Berliner

Volks- Tribüne

"

Sozial- Politisches Wochenblatt.

Die Berliner Volks Tribüne" erscheint jeden Sonnabend früh. bonnementspreis für Berlin monatlich 50 Pf. pränumerando( frei in's Haus). Einzelne Nummer 15 Pf.

Durch jede Post- Anstalt Deutschlands zu beziehen.( Preis viertelj. 1 mr. 50 Pf.)

36.

-

Redaktion und Expedition: SO.( 26), Elifabeth- Ufer 55. Ausgabe für Spediteure: ,, Volksblatt", Beuthstr. 3.

Inserate werden die 4 spaltige Petitzeile oder deren Raum mit 20 Pf. berechnet Vereins- Anzeigen: 15 Pf.- Arbeitsmarkt: 10 Pf. Inseraten- Annahme in der Expedition: Elisabeth- Ufer 55. Die ,, Berl. Volfs- Tribüne" ist unter Nr. 893 der Zeitungs- Preisliste eingetragen.

Sonnabend, den 5. September 1891.

V. Jahrgang.

Nur wenig Hufen gönnen dem Pfluge noch

Politische Notizen. Soziales aus den Vereinigten gesetz erwähnt. Der Entwurf liegt jetzt vor und entstehen muß, ist klar: eine Entvölkerung des Landes, in Staaten. Die Entwickelung der direkten Gesetzgebung spricht wörtlich unserer Prophezeiung: Chikanirung der dem es sich ja dann die überlebenden Rentenschlucker durch das Volk in den amerikanischen Unionsstaaten. Gedicht.- Novelle.- Beiträge zur deutschen Kultur- Schnapsverkäufer und Bestrafung der armen Teufel, die hübsch behaglich einrichten können. und literaturgeschichte des 18. Jahrhrnderts. 3 vei sich in betrunkenem Zustand erwischen lassen; außerdem bürgerliche Stimmen über den Achtstundentag. Ueber sollen Trunksüchtige entmündigt werden können. Auf Nationalreichthum und seine Vertheilung in den Ver- diese Weise wird die Trunksucht aus der Welt geschafft. einigten Staaten. Lohnstatistik der preußischen Berg - Früher meinte man, um ein Uebel zu heben, müſſe man

-

leute für das Kalenderjahr 1890.

Politische Notizen.

"

Die Königsbauten: überall zeigen sich, Lucrinus See weit vor an Umfang, Teiche gedehnt, der verlassene Ahorn

Verdrängt den Ulmbaum, Myrthen und Veilchenbeet Und aller Reichthum, der den Geruch entzückt Verbreiten Wohlduft, wo der Delhain

Früchte dem frühern Besitzer eintrug.

