BEILAGE
Vorwärts
In Deutschland hat eine gefährliche Wahnidee sich eingenistet. Sie gewinnt immer mehr an Boden. Auch in sonst nüchtern denkenden und sachlich urteilenden Kreisen. Das ist verständlich, wenn man bedenkt, daß sie ihre Kraft aus der reichsamtlichen Bevölkerungsstatistik zieht, und daß Gelehrte von Ruf der faszinierenden Wirkung dieser Zahlen erlegen sind. Das gilt auch für den Artikel Die Sozialversicherung in Gegenwart und Zukunft".( Bruno Gleize, Nr. 51 der Ge= werkschaftszeitung vom 17. Dezember 1932.)
So wird es nötig sein, gerade diesen Artikel, der unter Umständen einen unheilvollen Einfluß auf breiteste Massen ausüben könnte, etwas schärfer unter die Lupe zu nehmen, wobei wir uns ausschließlich auf die dort gegebenen Zahlenreihen und die ihnen zugrunde liegenden amtlichen Quellen stützen wollen.
In dem Abschnitt über den ungünstiger wer= denden Bevölkerungsaufbau wird ausgeführt, daß im Jahre 1871 34,4 Proz. der Bevölkerung bis 15 Jahre, in 1925 25,8 Proz. und schäzungsweise in 1960 17,9 Proz. bis zu 15 Jahren alt waren bzw. seien. Wir wollen selbst die geschätzten Zahlen, gegen die allerhand einzuwenden wäre, als zutreffend annehmen, und zwar unter anderem auch darum, weil das die Sache für unseren darzulegenden Standpunkt noch günstiger macht,
Im Alter von 15 bis 60 Jahren standen 1871 57,9 Proz.; in 1925 65,1 und sollen stehen in 1960 65,5 Proz. In eine vernünftige Gleichung gesetzt, heißt das, daß der noch er werbsunfähige, nur Kosten verursachende Anteil der Bevölkerung von 34,4 in 1871 auf 17,9 in 1960, d. h. also auf fast die Hälfte der ursprünglichen Zahl zurückgegangen ist. Während also in 1871 auf 57,9 Proz. der Bevölkerung die Aufzuchtssorge für 34,4 Proz. ruhte, würden bei nunmehr 65,5 Proz. der erwerbsfähigen Bevölke rung die Kosten für nur 17,9 Proz. ruhen. Das heißt,
während früher auf 1,68 Personen die Kosten für die Aufzucht eines Menschen lagen, wäre 1960 die Last der Aufzucht eines Menschen auf die Schultern von 3,1 Menschen gelegt.
Zum Vergleich sei Frankreich herangezogen. Bon 1872 bis 1911 ist seine Bevölkerung von 36 auf 39% Millionen oder um 3,5 Millionen gestiegen. Seine Geburtsraten waren also außerordentlich niedrig. Noch niedriger aber die Sterberaten, so daß Frankreich in der Besegung der Altersklassen zwischen 20 und 30 Jahren, ausgerechnet auf das Tausend der in der betreffenden Altersklasse stehenden Bevölkerung nur um ein Geringes hinter Deutschland und England, in der Altersklasse zwischen 30 und 40 Jahren hinter keinem Lande zurückstand, während die Alterstlassen vom 40. Jahre aufwärts in Frankreich stärker beset waren, als in irgendeinem anderen Lande. Frankreich kamen also seine produktiven Menschen weitaus billiger zu stehen. Deshalb ist das für die volkswirtschaftliche Bilanz Wesentliche eine Bevölkerungspolitik zu betreiben, bei der die unnüße Sterblich feit aber auch das unnüze Geboren werden tunlichst ge= mindert und die stärkere Besetzung der produktiven Altersklassen erreicht wird.( Bergl. Fürth ,, Der Rückgang der Geburten als soziales Problem", Conradsche Jahrbücher 1913.)
Aber, so wird man einwenden, gegenüber der Kostenverminderung für die Aufzucht wird
die Belastung durch die über Sechzigjährigen
um so größer Sehen wir zu.
