Meiökatt zur Nr. 50.

St. Meter und der Streikbrecher. (Eine Legende.) Ein Streikebeecher, hu, hu, hu! Fand hier auf Erden keine Ruh; Und wie er nun zu Petrus kam, Der sirenge in's Verhör ihn nahm. Herr Petrus sprach:Was willst Du hier? Du warst aus Erden keine Zier, Du hast verletzt das Christenlhum Und nun im Himmel keinen Ruhm; Wer will das Paradies gewinnen, Der muß vor Ällem stets sein Sinnen ?kur aus die Bruderliebe richten Und niemals halten mit den Wichten, Die ängstlich krieche,. ans dem Bauch: Ein solcher Kriecher bist Du auch! Der Herr, als er aus Erden ging. War auch geachtet nur gering, Er trat mit seinem Worte rein Siels nur für die Enterbten ein, Drum soll'n die Armen alleweil Zu ihrem eig'nen Seelenheil Als Brüder hallen treu zusammen; Wer's nicht Ihut, den muß ich verdammen. Und weil Tu bist zu Kreuz gekrochen Und hast zuerst den Streik gebrochen, Verfüg' ich laut Artikel vier, Kraft meines heil'gen Amtes hier, Daß Du sährst wieder auf der Stelle Zumreichen Manne" in die Hölle. Der heil'ge Petrus d'raus im Nu Blies auf dem Schlüssel:Bu, bu, bu!" Drei Teufel kamen:Wu, wu,>vu!" Und sprachen:Herr, was wünschest Du?" Herr Petrus sprach:Hier den schleppt fort Hinab an einen sichern Ort, Es ist ein ganzer arger Schacher, Ein ganz gemeiner Streikebrecher! Führt ihn hinweg zum finslern HadeS, In's Fegefeuer dritten Grades, Und siedet ihn in Pech und Oel , Zu strafen seine schwarze Seel'!" *** Und die Moral von dem Gedicht Ist:Breche niemals Streike nicht! In Liebe, Treu ' und Einigkeit Halt' zu den Brüdern jeder Zeit, Dann wird Dich Petrus nie verdammen. Du wirst ihm sein willkommen. Amen'"

Der Großvaier. Ich erinnere mich seiner nur dunkel und lange hielt ich ihn für einen höchst sonderbaren Menschen, der meiner kindlichen Einbildungskraft ehrerbietige Furcht einflößte. Erst mit den Jahren, als der ihn einhüllende Nebel zer- floß, verstand ich ihn, verstand ihn, als er leider nicht mehr unter den Lebenden weilte. So geschieht es wohl oft, daß wir die uns umgebenden nächsten Blenschen, mit denen wir leben, täglich zusammen sind, erst dann wahr- hast kennen lernen, wenn sie schon im Grabe ruhen. Ich erinnere mich eines herrlichen Wintertages. Der Schnee schillerte silbern unter den Strahlen der Sonne, thaute und floß in einem Wasserstrahle vom Kirchthurme herab, um die Pfützen flatterten Tauben und badeten in ihnen. Die Spatzen ließen ihr fröhliches Geschrei ertönen. Vor den Fenstern unseres Hauses ging jemand vorüber, schlug den Bärenpelz auseinander und athmete mit sichtlichem Wohlbehagen die vorzeitige frische Frühlingsluft ein. Ich saß auf dem Fensterbrett, hatte die Füße nach türkischer Art über einander geschlagen und blickte auf die Straße, betrübt, daß man mich nicht spazieren gehen ließ. Dieses Bild des herrlichen, sonnigen Tages wird mir stets im Gedächtniß bleiben... In's Zimmer trat die alte Njana�). Sie hieß Dmitrewna. ging beständig in sogenanntenKotü"'0 einher, kleidete sich in dunkel punktirte Kattunstoffe und hatte einenPoweunok") auf, welcher auf der Stirn in zwei herumflatternde, nach verschiedenen Seiten ge- wundene Hörner auslief. Dmitrewna gab mir einen Wink, vom Fenster herunter- zukommen. Ich bildete mir ein, daß die Erlaubniß zum Spaziergange ertheilt wäre und eilte auf sie zu. Pawluschenka, weißt Du, was ich Dir zu sagen habe? Wir haben einen Gast bekommen!" flüsterte sie mir geheimnißvoll zu. In der Kindheit war ich immer, ich weiß selbst nicht warum, gegen Gäste eingenommen. Ich intercssirte mich deshalb auch nicht im mindesten für diesen Besuch und fragte nur, wann wir spaziren gehen würden. .Wollen Sie denn den Großvater nicht sehn?" fragte Dmitrewna vorwurfsvoll. .Wessen Großvater?" .Wie wessen? Den Vater Ihrer Mutter." Die Mittheilungen über einen Großvater, den ich nie gesehn, von dem ich sogar niemals hatte sprechen hören, setzten mich in Erstaunen. .Wo ist er denn?" fragte ich.

