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Morgen- Ausgabe

Nr. 27 A 14 50. Jahrg.

Rebattion and Berlag, Berlin SW 68, Lindenstr. 3

Serniprecher 7 Amt Dönhoff 292 bis 297 Telegrammabreffe: Sozialbemotrat Berita

Vorwärts

BERLINER

VOLKSBLATT

DIENSTAG

17. Januar 1933

B

In Groß Berlin 10 Pf. Auswärts....... 15 Pf. Bezugsbedingungen und Anzeigenpreffe fiche am Schluß bes rebuttionellen Teils

Bentralorgan der Sozialdemokratischen Bartei Deutschlands

Gegen den braunen Mord!

Machtvolle Demonstration der Neuköllner Arbeiterschaft

2m 12. Januar, in der neunten Abendstunde, find zwei Neuköllner 3ungbannertame­raden an der Ede von Thomasstraße und Mittelweg von mehr als einem Duhend ausge­wachsener uniformierter S2- Leute nieder­geichlagen worden. Beide, Kurt Frenzel aus der Roseggerstraße und Hermann Balfe aus der Kaiser- Friedrich- Straße, sind Fünf­zehnjährige, vor Dreivierteljahren etwa aus der Schule enflaffen, schmächtige, noch in der Ent­widlung stehende Proletarierfinder der Notzeit, in der wir leben. Beide sind ohne Lehrstelle, und abends gingen sie, um ihrer Not zu entfliehen, in die Neuköllner Turnhalle zur Uebungs­ffunde des Jungbanners. Die beiden haben keinem Menschen etwas getan. Aber als sie nach Hause gingen, sind sie von einer braunen Horde über­fallen und niedergeschlagen worden. Der eine liegt mit von Schlagringhieben zerfetztem Geficht, mit von Dolchffichen zerbohrter Lunge im Krankenhaus. Noch heute bangt man um fein Leben. Der andere, weniger getroffen, aber auch ohne jeden Grund niedergeprügelt, ist glüd­licherweise außer Gefahr.

Die Neuköllner Arbeiterschaft hatte für geffern abend zu einem öffentlichen Umzug gegen das Wäten der braunen Mordbanditen aufgerufen, der sich zu einer hinreißenden Demonstration des Kampfwillens der Berliner Proletarier gestaltete.

An dem falten Winterabend versammelten sich an der Schillerpromenade die Genossen, die alten und jungen, die Reichsbannerkameraden und die Freunde und Freundinnen von der Arbeiter­jugend, vorne die roten Kampf- und Freiheits­

fahnen und, auf den Zug verteilt, die Kapellen von Reichsbanner und SAJ., die unermüdlich fpielten, und dazwischen die Sportler, die Frauen, die keine Januarwitterung schreckt. Als der Zug von der Spize bis zum Ende sich in Bewegung gesezt hat, ist vom Augenblid an, in dem die Mufit ihr sozialistisches Kampflied ertönen ließ, bis zu dem Augenblick, an dem das Ende in die Steinmezstraße einbog, nahezu eine halbe Stunde vergangen. Aber während des Marsches, der sich über die Hermann, Jonas- und Bergstraße zum Hohenzollernplatz und dann über den Richard­platz zum Herzbergplag bewegt, reihen sich in die Kolonnen immer wieder Arbeiter und Arbeite­rinnen ein

Das sind die Menschen, die nicht zur Zeit an der Schillerpromenabe sein konnten, weil sie noch in den Betrieben arbeiteten, aber fie gliedern sich ein, weil sie dabei sein wollen bei dem Protest ihrer Klassengenossen gegen blutigen Mord und scheußlichen Ueberfall, weil sie vor allen Dingen aber auch ihren Brüdern, den allzuvielen aus­gemergelten und abgerissenen arbeitslosen Ge­nossen und Kameraden das Gelöbnis der Soli­darität ablegen wollen jenen Genoffen, denen

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der Kampf für die Freiheit höher steht als schwerste Not.

