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ZWEITE BEILAGE 3>ie ffiotfchafi des Unbekannten Erzählung/ Von Qünlher ffiirkenfeld

Das Miechaus Am Bergs Nummer sieben steht grau und schmal über der schieferschwarzen Stadt Die eisernen Balkons gleichen in der Abendröte müden Vögeln die in regloser Schwebe hoch über dem Tal hängen. Einer dieser Vögel trägt Elsbeth die Frau Auf das Balkongitter vorge- stützt schaut sie tn den Abend. Mag sein, daß sie einmal eine Haarsträhne aus der Stirn streift Die Bewegung des Arms ist müde vom Geschosse des Tages. Di« Sirenen der Werke und Hurten verstummen. Dafür beginnen die Glocken der drei Kirchen ihr erzenes Geläut. Drunten an der Sieg wird noch auf Eisen gehämmert der helle Klingklang prallt von der Hauswand zurück eine Loko­motive heult irgendwo bellt hungrig ein Hund. Und auch Herbertchen, aus der Tiefe der Stube, klagt überBauchbrummen". Vater wird gleich da sein", tröstet ihn die Mutter und blickt aus die vielen groben Rauch- faulen der Schlote auf die..Zlbendpiep" der Stadt, wie Herbert das nennt. Der Qualm ver- dichtet sich zu stumpfblauen Balken, die sich quer über das Tal senken. Und bald wird da nur noch eine einzige undurchdringliche Dunstmauer sein grau und schwefelgelb und violett, aus der unvermittelt die Nacht wächst. Jetzt aber rasten noch rosafarbene Wolkenschisfe über dem Qualm die Schwalben tragen ihr Spielgeschrei zu ihnen hinaus. Und im Labyrinth der blühendei» Kastanie, darin die Sperlinge ihr abendliches Gezänk führen, tropft das Goldblut der Sonne. Soeben rückt sie hinter die Zacken der lavagrauen Halde. Die Frau blickt zurück in die Stube. Die brennt im tiefen Feuer. Das Klavier, die getürmte Anrichte und Tisch und Stühle gleichen glühenden Schiffen in diesem Feuermeer Und Herbertchen, der im ovalen Rosettenornament des grünen Teppichs hockt, könnte ein kleiner Märchenwald sein mit seinem flammenden Blondschops. Und Märchenhelden lassen sich nicht stören, in nichts und gar nichts, auch wenn sie nur Kistchen und Hölzer emsig auf- einander schichten Liebkosend fährt die Mutter über sein Haar. Na. Botze was baust du denn da?" Na, wat woll� Dat Jollioswerk!" Aber das sollst du doch nicht! Wenn Dater das sieht! Schnell, pack weg!" Dann schaltet die Frau im Grunde des Zimmers den Radiokasten em und setzt sich mit dem Nähkorb an den runden Tisch. Die Sorge des Alltags löst sich in ihren Zügen und weicht einer stillen Be- sinnlichkeit. Die Stimme eines Tenors kommt aus dem Lautsprecher und verschmilzt mit dem Brummen der Glocken und mit dem Klingklang des fernen Gehämmers. Elsbech summt die Melodie mit. Und der Botze auf dem Teppich ist vergessen und kann bedächtig sein Jollioswerk vollenden. N' abend", sagt Karl, der Mann, und drückt hari die Tür hinter sich zu. Die Frau zuckt zu- sammen. legt die Handarbeit fort und nickt nur. Schnell Essen!" wünscht der Mann, drückt sich in die Sofaecke und schließt für ein kurze» die Augen. Der Junge, der sein Jollioswerk nicht mehr rechtzeitig mit dem Fuße zerstören konnte, verharrt, scheu auf den Vater blickend, im Rahmen der Balkontür Die Mutter stellt den Lautsprecher ab und möchte dann durch die Stube gehen, um den Bau wie von ungefähr auseinanderzustoßen. Ja, bist du denn noch nicht in der Küche?" fragt der Man barsch und fährt dann brummelnd fort:War heut mal wieder ein Afienbetrieb! Am Wagen<?Vll hat sich einer den Arm abge- quetscht. Und mein Karl durfte nur so flitzen! Sag ja schon lange: lieber zehn Stunden vorm Hochofen als noch einen Tag länger auf der Kontrollbrücke!. Na. werd ja doch bald abge- baut. Dann hat die liebe Seele Ruh." Draußen beugt die Frau sich so weit über den Herd, als entströmte seiner Wärme eine tröstende Kraft. Endlich rafft sie sich hoch und gießt die Brühe aus dem Fleischtops. Dann hält sie inne und lauscht auf die zornige Stimme des Mannes: Wie oft habe tch dir schon gesagt, daß ich nicht auch noch zu Hause von dem Kram wissen will! Herrgott, hätte ich dich doch bloß niemals mitge- nommen! Kamm her! Näher!" Die Mutter windet sich in den Schultern, wie sie das derbe Klasschen vernimmt. Mst zitternden Händen trägt sie das Tablett in die Stube. Stumm nehmen die drei ihr Essen. Dann rückt der Mann sich im Sofa zurecht und liest, an der Zigarre saugend, im Kreisblatt. Die Frau legt sich ibre Näharbeit vor und blickt. während sie Garn auswickelt, in das Rundfunk- Programm. Um acht Ubr zwanzig liest ein Walter Distel Gedichte Unten, in einer Ecke des Vro- grammblatts. ist ein Bdoto des Dichter» Schwer zu erkennen. Die Nacht ist derweil aus der Rauch- mauer gewachsen. Da» Zimmer ist kein brennen- der See mit leuchtenden Schissen mehr eine lähmende Grust ist es setzt, darin getrennt und in sich verscheucht eins, zwei, drei Menschen kauern Stunde der Verlassenheit, in der viele hunderte denken mögen: jetzt ist er tot, der Tag. der schöne blühende Tag' Und man atmet den Dust der Kastanien«in, als könnte er von dieser Trostlosig-

