2. Beilage zum„Vorwärts" Berliner Volksblatt. Nr. S3S. Summbnid, de» 3. Oktober 1896. 13. Johrg. Ein Sozinliiffenködkev nov Gevicht. Die Strafthaten. welche dem früheren Polizeiverwalter von Tilsit, Stadtrath Witsche! zur Last gelegt werden, haben wir vorgestern kurz skizzirt. Am Donnerstag begann die überaus interessante Verhandlung vor dem Schwurgericht zu Tilsit. Ueberaus bezeichnend für gewisse Zustände ist schon der Lebenslauf Witschel's. Er macht den Eindruck eines pensionirten Majors. Witsche! heißt mit Vornamen Otto Rudolph Hermann. Er ist am 23. November 1S39 zu Perleberg geboren, evangelischer Kon- fession, Premier-Lieutenant der Landwehr- Kavallerie außer Dienst. Am 1. April 1869 wurde er Katasterkontrolleur in Pr.-Eylan. Am 1. Jnni 1882 wurt e er in gleicher Eigen« schaft nach Tilsit versetzt. Im Januar 1884 wurde er zum Steuer Inspektor ernannt. Bis zum Jahre 1889 wurde er zehnmal disziplinarisch be st rast. Am 29. April 1891 wurde er aus seiner Stellung durch Entscheidung des königlichen Slaatsministeriums im Disziplinarwege entfernt, weil unter anderen Anklagepunklen erwiesen war,„daß er eine von ihm angefertigte katasteramtliche Karte zum Zwecke der Täuschung seiner vorgesetzten Behörde heimlich abgeändert und durch eine zweite heimliche Abänderung diese Fälschung zu verdecken gesucht habe". Nach seiner Dienstentlassung behielt Witsche! seinen Wohnsitz in Tilsit . Dieser Mann wurde a>n 13. Januar 1893 zum un- besoldeten Stadtrath in Tilsit gewählt und erhielt die be- hördliche Bestätigung, als Polizeiverwalter sungiren zu dürfen. Witsche! bemerkt, daß er auf Anregung des Bürgermeisters Stadlrath geworden sei. Im Dezember 1893 sei er Polizei- vermalter der Stadt Tilsit geworden. Dies Amt habe er bis Ende August 133S verwaltet und sei dann freiwillig aus dem Amte geschieden.— Es wird hierauf der Auklagebeschluß ver- lesen. Danach beginnt die fachliche Vernehmung des Angeklagten. Zunächst kommt zur Erörterung, wie der Kampf gegen Hauptmann's Weber von Witsche! geführt worden ist. Der Angeklagte bemerkt: Der Direktor des hiesigen Stadttheaters kam um die Erlaubniß bei unS ein,„Die Weber " ausführen zu dürfen. Ich verbot die Aufführung. Der Direktor bat, ihm doch die Aufführung zu gestatten, er werde alle anstößigen Stelle» streichen. Ich erwiderte: Ich kenne das schon, es bleibt bei dem Verbot. Wir haben bis 1890 nicht eine» einzigen Sozial- demokraten gehabt. Inzwischen sind Agitatoren ans Königsberg nach Tilsit gekommen und bei der Reichstagswahl 1893 wurden uns schon weit über 1000 sozialdemokratische Stimmzettel in die Urne geworfen. Sie, so bemerkte ich dem Theaterdirektor, haben„Die Weber " in Memel zur Aufführung ge- bracht. Sie sind dort vorher in die sozialdemokratischen Versammlungen und Kneipen gegangen und haben dort die Leute aufgefordert, ins Theater zu kommen. Ich kann also unter keinen Umständen die Aufführung gestatten. Gleich darauf traf ich den Oberbürgermeister. Dieser sagte zu mir: Sie haben die Auf- führung der„Weber" verboten, das geht doch nicht, wir müssen die Aufführung gestatten. Ich erwiderte: Die Entscheidung über die Aufführung habe ich und ich kann die Aufführung des Stückes nicht gestatten, das der Sozialdemokratie Vorschub leistet. Der Oberbürgermeister versetzte: Was sich Se. Majestät der Kaiser in Berlin gefallen lassen muß, müssen wir unS auch gefallen lasten. Bedenken Sie doch, Tilsit ist ein« freisinnige Stadt; was soll die Bürgerschaft, was soll die Stadl- verordneten-Versammlung dazu sagen. Ich erwiderte: Das soll mir sehr gleichgillig sein, ich gestatte