Wohl ebenso groß wie die Zahl der im Zuge Marschierenden ist die Menge einzuschätzen aller derer, die auf den Bürgersteigen mit einher­schreiten oder die aus Läden, Geschäften und Häusern heraus die Kolonne der Neuköllner Arbeiterschaft mit Freiheit- Rufen und Sym­pathiekundgebungen begrüßt.

Man hat gestern nur sehr menig ablehnende Aeußerungen aus dem Publikum gehört, und menn die Braunen überhaupt bemerkbar waren,

Amerika und Fernost

Angebliches Eingreifen Präsident Hoovers

Condon, 16. Januar.

Die Exchange Telegraph Company erfährt aus sehr zuverlässiger amerikanischer Quelle in Genf , Präsident Hoover habe den Londoner USA - Botschafter Mellon angewiesen, dem engli­fchen Außenminifterium mitzuteilen, daß nach An­ficht der amerikanischen Regierung in der Behand­lung des chinesisch- japanischen Streitfalles bereits zuviel Zeit durch den Bölkerbund verloren, alle Maßnahmen für eine Versöhnung fehlgeschlagen seien und der Völkerbund nunmehr in Ueberein. ftimmung mit feinem Statut handeln sollte. Mellon werde diesen Auftrag Montag oder Dienstag aus­führen. Wie man glaube, habe auch der Pariser Botschafter Edge ähnliche Anweisung erhalten, die er dem Quai d'Orsay mitteilen solle.

Nordamerika gehört dem Völkerbund nicht an und darum fann es die Mahnung zur Tat mohl an führende Völferbundsmächte zur Vertretung in Genf richten.

Washington , 16. Januar.

Das Staatsdepartement gibt bekannt, daß Stimson auf Grund der amerikafeindlichen japanischen Pressepropaganda den Botschafter in Tokio dahin unterrichtet habe, daß die in Japan umlaufenden Gerüchte über ameri­tanische Waffenlieferungen und An­leihen an China im Falle der Kriegserklä rung völlig unbgründet seien. Der Bot­schafter hat darauf in Tokio einen entsprechenden Bericht veröffentlicht.

Der Völkerbund auf dem Rückzug Genf , 16. Januar.

Der 19er- Ausschuß des Völkerbundes ist zur Beiterbehandlung des chinesisch- japanischen Ron­füiftes wieder zusammengetreten. Borsitzender ist

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Außenminister Hymans Belgien; Deutschland ist durch den Gesandien von Keller vertreten. Am 19. Dezember hatte man Entschließungen ge­faßt, bie aber von beiden Parteien abgelehnt worden sind. Nun ist es, insbesondere durch die Bemühungen Sir Eric Drummonds gelungen, die Zustimmung der Japaner dadurch zu erlangen, daß in den Resolutionen entsprechend den japanischen Wünschen nicht unwesent= liche Aenderungen vorgenommen worden sind, u. a. die, daß

Amerika und Rußland nicht in die Vermitt­lungsaktion einbezogen werden und die auf Mandschufuo bezüglichen Teile der Entschlie­Bungen wegfallen sollen. Chinesischen Abänderungsanträgen ist nicht Folge geleistet worden. Der chinesische Chef­delegierte Dr. Den hat in einem scharfen Schrei ben an Hymans gegen die unfaire Hand­lungsweise Einspruch erhoben, daß man diese ( japanischen) Aenderungen den Chinesen nicht ein­mal vorher mitgeteilt hat, und erklärt, daß diese Aenderungen das Schlichtungsverfahren für China unannehmbar machen.

Darauf erklärte Präsident Hymans, die kom­mission müsse sich im Falle des Scheiterns dieses legten Bersuchs darauf vorbereiten, einen Bericht mit Lösungsvorschlägen aufzustellen, die nach Artikel 15 Absaz 4 des Bölkerbundspaktes den Parteien auferlegt würden mit allen Ron­sequenzen von 3wangsmaßnahmen. Der Ausschuß hat sich abermals um zwei Tage vertagt.

Chinas Abwehrmaßnahmen Zofio, 16. Januar.