-

seine Ursachen heben. Aber damals war man wohl noch nicht so fortgeschritten und verstand das noch nicht so. Heutzutage ist ja alles vereinfacht. Wenn die Leute Mit Kornzoll und Hungersnoth steht es noch behaupten: wir hungern, so erklärt man: es existirt In Preußen beträgt im Etatsjahr 1891/92 die ebenso, wie bisher. Die Kornpreise steigen, die Noth des tein Nothstand", dann sind die Leute satt; und wenn Staatsschulden- Zinsenmasse nebst Verwaltung 243698 000 Volkes mehrt sich, aber die Regierung steht sich durchaus sie aus Hunger und Verzweiflung anfangen zu ſaufen, Mark, die Schuldentilgungssumme 18 463 320 Mark. nicht veranlaßt, die Zölle aufzuheben. Tag für Tag io stedt man sie ins Loch, dann gehen sie in sich, be- Vergleichen wir diese Zahlen mit den entsprechenden liest man im lokalen Theil der Zeitungen Fälle von wundern die Regierung und saufen nicht mehr! des Vorjahrs, so finden wir folgende Verschlimmerung: verhungernden wienschen, aber es existirt fein Noth­stand", behauptet die Regierung. Die Reptilien rechnen Was wir schon dem Regime Bismarck vorgeworfen Die Schuldentilgung betrug im Vorjahre 19 600 000 dem Volf immer klarer vor, daß eigentlich genug Ge- haben, werfen wir noch mehr der gegenwärtigen Regierung Mark; in diesem Jahre 1 136 000 weniger. Die Zinsen­treide vorhanden ist, oder daß der Zoll das Brot nicht vor: sie versteht noch nicht einmal Bourgeoispolitik Maffe( inkl. Verwaltung) erreichte im Vorjahre die Höhe vertheuert- wobei es ihnen, wie ein Kreisblattartifel zu treiben. Das Kapital ist groß und kann nicht so von 177, in diesem Jahr von 243 Millionen. Nur einige Die preußische Staatsschuld von 4457 Millionen aus dem Preßbüre au des Herrn Ministers Herrfurth mit ein paar Worten behandelt werden. zeigt, nicht darauf ankommt, einer Tonne 100 Doppel- Säße gelegentlich einer Zeitungsnotiz, die in den lette. Mark im vorigen Etatsjahr ist also in diesem Jahre um nahe ein Drittel gestiegen. Zentner zu geben, statt zehn; und zugleich geben sie Beiten typisch geworden ist: Rezepte, wie man aus Klettenwurzeln, Hafer, Mais und ähnlichen Dingen Brot backen förnte. Sonst ist ja Birkenrinde ein bekanntes Surrogat; sie sollten das doch auch empfehlen.

Aber was nüßt es denn überhaupt, da noch ein Wort zu verlieren! Das ist ja tauben Ohren gepredigt. Es herrscht kein Nothstand, und damit ist die Sache eben abgemacht.

Das ist der neue Kurs, die neue Aera, welcher Vollmar so vertrauensvoll entgegenkommt!