*) Kinderfrau. *) Lederne Bauernschuhe. Kopfputz russischer Frauen.

Merliner ü Sonnabend, den 13. Dezember 1890.

Er sitzt in der Küche. Ueber die Hintertreppe ist er gekommen. Ist ja auch in Bauernkleidung." Ich schaute auf Dmitrewna's aufgerissenen Mund. Der Großvater" inBauernkleidern" dies war alles so unwahrscheinlich, so seltsam, daß ich den bren­nenden Wunsch empfand, mich durch den Äugenschein von der Wahrheit der eben gesagten Worte zu über- zeugen. Natürlich mußte ein Mensch in Bauernkleidern über die Hintertreppe kommen und in der Küche sitzen. Unser Hausmeister, Xenofont, ein Mann von ungewöhnlicher Wichtigkeit, war zu sehr von Achtung zu seiner grünen mit ungeheuren Metallknöpfen besetzten Livree und seinem Tresfenhute durchdrungen, als daß er einen Menschen in Bauernkleidern die Haupttreppe hätte hinauf- geh'n lassen. Eben dieser Xenofont zog bei der Be- grüßung meiner Mutter ehrerbietig den Hut und sprach: Ich wünsche Ew. Excellenz einen guten Morgen" und derGroßvater" inBauernkleidung" war doch Mamas Vater, wie ging das also wohl zu? Mit diesen Fragen wandte ich mich an Dmitrewna, doch konnte sie mir keinerlei Aufklärung geben. Zuckte nur mit den Achseln und sagte tief aufseufzend: Da hast Du's!" Ich äußerte den lebhasten Wunsch, den Großvater zu sehn, da man uns Kinder aber nicht in die Küche hineinließ, so mußten wir zu irgend einem Hilfsmittel unsere Zuflucht nehmen. Dmitrewna ersann eine List. Weißt Du, Pawluschenka," flüsterte sie mir in obiger Art geheimnißvoll zu,nach der Küche zu gchn, daran ist gar nicht zu denken: wenn es Mamachen er- fährt, befördert sie mich in die Ewigkeit. Wir wollen es so machen. Sie gehen in das leere Eckzimmer, stellen steh hinter die Thür, öffnen dieselbe ein wenig, nicht ganz, nur so, daß eine Oeffnung bleibt, und durch diese sehen Sie durch! Ich gehe dann nach der Küche, öffne gleichsam absichtslos die Thür und auf diese Weise werden Sie alles sehn". Gesagt gethan. Ich huschte in das Gemach. stellte mich neben die Küche und begann durch die Thür- ritze zu schauen. Ich besinne mich, wie ausgeregt ich war; der geheimnißvoll? Großvater war in meiner Ein- bildungskraft ein gewissermaßen sonderbares Wesen und seine Erscheinung selbst in unserm Hause verknüpft sich mit etwas Schrecklichem, die Zukunft Bedrohendem. Dmitrewna ging an mir vorüber und