Die japanische Presse teilt mit, daß sich auf der Strecke zwischen Hantau und Befing über 25 3üge mit chinesischen Truppentransporten befinden. Marschall Ticianglais et foll erklärt

dann rührten vielleicht von ihnen die schrillen, aber bald verstummten Pfiffe, die aus einer Seiten­straße her ertönten, aus dem gleichen Dunkel heraus, das es ihnen ermöglicht hatte, zwei harm­los des Weges gehende Arbeiterjungen am ver­gangenen Donnerstag niederzufnüppeln!

Als der lange Zug dann an seinem Ziel, auf dem Herzbergplaz, Aufstellung genommen hatte, wies

Genosse Harnisch

in einer kurzen, von tiefstem Ernst getragenen Rede darauf hin, daß am gleichen Plaze 24 Stunden zuvor die braunen Garden Adolf Hitlers aufmar schiert wären. Noch einmal charakterisierte Har­nisch die furchtbare Bluttat, die Neuköllns Ar­beiterschaft in höchste Erregung versetzt hatte. Man hatte diese Erregung gespürt, vor allem auch in den Rufen, die während des Marsches, nicht schablonenhaft, sondern aus tiefstem Zorn heraus, immer wieder ertönt waren. Es war allerdings ein disziplinierter 3orn, wie er der Arbeiterschaft eignet, und fein auf sinnloses Wüten eingestelltes braunes Banditentum. In straffen, martanten Säßen tennzeichnete Harnisch den braunen Jrrweg der letzten Jahre, der durch Blut und wieder Blut dann von Potempa bis zum Ausschrei der Mutter des von brauner Feme ge­mordeten SA.- Mannes Hentsch und bis zu den Ereignissen unserer Tage geführt hat. Weg des Mordes, Weg der Schande, aber die Kraft, die Mord und Schande überwinden wird, ist die or­ganisierte Arbeiterschaft, die ihre Bahn geschritten ist über Bismard und Wilhelm, die sie weiter schreiten wird auch über Hitler hinweg.

Als aus Tausenden von Kehlen der Freiheits­ruf erklang, da mar es wie ein Gelöbnis an Tote und Verwundete, an Lebende und Werdende!

haben, daß er 200000 chinesische Trup. pen zusammenbringen werde, um dem japanischen Vormarsch Widerstand zu leisten. Im Zusammenhang mit der Konzentration chinesischer Truppen zwischen Tientsin und Beting hat das japanische Oberkommando beschlossen, die japa­nischen Truppen bei Schanhaifman um zwei neue Brigaden zu verstärken.

Kommunistenangebot an Nanking

Schanghai, 16. Januar.

Die Führer der tommunistischen Armeen in China haben ein Manifest veröffentlicht, worin fie ihre Bereitwilligteit ausdrüden, ge= meinschaftlich mit den Regierungstruppen die japanische Invasion zu befämpfen unter der Borausfegung, daß die militärischen Operationen gegen die kommunistischen Distrikte Chinas sofort unterbrochen und der Bevölkerung volle demo­fratische Rechte zugestanden werden.

Rußland an Japan Außenkommiffar Litwinoff hat dem japa­nischen Botschafter in Moskau erklärt, daß die Ausführungen Stalins( in der Plenartagung der kommunistischen Parteileitung) über die Ber­teidigungsbereitschaft der Sowjetunion gegen An­griffe vom Ausland in feiner Weise gegen Japan oder andere Staaten gerichtet seien. Rußland braucht eben Ruhe zum Aufbau und zur Üleberwindung feiner ungeheuren Schwierig

teiten.

Stubenrauch- Prozeß

Nochmals Prozeß gegen Nazi­Mädchenmörder

Eigener Bericht des Vorwärts"

Frankfurt a. M., 16. Januar. Der Staatsanwalt hat gegen das Urteil im Stubenrauch- Prozeß Revision einge­legt. Der Mädchenmörder Stubenrauch wurde in dem Prozeß zu 12 Jahren Zuchthaus verurteilt, während feine Komplicen freigesprochen wurden.