die Aufführung um so weniger, da auch der Herr L a n d r a t h damit ein- verstanden ist. Am selben Abend las ich jedoch in Zeitungen von dem Theaterdirektor:„Der Vorverkauf für die Ausführung der„Weber" hat begonnen." Ich sagte: Die Aufführung ist doch verboten. Der Mann will blos ein volles Hans haben. werden sehr viele Billets gekauft werden und alsdann wird im letzten Moment gesagt werde»: Die Aufführung der„Weber" gestattet die Polizei nicht, deshalb muß ein anderes Stück auf geführt werden. Um nun das Publikum vor Schaden zu be> wahren, erließ ich sofort in den Zeitungen eine Anzeige, daß die Ausführung der„Weber" verboten sei. Im folge dieser Anzeige stellt» mich der Oberbürgermeister zur Rede, und als ich ihm erwiderte, daß i ch die Auf- führung der„Weber" auf keinen Fall gestatte, sagte er zu mir:„Ich habe Ihnen das Polizei- anit übertragen und entsetze Sie hiern>it feierlichst als Polizeiverwalter." Ich sagte dem Oberbürgcr- meister: Sie habentkein Recht, mich meines Amtes zu entsetzen, dazu ist nur der Regierungspräsident befugt.„Ich nehme Ihnen hiermit das Polizei-Amt ab," versetzte der Oberbürgermeister, „und ich gestatte die Ausführung." Ich telegraphirte indessen sofort an de» Regierungspräsidenten . Dieser tele- graphirte zurück:„Die Anffsührung der„Weber" hat zu unterbleiben." Ich begab mich darauf in die Ex- pedition der„Tilsiter Allgemeinen Zeitung" und forderte den Verleger, Herrn Otto v. Mauderode, auf, nochmals die Anzeige aufzunehmen, daß die Aufführung der„Weber" verboten sei. Herr v. Mauderode sagte zu mir:„Diese Anzeige nehme ich nicht auf. Sie sind nicht mehr Polizeiverwalter, sonder» der Oberbürgermeister. Im übrigen wird heute Abend etwas Schönes über Sie in der Zeitung stehen." Ich erwiderte; Ich werde Ihnen zeige«, daß ich doch noch Polizeiverwalter von Tilsit bin und werde, sollte etwas Ungesetzliches in der Zeitung stehen, dieselbe konsisziren lassen.— Präs.: Herr v. Mauderode und eine Komptoristin haben beschworen, Sie hätten gesagt:„Wenn die Anzeige heute Abend nicht in der Zeitung steht, da»» werde ich dieselbe konsisziren lassen". Sie haben dies aber eidlich m Abrede gestellt?— Angekl.: Ich habe selbst- verständlich die Wahrheil gesagt. Es wäre ja doch Wahnsinn gewesen, wenn ich gesagt hätte: ich werde die Zeitung konsisziren lassen, wenn meine Anzeige nicht aufgenommen fei. Ich entnahm aus der Bemerkung peZ Herrn v. Mauderode, daß ein Schand- artikel über mich in der Zeitung stehen werde. Deshalb sagte ich: Wenn etwas Ungesetzliches in der Zeitung stehen sollte, dann werde ich dieselbe lonfisziren laffen. Die Kompioristin hat meiner Meinung nach mich mißverstanden und fahrlässig ausgesagt. Ich will nicht behaupten, daß v. Mauderode einen wissentlichen Mein- eid geleistet, allein v. Mauderode hat eine große Vorein- g e n o m m e n h e i t gegen mich� Zunächst ließ ich einmal infolge eines Verdachts bei dem in der v. Mauderode'schen Druckerei be« schäfligten Maschinenmeister Metz Haussuchung halten. Der Polizeikommissar, der die Haussuchung leitete, sagte mir: Der Mann muß von der Haussuchung mindestens zwei Stunden vorher unterrichtet gewesen sein, dafür sprach der Art, wie die verschiedenen Schriflsti�e durcheinander geworfen waren. Es wurden nun bei Metz eine Anzahl von Schriften gefunden, die von Gotteslästerungen strotzten. Ferner wurde ein Aufruf gefunden, in dem es hieß:„Dem Polizei- Allgewaltigen von Tilsit muß gezeigt werden, daß er nicht machen kann, was er will; der Mann muß ebenso ein Ende nehmen wie der Polizeirath Rumpf in Frankfurt a. M." Der Verfasser dieses Ausrufs war zweifellos ein sehr gewiegter sozialdemokratischer Agitator, denn ein ein- f a ch e r Arbeiter weiß nichts von der seiner Zeit geschehenen Ermordung des Polizeiraths Rumpf.