer hin es war ja von Menschen gebaut und nicht von Gott . Längst hatte er den Wiener Vorort Baden, wo er um diese Zeit wohnte, verlassen, längst war die Umgebung ihm unbekannt, längst hatte er vergessen, welche Richtung er eingeschlagen hatte. Niemand begegnete ihm; und felbst die Gestalten seiner Erinnerungen gingen nicht neben ihm, sondern schritten drüben auf der anderen Seite des Kanals, getrennt durch die tote Flut von ihm wie seine Töne durch die unübersteigbare Mauer im Ohr: da glitt im Ufernebel drüben die schöne Zauberin Komtesse Giulietta Guicciardi , in ihrem Schritt war der Taft der Cis- Moll- Sonate, sie verlosch mit ihrem Klang; an ihre Stelle trat Therese Brunswit, die unSterbliche Geliebte, die Waldsteinsonate umrauschte sie und versank; da war der gemessene Gang des Großen aus Weimar , in dem der Einsame einen Dichter gesucht und einen Geheimrat gefunden hatte, die Egmontmusik mehte bettelnd an des Olympiers Ohr, er wehrte sie ab mit erhabener Gebärde es kam und ging noch mehr an Gestalten und Tönen, und es stieg immer höher die Schlammflut des Wassers, und es wuchs immer höher um ihn der Turm der Taubheit, der ihn einschloß und abschloß von Vergangenheit, Gegenwart, Zukunft, von Hören und Erhörung...
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Es war sehr dunkel geworden, er erkannte den Weg nicht mehr, stieß schmerzhaft an eine Mauer. Er fehrte jäh um, schritt zu und stand nach
wenigen Tritten am Wasser, die Feuchte umtlomm schon seinen Fuß. Weitergehen? Eingehen in die ewige Stummheit, ewige Taubheit? Da hob er den Kopf: er hörte etwas. Glocken! Glocken vernahm er noch zuweilen, wenn sie sehr nahe schwangen und sehr mächtig waren. Er mußte dicht bei einer Kirche sein. Warum läuteten sie? Gleichgültig. Er trank den Klang, ließ ihn einrauschen in seine Leere, durstig wie ein zu Tode Erschöpfter. Lieber Gott, der du deine Glocken flingen läsfest dem gleichgültigsten mir das Ohr noch: warum hast du mir, mir, getan...?
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Beethoven trat zurück, er folgte dem Klang wie einem Zauber. Die Glocken lockten ihn weg vom Wasser. Führten ihn an dunklen Gassenwänden, hin in breitere Straßen. Und hier, hier war auch Licht. Es kam aus allen Fenstern. Kein lautes Licht, ein still flackerndes Leuchten. Was war denn, daß diese innige Helle war überall? Da ein Vorgarten mit offener Tür; Beethoven trat hinein und blickte in ein Fenster zu ebener Erde. Ein Vater saß da am Spinett, eine Mutter entzündete Kerzen, Kinder umstanden. den Vater und sangen: der Einsame draußen sah nur die kleinen Münder, wie sie sich öffneten und schlossen, er sah die Tasten niedersinken und sich heben unter der Hand, die über ihnen schwebie, aber er hörte nichts und mit einem schwieg die Glocke auch... Weihnachten! durchfuhr es ihn... Er stand lange am Fenster, die Nässe kletterte an ihm hinauf, der Tau tropfte vom Dach in sein Haar. Er preßte das Gesicht gegen die Scheibe wie ein Kind, wie damals in Bonn , als sie den kleinen Ludwig seiner schwarzen Haare und seines braunen Antlitzes wegen den Spangol" nannten. ... Es war aber da drin im Zimmer alles noch so wie damals in Bonn , nur in ihm war es vergangen, versunken, verwest... Was sangen sie da, was spielte der da? Nein, er vermochte es nicht zu erkennen, aber er sah wohl, daß es etwas Sjelles, Gläubiges, etwas Freudiges sein mußte... Freude..?" fragte er sich laut. Freude..?" Da sah eines der Kinder zum Fenster hin, er schrat, mies auf ihn, alle sahen nun auf ihn, et