I Berliner Sozial-Politisches Wochenblatt. Aus der Moche. Der Soulangismns und die Revolution. IL Der Banschwindel i» Kerlin. Die Pariser Arbeitsbörse. Der englische Rationalreichthum. Der Utopist Herbka. Dom Reichstag. Gedicht. Uovelle. Bestechung der Preste im Großen. Die Motive znr Reformatio«. Die Zölle und die Sozialdemokratie. Arbeitsruhe und Arbeitszeit. Aus der Woche. -se- Als man einst an einem Montage einen armen Sünder zur Richtstätte führte meinte er in seinem naiven Galgenhumor: Alle Achtung, die Woche sängt gut an. Für die Großen und Mächtigen der Erde hat das heurige Jahr einen Anfang genommen, der ihnen nicht besonders gefallen wird. Aus allen Ecken und Enden kommen Nachrichten, welche darthun, daß das Volk es einmal mit etwas anderem, als der ewig zuwartenden Geduld versuchen will. In Portugal , und zwar in Oporto , einer Stadt, jedem durstigen Geldsack theuer, weil von dorther der schwere, köstliche Portwein kommt, brach in den letzten Tagen des Januar ein republikanischer Aufstand los. Zwei Regimenter Linientruppen und eine MengeCivi- listen" marschirten nach dem Stadthause und besetzten es. Gleichzeitig sollte auch in anderen Städten die Be- wegung losbrechen. Das war aber nicht der Fall, und so wurde der Aufstand in Lporto in kurzer Zeit nieder- geschlagen, den republikanischen Zeitungen des ganzen Landes das Lebenslicht ausgeblasen, das Kriegsgericht hat seine Thätigkeit begonnen. Noch einmal also hat die Monarchie in diesem Lande triumphirt; sie wird nie mehr in die Lage kommen, Jubellieder anzustimmen. In Belgien passirte etwas Aehnliches. Einige hundert eingezogene Milizsoldaten aller Waffengattungen fanden, daß man sie zu lange bei der Fahne halte und beschlossen kurzerhand, in ihre Heimath, zu ihrer Arbeit zurückzukehren. Als man ihnen auf de« Brüsseler Bahn- Höfen keine Fahrkarten ausfolgte, zogen sie demonstrirend durch die Straßen und begaben sich nach dem Ber- sammlungslokal der Sozialisten. Die belgische Regierung läßt vermelden, daß sie diesen Frevel in sehr harter Weise bestrafen werde. Mag sein, sie hat ja noch vor- läufig die Macht dazu. Wird aber alles nichts helfen. Und wenn man die Straßen der Weltgeschichte auch noch so sehr mit Menschengebein pflastert und die Geldsäcke leimt mit Menschenblut und Menschenschweiß, die Be- wegung, welche jetzt durch die Lande zieht, wird man nicht« aufhalten. Ten Kopf hoch, Proletarier, dein ist die Welt, trotz alledem. Bismarck verschwand von dem Piedestal, ans welches ihn deutsche Knechtsseligkeit gehoben, der un- garische Bismarck, Herr von Tisza, folgte unfreiwillig seinem Beispiele, jetzt ist auch Crispi, der Katzelmacher- Bismarck, seinem Vorbilde nachgeflogen. Das italienische Parlament hat den aus einem Revolutionär zum Des­poten und Volksverderber Gewordenen einfach davon gejagt. Wenn dem Kleeblatt nicht aller Humor ver- gangen ist, könnte es jetzt gemüthliche Skatabende ver- anstalten, den drei Völkern wird dabei wohler sein, als wenn esPolitik im größten Style" machte. Mehr Glück, als diese drei gefallenen Größen hat augenscheinlich der Generalfeldmarschall des Zentrums, Herr Windhorst. Er steht politisch noch fest, obgleich kr unlängst im Parlament die Treppe herabgefallen. Er hat sogar eine Standeserhöhung und zwar taxfrei erfahren. Am oy in China fand ein Deutscher ans einer kleinen Felseuinsel, welche den sieben Genien geweiht ist, unter anderen Götzenbildern eine alte zerbrochene Gypsstatue ohne� Füße, welche die schwarze Perle von Meppen in höchsteigener Person darstellt. Welches Gesickck mag der humvrsprudelnde, mit allen Salben geschmierte schwarze Kampfhahn gemacht haben, als er diesen chinesischen Genie?treich" erfahren? Es