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Morgen- Ausgabe

Nr. 45 A 23 50. Jahrg.

Rebattion and Berlagi Berlin SW 68, Lindenstr. 3 Fermiprecher A7 Amr Donhoff 292 bis 297 Telegrammabreffe: Sozialbemotrat Berlin

Vorwärts

BERLINER

VOLKSBLATT

FREITAG

27. Januar 1933

In Groß- Berlin 10 Pf. Auswärts....... 15 Pf.

Bezugsbedingungen und Anzeigenpreise fiehe am Schluß des rebuttionellen Teils

Bentralorgan der Sozialdemokratischen Partei Deutschlands

Kamarilla am Werke!

Es kriselt in der Wilhelmstraße

Heute um drei Uhr nachmittag tritt der Heltestenrat des Reichstags zusammen, um zu be raten, ob der Reichstag tatsächlich am 31. Januar zusammentreten werde.

Gestern durchschwirrten Gerüchte die Stadt, daß Reichskanzler von Schleicher zurüd­getreten und daß Herr von Papen bereits zu seinem Nachfolger ernannt worden sei. Diese Gerüchte wurden offiziös als völlig aus der Luft gegriffen bezeichnet.

Richt aus der Luft gegriffen, sondern Tatsache ist es, daß die im Dunkeln arbeitenden Kräfte der Harzburger Front eifrig gegen Schleicher minieren. Hitler verhandelt mit den feinen Leuten um Hugenberg und Papen über ein Kabinett der Harzburger Front. Diese Ver­handlungen sollen zu einem gewissen Abschluß ge= tommen sein. Zwei neue Regierungs. fombinationen find gestern als Ergeb nis dieser Verhandlungen aufgetaucht.

Die eine ein Kabinett Hitler mit parlamentarischer Untermauerung, Hit­

Ier Reichskanzler, Hugenberg Krisenminister, dazu Göring , Frid, Schacht und der, Börsenzeitungs". Stülpnagel als Wehrminister. Dem 3entrum wird dabei die Rolle der nicht beteiligten, aber tolerierenden Partei zugewiesen.

Die andere ein Kabinett von Papen mit Hugenberg , Göring , Frick, Schacht und Stülpnagel, mit der Zustimmung Hitlers .

Entweder also der Faschingsfanzler Hitler oder die Wiederkehr des Herren. reiters von Papen, dessen Kurs im Volke Stürme der Empörung und der Entrüstung her. vorgerufen hat!

Das eine würde ebenso auf eine Provoka tion und auf ein schauerliches Fiasto hinauslaufen wie das andere!

Diese Kombinationen enthüllen die Absichten der Harzburgger Reaktion. Die Motive sind klar: Hitler will aus der politischen Verlegenheit heraus und will Neuwahlen vermeiden. Lieber gemeinsame Sache mit Papen, Hugenberg und den feinen Leuten als das Risiko einer Wahl! Hugenberg will den agrarischen Kurs bis zum äußersten fortsetzen, er will die ganze Macht für die Junker, er will die Bertuschung der Osthilfe­standale!

Schleicher will im Aeltestenrat eine flare Tolerierung vom Reichstag for­dern, er will vom Reichspräsidenten die Vollmacht zur Reichstagsauflösung, falls Hitler und Hugenberg ihn nicht tolerieren.

Der Machtkampf wird in den innersten Gemächern des Reichspräsidenten. palais geführt. Jeder der kämpfenden Teile sucht sich der Person des Reichspräsidenten zu versichern. Auf Hintertreppen und auf frum­men Wegen wollen die Hitler und Hugenberg zum Dritten Reich " gelangen!

Eine Wiederernennung Papens würde ein Be= fenntnis des Reichspräsidenten zum Reichsland­bund, zum oſtelbischen Junkertum, zu den sozial­reaftionären Plänen Hugenbergs darstellen. Ste würde zugleich seiner Autorität einen entscheiden­den Stoß versetzen. Die Wiederbeauftragung eines Mannes, den er selbst angesichts der Empörung des Volkes vor wenigen Wochen gehen lassen mußte, würde Beweis dafür sein, Daß sein Kurs nicht fest ist, sondern im Sidzad geführt wird!

Mit solchen Regierungsplänen müßten neue

-ww

Hitler und Papen als Kanzlerkandidaten

Angriffe auf die Verfassung verbunden sein! Wer diese Experimente wagt, der weiß vielleicht, wie fie anfangen, aber nicht, wie sie aufhören!