1. Die Erwerbsfähigkeit auch der höheren Altersklassen ist gewachsen.( Erfolg der Hygiene, des Sports, der Rationalisierung, des Arbeiterschutzes, der Herabsetzung der Arbeitszeit usw. usw.) Man kann ruhig annehmen, daß die Grenze der Erwerbsunfähigkeit heute näher bei 70 als bei 60 Jahren liegt, so daß man die 60- bis 65jährigen in der Regel den Erwerbsfähigen zurechnen fann Das würde eine weitere Erhöhung der erwerbsfähigen Bevölkerung um 5,8 Proz. in 1960 bedeuten, so daß dann mit einer erwerbs= fähigen Bevölkerung von 71,3 Proz. zu rechnen wäre, gegen 57,9 in 1871, d. h. also mit einem Mehr von 23,1 Proz.
Rechnen wir nun die Unterhaltsbedürftigen ( bis 15 und über 65 Jahre) gegenüber den Erwerbsfähigen zusammen, so tommen wir für 1871 ( mit der 60jährigen Grenze) auf 57,9 Proz. Erwerbsfähige gegen 42,1 Proz. Unterhaltsbedürftige Oder, wenn wir nicht um der Tatsachen sondern um der zahlenmäßigen Gerechtig feit willen die 60- bis 65jährigen den Erwerbstätigen zurechnen auf 61 Proz. Erwerbsfähige und 39 Proz. Unterhaltsbedürftige gegen( geschätzt) 71,3 Pro3. Erwerbsfähige und 28,7 Proz. Unterhaltsbedürftige in 1960. Das kleinste Kind fann sich ausrechnen, daß nach der geldlichen Seite hin die Bevölkerungsbilanz von 1960 ungleich besser wäre als die von 1871.
Dabei ist noch gar nicht in Anjazz gebracht, daß Die über 65jährigen Unterhaltsbedürftigen von
1960 gar nicht unterhaltsbedürftig im eigentlichen Sinn und ganz gewiß nicht im Sinne der überhaupt noch nicht erwerbstätigen Unterfünfzehnjährigen sind. Einmal, weil es Leute besonders innerhalb der liberalen Berufe und des Kaufmannsstandes gibt, die bis zu 70 Jahren und manchmal weit darüber hinaus arbeitsfähig und erwerbstätig sind.- Zum anderen, weil die mit 65 Jahren Ausscheidenden
ihren Unterhalt oder Unterhaltsanspruch schon vorher verdient
haben. Was sind denn Invaliditäts- und Altersversicherung, was sind Ruhegehälter und Renten anderes als die Spargroschen derer, denen sie zufließen? Sie haben sie in Gestalt von regelmäßigen Beiträgen Pfennig für Pfennig und zwar einschließlich der geleisteten Unternehmerbeiträge, die ja auch nichts anderes sind und sein können als Lohnanteile( sie werden nach der Kopfzahl der Beschäftigten abgeführt), aus ihrer eigenen Arbeit zurückgelegt.( Deshalb ist es ja auch eine Ungeheuerlichkeit der Papen Regierung gewesen, diesen rechtmäßigen, unkünd- und unab= dingbaren Anspruch mit einem Federstrich weggelöscht und an Stelle des Anspruchs die Kürzung und die Bedürftigkeitsprüfung, also die Armenunterstützung gesetzt zu haben. Das gilt für die Alters- Rentenversicherung usw., ebenso für die Arbeitslosenunterstüßung, deren Fonds auch nichts weiter sind als gefeßlich firierte Mußnotgroschen der Arbeiter.)
So sind diese Alten, soweit sie gesund sind( wofür der Umstand spricht, daß das durchschnittliche Lebensalter sich in den letzten 50 Jahren um 20 Jahre erhöht hat), zu einem großen Teil keineswegs Unterhaltsbedürftige in dem Sinne, daß sie der nachwachsenden Generation oder Staat und Gemeinden zur Last fallen könnten. lind nun
das Fazit:
Geringere Bevölkerungszunahme aber dafür eine
starte Besetzung der arbeitsfähigen mittleren Altersklassen, verringerte Aufzuchtstoften infolge Geburtenrückgang und Minderung der Säuglingsund Kindersterblichkeit. Demnach eine Verbesserung der Bevölkerungs- und Wirtschaftsbilanz.
Ja aber, stöhnen die Fanatiker der Zahl: die Vergreisung. das allmähliche Sterben des Volkes, die aus dem veränderten Altersaufbau zu erwartende Erhöhung der Altersversorgung und sonstiger Soziallasten.