vergeht keine Woche, ohne daß im heiligen römischen Reich deutscher Nation der Säbel haut. Dies mal kommt aus Görlitz die Nachricht, daß dort drei Offiziere einen Kellner in einen Hausen leerer Flaschen geworfen und ihn mit den Waffen bearbeitet haben. Ur fache: der Mann hatte beim Serviren einen der Herren angestoßen und sich dann seiner Haut gewehrt. Wie ist uns denn? Sind Kellner auf einmal auch den Edelsten gegenüber faktivnsfähig? Zu der Haue wird und muß sich auch ein Stiel sinden. Das Volk hat ein Recht zu verlangen: der Soldat hat außer Dienst keine Waffe zu tragen. Und wenn man sie auf der Straße nicht ent rathen zu können vermeint, gut, in öffentlichen Lokalen aber unter jeder Bedingung. Wohin würde das führen. wenn zu einer Tanzunterhaltnng, zu einem Konzert Jeder sein Handwerkzeug mitbrächte? Ich sehe sie schon vor mir, die humoristischen Gestalten mancher Redakteure. An der linken Seite die Notizenscheere, rechts den Kleister- topf, hinterm Ohr den Pinfel. Auf dem letzte» Ball der Berliner bürgerlichen Presse sind auch einige Herren in seidenen Kniehöschen erschienen. Wollten die Herren nicht die Güte haben. uns zu verrathen, woher sie ihre, zu dieser Kleidung ge- hörigen deutschen Waden bezogen haben? Und zweitens, wo haben sie geruht, ihre Taschentücher zu tragen? Vielleicht wie die Kleinen, zwischen den Knöpfchen hinter- wärts von TemeSvar? Den hungernden Webern in Schlesien ist ge- Holsen. Ein Großgrundbesitzer hat an sie die Einladung ergehen lassen, wer Arbeit wolle, solle nur zu ihm kommen. Darauf haben die Leute zur Antwort gegeben, schwere Arbeit könnten sie nicht verrichten, und hungern könnten sie in der Heimath auch. Das ist pure Verstocktheit, denken die Bürger, aber wir werden den Kerlen doch helfen, kost' es, was es wolle. Und sie gehen hin und gründen zu Langenbielau eine Weberschule. Der Staat wird einen Zuschuß geben, und das Elend ist aus der Welt geschafft. Auf ähnliche Weise hilft man dem Hand- werk schon seit lange. Seit zwanzig Jahren werden Fachschulen jeden Kalibers gegründet und noch immer schreien Handwerker und Kleinmeister:Gott segne Sachsen ! Gebt uns was, gebt uns was, oder wir müssen Sozial- demokraten werden." Wird auch dazu kommen, mit oder ohne Sachsen , mit oder ohne Weberschule. Die spanischen Corteswahlen sind zu Gunsten der konservativen Regierung ausgefallen. Dieses Resultat war vorauszusehen. I» diesem Lande hatte noch jede Regierung die Majorität, welche sie wünschte. Das hindert aber nicht, daß ebendieselbe Regierung vielleicht schon in kurzer Zeit denKehraus" tanzen kann. In Spanien ist eben alles normal, der selige Hegel hätte seine Freude dran. Wie sehr das Kapital alles ausnützt, was es in seine Fänge bekommen kann, hat wieder die Debatte über die Bevorzugung des Wolff'schen Telegraphenbureaus schlagend erwiesen. Die Inhaber dieser Gesellschaft sind millionenweise Börsenleute, trotzdem verschmähen sie es nicht, sich auf Kosten der Allgemeinheit einen Vortheil zuzuschanzen. Das ist mehr als filzig. Und der Staat duldet noch einen solchen Zustand. Ist aber erklärlich. wenn er zufällig eine» Minister der Posten hat, welcher der Meinung ist, es werde heute überhaupt schon zu viel relegraphirt. Wenn Herr Stephan gar so sehr für den beschränkten Unterthanenverstand und gegen den be- schränkten Geldbeutel ist, warum ukast er dann nicht einfürallemal: Telegraphiren darf nur, wer 3000 Mark Einkommen besitzt? Das wäre wenigstens ganze Arbeit, wie sieMeisler" Bismarck liebte. Ter Kampf der Schule gegen die Sozial- demokratie macht weitere lustige Fortschrttte. Im an- haltischen Lehrer-Seminar zu Köthen hat eine Disziplinar- Untersnchung gegen Schüler der