(?) Wintschel erklärt dann, wie er den Polizeikanipf gegen die russischen Flüchtlinge geführt hat. Ich bemerke außerdem, daß mich verschiedene hohe russische Beanite besuchten und mir sagten: sie hätten gehört, daß in Tilsit ein sehr schneidiger Polizeiverwalter sei. Sie baten mich, aus die Sozialdemokraten Tilsits doch ein sehr wachsames Auge zu haben. Rußland werde seit einiger Zeit mit nihilistischen Aufrufen überschwemmt, die zweifellos in Deutschland gedruckt werden. Diese Aufrufe enthalten die ärgsten Schmähungen gegen die russische Krone und die russische Regierung. Es werde in den Aufrufen gesagt, daß bei der nächsten Erhebung die lilhanischen Arbeiter sich mit den polnischen und russischen verbinden werden. Es wurde uns nun berichtet, daß sich hier mehrere Russen unangemeldet aushalten und daß solche vielfach in der Druckerei des v. Mauderode verkehren, v. Mauderode druckt nämlich außer seiner Zeitung kirchliche Bücher, Aufrufe und Plakate. Ich ließ deshalb einmal die v. Mauderode'sche Druckerei von einer Anzahl Polizeibeamten umstellen und es gelang uns, acht Russen, die sich hier un angemeldet aufhielten, zu verhaften, v. Mauderode protestirte gegen die Verhastung mit dem Bemerken, daß die Leute nur mit kirchlichen Schriften handeln. Ich fand aber bei diesen eine Reihe nihilistischer Schriften und verfügte daher, die Leute sofort über die Grenze zu schassen. v. Mauderode bat mich per Telephon, doch die Leute nicht an die russische Regierung auszuliefern, es seien das gute Bekannte von ihm, ich blieb jedoch bei meiner Verfügung. Die Revolver-Angelegenheit stellt Witsche! wie folgt dar: Nachdem ihm v. Mauderode die Aufnahme der Anzeige verweigert hatte, er wieder ganz ruhig in sein Bureau gegangen sei. Darauf sei der Oberbürger- meister in sein Bureau gekommen und habe ihn aufgefordert, das Bureau zn räumen, da er nicht mehr Polizeiverwalter sei. Er habe erwidert: er könne nur vom Regierungspräsidenten seines Amtes entsetzt werden, er werde daher das Bureau nicht räumen und nur der Gewalt weichen. Er habe sofort an den Regierungspräsidenten geschrieben und dieser habe verfügt: er (Witsche!) solle das Amt des Polizeiverwallers behalten. Der Regierungspräsident kam einige Tage darauf nach Tilsit und hatte niit ihm und dem Oberbürgermeister eine Unterredung im Hotel„Prinz Wilhelm." In dieser Unterredung verfügte der R e g i e r u u g s- Präsident, daß er, Wilsche!, das Polizeiamt serner behalten solle, und bat, die Unterredung als eine vertrauliche zu betrachten. Der Oberbürgermeister gab auch dem Regierungspräsidenten das Ehrenwort, zu niemandem etwas über die Unierredung zu sagen. Einige Tage darauf forderte ihn der Oberbürgermeister auf, doch freiwillig das Polizeiamt niederzulegen, es könnte» sonst kleine Artikelchen in den Zeitungen erscheinen, die ihm unangenehm fein würden. Er erwiderte darauf: er fürchte diese Zeitungs- artikel nicht; sollten aber dieselben eine Beleidigung gegen ihn enthalten, dann werde er den Strasantrag stellen.„Bedenken Sie aber, daß bei solchen Gelegenheilen immer etwas hängen bleibt," versetzte der Oberbürgermeister. Diese Bemerkung frappirte mich ungemein, so daß ich zu dem Oberbürger- meister sagte: Nun bedaure ich, als Sie mich zur Räumung des Polizeibureaus aufforderten, ich Ihnen nicht mit Gewalt, d. h. mit Waffengewalt gegenüber getreten zu fein.