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Nr. 39.

Beilage zur ,, Arbeiterin".

Nägel und Ketten.

Die Ketten- und Nägelarbeiterinnen ,, im schwarzen Land" Englands sind vor einigen Monaten viel besprochen worden. Eine Deputation derselben, geführt von einigen der bürger­lichen Frauenrechtlerinnen", legte bei dem Minister des Innern Protest dagegen ein, daß diese Arbeit den Frauen verboten, und überhaupt durch das neue Fabrikgesez regulirt werde. Auch die Wäscherinnen Londons betheiligten sich an der letzteren Bitte. Daß aber die einsichtigeren und fortgeschritt­neren Elemente unter den Letzteren ein richtigeres Verständ­niß für die Bedeutung der Gesetzgebung hatten, zeigte sich bei der großartigen Demonstration zu Gunsten derselben in Hyde Park. Daß trotzdem die Waschanstalten nicht unter die Werkstätten aufgenommen wurden, welche die Wohlthaten des neuen Gesetzes genießen sollen, kann man nur tief beklagen.

Das Verlangen der Nägelmacherinnen wurde in der Arbeiterin( Nr. 23.) in einem geistvollen Artikel von Frau Clara Zetkin eingehend beleuchtet und scharf beurtheilt. Für die Leserinnen dieses Blattes, welche sich dessen erinnern, dürfte es nicht uninteressant sein, zu erfahren, was eine englische Zeitschrift über diese Schmiedinnen Englands zu sagen hat.

Herr Harold Rylett, ein englischer Geistlicher, schildert diese Arbeit als eine der härtesten, zu welchen Frauen durch die Verhältnisse gezwungen werden können, um das tägliche Brot zu verdienen, gerade nur genug, um das traurige Sklavendasein fortführen zu können. Denn nicht nur, daß einzelne Theile der Nagelmanufaktur als vollständig un­geeignet für weibliche Mitarbeiter erscheinen, sind auch die Löhne für die überaus schwere Arbeit erbärmlich gering.

Die Verfertigung von langen Nägeln( Spiker) scheißt insbesondere zu den härtesten zu gehören, die Frauen in England gestattet sind. Herr Rylett meint, daß keine Be­schreibung im Stande ist, die Schrecken derselben auch nur annähernd zu schildern.

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Die Arbeiter erhalten das Eisen in Bündeln langer Stäbe von etwa 56 Pfd. Gewicht und sie müssen dieselben selbst zur Arbeitsstelle bringen oder für die Beförderung aus eigener Tasche zahlen. Ein Spikernagel ist ein sehr großer Nagel, etwa 8 Zoll lang und 3/4 Zoll dick. Zwei Leute arbeiten zusammen, gewöhnlich ein Mann und ein Mädchen. Der Stab wird durch den Oliver in Stücke von richtiger Länge getheilt, ohne daß das Eisen heiß gemacht würde. Der Oliver ist ein Zuschlaghammer, an dem Block befestigt, auf welchem der Ambos ruht und wird durch einen Tret­schemel bewegt. Der Mann legt den Eisenstab auf einen Meißel, welcher neben dem Ambos auf dem Block angebracht ist. Das Mädchen stellt sich dicht hinter den Mann, umfaßt seinen Leib, und zusammen springen sie auf den Tretschemel, welcher den Oliver bewegt, bis nach einigen aufeinander folgenden Schlägen das Stück Eisen abgeschnitten ist. Herr Rylett erzählt, daß er vier bis fünf solche, fest umschlugene Paare zugleich springen gesehen hat und daß der Anblick auf den Zuschauer einen ungemein brutalen und widerwärtigen Eindruck hervorbringen muß.

Nun nimmt der Mann eine Anzahl der abgeschnittenen Stücke und taucht sie ins Feuer. Sobald ein Stück heiß ist, zieht er es heraus, läßt das falte Ende in die Höhlung eines Werkzeuges fallen, und formt den Kopf des Nagels, indem er Fausthammer und Oliver in rascher Abwechslung benutzt. Dann wirft er ihn dem Mädchen hin, dessen Auf­gabe es ist, die Spitze zu machen. Sie taucht das kalte Ende ins Feuer und beginnt, sobald es erhitzt ist, Faust­hammer und Oliver so eifrig zu gebrauchen wie der Mann, bis sie dem Eisen die richtige Spitze gegeben hat. Die Arbeit ist furchtbar anstrengend, denn nicht nur muß das Mädchen die Spitze mit einem Schlage treffen, der an Wucht dem

Bei Tisch.