zweiten Seminarklasse, wegen sozialistischer Umtriebe stattgefunden. Die an- gehenden Lehrer sollen an sozialdemokratischen Versamm- langen Theil genommen und sozialistische Schriften gelesen haben. Dabei ist das Köthener Seminar ein Alumnat mit fast militärischer Kontrole. Wir können dem unter- suchungseifrigen Seminardirektor noch Weiteres verrathen. Nicht blos Seminaristen, auch junge preußische Lehrer kennen wir, welche voll und ganz auf unserem Stand- Punkt stehen. Wenn die bürgerliche Presse sich etwas Gutes anthun und recht saftig renomiren will, dann spricht sie vom altpreußischen Richterstande. Diese einzige Säule verschwundener Pracht scheint aber auch Risse und Sprünge die Menge zu haben. Im Abgeordnetenhause sprach der Präsident eines Oberlandesgerichtes von ver- soffenen Amtsrichtern. Unlängst wurde ein Gerichts- assessor entlassen, weil er einem Agenten nicht 2000 Mk. zahlen wollte, welche er versprochen hatte, falls er eine Stelle im auswärtigen deutschen Amte erhielte. Der doppeltschlaue Themisjünger hatte sich nämlich noch mit einer zweiten Person in Verbindung gesetzt, welche ihm eine Amtsrichterstelle in Aussicht stellte. Als es zum Klappen kam, konnte er natürlich nur eine Stelle an- nehmen, wollte aber die eine Vermittlergebühr ersparen, und siel so zwischen zwei Stühle. Die Angelegenheit ist im Reichstag zur Sprache gekommen, und der Vertreter der Regierung hat erklärt, solche Dinge könnten nicht passieren. Da haben also die Zeitungen wieder einmal gelogen, wenn so was nicht passieren kann. Wir glau- ben natürlich das, was die Regierung sagt. Aber sie sollte sich doch nicht so ungestraft verleumden lassen, sie sollte doch dieKönigsberger Hartungsche Zeitung", welche die Verleumdung zuerst gebracht hat, verklage», und die anderen Zeitungen, welche sie abgedruckt haben, auch! Der Präsident der Altonaer Eisenbahndirektion sehnt sich nach Ruhe, ob freiwillig oder unfreiwillig, lassen wir dahingestellt. Er hat vor nicht langer Zeit einen Fackelzug der Eisenbahnbeamten zu Ehren der alten Racketenkisie" veranstaltet. Das genügt. Die Sünden des verflossenen Reichskanzlers werden gestraft bis in die so und sovielte Rangsklasse. Auch Waldersee geht. Wenn der neu gegründete Verein gegen den Antisemitismus nun dem Stöcker nicht auf die Strümpfe hilft, dann kann sich der zweite Luther auch schon gleich begraben lassen. In Oesterreich ist die Wahlbewegung für den Reichsrath im vollen Gange. Auch die sozialdemokratische Partei greift diesmal durch Versammlungen und Flug- blätter werkthätig ein. Auch nur einen ihrer Kandidaten wird sie i» besten nicht durchbringen. Der Census ist zu hoch, nominell 10 Mark, in Wirklichkeit aber mit den Zuschlägen wenigstens 40 Mark. Und das gilt nur für die Städte, die Wähler auf dem Lande wählen gemeinde- weise Wahlmänner und diese erst die Abgeordneten. Trotzdem wird der agitatorische Erfolg für die Sozial- demokratie ein sehr großer sein. Die Schlacht wird diesmal in Oesterreich zwischen Klein- und Großbürger- thum geschlagen, ihr Ausgang wird in absehbarer Zeit das allgemeine, direkte Wahlrecht zur Folge haben. In Chikago hat sich nach der Meldung eines englischen Blattes(Trnth") eine Gesellschaft gebildet, deren Zweck die Ausfuhr von heirathssähigen, reichen Amerikanerinnen nach dem Londoner Heirathsmarkte sein soll. In was wird die Gegenleistung der Londoner Bräutigamer bestehen? In Stammbäumen, Gold oder Oueclsilb.r? Der Koulangismus und die Revolution. Von Mac-Arle. II. sNa'ch'dem 3. Dezember. T """"Nach den' Ereignissen des 3. Dezember,''welche ich nur als charakteristfiche Zeichen für die Entw'ckelung der Volksbewegung eingeslochten habe, ging die revolutionäre