Die Haltung der Nationalsozialisten

Die Haltung der Nationalsozialisten wird be­leuchtet durch die folgenden Ausführungen des ,, Völkischen Beobachters":

,, Falls nicht besondere Ereignisse in der Zeit zwischen dem 27. und 31. Januar eintreten, ist ein Ablauf der politischen Geschehnisse etwa mie folgt denkbar:

Der Reichstag tritt wie beschlossen, am 31. Januar zusammen, um eine Regierungs­erflärung aus dem Munde des Reichskanz­lers v. Schleicher entgegenzunehmen. Daran wird sich die große politische Aussprache an­schließen, die vielleicht bis zum 4. Februar dauern könnte. Wenn es im Anschluß daran zur Abstimmung über den kommu­ nistischen Mißtrauensartrag kommt, so ist seine Annahme mit den Stimmen der Nationalsozialisten nicht zwei= felhaft, um so mehr, als feine einzige Partei, ausgenommen die Deutsche Volkspartei , Veran­lassung haben dürfte. den Reichskanzler von Schleicher noch länger zu halten. Die Entschei­dung, ob am 4. Februar die Auflösung des Reichstages tommt, liegt ganz allein beim Reichspräsidenten . Wir wissen nicht, ob er sich bis dahin zu der Ueberzeugung durch gerungen haben wird, daß die Krise nur durch

Schleicher wackelt

Hitlers Betrauung mit dem Reichs­tanzleramt zu lösen ist"

Diese Ausführungen bestätigen, daß die Be­sprechungen über eine neue Harzburger Front zum Abschluß gekommen sind und daß Hugenberg

und Hitler gemeinsam operieren merden.

Die Reichspressestelle der NSDAP . dementiert, daß Hitler mit einer Regierungsfombination Papen einverstanden sei. Er wolle selber die Führung haben.

Kaas und Hugenberg

Die Zentrumsfraktion des Reichstags tritt heute vormittag zu einer neuen Besprechung der poli­tischen Lage zusammen. Borher sollen Besprechun­gen zwischen Kaas und Hugenberg über eine Tolerierung eines Harzburger Kabinetts durch das Zentrum stattfinden.

Und Schleicher ?

Wie von zuständiger Stelle erklärt wird, sind die Gerüchte, daß Reichstanzler von Schleicher zurüd­getreten fet, falsch. Der Reichskanzler be= absichtige auch nicht, zurüdzutreten. Er werde, wie das bereits mehrfach erklärt worden sei, die Entscheidung des Aeltestenrates am Freitagnachmittag abwarten und frühestens am Sonnabendvormittag dem Reichspräsiden. ten Bortrag halten über die politische Lage und über die Maßnahmen, die möglicherweise zur Berhütung ähnlicher Vorfälle wie in Dresden ge­troffen werden könnten.

Japans Kriegsführung

Knebelung nach außen und innen

Japan führt Krieg, nicht nur gegen China , sondern auch gegen die proletarische Opposition im eigenen Lande. Dieser innere Feldzug findet ſein Auslangen nicht mit den rund 7000 Berhaftungen und zahlreichen Prozessen des Jahres 1932, die natürlich auch jetzt fortgesetzt werden. Die Regie­rung hat beschlossen, ein Sondergesez zum Schuße der nationalen Gesinnung der Nation" zu erlassen, um mit gesamter Kraft die kommu­ nistischen und marristischen Ideen auf das schärffte zu bekämpfen.

Selbstverständlich bestreitet Japan , sein Völker­buntsmandat über die Marianneninseln zur Anlegung von U- Boot Stüßpuntten mißbraucht zu haben; man habe dort nur die erforderlichen Sicherheitsmaßnahmen getroffen!

-

Zu einer chinesischen Note, die die Rückgabe des Staatsapparates in Schanhai. fman und dem ganzen neubesegten Gebiet for=

dert, erklärt das japanische Außenministerium be­reits, diese chinesische Note werde gar nicht dem Kabinett vorgelegt und als bedeutungslos nicht beantwortet werden. Die japanische Regierung wünsche feine Erörterung; die Dinge sollen ihren Lauf nehmen!

Den Besuch des früheren Chefs der Peking­Regierung, Marschall Iwangschijui, in Nanking und Schanghai bezeichnet die Nanfing­Regierung als Beweis dafür, daß der Versuch der Japaner, eine Scheinregierung in Nordchina zu bilden, gescheitert sei. Manöver der USA. - Pazifikflotte, die vorher nicht angekündigt worden sind, haben­wie der Sowjetrundfunk meldet, scharfe Artikel der japanischen Presse zur Folge. Die Manöver wer­den als eine Demonstration gegen Japan angesehen.

Das schlechte Gewissen meldet sich da.

Berlin bleibt rot!

Sonntag, 14% Uhr, Lustgarten

Die Junker mit Aeh! und Monokel, Sie krähen wieder wie Gockel: Hände an die Hosennaht! Maul gehalten in dem Staat! Fenster zu! Wenn Hitler provoziert, Und mit jeder braunen Jacke Ein Schupo mitmarschiert. Warum schmiß man aus dem Liebknechthaus Euch Kommunisten wie Hunde raus?! Zwietracht spaltet die Arbeiterheere. Stärker als Worte sind die Gewehre. Stärker als Waffen die Solidarität, Wenn Arbeitsmann zu dem Arbeitsmann steht. Kämpft einig zusammen und rot bleibt Berlin : Am Sonntag marschiert das rote Berlin !

