ERSTE BEILAGE
SONNTAG, 15. JAN. 1933
Ein frostiger Ruheplatz— Chauffeure wärmen sich die Hände
Es ist das alte Lied: die einen packen die Skier und dampfen ab nach Oberiwf und Parlenkirdien, die anderen reiben zitternd die Uände und marschieren in die Wärmehalle. 10 Grad Kälte— für die einen ein V orsdmß auf die Seligkeit, für die anderen Seufzer und Tränen. Da standen Herzen still, als am Freilagmitlag I Uhr oor dem Hause Elsösser Straße 63 ein alter Mann zusammenbrach, mit dem müden Kopf aufs Pflaster schlug und ihm das Blut übers Gesicht rieselte. Der Hunger und die Kälte hatten den alten Mann umgeroorfen. Die Leute liefen zusammen die Frauen jammerten, dann kam der Rettungsmagen und zehn Minuten später mußte in der ganzen Elsasser Straße kein Mensch mehr etmas oon dem alten Mann. Es fallen heute so viele um. Gold und Holz Ein paar Däuser weiter ist die Pfandleihe. So oft die Männer hinter den vier Annahmeschaltern „Nein!" sagen, so oft bedeutet ihr„Nein!� eine bitterkalte Stube. Da kam ein altes Männlein die Treppen herauf, er schleppte schwer an dem alten Grammophonapparat und den Platten. Behutsam packte er Apparat und Platten aus dem bunten Tüchlein, dann schob er beides vors Schatlerfeilsler, aber der Mann winkte nur ab', Trichtcrgrammo- phone könne er nicht nehmen. So kam es, daß sich der alte Mann kein cholz kaufen konnte, dafür kann er Musik machen: als er die Platten her- zeigte, stand auf der einen:„Wenn du meine Tante siehst, ich laß sie grüßen!" Aber das m>t dem alten Mann, das war noch gar nichts. Zwischen den Schaltern, oor denen sich die Menschen stauten— aber jetzt buchstäblich: um ihre letzte chabc zu ver- setzen, steht ein Kinderwagen. Mit einem kleinen Jungen drin. Es ist niemand bei ihm und man denkt, was macht denn der Steppke hier? Nach einige» Minuten kommen seine Eltern. Der Mann knisst den Pfandschein und besieht sich ein Zwei- markstiick.„Wat Hain Sc'n vasetzt?"—„Meine jute Winterjoppe. Dafür hat er mir zwee Mark jejeben. Jetzt jch ick uff de Straße und hol ma n Dod." Das war der Vater. Damit dos Lamento nicht zu groß ist, hat die Pfandleihe gleich Plakate an die Wand gehängt: Es werden nicht beliehen: .Hochfrequenz- und Radioapparate, Gemälde, Frack- und Smokinganzüge, Domcnkleider. Möbel, Klaviere und Geigen. Aber schon geht das Barmen wieder los: ganz neu sei der Änzug� allein 4S Mark Macherlohn hätte er gekostet und warum man nicht IS Mark auf de» Anzug bekommen könne„Sieben Mark!" sagt der Mann hinter dem Schalter und als der andere nicht gleich ja sagt, klappt er das Schalter- senster wieder zu. Man kann unterdessen rechnen: sieben Mark, das ist ein alter Meter Kiefernholz, allzu viele warme Stuben gibt es dafür nicht. Dann kommt ein Fräulein. Fei» baut sie alles auf, die Wildlederschuh, das Seidenkleid und einen Mantel dazu. Es nutzt nichts:„Damengarderobe nehmen wir nicht!"—„Dann wenigstens die Armbanduhr."—„Zwei Mark kann ich Ihnen darauf geben, wollen Sie? Gut, hier haben Sie Ähre Nummer, Sie werden aufgerufen." Zwei Mark— das wäre der Preis für einen gut ge- mesienen Zentner Briketts. Tief stehen die Kurse für Gold und Silber auf der Pfandleihe: im um- gekehrten Verhältnis zu cholz und Kohle. Kolonne„Brennabor" Schräg gegenüber, m der Ackerstraße, ist eine Wärmehalle des Bezirksamts Mitte. Keine Steck- nadel kann zur Erde so dicht steht bei lll Grad kälte die Armut zusammen Kar> zählt sein Geld. 1,50 Mark sind es doch noch geworden. Vier und eine halbe Stunde hat es gedauert, jeder Aufgang 8 Minuten, macht siebe» Aufgänge in der Stunde und IS,'20 chäuser auf der ganzen Klingelsahrt. „So muß man sich heute für fünfzehn Groschen quälen", brubbelt Karl in seinen Bart. Eigentlich sind sie noch alle da: die reservierten Plätze sind
