Beiblatt zur Berliner Volks- Tribüne.

№o. 7.

Beug' dich nicht!

So lang' ein Athemzug dein Herz bewegt, So lang' es noch für Recht und Wahrheit schlägt, So lang' das Leben blüht in deinem Blick, Und Liebe noch umleuchtet dein Geschick So lang' beug' nimmer dich der Tyrannet, Nein, brich der Formen Ketten morsch entzwei Und alles, was den Geist in Fesseln zwängt, Was dich zur Unnatur und Lüge drängt, Das greife an mit aller Kraft und Wucht, Und unerschrocken schlag' es in die Flucht: Beug' dich nicht!

Und wenn auch mancher harte Schlag dich trifft, Wenn du statt Nektar Wermuth trinkst und Gift, Wenn dich des Lebens wilder Sturm umtoft, Dein Herz umsonst erhofft der Menschen Troft, Beug' nimmer dich den Launen dieser Welt. Nein, mächtig auf dich selber bleib' gestellt; Und fest und hehr in jedem Kampf und Streit Grtroke dir die Achtung deiner Zeit, Denn das halt' ewig deiner Seele vor: 68 sinkt stets der nur, der sich selbst verlørt Beug' dich nicht!

Reichsbiedermeier und die Polizei.

( Eine Hymne für Ordnungsparteiler.) Rann auch nicht geleugnet werden, Daß die Welt recht trefflich sei,

Bleibt das Höchste doch auf Erden Immerhin die Polizei;

Schon in Reimen, weich wie Butter, Bries als Ordnungs- Himmelsmutter* Sie die große Dichterhand Schillers, der es doch verstand.

Schleicht des Nachts ein Hochverräther, Oder stürzt ein Droschkenpferd, Brüft man durch das Laktometer, Ob die Milchfrau ehrenwerth,

Kommt Besuch von fremden Fürsten, Sind Trichinen in den Würsten: Polizei ist überall

Gleich bei jedem schweren Fall!

Dft verschwindet ein Raffirer, Wo sie dann sofort(??) entdeckt, Daß er dorthin oder hierher Hat das Sündengeld versteckt. Auch den bösen Sozialisten, Der an den Regierungsbrüsten Saugt herum voll Schlangengift, Weist sie aus, wenn sie ihn trifft.

Jm Theater übt beim Singen Wie auch Sprechen sie Zensur, Und es kommt den ärgsten Dingen Oft ihr Rothstift auf die Spur;

Das Couplet, drin stets die Tücke Bauert, streicht sie, und die Lücke Zeigt, woselbst sich Jedermann Dann das Schlimmste denken kaun.

Endlich gar die Zeitungsblätter, Die gewöhnlich zwecklos scharf Da zum Beispiel über's Wetter Man genug doch schreiben darf Nöthig ist's der Ordnung wegen Mit Beschlag sie zu belegen, Oder aber gänzlich todt

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Sie zu machen durch Verbot!

Denn man glaubt nicht, wie gefährlich

Die gedruckten Sachen oft, Weil das Publifum fie schwerlich Alle liest, bis unverhofft

Blöglich man durch die Behörden Muß daran erinnert werden Und sich sagt: Nein, wie verrucht! Und's dann noch zu kriegen sucht.

Sa, so zeigt es zum Erbarmen Sich hier wieder, daß der Mensch An der Hand nur des Gensdarmen Tugendhat und vaterländ'sch!

Während der Berufsverfehler" Häufig hat Talent zum Hehler, Und Verbrechen, noch so schwer, Federleicht dem Redakteur!

Darum wünscht' ich unmaßgeblich, Laß durch der Regierung Kraft Weil sie schlecht und unerheblich

Wird die Presse" abgeschafft;

"

Denn was soll uns durch die Zeitung Diese hastige Verbreitung?

Später durch die Botenfrau

Hört man's doch auch noch genau!

Sonnabend, den 15. Februar 1890.

