Aerkiner Social-Politisches Wochenblatt. Inhalt: Die christlich-soziale Aera.— Nationalisa- tion der Produktionsmittel. — Die sozialistische Presse in Frankreich. — Die Literatur und die Arbeiterbewegung. Das Gnadenbrod.—(sine Jdealistin.— Die ansländischc Arbeiterbewegung im Jahre 1887. Politische Nachrichten.— Kleine Mitthei- lungcn.— Maßregelungen, Prozeste.— Vermischtes.— Bereine und Versammlungen. Einladung pn Abonnement. Wir bitten die Freunde unseres Blattes, recht eifrig für seine weitere Verbreitung einzutreten. Wir haben nach besten Kräften der Sache der Arbeiter zu dienen gesucht, mögen nun die Arbeiter auch das Blatt mit voller Energie unterstützen. Aus diesem Zusammen- wirken werden beide Theile immer neue Anregung und Kraft schöpfen. Die „Berliner IWIts-Tribüne" erscheint jeden Sonnabend früh. Der Abonnements- preis beträgt für Berlin monatlich 50 Pf.(frei in's Haus). Bei Bestellungen für Berlin wende man sich stets an den nächsten Zeitungsspediteur. Ist in Deutschland eine konservative chriklich soziale Aera möglich? Als vor einigen Wochen die Adventszeit begann, da hatte Herr Stöcker nicht nur als Prediger und im engen Kreise seiner gläubigen Gemeinde eine„frohe Botschaft" zu verkünden"— auch über den Politiker und Volks- redner war die Gewißheit des Beginnes einer neuen konservativen, christlich-sozialen Aera gekommen und der zweite Luther trat wieder in die Oeffentlichkeit hinaus mit dem ganzen unerschütterlichen Selbstgefühl, das ihn im Anfange der Berliner Bewegung auszeichnete und das ihm später die undankbaren Offiziösen mit Fußtritten austrieben. Und die Adventszeit ließ sich in der That gut an für Herrn Stöcker: er brauchte sich nicht nur auf die Worte eines hohen Herrn zu stützen, vielmehr kam ihm von allen Seiten Hülfe; alle kirchlichen und politischen Reaktionäre, denen selbst die heutige Reaktion noch zu milde scheint, krochen aus ihrer ohnmächtigen Abge- schiedenheit wieder hervor und fühlten und geberdeten fich als die Herren der Situatton. Ta— gerade als ein wahrer Siegestaumel im christlich-sozialen Heerlager ausbrechen wollte— ereignete sich etwas ganz Unerwartetes. Tie Offiziösen rückten wiederum an und fie traten vom ersten Augenblick an so fest auf, daß man sofort wissen konnte, sie handelten nicht auf eigene Faust, sondern erfreuten sich der Zustimmung ihres Oberstkommandirenden� Sie fuhren einiges grobe Geschütz auf, knallten auch ein paar Schreckschüsse ab— und die Helden � der neuen Aera zerstoben in alle Winde, als wenn es sich um einen nächtlichen Teuselsspuk ge- handelt hätte. Nur in der Presse glimmt vorläufig der Streit zwischen den konservativen Ultras und den Offiziösen weiter und dieser Streit dreht sich allmählich mehr und mehr um die Frage, wer denn eigentlich die konservative Politik mehr schädige: die Männer der„Kreuzzeitung " und des„Reichsboten" durch ihre„extreme" Stellung oder die Hintermänner der„Norddeutschen Allgemeinen Zeitung" durch ihre„mittelparteiliche" Haltung. Damit ist der Gegensatz nunmehr von allen persön- lick en Zufälligkeiten eutkleidet, denen wahrlich nur politische Kinder und Fraubascn Bedeutung zulegen konnten, und zu einem Gegensätze tiefgehender politischer Richtungen geworden, der unsere eigene Partei zwar nicht direkt be- rührt, der uns aber willkommene Gelegenheit bietet, gewisse für jede herrschende Bourgeoispolitik unbedingt maßgebende Grundsätze von neuem klarzulegen und auf ihre praktischen Folgen hin zu prüfen. Ter Konservativismus, wie ihn die„Kreuzzeitung� und Herr Stöcker vertreten, zeigt sich auf kirchlichem und politisch-sozialem Gebiet in gleicher Weise als der würdige Sohn jenes Mucker- und Junkerabsolutismus, der nach den Freiheitskriegen das deutsche Volk entwürdigt und geknechtet hat und der schrittweise seine Herrschaft an das liberale