keit heilen, und man flüchtet in die letzte glasgrüne Helligkeit am oberstsn Horizont. Und viele Hunderte von Menschen mögen jetzt gleich Elsbeth der Frau zum Schalter gehen und mit einer gänz- lich verarmten Hand das elektrische Licht auf- leuchten lassen Erneut betrachtet die Frau das Bild des Dichters. Seine Augen blicken gradaus, durch sie hindurch die runden schwermütigen Augen eines jungen Menschen, in dem dieser und jener Hunger zehren mag. Mein Gott, denkt die Frau, lieber Gott ! Und draußen ist noch genug im Fleischtopf! Die Stirn des junger Mannes ist weder hoch noch so gewölbt, wie sie nach Elsbeths Vorstellung bei Dichtern sein muß Und die Lippen sind bereits entsagungsvoll gefaltet. Unwillkürlich gleiten die Fingerkuppen der Frau über sie hin. Und aber- mals wollen ihre Züge sich lösen und traumwand- lerisch werden Da gähnt Karl laut auf und raschelt mit der Zeitung. Erregt von der Neugier, wie des Dichters Stimme sein mag geht die Frau nach hinten und schaltet den Lautsprecher ein. Sie ist weich und heiser, die Stimme, und beginnt soeben ein Gedicht Unter Sternen": Es ist ein Erhabenes unter Sternen zu stehn und mächtig zu werden mit ihrem größeren Wandel über das Schicksal hin von dir zu mir.