IV. Jahrgang.

Schon seit Jahren führen die französischen, besonders Binsfuß, ausgedrückt durch einen niederen Preis, zu dem die Pariser Kleinhändler einen zähen Feldzug gegen die die Waaren losgeschlagen wurden, verursachte deren großen Magazine, welche binnen furzem den Handel eines schnellen Absaz, also die schnelle und oft wiederholte ganzen Stadtviertels aufsaugen. Zirkulation des Geldes durch die Waare hindurch und

Letten Sommer machten ihre Anstrengungen zur Be- damit am Ende höheren Gewinn. kämpfung der Riesenbazars weniger von sich reden. Zum Der Kleinhandel konnte beide Momente nicht aus­Theil war die ganze Aufmerksamkeit der politischen Lage nußen, da es ihm an dem nöthigen Kapital fehlte, um zugewendet, zum Theil auch hoffte der Kleinhandel, daß die Waarenvorräthe unaufhörlich in rascher Aufeinander­ihm die Ausstellung mit ihrem gesteigerten Verkehr auf folge zu erneuern, dieselben heute mit Verlust loszuschlagen, einen grünen Zweig helfen werde. um morgen dafür dreifachen Gewinn einzuheimsen, und um Die politische Lage hat sich ruhiger gestaltet, die seinen Betrieb auf großem Fuße einzurichten. So blieben Ausstellung ist mit einem ungeahnten Erfolg zu Ende ge- die großen Magazine mit ihren Vortheilen ein Monopol gangen, der Kleinhandel befindet sich aber in der nämlichen des Großkapitals. unsicheren und schlimmen Lage, wie zuvor.

Die Großkapitalisten, welche sie in den Händen hatten,

Die Ausstellung hat zwar einen gesteigerten Kauf kaufen kraft ihrer Mittel im großen, sie kaufen baar, verkehr, besonders auch einen größeren Waarenabsatz nach sie kaufen beim Großproduzenten ein, profitiren also dem Auslande zur Folge gehabt, aber es sind nur die einen beträchtlichen Rabatt. Viele besigten überhaupt Großbetriebe, die Riesenmagazine gewesen, welche davon selbst Fabriken oder lassen tausende von Proletariern direkt profitirt haben. Mit ihren weitgestreckten Façaden, ihren für ihre Magazine arbeiten. So ist es ihnen möglich, geschmackvollen und reichen Auslagen, ihrer marktschreie- den Preis der Waaren von vorn herein niedriger rischen Reklame, aber auch auf Grund ihrer wirklichen zu stellen, als dies der Kleinhändler thun kann. Vortheile an Güte, Eleganz und Billigkeit der Waare Dazu bedeutet der konzentrirte Betrieb eine be= zogen sie den Strom der fremden Käufer an. Die kleinen deutende Ersparniß an den allgemeinen Betriebs­Läden, mit ihrem unscheinbaren Aeußerem, ihrer geringen kosten, die durchaus nicht proportionell dem größeren Auswahl, die nicht immer das Neueste bietet, standen leer. Umsatz wachsen, sondern relativ abnehmen. Ein zehnmal Der Strom des Fremdenverkehrs wälzte sich abseits größeres Lokal kostet nicht zehnmal mehr Miethszins als von ihnen vorüber und staunte sich in den meisten Hallen das zehnmal kleinere, es fordert auch nicht zehnmal mehr des Louvre", Bon Marchée und ähnlicher Riesen- Heizung, Beleuchtung. Der um das zehnfache ge­geschäfte an. steigerte Verkehr macht nicht zehnfach vermehrte Bedienung Nicht nur die enttäuschten Hoffnungen lassen die nöthig. So ist eine weitere Herabse ßung der Waaren­Kleinhändler ihre Lage mit Bitterkeit und Sorge betrachten, preise in den großen Magazinen möglich, welche zu deren sondern dieselbe hat sich gerade infolge der Ausstellung rascheren Absatz zur öfteren Zirkulation des Kapitals und zum Theil thatsächlich verschlechtert. In Erwartung des Summa Summarum zu fetteren Profiten beiträgt. bevorstehenden Mehrumsages waren vielfach Ausgaben für Renovirung und Ausstattung der Lokale, waren Mehrein­fäufe gemacht worden, die nun nicht die erwarteten Profite getragen haben.