Von François Copée, übersetzt von E. A. Die Gesellschaft war bereits vollzählig versammelt; der würdige gräfliche Kammerdiner in seinem weiten Cachemir­Gilet, mit dem gravitätischen, rothen, von einem weißen Backenbart umrahmten Gesichte, ein leibhaftiger englischer Pair, öffnete eben die Thürflügel des Salons und meldete mit einer Baẞstimme, die ebenso sonor als respektvoll flang: Es ist servirt". Da legten die Herren die Hüte auf den Vorsprung der Pfeilertischchen, die vornehmsten Gäste boten den Damen ihren Arm, und alle begaben sich in den Speise: saal, schweigsam, wie bei einer Prozession. Wie glänzte das Tafelgeräth, welche Fülle von Blumen und Licht! Jeder Geladene fand ohne Mühe seinen Platz; sobald er seinen Namen auf der glacirten Karte gelesen hatte, schob ihm ein dicker Lakai in seidenen Stümpfen, einen weichen, gepolsterten Stuhl, mit der gestickten Grafentrone geziert, leise nach.

Vierzehn Gäste, nicht mehr: vier junge Frauen, in stark dekolletirten Kleidern, und zehn Herren aus den Kreisen der Aristokratie des Blutes oder des Verdienstes. Alle trugen an diesem Abende ihre sämmtlichen Orden, zu Ehren eines frem­den Diplomaten, der zur Rechten der Hausfrau saß.

Ganze Büschel kleiner Orden drängten sich an den Knopflöchern; unter den Umschlägen von zwei oder drei Fräcken glänzten diamantene Großkreuze. Ein schweres Kommandeurkreuz am rothen Seidenband breitete sich auf dem steifen Vorhemde eines Generals aus. Die Damen hatten ihrerseits alle Herrlichkeiten ihrer Schmuckkästchen aufgesteckt.

Eine elegante, auserlesene Gesellschaft. Eine Atmosphäre des Wohlbehagens in diesem hohen, gut temperirten, reich geschmückten Saale. In den 4 Wandfüllungen befanden sich Stillleben in dem Prunkstyle von ehemals, in denen Früchte, Wildpret und allerlei Lebensmittel durcheinander lagen. Die Bedienung geschah ohne Geräusch, es schien als ob die Diener auf den dicken Teppichen nur dahinglitten. Der Mundschenk lispelte den Gästen die Namen der Weine vertraulich in's Dhr, wie, wenn er ihnen ein Geheimniß entdeckte, von dem ihr Leben abhinge.

Gleich bei der Suppe, einer fetten, nahrhaften Kraft­brühe, welche den Magen mit Kraft und Jugend erfüllte, begann das Gespräch zwischen den Tischnachbarn.

Zweifellos waren es erst die gewöhnlichen Gemeinpläge, welche halblaut ausgetauscht wurden. Aber welche Höflichkeit in den einfachsten Bewegungen, welches Wohlwollen in Blick und Lächeln. Uebrigens gleich nach dem Chateau Iquem begann der Witz zu sprühen.

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Hamburg , den 26. September 1891.

eines Schmiedehammers ziemlich gleich kommt, sondern sie muß außerdem zugleich ihren Zuschlaghammer mit dem Fuß regieren.

Was die Kettenmacherinnen betrifft, so arbeiten sie unter ganz ähnlichen Bedingungen wie die Nägelarbeiterinnen. Abgesehen von dem Zuspizen der Nägel scheint das Verfer­tigen von Ketten eine noch anstrengendere Arbeit zu sein als das Nägelschmieden. Es giebt dabei nicht die geringste Abwechslung, denn jedes Kettenglied muß dem andern gleichen. Welch ein furchtbar eintöniges Dasein für diejenigen, die gezwungen sind, genau denselben Vorgang etwa 3000 mal die Woche zu wiederholen. Bei dieser anstrengenden und ermüdenden Arbeit fann eine geübte und geschickte Frau etwas über 7 Mark die Woche verdienen, aber viele müssen sich mit weit geringerem Lohn begnügen. Was man darüber hört, flingt oft ganz unglaublich, ist aber bei näherer Prüfung der Thatsachen meist nur zu wohlbegründet.