Als ich schließlichwohlbehalten"(zwar nicht an Leib, aber an Seele) in der Hölle gelandet war, sah ich zu meiner Ueberraschung, daß uns der berühmte flämische Maler von Greuelszenen, der sogenannteHöllen-Vreughel", ein ganz irriges Bild von dem vielgefürchteten Ort der Ver- dammnis entworfen hat: Es wäre ja auch ob- surd, einen bereits unempfindlich gewordenen Körper uochmal rösten, vierteilen oder von grünen Ungeheuern auffressen zu lassen, den Toten ein zweites Mal vernichten zu wollen. Die Höllen - quälen beziehen sich natürlich aus die unversehrt gebliebene Seele. Nichts kann uns denkbarer- weise mehr quälen als dann, wenn es zu spät ist zu sehen, wie wir das verlorene Leben hätten einrichten können. In der Hölle wurde mir unser irdisches Dasein vorgespiegelt, so wie es sich ohne unsere Irrtümer abspielen würde Man zer- springt, daß man erst in der Hölle die perfekt gemanagde Erde sieht, in der kein Kaffeelager ins Meer geschüttet, kein Weizendepot angesteckt wird, der Reichtum der Erde allen Menschen zugute kommt, wie alle Platz haben und sich vertragen können. Statt Maschinen uns versklaven zu lassen, verrichten sie nur die lästige und schmutzige Arbeit und wir haben zu tun und zu leben. Nachdem ich mich müde gebummelt und krank geärgert hatte, wie wunderbar in der Hölle alles klappt und wir Abgestorbenen dies vollendete Leben ebensowenig genießen können wie ein Mum- melgreis einen chm geschenkten Harem, lud mich ein höflicher Teufel, eine Art Schupo der Seele, in ein Kino ein. wo ich neugierig Platz nahm. Was spielt man in der Hölle, dachte ich. und starrte auf die Leinwand. Da flimmerte der Film meines eigenen katastrophenreichen Lebens vor- über, so wie es hätte fein können. In was für eine verdammte Kette von immer verstockteren, verbohrteren Irrtümern hatte ich armer Narr mich doch in dem Bestreben, mein Glück zu schmieden, verirrt, während ich als Kind ohne viel nachzu- denken, fast immer das Richtige traf. Mein Ich entfaltete sich als Kind-Mensch zu einer harmo­nischen Vollendung, wie sie nur ohne die Reibun- gen und Püffe möglich ist, die wir wie Eisenbahn- wagen in alle Ewigkeit weitergeben(meist an andere als von denen wir sie empfangen haben). Die Qual zuzusehen, wie mein Leben hätte werden können, wurde auf die Dauer unerträglich. Ich sprang heulend wie em getretener Hund auf und rannte hinaus.Was hätte ich eigenllich tun müssen, um so ein Leben zu leben, wie ihr es mir gezeigt habt?" fragte ich eine niedliche Teufelin in feuerrotem Trainingsanzug, die mich am Aus- gang belustigt ansah.Wenn Sie ein Teufel wären, würde ich Sie in den Klub der Menschen- kenner für Teusel einführen", sagte die holde höllische Maid. Ich zeigte verschämt meinen Presseausweis:Ach so, Sie sind also ein armer Teufel, dann gehl die Sache." Sie geleitete mich in einen Raum, wo alle die jungen Teufel saßen, um die Menschen zu studieren und zu lernen, wo man sie am besten anfassen kann. Es ist schwer, von der Weisheit der Teufel eine richtige Vorstellung zu geben, weil sie nicht in Worten, sondern durch eine Art filmischen An- schauungsunterricht übermittelt wurde. Mir leuchtete jedenfalls bald ein, daß man, um die Jdealzustände zu erreichen, die mir unter so viel

Und es ist ein Vernichtendes unter Sternen zu stehn und Erde zu fühlen an wegmüden Sohlen und schuhties zu sinken in nächtliche Leere von dir zu mir. Und es ist ein Erlösendes unter Sternen zu stehn und... Stell die Ouatschkommode ab!" ruft unwirsch der Mann. Elsbech schüttelt den Kopf, so, als hätte sie ihn nicht verstanden und blickt schmerzlich hinter ihrem Jungen drein, der ihr schnell einen Kuß auf die dargebotene Wange drückt und dann aus der Stube eilt.Er flieht!" denkt die Frau,mein kleiner Ritter flieht!" Und indessen trinken ihre Ohren durstig den Schluß des Gedichts: und chnen zu folgen weit fort vom Tage im Herzschlag der Liebe von dir zu mir. Der Mann knurrt etwas wie:Kann das Ge> fasel nicht anhören!" springt auf und stellt den Apparat ab. Die Frau wird es nicht gleich gewahr. Ihr Herz, nein, ihr ganzer Körper ist noch gänzlich das Echo jener Worte von dernächtlichen Leer« von dir zu mir". Ja, ja, nächtliche Leere! Von Karl zu mir, von