-

Die Köln . Ztg." schreibt, die niederrheinische Fabriks- Allerdings sind die preußischen Staatsschulden fast und Hausindustrie in Sammet, Seide und Plüsch eröffne ausschließlich Eisenbahn- Schulden. Denn zur Verstaat­für kommenden Winter die traurigsten Aussichten. Das In­landgeschäft sei bei der durch den großen Wetterschaden aller- lichung des Bahnsystems war es bis 1890 nothwendig, orten und die schlechten Ernte- Aussichten gedrückten Stimmung 4350 Millionen Mark Eisenbahn- Anleihen aufzunehmen. bedeutungslos, die Ausfuhr in Folge der McKinley- Bill in Aber das Verfängliche an den preußischen Staats­stetem starken Rückgange begriffen. Die Fabrikanten suchen schulden liegt darin, daß schon jetzt ihre Zinsen- Masse die Erzeugung durch Kürzung der täglichen Arbeitszeit, durch und Verwaltung mehr kostet, als die Steuern einbringen, Wartezeiten von vierzehn Tagen und durch Entlassung von Arbeitern zu beschränken. Bei starkem Angebot sei die Nach- welche im indirekten Wege etwas über 72 und im direkten frage schwach. Die Preise und deshalb auch die Arbeitslöhne etwas über 171 Millionen Mark, zusammen 243 698 000 würden bedeutend sinken. In zehn Jahren seien die ehedem Mark ausmachen, also anderthalb Millionen weniger als blühenden Industrie- Orte des niederrheinischen Webebezirks die Staatsschulden- Zinsenmasse nebst Verwaltungskosten. Wir glauben, wir haben diese neue Aera von An­arm geworden. fang an richtig taxirt: es ist die Aera der Haltlosigkeit Was bedeutet denn das? Genau so, wie sich unsere Wie alle bürgerlichen Parteien, so ist auch das und Schwäche, die es mit Keinem verderben will und Agrarier durch ihre kurzsichtige Profitwuth selbst die Zentrum, das noch immer einen guten Kern hatte, und gern über den Parteien" stehen möchte, aber eben durch Schlinge um den Hals gelegt haben, hat es auch unsere dem verhältnißmäßig die ehrlichsten und selbstständigsten ihre Schwäche von der einzigen zielbewußten Macht neben Bourgeoisie gethan. Um nun ja die Arbeiter recht nieder- Männer angehörten, allmälig der Korruption anheim der Sozialdemokratie, den Profitschnappern, genau dahin halten zu können, damit sie ihnen nicht etwa durch er- gefallen. Wir zitiren eine Notiz aus dem Bayer. getrieben wird, wo die alte Aera" freiwillig stand. folgreiche Streits ein paar Pfennige Lohn mehr abzwacken Baterland" des wackern Siegl, den wir trotz aller Daß wir nichts, absolut gar nichts von der Re- können, ist sie das unnatürliche Bündniß mit dem Junker- Gegnerschaft als einen ehrenhaften und selbstständigen gierung für uns erwarten, brauchen wir wohl nicht mehr thum eingegangen, hat sie in Gestalt der Kornzölle dem Charakter hochachten: zu sagen. Wir haben das schon oft genug gesagt. Aber Junkerthum einen Landsknechtssold bewilligt. Nun hat das schließt nicht aus, daß die Regierung nicht in ihrem sie die Folgen: die herabgedrückten Arbeiter können nicht eigenen Interesse, im Interesse ihrer Selbsterhaltung ge- tonsumiren, und die Zölle nehmen den Betrag fort, der wiffe Maßregeln treffen kann, die dem Proletariat zu sonst für ihre Produkte ausgegeben wäre. Der aus­gute kommen. Eine erste derartige Maßregel ist die wärtige Markt wird ihnen durch Schutzölle abgeschnitten, Sorge für Abwendung der Hungersnoth und für billige die theilweise durch die deutschen Zölle hervorgerufen Ernährung. Aber ist sie selbst dazu zu schwach, dann sind, und so haben sie nirgends mehr Absatz für ihre ist es fürwahr schlimm genug um sie bestellt, dann wird Waaren. Die Folgen aber hat das Proletariat zu es nicht lange dauern, bis sie gestürzt wird, um der tragen, denn während das Kapital, wie dies ja gelegent­einzig fonfequenten Plaz zu machen, der Schreckens- lich der Mac Kinleybill geschieht, auswandert, müssen sie regierung der reinen Profitschnapper mit oder ohne im Lande bleiben, um einem allmähligen und sichern Ver­Bismarck an der Spize. Wie lange die dauern wird, tommen entgegen zu sehen. ist eine andere Frage, aber kommen wird sie.