Gegen die Parafiten!

Der zweite Befreiungskrieg

Von Anton Erkelenz

Noch einmal müssen wir den Kampf um des deutschen Boltes Frei heit fämpfen. Bergeblich war 1918 nicht, als wir Deutschland vor dem Zerfall retten mußten, nachdem Hohenzollern und Ostelbier es in tiefste Schmach gestürzt. Aber indem mir Deutschland wieder aufbauten, das deutsche Volt handlungs- und regie­rungsfähig machten, gaben wir auch den Parasiten wieder die Möglichkeit, aufzu erstehen und sich breit zu machen. Sie schüttelten ihre Schuld und ihre Schulden ab, wagten es, uns, die wir Millionen Tote im Weltkrieg geopfert, die Verantwortung am Zusammenbruch zuzuschreiben. Nein, 1918/19 in Weimar , das war noch keine Entschei­dungsschlacht. Der zweite Kampf um die Freiheit und Demokratie steht noch vor uns! Er wird nicht weniger opferreich sein als der erste.

Das deutsche und besonders das preußische Bolt leidet seit Jahrhunderten unter der Herrsch und Habsucht einer im wesent lichen parasitären Adelsklasse. Sie haben das alte Reich zerspalten und zer­schlagen. Sie haben das deutsche Volk hun­dert Jahre und länger daran gehindert, sich zu einigen und sich an die Spitze der euro­ päischen Zivilisation und Kultur zu stellen. Als die Einigung, die Erneuerung des Reiches nicht mehr zu verhindern war, haben sie sich wirtschaftlich erst recht am Bolt be reichert, während sie es politisch entrechtet und geistig verblödet haben. In England zum Beispiel hat die Adelsklasse ihre bevor­rechtigte Stellung damit erkauft, daß sie dem Bolt und dem Lande diente. Eigentlich ist es der englische Adel, der jetzt für den Weltkrieg bezahlen muß. Das preußische Junkertum hat dem Staate gedient nur vor einigen hundert Jahren, wobei selbst dieser Dienst am preußischen Staat eine Verelen­dung der deutschen Nation zur Folge hatte. Seitdem ernähren sie sich nur noch vom Staat und vom Volke.

Sie haben sich von Volk und Staat ernährt unter der Monarchie, wenn sie sich als die Paladine Seiner Majestät feiern ließen. Sie haben sich gesättigt im Kriege, obgleich der Januschauer verkündete, daß er sein Land brach liegen lasse. Und nun ernähren sie sich von Staat und Volk in der Republik Nähren sich recht gut. Bor den Türen des Herrn Bracht und seines­gleichen wartet ein ganzes Heer von Stellenjägern. Von einem Garde stellenjäger b a taillon darf man schon nicht mehr reden. Da steht eine Division. ein Armeekorps. Wenn die Bäter und die erstgeborenen Söhne Güter gesichert" er­halten, müssen die nachgeborenen Söhne oder ihre Geistesgenossen wenigstens als Mi­nister oder General gesichert werden. Da ist der Staat nichts anderes als eine Sicherung oder Versicherung der Versorgung. Wie konnten da Braun, Severing sich an­maßen, sich in Sessel zu setzen, die diesen hohen Herren gehören! Knecht muß Knecht

bleiben.

Da hat die Reichsführung seit Jahren alle Regierungen gezwungen, eine Agrar­politif zu machen, die nicht nur zu allen ,, nationalen" Bedürfnissen Deutschlands in Widerspruch steht, sondern wirtschaft­fich unsinnig ist. Diese Politik hilft nicht mal der Landwirtschaft, dem Bauern, dem mittleren Befizer. Sie hilft nur den ,, Triariern Seiner Majestät". Dank hat da für niemand geerntet, nicht Dietrich, nicht Brüning, nicht Stegerwald, nicht Schleicher, nicht der hohe Olymp. Sie waren zu ihrer Zeit alle gut genug, Werkzeug zu sein für