öffnete weit die Thür. In dieser Entfernung übersah ich die ganze Fläche und in erster Linie auf einem Tabouret neben dem Küchentisch einen hochgewachsenen Greis mit langem, schwarzem Barte und ungewöhnlich lebhaften dunklen Augen. Er trug einen alten, an vielen Stelleu ge- flickten, kurzen Pelz und hohe geschmierte Stiefel. Um den Hals hatte er einen einfachen Shawl geschlungen und auf den Ümeeti lag eine große Pelzmütze, wie sie gewöhnlich die Kutscher tragen. Neben dem Großvater stand, den Rücken gegen den Tisch gelehnt, mit aufge- stützten Händen, unser Koch Silant, in Schürze und weißer Mütze. Der neben dem Herde stehende Küchen- junge wusch in einem Waschbecken das Geschirr, schielte oft nach dem Großvater hinüber, pustete so eigenthümlich und zeigte die milchweißen Zähne. In die Küche tretend, grüßte Tmitrewna ehrerbietig und schweigend den Groß- vater, nahm dann ein Tabouret und setzte sich an den Tisch, das Gesicht der Thüre zugekehrt. Die Herrin bittet, ein Weilchen zu warten", sagte sie.Sie ist sogleich fertig." Der Großvater antwortete nicht, ja, schenkte sogar, schien es mir. dem Gesagten keine Aufmerksamkeit und setzte sein Gespräch mit dem Koch fort. Wie viele Bediente seid Ihr?" fragte der Groß- vater. Ja, wieviel... des Herrn Diener, Fedor eins, der Herrin Kammermädchen, Fekluscha zwei, die N'ana drei, dann ich. der Kutscher und der Küchenjunge. Es werden wohl im Ganzen sechs sein... Hm!"(Ter Großvater streichelte den Pelz seiner Mütze). Du selbst bist woher?" Ich? Ich bin ein Soligalikscher." So so. Ich war auch in Eurem Bezirk. Kennst Du das Kirchdorf Kowschowo?" Gott , das versteht sich von selbst von uns sind es gerade 5 Werst bis dorthin... über den Fluß am Espeuwald vorbei.... Unser Kirchdorf ist Ananjowo." Auch in Ananjowo war ich. Besinnst Du Dich auf Moisfei Potapitsch? Kaum! Du bist noch sehr jung!" Ich bitte Sie, über 30 Jahre!" erwiderte in be- beleidigtem Tone der Kochund was Mdiffei Potapitsch betrifft, so erinnere ich mich seiner noch sehr gut. Er ist ein ganz kleiner Greis, der aus Sibirien zurückgekehrt ist. Seine Tochter ist mit Polikar Semjonowitsch, einem Gerber, verheirathet. Ein prächtiger Greis!" Wann gedenkst Du wieder in das Dorf zu gehen?" fragte der Großvater. Ja. diesen Sommer werde ich bei der Herrschaft um eine Woche Urlaub bitten, ich war schon lange