-

-

-

In den ersten Monaten nach der Mac Kinleybill Wir geben nichts auf die Zeitungsnachrichten, die von hatte sich noch keine Verminderung des Absages gezeigt, dieser oder jener Thatsache aus den höheren Kreisen be­aus begreiflichen Gründen. Danach jubelten unsere Weisen richten. Die sind erlogen, entweder von den Auftrag schon auf. Aber schon nach einiger Zeit stellte sich die gebern aus jenen Kreisen selbst oder von den sensations- Sache doch ganz anders dar, und jetzt liegt aus Chemnitz lüsternen Journalisten. Wenn also in den Beitungen die Thatsache vor, daß die dortige Produktion infolge berichtet wird, die Reichsregierung gebe deshalb in Sachen des Gesetzes um 50 Prozent zurückgegangen ist. der Getreidezölle nicht nach, weil sie fürchte, dann werde Sehen wir ab von dem furchtbaren Zusammentreffen sich Bismarck an die Spitze der Agrarier stellen und der dieses Gesetzes mit der allgemeinen Geschäftskrise, der Regierung eine gefährliche Opposition bereiten,- so Mißernte und den Kornzöllen sehen wir davon ganz wissen wir, was wir davon zu halten haben. Aber mag ab, so heißt das, daß ein neuer Schritt gethan ist zur die Sache auch erlogen sein, sicher trifft diesmal die Lüge wirthschaftlichen Vernichtung Europas . Europa hat schon mit der Wahrheit zusammen. Die Regierung fürchtet lange eine passive Handelsbilnnz mit Amerika , das heißt: sich vor den Agrariern und Bismarck , wie sie sich vor Europa fauft mehr Waaren von Amerika , als Amerika den Schlotbaronen und Bismarck fürchtet! von Europa . Die Weisen trösten sich damit, daß die Freilich eine traurige Lage, wir begreifen hier Bahlungsbilanz trotzdem aktiv sei, da die europäischen die Scylla des durch den Hunger erregten Volkes, dort Rentenschlucker viele Gelder in Amerika stehen haben, die die Charybdis der wüthenden Agrariereine traurige ihnen verzinst werden. Aber was ist das für ein Trost: Lage, bei der man sich höchstens durch den Gedanken der Rentenschlucker geht nie unter, aber das Proletariat trösten kann, daß man über den Parteien" steht. wird vernichtet, wenn Europa blos importirt und nicht Defto gewaltiger wird aber an anderen Punkten exportirt, das heißt, seine Waaren von amerikanischen " reformirt". Wir haben schon das neue Trunksuchts- Arbeitern schaffen läßt. Was aus diesem Zustand ent­

-

-

-

" Beim Kirchammer zu Neuhausen in der Holledau fanden sich also jüngst unsere großen Zentrumshelden ein, aßen und tranten und redeten sich in große Begeisterung hinein. Wer ist dieser Kirchammer? Was seine sonstigen Qualitäten anbelangt, so hat sie ein niederbayerischer Wortführer der Zentrumspartei zur Zeit, als Kirchammer als Landtagskandidat auftauchte, mit den Worten ge­zeichnet: Wir können doch unmöglich den größten Güter­schlächter und Bauernwucherer wählen!" Aber bei Gott und bei Daller und Orterer( Führer des bayrischen Zen­trums; ersterer ist derselbe Zentrumshäuptling, der die bayerischen Bischöfe s. 8. Salber" genannt hat) ist nichts " Patriot" unmöglich. Kirchammer wurde gewählt und Aichinger vom" Straubinger Tagblatt " verhimmelte hinterher den größten Güterschlächter" als waderen Ben.rumsmann! Im Zentrumsorgan steht immer oben­an: Erhaltung des Bauernstandes. So sagen sie immer im Tuntenhausener Bauernvereine. Aber das ist blos der Aushängeschild. In der Praxis werden die größten Güterzertrümmerer und die größten Bauernschinder nicht blos als Abgeordnete gewählt, sondern die Herren Führer würdigen die Ausschlächter der Bauernhöfe ihrer bes sonderen Freundschaft. Das ist die eine Lehre aus der Bentrumstneiperet beim Kirchammer zu Neuhausen in der Holledau . Schon die Thatsache, daß die Führer der Zen­trumspartet bei einem in ganz Niederbayern wohlbekannten Güterschacherer ein Rendezvous fich gaben, zeigt den gänzlichen Niedergang der Patriotenherrlichkeit. Auf solch tiefem Niveau hätte sich weder ein Freytag noch ein Jörg, selbst nicht einmal Kopp finden laffen. Die Partet mußte bei Daller und Orterer anlangen, um die Gesellschaft der Güterzertrümmerer möglich erscheinen zu lassen. Freilich die Orterer und Daller. welche mit Graf und Genossen im Redaktionskomitee des Fremdenblatt fißen, können sich auch gegen die Gesellschaft der Bauernhofzertrümmerer nicht mehr sträuben. Sie sind alle einander würdig, für die Gesellschaft der Güterzertrümmerer längst ebenbürtig geworden."

Durch ein Dekret des Handelsministers hat die Association der Industriellen Frankreichs gegen Ar­beitsunfälle" von sich reden gemacht. Das ist eine