Bürgerthum verlor. Diese Niederlagen, diesen Verlust an maßgebendem Einfluß können die„Extremen" der konservativen Partei noch heute dem Liberalismus nicht verzeihen; sie können es nicht über sich bringen, zu dienen, wo sie dereinst zu herrschen gewöhnt waren; sie sind noch heute die Unversöhnlichen, wo die Mehrzahl der Konservativen bereits Frieden mit dem Liberalismus ge- schlössen hat; sie wollen mit diesem die Herrschaft nicht t heilen, sondern ihm den Fuß aus den Nacken setzen. Freilich, auch der orthodoxeste Geistliche sperrt sich nicht dagegen und hat sich nie dagegen gesperrt, der Masse das„Entbehren" als erstes Gebot zu lehren, aber für ihn kommt— wie sich das z. B. bei der Sonntagsfrage ge- zeigt hat— erst das Beten für die Kirche und dann das Arbeiten für den Unternehmer, und er will auch dem Besitzenden nicht gestatten, sich aus dem kirchlichen Bet- saal in freigeistige Nebengemächer zu verlieren, er will auch den Besitzenden gegenüber herrschen und nicht ledig- lich Werkzeug sein. Dem Besitz aber ist dieses unzeit- gemäße Verlangen im hohen Grade lästig— hat er doch in der den kirchlichen Extremen verhaßten Schule und Bourgeoiswissenschaft viel mächtigere Hülfsmittcl zur Förderung seines Einflusses erkannt, als die Kirche heute noch bieten kann; er läßt sich daher auf die orthodoxen Wünsche nicht ein, so angenehm ihm auch die Unter- stützung seitens derjenigen Geistlichen ist, die sich bescheiden mit der Rolle von Handlangern des Kapitals begnügen. Aus diesem Jnteressenkonflikt drohen täglich größere Scharmützel aufzulodern. Aehnlich verhält es sich mit den ultra-konservativen Politikern. Auch diese sind keine zuverlässigen Stützen des herrschenden und noch immer zu neuen Siegen schreitenden kapitalistischen Systems. In ihnen lebt theilweise noch der feudale Geist fort, welcher den modernen großkapital- besitzenden Bourgeois als Emporkömmling verachtet— und beneidet, welcher den Grundbesitz nicht„mobilisirt", d. h. in den kapitalistischen Strudel voll und ganz hineingezogen sehen will, welcher dem feudalen Großgrundbesitz und seinem politischen Rückhalt, dem bäuerlichen und gewerblichen Klein- betrieb zu neuer Blüthe zu verhelfen strebt— gegen das seine Fangarme unersättlich weiterstreckende Großkapital. Freilich, auch der Feudalherr, diesseits und jenseits der Oder, lebt wie der geringschätzig behandelte Schlotjunker und Textilbaron von der Ausnutzung seiner Arbeiter, aber er vertritt eine ganz bestimmte, mehr und mehr in der Auslösung und Umwandlung begriffene Befitzschichte, deren (wirkliche oder vermeintliche) Interessen sich nicht immer mit denen der modernen Produktion decken und deren Träger daher dem mobilen Kapital mancherlei Fesseln anlegen möchten. Es ist nun sofort einleuchtend, daß man bei dem heutigen Entwickelungsstande des Kapitalismus mit solchen Grundsätzen nicht regieren kann. Man kann mit ihnen kokettiren, so lange man im Schmollwinkel der Opposition sitzt, man kann als Oppositionspartei dem Kapitalismus den Fehdehandschuh hinwerfen, um Bauern und Hand- werker aufzuwiegeln und in das eigene Lager zu locken. Aber wenn man zur Herrsch aft berufen, wenn man Mehrheit spartet wird, so muß man dem Ehrgeiz entsagen, mehr sein zu wollen, als ein gehorsames Werk- zeug des Kapitals. Sträubt man sich dagegen, so wird man rasch von der allesbeherrschenden Uebermackt des Kapitals zermalmt und hinweggefegt werden. Es ist daher eine unabänderliche Nothwendigkeit, daß Parteien, die dort, wo sie in der Opposition stehen, starke antikapitalistische,„sozialresormcrische" Allüren zeigen, ganz„manchesterlich" werden, wo sie thatsächlich zur Leitung der Geschicke eines Volkes berufen sind. So lange unsere katholischen Klerikalen int Kampfe mit der Regierung lagen, gab es eine eigene deutsche katholisch- soziale Schule von