Qualen vorgezeigt wurden, sich ebenso systematisch mit der Menchenkenntnis befassen müßte, als sich unsere exakte Wissenschaft mit der Kenntnis der Dinge befaßt. Di« Teusel haben eine von der menschlichen Psychoanalyse sehr stark abweichende Unter- suchungsmechode und zeigten mir an der Hand von Retorten, daß das einmal Einzige des mensch- lichen Individuums(sowie der völkischen Einheit) in der spezifischen Mischung der urewig gleichen Elemente besreht, die ganz anders reagieren als sich's unsere in dasTypische" verrannten Psychoanalytiker träumen lassen. Die sich ähnelnden Mischungen(bei verwandten Men- schen oder Völkern) reagieren auf minimale Unterschiede(die gebührend berücksichtigt und nicht in einen psychoanalytischen Tops geworfen werden wollen) ungemein stark, während Naturen von weit auseinander liegenden, ins Auge sprin- genden Unterschiedlichkeiten viel Sinn für das trotzdem Gemeinsame herauskehren... um mit meinem Bruder gut auszukommen, muß ich vor allem dem Jndividualitätsunterschied gerecht werden, einem Zulukafsern gegenüber muß ich das uns verbindende allgemein Menschliche her- auskehren. Die in unserer Praktik herrschende Verwirrung läßt uns als Menschenkenner die nur die Resul- täte kennenden Führer und Verführer der Massen bezeichnen, welche die Individualität im einzelnen oft gar nicht respektieren und große Menschenverächter sind. Die Teufel zeigten mir, daß auch jene anderen, Don Juans genannten, Verführer ihr fast immer gelingendes Kunststück

nicht durch Kenntnis der Individualität, die gerade von ihnen beiseite geschoben wird, sondern durch das genaue Auskalkulieren des allgemeinen, unausbleiblichen Reagierens in bestimmter Hin- ficht fertigbringen. Diese Gruppe von Kennern versteht die Menschen nicht so sehr, als sie sie bloß richtig zu behandeln weiß während(das sah ich dann zu meinem Schmerz) die großen Ver- steher wiederum passive Naturen sind und nicht mit Menschen umzugehen wissen. Die Teufel illustrierten mir durch silmische Ein- ficht in eine große Zahl menschlicher Gemein- schasten, hauptsächlich Ehegememschasten, daß wir auf dieser Erde entweder richtig oerstanden und falsch behandelt oder richtig behandelt und unoer- standen sind. Unzählige Frauen, die ihre Männer zu kennen vorgeben, kennen nur ihre Schwächen, womit sie sie allerdings beherrschen Männer wiederum, die ihr« Frauen(als Liebhaber) instinktiv richtig behandeln und daher genau zu kennen glauben, wissen mit deren In- dividualität nichts anzufangen, wodurch der Typ der unoerstandenen Frau entsteht oder sie sind große Psychologen und schlechte Diplomaten. Der irdische Friede würde dadurch hergestellt, daß man zwischen dem Kennen und Behandelnkönnen die ausbanlancierende Formel in Anwendung bringt. Teufel, Teufel, Teufel" schrie ich(gierig diese Zauberformel zu kennen, denn ich hotte, mich als Anpassungsfaxe durch die Welt schlagend, diese niemals beim Schlafittchen zu packen verstanden) ... aber über meinem Schreien erhoben sich alle 500 Teusel gegen mich. Ich schoß wie ein ge- jagter Hase durch die Hölle, mich vergebens an der schönen Teuselin haltend, die sich abwandte (als ich sie einen Engel des Himmels nannte), begann zu strampeln und um mich zu schlagen... Er hat schon wieder Fieberphantasien", sagte die Krankenwärterin, und steckte mir das Thermo- meter in den Mund...

rna 9Süfing:

SKatsee und Silberpapier

Mieze ist«in reizendes Kätzchen. Kein Mensch ist glücklicher Besitzer ihres Geburtsscheins, aber da man allgemein sagt, Maikotzen geraten so be- sonders gut, muh Mieze unbedingt eine Maikatze sein. Mieze ist stets spielfreudig, waschlustig, mause- gierig. Sie hält Haus und Hof rein von lästigen Nagern, tut also, vom menschlichen Nützlichkeit?- standpunkt aus betrachtet, ihre Pslicht. Körperlich ist sie untadelig sauber Im Charakter ist sie selbst- bewußt und außerordentlich selbständig, doch da sie diese Selbständigkeit dem ruhigen Betrieb des Hauswesens einordnet, wird chre stark betonte Eigen-Tierlichkeit nicht als störend empsunden. Sie spielt für ihr Leben gern. Da die Menschen diesen Spieltrieb als steten Anreiz des Mäuse- iangs betrachten, wird er freundlich als gegebene Tatsache hingenommen. Doch neulich hatte Mieze abscheuliches Pech. Auf dem Teppich fand sie Silberpapier, das zu einer kleinen Kugel gedreht war. Sofort pfötelte sie und spielte kullernderweise Ball. Sie lag aus der Lauer, sie folgte dem rollenden Ball und trieb ihn durch ein paar Hiebe zu neuer kullernder Be- wegung an. Dabei geriet sie zwischen die, nur einen Spalt breit geöffnete Tür. Die schlug zu und klemmte der armen Mieze die Schwanzspitze ab. Mieze schrie entsetzlich und ihr lautes Jammern setzte sich als übertragenes menschliches Wehklagen