für Kolonne„Brennabor". Richtiger sind es drei Cliquen zu je acht Mann: zu der einen gehört jener Trompeter, der am Heiligabend auf dem chof vom Polizeipräsidium gespielt hat:„Behüt dich Gott, es wär so schön gewesen!" Als er fertig war, haben sie ihn rausgeworfen. Dann ist noch der alte Schneider dabei, der immer erzählt, welchen feinen Leuten er in feinem Leben die Anzüge gemacht hat, der Holl jetzt immer den „Brennabor ". Das ist gewöhnlicher Brennspiritus, Liter zu 65 Pf., da kommt Wasser zu. dann ist der„Brennabor " fertig und die Flasche geht Reih' um. Nachher fangen sie an zu singen. Das konnten die andern nicht vertragen und seitdem werden hin und wieder von den Aufsehern Stich- proben gemacht. Wenn einer mit der„Brennabor "- Pulle örwischt wird, darf er einen Tag lang nicht in die Wärmehalls. Am Z Uhr ist Schluß in der Wärmehalle. Zille konnte das malen, wie das schnapsgewordene Elend zitternd hinaus in die Kälte strömt. Dann ist guter Rat teuer. Für das Asyl ist es noch zu früh. Alte Ueckermiinder Wie gesagt, es ist noch Zeit, um 3 Uhr legi sich keiner auf dem Boden schlafen, also auf zur Heils- arnzxe!. Nun, über mangelnde Frequenz kann sich die Heilsarmee bei 10 Grad kälte nicht beklagen, gerammelt voll ist der Kundensaal und zwischen einem alten Speckjäger und einem jungen Hof- sänger ist gerade ein gewichtiger Disput im Gange. „Nein"— schreit der Alte und fuchtelt dem Jungen mit einem Paar erfochtener Schmalzstullen unter der Nase—„das sind hier kahle Bolzen, aber die werde ich nachher essen! Wenn Ihr die Stullen nicht nehmt, gibt kein Mensch in diesem Hause noch einem Bettler!" Der Mann, der diesen Unterricht gibt, ist so etwas wie eine Art Betllerkönig. Er hat sich einen Fliegenbart stehen lassen, trägt auch bei 10 Grad Kälte sein« Männcrbrust zur Schau, als hätte er kein Hemd und kann auf Kommando weinen. In diesem Sommer, erzählt er, in Lauen- bürg in Pommern , hat er noch an einem Tage fünf bare Mark zusammengebracht. Keinen Groschen hat ihm die Fahrt nach Berlin in die Ackerstraße gekostet. In Lauenburg ging es nicht mehr anders, da bekam er schließlich 3 Wochen Haft wegen Bettelei, und als er rauskam: eine Fahrkarte nach Berlin . Schöne Sachen erzählt er, vor allem von Stettin . Wie ein Kunde noch dem anderen in Stettin anrollte und die Herberge konnte sich vor Kunden überhaupt nicht mehr retten. Eines Tages mußten sie dann antreten, die einen hier, die anderen dort: sie bekamen allesamt aufgeknallt: 9 Monate Ueckermünde . Ueckcrmünde, muß man
wissen, ist das pommersche Rummelsburg , genauer gesagt Arbeitshaus. Die Paragraphen 361 und 362 des Strafgesetzbuches, das sind die einschlägigen Paragraphen bezüglich Landstreicherei und Arbeits- haus, die kennen die Alten auswendig, besonders den Absatz?: Mit Hast wird bestraft, usw.,„wer, wenn er aus öffentlichen Armenmitteln«ine Unter- ftützung empfängt, sich aus Arbeitsscheu weigert, die ihm von der Behörde angewiesene, seinen Kräften angemessene Arbeit zu verrichten". Diesen Absatz kennen sie alle ganz genau und dann muß man einmal in den Heilsarmee -Keller der Acker- straße gehen und sich erzählen lassen, was sie auf- stellen, wenn sie doch jemand an den Kanthaken gekriegt hat und nach Ribbeckslzorst oder Fuchs- brügge in die Berliner Arbeitsheime schickte.
In diesem Zusammenhang ist die Entwicklung im Städtischen Obdach in der Fröbelstraße außer- ordentlich interessant: man möchte beinahe sagen bedenklich. Am 13. Januar 1933 nächtigten im Obdach nur noch rund 400 Personen. Da- gegen waren es vor vier Jahren zusammen mit der„Wiesenburg " noch über 3 00 0 Menschen: ungerechnet die Landarbeiter in den Schnitter- kasernen. Dieser Rückgang in den Belegschasts- Ziffern des Städtischen Obdachs steht im umgekehr- ten Verhältnis zur Krise. Aber wo sind die Obdachlosen nun eigentlich? Von sachverständiger Seite hört man: in den Männerheimen Der Grund ist einfach: das Männerheim hat keine Anstalts- ordnung: jeder kriecht in feine Falle, ob mit Sachen oder ohne, kümmert niemand, und während man im Obdach bis abends um 10 Uhr sein muß, kann man im Männerheim auch nachts um 3 Uhr kommen. Man wird sich einmal näher mit diesen Dingen beschästigen müssen.