— Präs.: Der Herr Oberbürgermeister hat nun beschworen, Sie hätten zu ihm gesagt, Sie bedauerten, daß Sie ihm nicht mit dem Revolver gegenüber getreten seien; dies haben Sie in der Prozeßvcrhandlung gegen den Redakteur Epstein eidlich in Abrede gestellt?— Angekl.: Jä.vohl, ich bleibe auch heule noch dabei, nur gesagt zu haben: ich bedanre, Ihnen nicht mit Gewalt, d. h. mit Waffengewalt gegenüber getreten zu sein.— Präs.: Das Wort„Revolver " haben Sie nicht gebraucht?— A n g e k l.: B e st i m m t nicht, Herr Präsident.— Präs.: Es wird nun ferner behauptet, Sie hätten zu dem Sladlverordneten-Borsteher Schlegelberger gesagt: Wenn Ihnen die Sladtverordneten-Versammluug ein Mißtrauen ausspräche, dann werden Sie sofort Ihr Amt als Polizeiverwalter niederlegen. Sie haben diese Aeußerung ebenfalls eidlich in Abrede g« gestellt?— Angekl.: Jawohl, Herr Präsident. Ich hörte, daß die Stadlverordneten-Versammluug sich mit meiner An- gelegenheit beschäftigen wolle. Ich äußerte daher den Wunsch, dieser Stadtvcrordneten-Versammlnng beiwohnen zn dürfen, zu- mal die Stadtverordnelen über die Angelegenheit nur einseitig unterrichtet waren. Der Oberbürgermeister versetzte jedoch: es sei dies nicht zulässig, ich hätte mindestens drei Tage vorher angemeldet werden müssen. Ich habe alsdann zu dem Sladtverordneten-Vorsteher Schlegelberger gesagt: Ich bin ja mit dem Polizeiamt nicht verheiralhet und würde, wenn mir die Stadtverordneten dauernd ihre Unzufriedenheit ausdrückten, die Polizeiverwaltung freiwillig niederlegen. Es fiel mir aber nicht ein, zu sagen: wenn die Stadtverordneten mir ein Miß- trauensvolum gäben, würde ich sofort mein Amt niederlegen. Ich konnte dies schon deshalb nicht sagen, da ich die Ueberzeuguug hatte, daß die Stadtverordneten über meine Angelegenheit nur ganz einseitig unterrichtet waren. Präs.: Nun sollen Sie einmal von dem Kutscher des Pferde- Händlers Werthmann, Gawehn, als Sie in dessen Stall ein Pferd besichtigten, mit Gewalt aus dem Hofe hinausgeworfen worden sein. Sie baben dies aber eidlich in Abrede gestellt.— Angekl.: Jawohl. Herr Präsident. Gawehn hat mich nicht angerührt. Wenn er dies gethan hätte. d a n n w ürd« i ch aus N oth weh r den Mann sofort niedergeschossen haben.— Präs.: Sie haben in dem Prozeß Epstein beschworen. daß Sie einen Revolver bei sich trugen, während von anderen Zeugen beschworen wurde, daß Gawehn Sie doch gewaltsam hinausgeworfen habe und daß Sie einen Revolver damals garnicht besaßen?— Angekl.: Ich besitze schon seit 1893 einen Revolver und habe ihn an jenem Tag« bei mir getragen.— Der Präsident läßt den Angeklagten aus der Anklagebank treten, um den Geschworenen zu zeigen, in welcher Weise er den Revolver bei sich trug.— Der Präsident läßt daraus eine kurze Pause eintreten.— Nach Wieder« aufnähme der Verhandlung bemerkt der Angeklagte auf Befragen des Präsidenten über seine Disziplinarstrafen: Er sei 32 Jahre im Amte gewesen und sei während dieser Zeit neunmal disziplinarisch mit je ein und zwei Thalern Ordnuugsstrase wegen nicht rechtzeitiger Einreichung von Berichten bestraft worden. Es sei richtig, daß einmal aus Anlaß einer Ackerfläche ein Betrngsversahren in Bartenstein gegen ihn geschwebt habe, weil die Fläche nicht richtig gemessen worden war und an- genommen wurde, er als Feldmesser hätte dies wissen müssen. Das Versahren sei aber sehr bald eingestellt worden.— Es wird hierauf die Eickscheidung des kgl. Staatsministeriunis(Vorsitzender: Siaatsminister Dr. v. Bötlicher) verlesen, wonach der Angeklagte im Jahre 1891 wegen Fälschung einer ka t a st e r a m t l i ch e n arte u. s. w. sich der Achtung, die sein Beruf erfordert. nicht würdig erwiesen und deshalb mit Dienstentlassung und 600 M. Ordnungsstrafe bestraft wurde.