Dazu können die großen Läden stets das Neueste, ost auch zu gleichen Preisen Besseres bieten, als die Klein­geschäfte. Ihr Lager enthält stets, was der neuesten Mode entspricht, da der schnelle Absatz grundsäßlich keine Laden­hüter" aufkommen lassen darf.

So erhebt sich von neuem und stärker als je der Schrei des von der ökonomischen Entwicklung unwiderruf- Die elegante Ausstattung der Verkaufsräume, eine lich zum Tode verurtheilten Kleinhandels, der noch riesige Reklame, Prämien geschenke, allerhand Be­mit rührseliger Wehmuth der Zeit der sieben fetten Rühe quemlichkeitseinrichtungen locken das Publikum an. Bon Pharao's gedenkt, wo ihm die großen Magazine nicht die Marché" und" Louvre" haben z. B. ein Buffetzimmer, Kundschaft streitig machten. in welchem jedem Besucher der Magazine gratis Wein, Likör, Bisquits verabreicht werden, sie sind mit Lesekabi­neten ausgestattet, in denen hunderte von Zeitungen in verschiedenen Sprachen, Zeuschriften 2c. aufliegen, in denen man alle Schreibutensilien, Papier findet u. s. w.

Mit dem Sieg der Großproduktion, des Großbetriebes find auch die Existenzbedingungen des Kleinhandels durchaus revolutionirt worden. Früher konnte im allgemeinen der Kleinhändler hinter seinem Ladentisch ein idyllisches Philifter leben führen. Mit seinem Kleinkapitälchen faufte er seinen Dem Kleinhändler fehlt der Athem, d. h. das Waarenvorrath ein, für den er auf langsamen, aber sicheren Kapital, um mit den Einrichtungen der großen Magazine Absaz zu festen Preisen rechnete, auf die er halten fonnte, Schritt halten zu können, Er kann nicht immer an der weil ihm niemand durch Unterbietung die Kundschaft ab besten Dulle, er kann auch nicht im großen und gegen spenstig machte. Die anderen Kleinkaufleute in seiner baar einkaufen. Er erhält also schlechtere Waare zu Nachbarschaft kauften und verkauften unter den gleichen theurerem Preis und giebt schlechtere Waare zu höherem Verhältnissen wie er selbst, wodurch die Konkurrenz in ge Preis. Die fühnen Spekulationen sind ihm von vorn­wissen Schranken gehalten wurde. Mit dem Großhändler herein durch den Mangel an Rapital verboten. Die Be­oder auch direkt den Kleinproduzenten, bei denen er ein- triebskosten seines Liliput'sches Lädchens stellen sich relativ faufte, stand er meist in jahrelangem geschäftlichen Verkehr. hoch heraus und belasten die Preise der Waaren, die oft Wenn der Kleinhändler nicht baar einkaufie, so brauchte lange auf Lager bleiben, dadurch entwerthet und zu altem er doch keine unverhältnißmäßigen Wucherzinsen zu zahlen, Ramsch werden. Es fehlt an der Möglichkeit, Kundschaft denn sein Gläubiger kannte die, Solidität des Hauses". anzulocken und festzuhalten. Die früheren Käufer gehen Die Waaren konnten lange auf Lager liegen, ohne an nach und nach verloren, sie wenden sich den großen Maga­Güte zu verlieren oder durch altmodisch werden" am zinen zu, wo sie den Einkauf angenehmer und vortheil­Werthe einzubüßen. hafter finden.