Gattenmörderoerhör Streit um das Kind Im Laufe des Sonnabendnachmitlags wurde der Aegypter Felix Ohanna von der Kriminalpolizei einem eingehenden Verhör unterzogen. Seine Angaben brachten zunächst Klarheit über die Einzelheiten der Tot. Ohanna ist, wie jetzt festgestellt werden tonnte, französischer Staatsangehöriger, hat früher in Berlin , später auch im Auslande als Bildbericht- «rstatter und Korrespondent für französische und spanische Zeitungen gearbeitet. Nach seinen An- gaben ist die Sponung zwischen seiner Frau und ihm durch die Verwandtschaft genährt worden. Der Hauptstreit drehte sich um die Erziehung des K i n d c s. Er ist mosaischen Glaubens und wollte das Kind in seinen Anschauungen und nach seiner Religion erziehen. Dem widersetzte sich seine Frau und die Verwandtschast. Am Freitag war er bei der Tante erschienen und wollte das Kind zu einem Spaziergang abholen. In einem Schei- dungsurteil war ihm dieses Recht zugebilligt worden. Er ging auch mit der Kleinen spazieren und brachte sie nach einer Stunde zurück. Seine Frau war nicht zu Hause. Er geriet aber bei der Rückkunft mit der Tante seiner Frau in eine er-
Neue Omnibuslinien Aher nur für den Westen
Die Berliner Verkehrsgesellschost hat für die Ortsteile Zehlendorf , Lichterfeld« und Steglitz Neue Derkehrsverbindungen geschaffen. Die Omnibuslinie KS(Stettiner Bahn- Hof— Rathaus Steglitz) wird über dos Rathaus Steglitz hinaus bis noch Zehlendorf -Mitte ver- längert. Dadurch wird eine unmittelbare Omnibus- Verbindung zwischen Zehlendorf , Potsdamer Platz , Bahnhof Friedrichstraße und Stettiner Bahnhof geschaffen. Zwischen Rathaus«Steglitz und der Innenstadt(Potsdamer Platz und Stettiner Bahnhof) wird das Platzangebot noch oermehrt durch die Einrichtung einer Ergänzungs- l i n i e K S si, die vom Rathaus Steglitz nach dem Stettiner Bahnhof fährt. Die Omnibuslinie A 14(Weißensee— Alexonderplotz— Hallefches Tor— Rothaus Schöne- berg) wird über das Rathaus Schöneberg hinaus durch die Hauptstraße. Rheinstraße und Schloß- straße bis zum Rathaus Steglitz ver- längert. Es wird dadurch eine neue Verbin- dung zwischen Steglitz und dem Halleschen Tor geschassei».
regte Debatte. Er hielt sie für seine Hauptfeindin. lim der Szene ein Ende zu machen, schob die Frau ihn zur Tür hinaus und schloß sie hinter ihm ab. Er fuhr dann in die Stadt, suchte in der Passage ein Waffengeschäft auf und kaufte sich den D o l ch. Er wollte, wie er sagte, die Tante niederstechen. Als er an der Tür klingelte, rief ihm Frau Erdmann zu, er solle fortgehen, sie werde die Tür nicht öffnen. Während der Aussprache bei geschlossener Tür erschien seine Frau, die in- zwischen nach Hause gekommen war. Er bat sie. das Kind sehen zu dürfen, es sollte das letzte Mal fein. Sie willfahrte seinem Wunsche: er kniete vor dem Kind nieder, küßte es mehrmals und hob es dann in den Korridor hinein. Jetzt übermannte ihn die Wut. Er zog den Dolch und stach damit auf die Frau ein, die lautlos zusammenbrach. Nun hörte er, wie die Tante im Nebenzimmer tele- phonisch das Ueberfallkommando rief. Er wars das Messer fort und flüchtete
Frost Hütt weiter an! Mit unverminderter Heftigkeit dauert die kälte an. Am Sonnabend sank das Thermometer, das als Maximum am Tage 6 Grad kälte anzeigte, in den späten Abendstunden»och unter 10 Grad. Dazu fegte ein eisiger Ostwind durch die Straßen, die bald wie ausgestorben dalagen. Leider haben sich mit dem strengen Frost vierlerlei unangenehme Dinge eingestellt. In den Häusern plagten unter der Einwirkung der Kälte häufig die W a s s e r r o h r e. Da muß dann die Feuerwehr oft genug helfend einspringen. Die Hauptschäden des Frostes werden sich aber erst dann zeigen, wenn es zu einem Witterungsum- schlag mit plötzlichem Temperakurwechsel kommt. — Die Feuerwehr mußte gestern allein