Wir glauben die Furcht vor Erhöhung der Soziallasten durch unsere vorgängigen Ausführungen als gegenstandslos gekennzeichnet zu haben.
Von der Vergreifung und dem Sterben unseres Volkes aber sind wir glücklicherweise noch weit entfernt. Man kann und darf den augenblicklichen Tiefstand der Geburten nicht als Gradmesser unserer volklichen Lebenskraft und unseres Lebenswillens betrachten, sondern als eine Folge= erscheinung der unerhörten Wirtschaftskrise. Wer kann denn heute noch wagen, Kinder in die Welt zu setzen, wenn er arbeitslos ist oder fürchten muß, morgen abgebaut und übermorgen im Elend zu sein?
Der Frankfurter Stadtmedizinalrat Dr. Hagen berichtet von einer starten Zunahme der Rachitis und Strofulose unter den Kleinkindern. Welcher verantwortungsbewußte Mensch wird Nachkommenschaft in eine solche Welt hineinsezen? Wer sich, wie ich es getan habe, die Mühe nimmt, die Kurve der Geburtlichkeit mit der der Wirtschaftskrisen zu vergleichen, der wird
feststellen,
daß die Geburtenquote und der Krisenverlauf eng miteinander verbunden find. Um nur ein Beispiel aus jüngster Zeit zu nennen: 1927 war ein wirtschaftliches Aufschwungsjahr. Die Geburtenquote des Jahres 1927 belief sich auf 18,3 pro Mille, die von 1928 auf 18,6; der Geburtenüberschuß stieg von 6,3 in 1927 auf 7,0 in 1928. Mit der einsehenden Krise selbstverständlich neuer Absturz. Diese Tatsache aus jüngster Zeit ist immerhin ein Beweis dafür,
DIENSTAG, 24. JANUAR 1933
daß einem etwaigen wirtschaftlichen Aufstieg die Erhöhung der Geburtenziffer auf dem Fuße folgen würde.
Die Frage des Nachwuchses wird überhaupt ein ganz anderes Gesicht bekommen, wenn wir auch die Regelung der Geburtenfrage mit voller Verantwortung in die Hand nehmen. Dazu gehört vor allem die Sorge für gesunden Nachwuchs durch Sterilisierung der Minderwertigen oder sonst erblich belasteten Bevölkerungselementen. Sogar der bis zur Stunde sehr konservative Aerzteverband hat sich für ein Gesetz zur Ordnung der Frage der Sterilisierung ausgesprochen. Weiterhin können wir eine gün= Gestaltung unserer Bevölkerungsbilanz durch Verbesserung des Schutzes für Schwangere, Mütter und Säuglinge und die Sicherung ge sunder Aufzuchtsbedingungen herbeiführen.
stigere
-
Kommt da noch eine der fortgeschrittenen Arbeitstechnik und Rationalisierung entsprechende Erhöhung des Lebensstandards der schaffenden Bevölkerung
durch Arbeitszeitverkürzung, Lohn- und Gehaltserhöhung und daraus erfolgende Lebensverbesse rung hinzu, dann gibt die Nachwuchsfrage zu Besorgnissen keinen Anlaß mehr.
Die Rationalisierung macht im Produktionsprozeß die Menschenkraft, je länger je mehr, entbehrlich. Nüzen wir die dadurch bedingte Verbilligung der Produktionskosten zur Verbesserung der gesamten Lebenslage des trotz allem unentbehrlichen Motors Mensch", so werden wir als Nebenergebnis höchst schätzbarer Art zu der er sehnten Anturbelung der Wirtschaft auf dem natürlichen Wege der erhöhten Nachfrage nach Gebrauchsgütern, d. h. aber zur Neubelebung der Produktion kommen. Die Reihenfolge der daraus zu erwartenden entscheidenden Aenderung zum Besseren ist hier schon oft dargelegt worden. Möge sie jeder rekapitulieren und danach handeln.
Die Furcht vor Entvölkerung wird nach den genannten Darlegungen gegenstandslos. Unsere bevölkerungspolitische Grundlage ist so günstig, wie man nur wünschen kann, wenn man das Geborenwerden Untauglicher vermeidet und für gesunde Aufzucht sorgt. Dann kann die Geburtenquote noch weiter sinken, ohne daß uns das zu kümmern brauchte.