— Der Angeklagte be« merkt: Der verstorbene Regierungspräsident v. Steinmann habe zwei Jahre gezögert, ehe er das Disziplinarverfahren gegen ihn eingeleitet habe. Dies sei doch ein Beweis, daß der Regierungs- Präsident an seine Schuld nicht geglaubt und ihn für einen tüchtigen Beamten gehalten habe. Daß er in dem Rufe eines tüchtigen Beamten stand und die Regierung aus seine Vergehen keinen großen Werth legte, dafür spreche doch auch der Umstand, daß der Regierungspräsident ihn kurze Zeit nach der Dienstentlassung als Stadtrath und Polizeiver walter bestätigt habe. Es wird hieraus zur Zeugenvernehmung geschritten. Der erste Zeuge ist der Verleger der„Tilstter Allgemeinen Zeitung", Buchdruckereibesitzer Otto v. Mau de« rode. Dieser bekundet: Eines Tages schickte mir Stadtrath Witsche! eine Anzeige für die nächste Nummer meiner Zeitung. in der er die Ausführung der„Weber" verbot. Da der Ober- bürgermeister mir kurz vorher eine Anzeige geschickt hatte, wonach die Aufführung der„Weber" gestattet war, so benachrichtigte ich den Herrn Oberbürgermeister. Dieser antwortete mir:„Nehmen Sie beide Anzeigen aus." Kurze Zeit darauf sagte mir der Herr Oberbürgermeister Thesiug telephonisch: Lassen Sie die Anzeige des Stadtraths Witsche! vorläufig weg und nehmen Sie noch folgende Anzeige auf:„Mit dem heutigen Tage habe ich die Polizeiverwaltung wieder übernommen. Thesing, Oberbürgermeister." Sehr bald darauf kam Witsche! in mein Bureau und sagte: Ich möchte gern einmal sehen, an welcher Stelle der Zeitung meine Anzeige stehen wird. Ich antwortete: Ihre Anzeige wird nicht aufgenommen, der Oberbürgermeister hat mir eine entgegengesetzte Anzeige geschickt. Wilsche! sagte: Dann nehmen Sie beide Anzeigen auf. Als ich dies ablehnte mit dem Bemerken, daß er nicht mehr Polizeiverwalter sei, sagte Witsche!:„Ich bemerke Ihnen, wenn Sie meine Anzeige nicht aufnehmen, dann werde ich um 5 Uhr nachmittags die Zeitung konsisziren lassen."— Ich erwiderte darauf: Dazu haben Sie kein Recht. — Präs.: Waren Sie damals sehr aufgeregt?— Zeuge: Ich war ganz ruhig, Herr Witsche! war dagegen sehr aufgeregt.— Präs.: War Witsche! sehr laut?— Zeuge: Jawohl.— Präs.: Nun behauptet Witsche!, Sie hätten zu ihm gesagt: es wird heule Abend etwas Schönes in der Zeitung stehen. Daraufhin habe Witsche! erwidert: Ich warne Sie, wenn in der Zeitung etwas Ungesetzliches stehen sollte, dann werde ich die Zeitung konsisziren lassen.— Zeuge: Das bestreite ich ganz entschieden, ich erinnere mich der damaligen Unterredung sehr genau.— Präs.: Können Sie sich nicht irren?— Zeuge: Nein.— Witschet bemerkt: Der Zeuge sei ihm sehr feindselig gesinnt. Dieser habe monatelang Russen. die nihilistische Schriften bei ihm drucken ließen und vertrieben. bei sich versteckt gehalten; er habe die- selben jedoch verhaftet und über die Grenze schaffen lassen.—«.Mauderode: Ich bemerke, daß ich streng bei der Wahrheit geblieben bin und mich durch nichts habe beeinflussen lassen. Ich gebe zu, daß ich bisweilen Russen, die ans nichtigen Gründen von der russischen Regierung ver« folgt wurden, bei mir beherbergt und nicht polizeilich an« gemeldet habe. Es mag ja das nicht ganz den polizeilichen Vor« schriften entsprechen, von einem Verstecken kann aber keine Rede sein; einen Versteck habe ich in meinem Hause nicht. Im weiteren bemerkeich, daß in meiner Druckerei ivohl Schriften in lithauischer Sprache, niemals aber n i h i l i st i s ch e Schriften gedruckt wurden. Ich habe einmal einen russischen Studenten, einen sehr anständigen jungen Mann, beherbergt, der von der russischen Regierung verfolgt wurde, weil er Schriften über Sibirien bei sich führte. Um ihn nicht der Gefahr auszusetzen, daß er von Witsche! der russischen Regierung ausgeliefert wurde, habe ich denselben nicht polizeilich augemeldet, sondern ihm mit Hilfe von Freunden zur Reise nach Amerika verHolsen.