Nationalökonomen, die mitunter eine ätzende Kritik an dem bestehenden Wirthschaftssystem übte; die literarischen tind agitatorischen Vertreter dieser Richtung wurden von der Parteileitung und der Partcipresse förmlich gehätschelt; und heute, wo das Zentrum seinen Frieden mit der Negierung geschlossen hat und von der herrschen- den Mehrheit nicht ausgeschlossen sein mag, sind alle die früher gepredigten Bestrebungen und deren Wortführer in den Hintergrund gedrängt und vergessen; und wo, wie in Belgien , der Klerikalismus schon lange— abwechselnd mit den Liberalen — die Regierung führt und die Gesetzgebung beherrscht, da hat er von vornherein auf alle anti-kapita- listischen Neigungen verzichtet und stets die Perms ztt seinen wirthschaftlichen Herolden gewählt. Für Parteien, welche sich auf die Besitzenden stützen, sind diese Wändlungen keine Zufälligkeiten, sondern Nothwendigkeiten. So und nicht anders ist es auch unseren Konservativen ergangen. So lange sie sich noch ausschließlich als die Vertreter der alten Stände und der alten Gesellschaftsordnung fühlten und lediglich alle diejenigen Elemente um sich schaartcn, welche ebenfalls durch den Sieg des Kapitals gefährdet erschienen, so lange konnten sie— wie es heute noch die„Christlich-Sozialen" und„Sozialkonser- vativen" thun— Forderungen gegen das Kapital erheben. Seitdem sie aber zur großen, regierenden Mittelpartei ge- hören, sind sie gezwungen, auch äußerlich auf jede Hervor- kehrung kapitalfeindlicher Anwandlungen zu verzichten. Es war daher vollständig konsequent, daß die Gründung des„Kartells" mit der vollständigen Kaltstellung des Herrn Stöcker begann. Die Konservativen hauchen diesem Kapita- listenkartcll ihren Geist der politischen und polizeilichen Volksbevormundung ein— dieser absolutistische Geist steht heute nicht mehr in Widerspruch mit der kapitalistischen Ordnung, sie bedarf seiner vielmehr zur Vertheidigung gegen das Proletariat— dafür übernahmen aber die Konservativen die Pflicht, wirthschaftlich lediglich die Förderung des Kapitals zu vertreten. Aus der anderen Seite erfreut sich die ehemals liberale Bourgeoisie des ungestörten Fortbestandes ihrer wirthschaftlichen Ausbeutungs- srciheit, dafür entsagt sie einigen politischen Illusionen, die sowieso anfangen, dem Kapital gefährlich und dem Prole- tariat nützlich zu werden. Das sind die Grundzüge der großen und heute einzig regierungsfähigen Bourg�oispartei. Auch hier handelt es sich also um politische Noth- wendigkeiten, und hätten sie sich nicht durchgesetzt auf dem Wege des Kartells und der inneren Umwandlung schon bestehender Parteien, so würden sie erreicht worden sein durch die vollständige Auslösung der alten Parteien und der Neubildung aus den zerstreuten Elementen. Und gegen solche innere Nothwendigkeiten glauben die Herren von der„Kreuzzeitung " sich auflehnen zu können? Wenn sie hier die schärfste Zurückweisung seitens des Kanzlerblattes erfuhren, so haben sie nur geerntet, was ihnen gebührt. Gerade heute, wo die große Mittelpartei noch in den ersten Anfängen steht, wo sie ferner durch den in Teutschland so selten starken Widerstreit der agrarischen und industriellen Interessen einen Keim stetigen Konfliktes in sich trägt— gerade heute müssen die Bestrebungen der Herren Stöcker und Kleist-Retzow einem klarblickenden Kapital-Konservativen doppelt unangenehm sein. Matt kann heute sein Jahrhundert wohl Arm in Arm mit Herrn Bleicbröder, aber nickt an der Seite des antisemitisch- christlick-sozialen Hofpredigers in die Schranken fordern. Und dämm betrachten wir die Aera Stöcker heute schon als abge than. Sollte sie dennoch kommen, so würde sie nur eine Eintagsherrlichkeit sein und denen am meisten schaden, welche sie hervorrufen wollen.
Ausgabe
2 (7.1.1888) 1
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