Kleingarten und Frau
Gespräche mit Kleingärtnerinnen/ Von Else Möbus
Das Tagemerk der Frau des Kleingärtners ähnelt, was Arbeitsleistung und Tageseinteilung betrifft, vielfach dem Leben der Kleinbäuerin, die ohne jede Hilfskraft Haushalt, Stall und Feld zu versorgen hat.
Für mich beginnt der Tag, wenn man draußen noch keine Handbreit vor Augen sieht," berichtet die Frau des Kleingärtners F. Im Winter stehe ich um 5 Uhr auf, denn um 26 Uhr muß mein Mann zur Arbeit in die Fabrik aufbrechen. 1½ Stunden fährt er mit dem Rad zu seiner Arbeitsstätte. Im Sommer aber stehen wir meist noch früher auf und arbeiten im Garten."
,, Ja, Langeweile gibt es hier nicht," fügt Frau Sch. hinzu. Kaum ist der Mann gegangen, da muß man sich um die Tiere kümmern. Die Hühner brauchen jetzt im Winter dreimal täglich lau= warmes Trinkwasser, denn das eisige Wasser der Pumpe vertragen sie nicht. Genau so ist es bei der Ziege und den Kaninchen. Die vereisten, erfrorenen Kohlblätter muß ich auch abdämpfen, die Ställe müssen gesäubert werden, saubere Streu, Grün
und Weichfutter sollen auch immer da sein. Ja, die Kleintierhaltung ist ein Kapitel für sich in unserem Haushalt! Aber als Frau muß ich es beherrschen, denn ich habe die Verantwortung für das Gedeihen der Tiere."
Man spürt sofort aus diesen wenigen Worten: Hier ist der ganze Lebenszuschnitt anders als in den Miethäusern der Großstadt. In großen, einfachen, von der Natur selbst vorgezeichneten Bahnen verläuft das Leben der Wochen und Monate, bewegt sich der Tageslauf. Die Groß städterin tann ihren Haushalt tageweise führen, die Frau des Kleingärtners aber muß ihren Blick über Wochen und Monate hinaus richten. Die Jahreszeiten geben hier den Taft an. Alles, was im Sommer geerntet und nicht sofort verbraucht wurde, muß für den Winter nutzbar gemacht werden. Einmachen, Dörren, frostfreies Lagern der Kartoffeln, der Gemüse sind Selbstverständlichkeiten. Was Großstadtbetrieb und fortschreitende Technisierung der Großstädterin abgenommen haben, das beherrscht hier, wo es meist ein Gas, teine Wasserleitung, feine Elektrizität gibt, noch den häuslichen Betrieb. Bei den Kleingärtnern und ihren Frauen ist die Handarbeit zu Hause.
Wie vor Jahrtausenden, so sind hier Mann und Frau gemeinsam die Architekten ihres Hauses. Aber hören wir sie selbst:
,, Wir wollten uns nicht irgend etwas zusammen
murtsen, sondern zwed mäßig, vernünftig und auch geschmackvoll bauen. Natürlich sollte es auch möglichst wenig kosten. So haben wir uns gründlich beraten lassen, dann die Pläne gezeichnet und endlich gemeinsam das Baumaterial herangefahren. Beim Bau selbst hat mein Mann die schwere Arbeit verrichtet, aber ich bin ihm zur Hand gegangen, wo ich konnte. So fönnen Sie sich denken, daß wir uns mit dem fleinen Holzhaus ganz anders verwachsen fühlen als jemals mit der Wohnung in einer Mietkaserne. Sie werden auch verstehen, wie bitter es für uns ist, das alles einfach wieder zu zerstören, bloß weil der Vertrag in ein paar Jahren abläuft, und Großstadthäuser an unsere Stelle kommen sollen." Und diese starke persönliche Note durchdringt den ganzen Haushalt. Sofort beim Eintritt ist hier die Wesensart der Frau zu spüren. Ohne sorgende Hände, peinliche Ordnungsliebe und Sauberkeit sieht es bald schlimm aus in den engen, fleinen Räumen. Es gibt zwar weder Rauch und Ruß, noch Straßenstaub, aber der Sand wird vom Sturm durch Rizen und Spalten gejagt, und der ganze Schmug ungepflasterter Wege gelangt in die Wohnung, die ja zu ebener Erde liegt. So hat die Frau hier eine Aufgabe, die weit umfassender ist, aber auch viel mehr ins Kleine, Einzelne geht als im Großstadthaushalt.