Es darf auch nicht unerwähnt bleiben, daß die Frauen nicht jeden Wochentag arbeiten. Sie erhalten nicht immer genügende Beschäftigung, aber auch abgesehen davon, würde es ihnen wohl ganz unmöglich sein, 6 Tage in der Woche fortgesetzt eine Arbeit zu verrichten, wie Herr Rylett und Andere sie schildern, ohne sich ganz zu Grunde zu richten. Viele Kettenmacherinnen sind Frauen und Töchter der Berg­leute, und benußen die Zeit, die ihnen nach Besorgung ihres Haushaltes noch bleibt, um 2-5 Mark die Woche zu ver­Sienen. Wenn man sie fragt, warum sie überhaupt arbeiten, so sagen sie, der Verdienst der Männer sei zu gering, um davon zu leben. Herr Rylett wurde besonders erschüttert durch den Anblick eines Glends, wie es freilich im Ostende Londons oft gefunden werden kann. In einem alten Schuppen der für eine menschliche Wohnung ganz unbrauchbar erschien, hauste eine Familie, in welcher die ganze Erwerbslast auf der Frau ruht, da der Mann, von kurzen Zwischenpausen abgesehen, megen Krankheit zu jeder Arbeit unfähig ist. Diese Frau hat außer dem kranten Manne noch fünf Kinder lu ernähren. Wie sie dies zu Stande bringt ist dem Besser­gestellten ein Räthsel. Die elende Wohnung besteht aus einem einzigen Zimmer und in diesem Zimmer ist ein einziges Bett.

Der ganze Distrikt, in welchem diese Mühseligen und Beladenen wohnen, bietet einen überaus öden und trostlosen Anblick. Man sieht nicht selten Häuser, die sich so sehr nach einer Seite gesenkt haben, daß sie vor gänzlichen Zusammen­bruch nur durch einige außen angebrachte Stützbalken geschützt sind. Manche Straßen machen den Eindruck eines langen Trümmerhaufens. Was allgemeinen Verfall und gesundheits­schädliche Verhältnisse betrifft, scheint Gredley( der Mittel­punkt für die hier besprochene Nägel- und Kettenmanufaktur) den Vorrang vor den elendsten Vierteln der großen Städte Englands und Irlands zu verdienen. Die Werkstätten sind jedoch in noch schlechterem Zustande als die Wohnhäuser, denn es ist nichts Ungewöhnliches, daß die Arbeiter genöthigt sind, die Arbeit einzustellen, wenn ein Regenguß beginnt. Bloße Flickarbeit könnte in den meisten Fällen doch nicht helfen, und da diese Industrie im Absterben zu sein scheint, wären Neubauten eine zu fostspielige Spekulation.

Das Schwitzsystem ist hier ebenso vorherrschend als im Often Londons , und der Arbeitslohn wird in derselben Weise nach allen Richtungen verfürzt. Eine Methode, die häufig angewendet wird, ist die Benutzung falscher Gewichte, so daß für das anscheinend geringere Gewicht ein niedrigerer Preis ausgezahlt wird. Oder man behauptet bei der Ablieferung von Nägeln No. 8, dieselben seien No. 9, und berechnet sie als solche, denn für No. 9 ist der Lohn geringer als für No. 8. Eine besonders drückende Form der Aussaugung ist das Halten von Lehrlingen, welche die nämliche Arbeit leisten müssen als die erwachsenen Arbeiter. Die Truckverbote werden auch beständig umgangen und wenn ein Arbeitgeber oder ein Mittelsmann einem beliebigen Ladenbesitzer oder

Die Männer waren zum großen Theile alt, zum min­desten sehr reis; alle an Rang oder Talent hervorragend, sie hatten viel gelebt, waren reich an Erfahrung und Erin­nerungen, sie waren für die Konversation wie geschaffen und die Gegenwart schöner Frauen flößte ihnen den Wunsch ein, zu glänzen und regte ihren Wiz zu launigen Wortgefechten.

Kleine Scherzworte flogen, helle Geistesblitze fuhren da­zwischen. zwischen. Es bildeten sich Unterhaltungszentren zwischen zwei, drei Personen. Ein berühmter Reisender mit bronze­farbenem Teint, der erst kürzlich aus einem entlegenen Theil der Wüste zurückgekommen war, erzählte seinen beiden Nach­barn von einer Elefantenjagd, ohne jede Prahlerei, mit einer Ruhe, als hätte es sich darum gehandelt, auf Hafen zu zielen, anstatt auf Elefanten.

Etwas weiter oben neigte sich das feine Profil eines berühmten Gelehrten heiter zur Gräfin, welche lächelnd zu­hörte; sie war sehr schlank und sehr blond, hatte junge er­staunte Augen, ein herrliches Smarragdhalsband um den schönen Nacken und eine Büste, wie die Venus von Medici.

Dieses luxuriöse Mittagessen versprach auch entschieden amüsant zu werden. Die Langeweile, dieser nur allzuhäufige Gast bei den Festen der großen Welt, sollte nicht dazu­kommen, sich an diesen Tisch zu setzen. Diese Glücklichen sollten eine köstliche Stunde verbringen und mit allen Sinnen schwelgen können.