-Crißune. IV. Jahrgang.

nicht dort. Doch ich weiß nicht....." antwortete der Koch. Nun, wenn Du also im Dorfe sein wirst, so sei nicht faul, geh' zu Potapitsch hin und überbringe ihm meinen Gruß." Silant fuhr mit der Handfläche nachdenklich über das glatt rasirte Kinn. Und wie soll ich ihn... eigentlich... bestellen?" fragte er. a, Sage nur: Iwan Morou grüßt." Der Großvater erhob sich und es zeigte sich, daß er von noch stattlicherem Wüchse war, als ich vermuthete. Geh' nur. N'anuschka", wandte er sich an Dmi- trewna,sage der Herrin: Meine Zeit ist sehr knapp bemessen." Sofort, gnädiger Herr!" erwiederte sie ehrerbietig und wandte sich zur Thüre. Ich sprang aus meinem Versteck hervor und eilte in das Gastzimmer, wo meine Schwester mit der Puppe spielte. Weißt Du was, Natascha?" begann ich erregt zu erzählen.Unser Großvater ist da. Er ist groß, hat einen scharzen Bart und ist wie ein Bauer gekleidet." Natascha machte große Augen. Hast Du ihn gesehen?" fragte sie. Ja, er sprach in der Küche mit Silant. Und weißt Du, er kommt sofort hierher." Wie unerwartet diese Nachricht ihr auch sein mußte, so machte sie auf meine 5jährige Schwester doch gar keinen Eindruck. Sie wandte sich mit der größten Ruhe von mir ab, ergriff die Riesenpuppe, und sie nach sich schleppend, tanzte sie durch das Zimmer. Jetzt kam auch die Mutter aus ihrem Boudoir heraus. Ihr Gesicht schien mir aufgeregt und die Augen verweint. Ich lief ihr entgegen und wollte ihr von dem ivunderbaren Großvater erzählen, als derselbe plötzlich selbst in der Thüre erschien. Guten Tat}, Lisa!" sagte er. Meine Mutter näherte sich ihm, er drückte ihr einen Kuß auf die Stirn. Sind Sie gesund, Papa?" fragte sie. Nicht ganz" antwortete er.Und Du? Du siehst so bleich aus. Nach den Kindern frage ich gar nicht. Ich sehe ja, sie wachsen und gedeihen." Setzen Sie sich, Papa" sagte sie mit einladender Handbewegung. Ich habe keine Zeit, meine Liebe, ich habe keine Zeit. Ich komme nur für eine Minute und zwar in geschäftlicher Angelegenheit. Du weißt wohl schon? Immer dasselbe, meine Liebe." O mein Gott!" flüsterte meine Mutter, mitleidig und ängstlich den Großvater aublickeud. Hast Du 20 Rubel bei Dir? Aber sofort, diese Minute? Ich brauche sie uvthwendig." Ach, Papa, wie kannst Du nur? Mir thut das Herz so weh. so weh!... Ich schwebe in beständiger Angst. Der Großvater runzelte die Stirn. Ach, dummes Zeug! Fürchte nichts. Lisa!" Nicht für mich, Sie verstehen"... begann die Mutter, sah dann nach der Ecke, wo die Schwester und ich mit weitgeöffnetem Munde standen, und sagte: Kinder, geht in Euer Zimmer! Spielt dort." Es blieb uns nichts anderes übrig als zu gehorche«, und wir entfernten uns sachte aus dem Gastzimmer' Was dann geschah, weiß ich nicht, aber als ich, von Neugierde gequält, wieder in's Gastzimmer trat war der Großvater bereits fort. Die Mutter stand am Fenster und schaute auf die Straße. Ich näherte mich ihr. Sie drehte sich um(in den Händen hielt sie ein Taschentuch) umarmte und küßte mich leidenschaftlich; Thränen standen ihr noch in den Augen. Wo ist denn der Großvater?" fragte ich. Fortgegangen, mein Herzchen!" antwortete sie. Kommt er wieder?" Nein, er kommt nicht wieder." Warum ist er in Bauernkleidung?" Es gefällt ihm so!" erwiderte sie ausweichend. Zu Mittag kam der Vater aus dem Departement nach Hause. Er war sehr heiter und scherzte mit unS, was bei ihm selten vorkam. Wir erzählten ihm natür- lich, daß der Großvater bei uns gewesen. Er wurde plötzlich sehr ernst und blickte strenge auf die Mutt.'r. Diese saß mit gesenkten Augen da. Ein unglaublicher Mensch!" rief der Vater, die Serviette zusammenknitternd und fortwerfend,ich glaubte, daß er nicht mehr existirte." Reist er denn fort?" fragte ich. Schweige!" schrie er mir grimmig zu, wandte sich dann an die Mutter, fragte sie etwas in französischer Sprache. Jene antwortete. Dieses hättest Du unterlassen sollen!" stieß er schneidend hervor.Du weißt nicht, was daraus ent- stehen kann. Die Mutter sprach französisch, der Vater erwiderte heftig und jähzornig; sie sprachen sehr aufgeregt und die Mutter verließ unter Thränen den Tisch.