Ein solches Leben, das in einfachen, ruhigen Strichen verläuft, das an Stelle des Straßenlärms die Stille der Ebene um sich hat, ange= schmiegt an die Erde, über sich die Wolken und den Himmel, muß sich natürlich auch seelisch auswirken. Hier muß aus Kräften der bewußten Arbeit und des Unbewußten ein Frauentypus fich bilden und sich durchsetzen, der alsbald auch seiner Umgebung das Gepräge gibt. Hier gibt es weder Berkrampfungen noch Kompliziertheiten, weder Phrasen noch falsche Illusionen. Die Erde formt die Menschen, die ihr so nahe sind, nach ihrem Bilde.
Und die Kinder- Ist es Täuschung oder eine einfache Tatsache, daß man nirgends soviele fröhliche Kinder sieht, als hier? Man begreift, weshalb der Reichsverband der Kleingartenvereine soviel Nachdrud und Gewicht auf die Aufgaben der Jugendpflege legt. Es wäre ein Jammer, die Ansäge, die hier überall in die Augen springen, brach liegen zu lassen. Die Mütter wissen sehr genau, was die Kleingartenbewegung für das Kind und den Jugendlichen bedeutet.
"
Wir famen aus einer Rellermob.
nung, in der die Wände verschimmelt waren, hierher," erzählt eine Mutter von fünf Kin dern. Ich selbst wollte viel lieber eine andere Großstadtwohnung in einem Hinterhaus beziehen, als hierher zu gehen, denn ich verstand ja nicht das geringste vom Gartenbau. Aber mein Mann wollte es nicht anders. Als wir nun zum erstenmal hier draußen waren, es war ein schöner, heller Frühlingstag, da sah meine Jüngste mit großen Augen in die Strahlen, die zwischen den Stachelbeersträuchern auf den Weg fielen und versuchte immer wieder, sie einzufangen. Das Kind hatte zum erstenmal hier draußen Sonnenstrahlen gesehen - Jetzt können Sie sich denken, weshalb ich hier bin-" Und die Zahl der Frauen, die ähnliches erzählen, ist groß.
-
Die gemeinsamen Wohn- und Lebensbedingungen formen auch einen bewußten Ge meinschaftswillen. Viele sind parteimäßig organisiert und gehören außerdem dem Reichsverbande der Kleingärtner, dem eigentlichen Träger der Kleingartenbewegung, an. Vieles wird auch gemeinsam beschafft, so Saatgut, Schädlingsvertilgungsmittel, Preßluftsprigen usw. Ueber diese im Materiellen ruhenden Bindungen aber spürt man hier vielfach ein starkes Bewußtsein geistiger Verbundenheit, das nicht nur alle diejenigen Frauen und Männer umfaßt, die der großen Familie des deutschen Kleingartenwesens angehören, sondern weit darüber hinaus alle Werftätigen. Wo dieses Bewußtsein lebt, da spürt man, daß hier eine große Kulturbe= wegung am Werke ist, die bereits Kindern und Jugendlichen ihren Geist einhaucht.
Auf der anderen Seite darf man sich allerdings gerade hier, wo soviele Werte bejaht werden, die über den flüchtigen Alltag hinausgehen, über manches herbe politische Urteil, manche ungeschminkte Kritik großstädtischer Korruptions. erscheinungen nicht wundern. In diesen einfachen, vom großen Rhythmus der Natur beschwingten Lebensverhältnissen gilt das Wort weniger als in der Großstadt, dagegen das lebendige Beispiel alles, und scharfe, flare Forderungen werden an jeden gestellt, der sich ihnen anschließen oder fie geminnen möchte. Für die Frauen und Männer der Kleingartenbewegung, die durch ihrer Hände Arbeit sich täglich ihre Heimat neu erobern müssen, ist Fausts großes Wort, daß im Anfange die Tat mar, heute mehr als jemals unmittelbare Gegen wart, lebendige Wirklichkeit.