Die Herren mit Geldern und Gütern, Sie nehmen's von Stempelbrüdern. Hände an die Hosennaht! Große Herren brauchen Draht. Türen auf! Ihr werdet exmittiert, Weil von jedem armen Groschen Ein Großer profitiert.

Wann endlich fegt aus dem deutschen Haus Ein eiserner Besen den Spuk hinaus? Eintracht schmiedet die Arbeitermasse Unbezwinglich zur Arbeiterklasse. Stärker als Waffen die Solidarität, Wenn Arbeitsmann zu dem Arbeitsmann steht. Kämpft einig zusammen und rot bleibt Berlin : Am Sonntag marschiert das rote Berlin . Bruno Schönlank .

Bauerngroschen

Verschwendung in den landwirt­schaftlichen Berufsorganisationen Von Kurt Heinig

In weiten Kreisen der Landwirtschaft hat hat man heute die Ueberzeugung, daß von den Landwirtschaftskammern bis zum Reichsland­bund und vom landwirtschaftlichen Arbeit­geberverband bis zum Reichsgrundbesizer­verband kostspielig gewirtschaftet und Geld verschwendet wird.

Zur Untersuchung dieser Mängel wurde eine besondere Studiengesellschaft eingesetzt, ihr Arbeitsausschuß bestand aus den folgen­den bekannten Herren:

von Flemming, Präsident der Land­wirtschaftskammer in Stettin , stellvertreten­der Borsitzender des Aufsichtsrates der Bank für Industrieobligationen,( jegt wegen seiner eigenen Osthilfe- Sanierung viel genannt); Dr. Gerefe, Präsident des Deutschen Landgemeindetages, zur Zeit Reichskom­missar für Arbeitsbeschaffung im Kabinett Schleicher ; Müller- Isernhagen, Ge­meindevorsteher und Hofbefizer; Freiherr von Wangenheim, Staatssekretär z. D. Dr. Peters.

Das Urteil dieses gut orientierten Gremiums über die Zustände in den land­wirtschaftlichen Berufsvertretungen muß die allergrößte Aufmerksamkeit der Deffentlichkeit erwecken, zumal es in einem besonderen Gutachten des Staatssekretärs 3. D. Dr. Peters niedergelegt worden ist.

Der Reichslandbund hat seit 1930 nichts Genaues mehr über seine Mitglieder veröffentlicht. Man weiß nur, daß der Bun­desvorstand sich aus dem Präsidenten und den Direktoren der Zentrale, sowie aus den Vorsitzenden der Landbünde zusammensetzt und über Mittel und Politik des Reichsland­bundes bestimmt. Eine ganze Reihe von Tochtergründungen des Reichslandbundes find in Liquidation. Besondere politische und wirtschaftliche Hilfsquellen sind der Reichs­junglandbund, der Reichsverband der deut­ schen land- und forstwirtschaftlichen Arbeit­gebervereinigungen, der Reichslandarbeiter­bund, der Beamtenbund land- und forstwirt­schaftlicher Berufe, der Reichsverband der Beamtinnen und Fachlehrerinnen für Land­wirtschaft, der Domänenpächterverband, der Reichsbund landwirtschaftlicher Pächter, der Reichsschutzbund landwirtschaftlicher Ver­pächter und Grundeigentümer.

Die katholischen Bauern und Landwirte haben ihren Zusammenschluß in der Vereini gung der deutschen Bauernvereine gefunden, die auch ihre eigene Bank hat( Deutsche Bauernbank).

Zu allen jenen politischen Berufsorgani­sationen fommt noch die eigentliche landwirt­schaftliche Berufsvertretung, die Land­wirtschaftskammern. Ueberall hat der Landwirt selbstverständlich Beiträge zu zahlen. Daneben gibt es für diese Berufs­vertretungen auch Staatszuschüsse und Reichs­gelder.

Der Gesamtaufwand der deut schen

Landwirtschaftskammern für 1932/33 betrug 51,0 Millionen Mark. Da­von sind 16,2 Millionen Mark Staatsbeihilfe, 22,4 Millionen Mark werden von den Landwirten durch besondere Umlagen erhoben, der Rest an Ein­nahmen ergibt sich aus Beihilfe anderer öffentlicher Körperschaften.

Wie diese riesenhaften Mittel verwandt werden, das ist undurchsichtig. In der Haupt­versammlung der Kammer für Schleswig­Holstein wurde einmal festgestellt, daß allein jenes Institut mit seinen Hilfseinrichtungen jährlich 220000 Marf für Dienst= reifen verbraucht, während das ganze preußische Landwirtschaftsministerium mit