Am selben Tische, an seinem äußersten Ende, an dem bescheidensten Plazze, saß stillschweigend ein noch junger Mann, der am wenigsten Beachtete, der Geringste von allen Anwesenden, ganz hingegeben seiner Einbildungskraft und Träumerei, einer jener querköpfigen Grübler, die etwas vom Philosophen und Dichter an sich haben. Durch das Ansehen seines Künstlerrufes in der hohen Gesellschaft zugelassen, ein Aristokrat von Natur, aber ohne Eitelkeit, aus dem Volke hervorgegangen und es nicht vergessend, sog er wohllüftig an dieser Blume der Zivilisation, welche die gute Gesellschaft heißt. Er fühlte mehr und besser als irgend ein Anderer, wie viel Alles in dieser Umgebung: der Reiz der Frauen, der Geist der Männer, das glänzende Tafelgeschirr, die Ein­richtung des Saales, bis auf den sammtartig schimmernden Weißwein, mit dem er eben seine Lippen nette, wie all' dieses selten und gewählt war, und er freute sich, daß ein Zusammentreffen so liebenswürdiger und harmonischer Dinge existire. Es war ihm, als wäre er in eine Fluth von Opti­mismus getaucht. Er fand es schön, daß es wenigstens irgendwo, wenigstens einigemal, in dieser traurigen Welt, einigermaßen glückliche Wesen gab.

Wofern sie dem Mitgefühl zugänglich waren, mildthätig

1. Jahrgang.

Wirth seine Gunst zuwendet, dann sind diejenigen, die für ihn arbeiten, wohl oder übel genöthigt, dort ihren Bedarf zu entnehmen. Herr Rylett hat gefunden, daß die Arbeite­rinnen in großen Fabriken es viel besser haben, als diejenigen, welche allein oder in kleinen Werkstätten arbeiten, und des­halb glaubt er, es könne möglich sein, hier durch genossen­schaftliche Fabrikation Besserung herbeizuführen. Freilich gesteht er selbst zu, daß die Schwierigkeiten fast unüberwindlich sein würden." sein würden." Soweit der Bericht. Als Ergänzung fügen wir dem Obengesagten noch eine Stelle aus einem Vortrag bei, den Fräulein Lowndes in einer Arbeiterversammlung hielt. Die Rednerin räth auf das Dringlichste zu einem festen Zusammen schluß der Lohnarbeiter beiderlei Geschlechts, zum Zweck der Verbesserung ihrer Lage. Als Beispiel der verderblichen Folgen des jetzigen Zustandes einer gegenseitigen Konkurrenz werden insbesondere die Löhne der Kettenarbeiter in Kradley genannt. Diejenigen, welche Ketten verfertigen, die ihrer Stärke wegen von Frauen nicht gemacht werden können, verdienen 40 Mark wöchentlich. Aber die Männer, welche die nächste Nummer arbeiten, bei welcher auch Frauen beschäftigt sind, können nicht mehr als 12 Mark wöchentlich verdienen. Diese Zahlen reden laut und vernehmlich und mahnen die Arbeiterinnen an die Pflichten ihren Mitmenschen gegenüber. Die erste ist: " Organisirt Euch, damit Ihr aufhört, Lohndrückerin und Konkurrentin des Mannes zu sein!" Frieda.

Allerlei aus aller Welt.

Das Elend des ärztlichen Berufs dürfte in Sachsen neben anderen Ursachen auch auf die großartige Verbreitung des Kurpfuscherthums zurückzuführen sein, das all­jährlich im Berichte des Landes- Medizinal- Kollegiums be­leuchtet wird. In der Köln . 3tg." finden wir folgende interessante, wenn duch nicht immer ganz zutreffende Schilde­rung dieses Uebels:

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Seit einigen Jahren hat sich bei uns das berufsmäßige Kurpfuscherthum in einer Weise entwickelt, wie nirgends im Reich. Alle Arten desselben sind vertreten und finden ihr reichliches Brot. Kaum ein Dorf giebt es, in dem nicht ein altes Weib oder ein kluger Bauer das Heilgewerbe als Nebengeschäft betreibt. Hier ist vielfach noch der tollste Zaubersput Mode. Von Beschwörungen der Krankheiten zu mitternächtige Stunde auf einem Kreuzweg der Dorfmark, Verfluchungen verderbenbrütender Heren, Besprechungen unter sinnlosem Wortschwall, besonders aber vom Vergraben netter, runder Geldbeträge wird das Heil für die Kranken erwartet. Etwas weniger plump verfahren andere Heil­beflissene, die auf derartigen Sput mit unsäglicher Ver­achtung herabsehen. Sie haben meistens irgend ein Hand­werf gelernt, befinden sich aber in der glücklichen Lage, das­selbe nach den Gelderfolgen ihrer Heilkünfte längst an den Nagel gehängt zu haben. Sie wissen sich ein großes An­sehen zu geben, die Dummheit der Menschen erhält es ihnen und hilft ihrem Ruhm weiter auf die Beine. Sie furiren unter den merkwürdigsten Benennungen und Titeln, hüten sich aber meist, ein ärztliches Prädikat anzunehmen, da ihnen, wie sie aus Erfahrung wissen, die Behörden scharf auf die Finger sehen. Sie besitzen das Arkanum gegen jedes Leiden und heilen Alles. Aerzte von europäischer Be­rühmtheit sind gegen sie Stümper. Diese Art Krankenwohl­thäter sind völlig" wild"; was sie können, verdanken he dem eigenen dürftigen Wiz. Daher haben sie die regelrecht aus­gebildeten Naturheilkundigen zu Feinden, deren Zirkel sie geschäftlich stören und deren Ansehen sie durch ihr Auftreten schmälern. Diese Naturheilkundigen nehmen eine eigenthüm­liche Stellung bei uns ein. Obgleich die wissenschaftlich ge­bildeten Mediziner mit allem Gifer sich gegen sie und ihre Bestrebungen wenden, so gewinnen sie doch immer mehr

und sie waren es ja sehr wahrscheinlich, diese Befriedigten wen störten sie, welchen Schaden richten sie an?

O' welch' schöner tröstlicher Wahn, zu glauben, daß diesen das Leben Gnade widerfahren lasse, daß sie immer oder fast immer diesen sanften, heiteren Ausdruck im Blick, dieses halb erschlossene Lächeln auf ihren Lippen behalten werden, daß sie so viel wie möglich, die dringenden und entehrenden Nothdürftigkeiten, die verächtlichen Gebrechen aus ihrer Existenz verdrängen würden.

Derjenige, welchen wir den Träumer nennen wollen, war eben hier bei seinen Betrachtungen angelangt, als der Diener, der großartige Diener feierlich vom Buffet fam; er trug eine große silberne Schüssel, worauf eine Butte von fabelhafter Größe lag, eine jener phänomenalen Fische, wie man deren auf alten Bildern sieht, welche die Fischerei darstellen, oder noch in der Auslage von Chevet, vor der eine Reihe erstaunter Gaffenjungen ihre Nasenspißen gegen die Auslagefenster drücken. Man fervirte.

Als aber der Träumer vor sich, auf seinem Teller ein Stück dieser riesigen Butte liegen sah, da rief der leichte Seegeruch, in seiner Vorstellung, welche zu raschen Ideen­affoziationen leicht geneigt war, einen Winkel der Bretagner Küste in die Erinnerung, ein mehr als armseliges Fischer­dorf, wo er sich im vergangenen Herbste bis zur Zeit der Tag und Nachtgleiche verspätete und wo er dem furchtbaren Wellenschlag des Meeres gelauscht hatte. Er erinnerte sich plötzlich jener fürchterlichen Nacht, wo die Barke nicht landen konnte, jener Nacht, die er am Molo bei einer Gruppe von bestürzten Weibern verbrachte. Aufrecht stand er dort, der Sprühregen floß ihm über das Gesicht, der Wind schien ihm die Kleider vom Leibe reißen zu wollen. Welches Leben führen diese armen Leute! Wie viele Wittwen gab es dort unten, alte und junge, welche für immer das schwarze Um­schlagetuch trugen.

Schon beim Morgengrauen machten sie sich mit einem Haufen Kinder auf den Weg, um ihr Brot zu verdienen. Oh! nichts als Brot! Sie arbeiteten in dem ekelerregenden Geruch von warmem Del, in der Sardinerie.

In seiner Erinnerung tauchte wieder die Kirche auf, die das Dorf beherrschte, in der Mitte der Felsenküste; ihr Kirch­thurm war weiß angestrichen, um den Schiffen, welche aus offener See kamen, den Durchgang zwischen den Sandbänken zu bezeichnen; dann sah er auch wieder im niedrigen, von magern Schafen abgeweideten Grase des Friedhofes die Grabsteine, auf welchen sich so oft die düstere Inschrift wiederholte: auf dem Meere gestorben.

Diese riesige Butte hatte den feinsten, köstlichsten Geschmack und die Krabbensauce, mit der sie gewürzt war, bewiesdaß,