im ganzen Hause fort. Jeder wollte helfen und keiner getraute sich die fast abgetrennt« Schwanz- spitze anzufassen. Bis der Herr des Hauses Schwanz und Schwanzsitze nahm und sie beide mit Heftpflaster aneinanderklebte Doch die Natur kennt keinen Heilungsprozeß mittels Heftpflaster. Mieze scheuerte das Heftpflaster ab und wurde so die Schwanzspitze los. Trogdem ist Mieze wieder voll lustiger Streiche und unentwegt guten Mnies Keß turnt sie auf dem Büfett zwischen den hauchdünnen chinesischen Teetassen und wirst keine entzwei, regungslos sitzt sie stundenlang vor einem Mauleloch, um Beute zu machen, und Regenwürmer holt sie sich aus den Pfützen, da sie nicht einmal wasserscheu ist. Nichts imponiert ihr, nicht» erschrickt sie, nur das kleinste Stück Silberpapier bringt sie außer Rand und Band. Sie zittert vor Wut sie kann sich weder selbst noch läßt sie sich beruhigen und sie schilt in ihrer scheußlich fauchenden Katzenart: das Silberpapier, ja. das Silberpapier ist schuld an der verlorenen Schwanzspitzel

Ich sehe die Katze in ihrem furchtbaren Ver- nichtungswillen und ich denke darüber nach, ob den Menschen auch wohl so ähnliche Verwechse- lungen wie der Katze mit dem Selberpapier unter­lausen?

DIENSTAG, 14. FEBRUAR 1933

mir zu Karl!... So ist es!... Aber woher weiß dieser Dichter das? Ach, er soll mehr und noch vieles zu ihr sprechen, vielleicht auch einen Trost! Aber wie denn? Er ist verstummt? Mit überspringender Stimme ruft die Frau gegen die Zeitung:Ich lasse mir das bißchen Feierabend nicht nehmen! Auch von dir nicht, Karl!" Sie schaltet den Lautsprecher wieder ein. Der Mann stellt sich vor sie hin, kalkig und mit bösen Augen. Er hebt die Hand. Elsbeth mißt ihn stumm und reglos. Dann fragt sie:Nun?" Mit einem erbitterten Auslachen, das die schwache Stimme des Dichters erstickt, kehrt der Mann sich ab und geht auf den Balkon. Die Tür reißt er hinter sich zu. Worte, viele Worte strömen weiterhin durch die Stube. Doch die Frau, die weinend auf dem Sofa sitzt, ist jetzt taub für ihre Melodik und blind für ihre Schönheit. Sie wähnt schwarz, ja, ganz schwarz zu sein, innen und außen wie eine Trauernde. Erst sehr viel später horcht sie wieder auf, die Handflächen vom Gesicht lösend.Kastanienbaum in der Nacht", sagt der Dichter und spricht: Dämmern seine Blütenkegel vor der Blätter dunklem Schlafen nicht wie sanft gewölbte Segel vor dem mitternächt'gen Hafen? Brennen sie nicht auf wie Kerzen in der Krypta kühlem Schweigen? Oder...: wie durch blinde Schmerzen einer Hoffnung Lichtersteigen? Elsbeths Augen suchen die Kastanie draußen vor dem Balkon. Ja, da sind sie, die sanft gewölbten Segel, die Kerzen! Und soll man nun glauben, daß da auch eine Hoffnung.? (Fortsetzung folgt.)

J£einrich Stemmer:

9)ie Schule der Silenichenkenner