in sieben Fällen Schwäne retten, die mit den Beinen eingefroren waren. Die Tiere konnten sämtlich unbeschädigt geborgen werden. Aus das Konto der Kälte kann ein Unglücks- fall gesetzt werden, der sich am Sonnabend am Kottbusser Ufer ereignete. Am Rande der Böschung des zum Teil zugefrorenen Landwehr- kanals spielten mehrere kleine Kinder. Auf dem gefrorenen Boden glitt der achtjährige Wolf- gang S. aus der Grünauer Straße plötzlich aus und stürzte kopfüber in das Wasser. Das Kind drohte unter die Eisdecke zu geraten. Ein Passant, der Maschinenbauer Fritz Pinengräber aus der Liegnitzcr Straße, sprang dem Jungen sofort nacl) und es gelang dem mutigen Mann, den Bcr- unglückten zu retten. Das Kind fand ini Urban- krankenhaus Aufnahme. * Die strenge Kälte hat uns veranlaßt, bei der Hauptfeuerwache anzufragen, ob für die H y- d r a n t e n eine Gefahr besteht, bzw. die Lösch- arbeiten bei einem größeren Feuer durch Ein- frieren des Leitungsnetzes gefährdet werden könnten. Diese Gefahr besteht bei Kältegraden oon 10 bis 12 Grad und noch darüber keines- wegs. Die Hydranten liegen 1 Meter tief in der Erde und auch das Leitungsnetz durchzieht in ent- sprechender Tiefe das Erdreich, so daß schon ein Winter wie der im Jahre 1928/29 kommen müßte. um Hydranten und Leitungen zu vereisen. Aber auch in einem solchen Falle stehen der Feuerwehr Behelfsinittel, Austauapparate, zur Verfügung. Im übrigen werden die Hydranten besonders im Winter häufig kontrolliert.
Ferner wird ein« Omnibuslini« A18 eingerichtet, die vom Steinplog in der Hardenberg- straße Clzarloltenburg über den Zoo durch die Koiserallee, Friedrich-Wilhelm-Platz. Kirchstraße, Kaisereiche, Saorstroße, Knausstraße, Bismarck- straße, Mariendorfer Straße, Halskestroße, Sie- mensstraße und Bikloriostraße bis zur Drei- faltigkeitstirche in Lankwitz fährt. Hierdurch wird der Ortsteil Lankwitz über Steglitz . Friedenau , Wilmersdorf unmittelbar mit Charlottenburg ver- bunden und zugleich die Linie A 20 in der Kaiserallee entlostet. Die von Stölpchensee nach Bahnhos Wannsee führende Omnibus! inie A 17 ist bereits nach Zehlendorf -Mitte verlängert worden Die von der Glienicker Brücke in Potsdam nach Zehlendorf - Mitte fahrende Omnibuslinie P bleibt bestehen. jedoch mit der Aenderung, daß sie unter Vermeidung des bisherigen Umweges überZehlen- dorf-West in gerader Linie auf der Potsdamer Chausiee noch Zehlendorf -Mitte fährt. Die vorstehend genannten Aenderungen und Ergänzungen werden ob 1. Februar 1933 ein- geführt.
Gemeinde-ivormietrecht Eorderung der Mietervereine Du Bund Deutscher Mietervereine E. v„ Sitz Dresden , hat an den Reichspräsidenten , den Reichskanzler, den Reichsarbeitsminister und den Reichsjustizminister eine Eingabe gerichtet. in der u. a. verlangt wird: Beseitigung der Abhängigkeit des Reichsmietengesehes und des Mieterschuhgesehes von dem Bestehen de» Wohnungsmongelgesehes. Aufrechterhaltung des wohuungsmangelgesetzes unter Einführung eines Vormietrechtes der Gemeinden unter der Verpflichtung der Gemeinden zur Beschaffung von Wohnungen für obdachlose Mieter. In der Eingabe wird weiter hingewiesen, daß es undenkbar ist, daß das W o h n u n g s- mangelgefetz am l. April 1933 außer Kraft treten soll, ohne daß die Genicinden gleichzeitig andere Rechte erhalten. Bei der fortschreitenden Not und der infolgedessen wachsenden Zahl der Räumungsschuldner müßten die Gemeinden ei» ausdrückliches Vormietrecht zugunste» der von ihr Unterzubringenden erhalten.
Schlägerei am BMowplatz An der Ecke Hirten- und Alexanderstraßc un- wcst des Bülowplatzes kam es gestern abend zu einer blutigen Schlägerei zwischen K o m m u- n i st e n und Nationalsozialisten Zwei Beteiligte wurden leicht verletzt. Bon der Polizei mußte ein Schreckschuß abgegeben werden. Es erfolgten drei Festnahmen.