Der Kleinhändler arbeitete im Geschäft, seine Frau, So führt der Kleinhändler eine sorgenvolle Existenz, seine Kinder waren ihm bei seiner Thätigkeit behülflich, ewig von dem Gespenst der drohenden Bankerotis ver­war ein Sohn da, so arbeitete er sich meist von Jugend folgt, der auch in vielen Fällen nicht auf sich warten läßt. an in das Geschäft ein und übernahm dasselbe späterhin. Wenn das Gericht den Kleinkram nicht schließt, so stellt Fremde, entlohnte Arbeitskraft ward nur in geringem oft der Geschäftsinhaber selbst den Betrieb ein und wendet Umfange verwendet in der Gestalt von Lehrlingen, Kommis, sich einem anderen Berufezweig zu oder tritt als welche sich in die Geheimnisse des Messens, Wiegens, An- Kommis, Buchhalter 2c., kurz als Lohnarbeiter preisens, Buchführens 2c. einweihen wollten, um sich später in die großen Magazine ein. selbständig zu machen. Diese im Kleinhandel verwendeten Hilfskräfte wurden meist als zur Familie gehörig betrachtet. Das kaufmännische Proletariat und seine Rettung Ihr Stand als entlohnter Hilfs arbeiter war kein bleibender, sondern in der Regel nur ein Durchgangs­punkt, eine Lehr- und Wanderzeit, welche mit der Ver­selbständigung abschloß. Wenn es dem Kommis" nicht gelang, durch Gewinnung der traditionellen Tochter des Prinzipals in das Geschäft einzuheirathen", so suchte er sich sonstwo selbständig zu etabliren.

II.

durch den Sozialismus.

Während die großen Handelsbetriebe einerseits den Kleinhandel zu Grunde richten, ihn unbarmherzig vom Markte fegen, schaffen sie andererseits ein zahlreiches kommerzielles( im Handel thätiges) Proletariat.

Die Lohnarbeit im kaufmännischen Betrieb ist nicht mehr ein Durchgangspunkt mit Aussicht auf die selbständige So konnte der Kleinhändler ohne Lurus und Müßig- Etablirung. Sie wird zu einem lebenslänglichen Stand, gang eine behagliche Spießbürgereristenz führen. den der Betreffende nicht mehr entgehen kann. Der Mit Gründung der großen Magazine, welche erst taufmännische Lohnarbeiter hat so wenig Aus­Der Untergang des Kleinhandels und die durch die Großinduftrie ermöglicht ward, ist dies alles sicht wie der industrielle Proletarier, sich je

R. S..( UIF").

Sozialdemokratie.

( Korrespondenz aus Frankreich .) I.

Wie

der Kleinhandel durch

erdrückt wird.

-

durchaus anders geworden. Die findigen Großkapitalisten selbständig machen zu können. Ist er fühn genug, welche recht gut wußten, daß jede Zirkulation des Geldes dies mit einem Rapuälchen zu versuchen, so bläst der Groß­durch Waare( Geld Waare- Geld) immer mit handel seinem Zwergbetrieb bald genug das Lebenslicht einem Plus an Geld abschließt, erkannten, daß das Geld aus. Zwar bildet sich das Gros der Handelsbeslissenen" um so beffer Früchte trage Geld hecke " je viel- und Kommis" und wie sie sich sonst nennen, ein, daß die Riesengeschäfte facher es seine Zirkulation durch die Waare vollziehe, je sie etwas mehr und etwas besseres seien, als wie die öfter es also als Mehr- Geld wieder erscheine. Hatte der industriellen Lohnarbeiter. In Wirklichkeit sind sie genau Der französische Kleinhandel hat sein letztes, ähnlich Kleinhändler im Laufe eines Jahres 1000 Mart zu 4 pt. die gleichen Lohnftlaven wie leptere, ja oft noch schlechter wie unser deutscher, soeben eine furchtbare Krisis durch einmal durch Einkauf und Verkauf von Waare zirkuliren gestellte, noch härter ausgebeutete. zumachen. lassen und also 40 Mark Profit gehabt, so mußten 1000 Wie der Ertrinkende nach einem Strohhalm, so greift Das Emporblühen und Gedeihen der großen Maga- Mart, welche der Befizer großer Magazine in einem Jahre der todtwunde Kleinhandel nach allerhand Palliativ­zine geht mit dem Bankerott und Zusammenbruch von zu nur 2 pet. fünfmal durch Einkauf und Verkauf mittelchen, mittels derer er sich aus seiner Nothlage zu hunderten kleiner Kaufgeschäfte Hand in Hand. zirkuliren ließ, 100 Mark Gewinn bringen. Der niedere ziehen glaubt.