— Witsche! bemerkt: v. Mauderode hat einmal einen gewissen Angrabaß be- herbergt, dessen Verhaftung ich verfügte, sobald er nur den Bahnhof in Tilsit betreten sollte. Ich wußte genau, waS dieser Mann in Loretto und Zürich gemacht hatte. I ch frage den Zeugen, wo sich dieser Angra- baß jetzt aufhält. Der Zeuge hat ferner einen gewissen Jotzes und einen anderen Russen beherbergt. Letzterer hat sich fälschlich als katholischer Priester ausgegeben und noch die Frechheit gehabt, sich als solchen dem hiesigen katholischen Pfarrer vorzustellen.— v. Mauderode: Ich weiß selbstverständlich nicht, wo sich Angrabaß jetzt aufhält, ich wiederhole nur, daß ich Nihilisten niemals beherbergt habe.— Verth. R.-A. Fuchs: Giebt der Zeuge zu, daß er aus politischen Gründen dem Angeklagten feindlich gesinnt ist?— Zeuge: Ich bin wohl ein politischer Gegner des Angeklagten, dies hat mich jedoch in meiner Aussage nicht im ge- ringsten beeinflußt.— Vertheidiger: Vor einiger Zeit schrieb die sozialdemokratische„Königs- Tribüne": Diesmal ist Herr von der Sozialdemokraten in den Reichstag ..... aber die Freisinnigen Tilsits nicht das »ölhige Rückgrat dem Witschel-Regiment gegenüber zeigen, dann werden bei der nächsten Stichwahl in Tilsit die Sozialdemokraten mit der Hand in den Taschen dastehen."— Präs.: Herr Ver- theidiger, das hat aber mit der gegenwärtigen Sache nichts zu thiin.— Verth.: Es beweist, daß die Freisinnigen von den Sozialdemokraten gedrängt wurden, gegen Witsche! Front zu machen.— Der Zeuge v. M a u d e r o d e be- merkt noch a»f Befragen, daß allerdings in der„Tilsiter All- gemeinen Zeitung", die ein freisinniges Blatt fei, mehrere Artikel gegen Witsche! gestanden haben, da die Frei- sinnigen die Handhabung der Polizeigewalt durch Wilsche! bekänipften.— Tie folgenden Zeugen: Komploiristin Betty Foth, ehemaliger Theater- Direktor Huvart, Maschinenmeister M e tz und Buchhalter W a n z e r bekunden mit vollster Bestimmtheit übereinstimmend: Witsche! habe gesagt. wenn seine Anzeige nicht aufgenommen werde, dann werde er um S Uhr nachmittags die Zeitung konsisziren lassen. Witsche! bemerkt: Der Zeuge Metz ist Sozialdemokrat und des- halb ihm feindlich gesinnt. Metz erwidert, daß er sich streng an die Wahrheit gehalten habe und auch dem Witsche! nicht feindlich gesinnt sei. Geschäftssnhrer Schwiderski bekundet: Er habe der Unterredung nicht volle Anfinerksamkcit zugewendet und nur gehört, daß Witsche! gesagt: er werde die Zeitung konsisziren lassen.— Es tritt alsdann gegen 2l/e Uhr bis 4 Uhr nach- mittags eine Pause ein. Dcrsainmlttttigcn. Sine öffentliche Volksversammlung, einbernfen von den Frauen, tagie am 30. September im Norden Berlins , Belforter- straße IS. Die Betheiligung an derselben war nur mäßig. In einem nnt regem Interesse aufgenommenen Vortrag sprach Genosse Heinrich Schulz über das Thema: Wider unsere Prügelpädagogen. Diskutirt wurde über den Vortrag nicht. Zum Schluß forderte man zu recht reger Betheiligung an dem von den Ge- nvssinnen zum 17. Oktober in dem Feen-Palast arrangirtenFest auf. berger Volks- Reibnitz mit Hilfe eingezogen. Wenn
Einzelbild herunterladen
verfügbare Breiten