Beiblatt zur

Nr. 43.

Immer mehr!

Allüberall Geschrei nach Brot, Vom Atlas bis Archangel!

In ganz Europa Hungersnoth,

Im halben bittrer Mangel!

Die Scheuern leer, die Steuern schwer, Die Ernten schlecht gerathen

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Doch immer mehr, und immer mehr, Und immer mehr Soldaten!

Geld her für Pulver und für Blei! Für Reiter und für Rosse! Chassepots, Bündnadeln, allerlei Weittragende Geschosse!

Dem Kaiser Geld, dem Papste Geld! Nur immer frisch von hinten Geladen, denn der Lauf der Welt Hängt ab vom Lauf der Flinten! Herwegh

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Was sollen wir also thun!

Bank Graf Leo Tolstoi . Deutsch von August Scholz .

XV.

Berliner Volks- Tribüne.

Sonnabend, den 24. Oftober 1891.

V. Jahrgang.

das ist der Beweggrund meines Thuns, vielmehr ist dieser dieses Bäuerlein aus Wladimir, das in Moskau eine Beweggrund der, daß ich ein guter Mensch sein, d. h. in Frau und zwei Kinder hatte, blieb gleichfalls stehen, jedem anderen Menschen mich sehen will fehrte den Schooß seines Kaftans um und zog seinen

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So und nicht anders faßte ein jeder Mensch das Geldbeutel heraus. Er suchte in demselben, nahm ein Wesen der Güte auf. Mag er daher auch zwanzigmal Dreikopekenstück, gab es dem Alten und bat ihn, zwei das vertrunken haben, was ihr ihm gegeben, mag er immer Kopeken herauszugeben. Dieser aber zeigte ihm auf offener wieder hungrig und erfroren zu euch kommen wenn ihr Hand zwei Dreikopekenstücke und eine einzelne Kopeke euch für gute Menschen haltet, müßt ihr ihm immer under konnte ihm die zwei Kopeken nicht geben. Semjon immer geben, dürft ihr niemals aufhören ihm zu geben, sah hin und wollte die Kopeke nehmen, besann sich jedoch sofern ihr mehr besitzt als er. Zieht ihr eure Hand von eines anderen, nahm seine Müze ab, befreuzte sich und ihm zurück, so beweist ihr dann nur, daß ihr alles, was ging weiter, indem er dem Alten die drei Kopeken ließ. ihr gethan habt, nicht deshalb gethan habt, weil ihr gute Menschen seid, sondern weil ihr euch vor den Leuten, namentlich vor ihm, dem Armen, als gute Menschen hin­stellen wollt.

Ich kannte Semjons Verhältnisse ganz genau. Er besaß nicht das Geringste außer den 6 Rubel 50 Kopeken, die er bis zu jenem Tage erspart hatte. Diese 6 Rubel 50 Ropefen waren sein ganzer Reichthum. Mein Ver­Es ist mir mehrfach begegnet, daß ich meine Hand mögen belief sich auf annähernd 600 000 Rubel. Ich von solchen Menschen zurückgezogen habe, daß ich auf hatte eine Frau und Kinder, und auch Semjon hatte eine hörte, ihnen zu geben, mich damit vom Guten lossagte Frau und Kinder. Er war jünger als ich und hatte und nachträglich jenes quälende Schamgefühl empfand. weniger Kinder; aber seine Kinder waren klein, während Worauf gründete sich dieses Schamgefühl? Ich habe von meinen Kindern bereits zwei in arbeitsfähigem Alter dasselbe sowohl im Ljapinschen Hause, als auch gelegentlich standen, so daß, abgesehen von unserem Vermögen, wir meiner Besuche bei den städtischen Armen, als auch theils uns etwa in gleicher Lage befanden, ja sogar meine Lage vorher, theils nachher auf dem Dorfe empfunden, wenn ich eher etwas günstiger war. Er hatte drei Kopeken ge­Ich begann die Sache noch von einer dritten, die Armen mit Geld oder andern Dingen unterstützte. geben, ich zwanzig; was hatte nun er, und was hatte nämlich der rein persönlichen Seite zu betrachten. In Ein Vorfall, der mir vor furzer Zeit begegnet ist, ich gegeben? Was hätte ich geben müssen, um dasselbe der Zahl der Erscheinungen, die mir während der Zeit hat mich über das Wesen jenes Gefühles aufgeklärt. zu thun, was Semjon gethan hatte? Er besaß 600 Ko­meiner wohlthäterischen Wirksamkeit ganz besonders auf- Es war auf dem Dorfe. Ich brauchte zwanzig peken, von diesen hatte er zuerst eine und dann noch gefallen waren, befand sich auch eine sehr seltsame, für pefen, um sie einem frommen Pilger zu geben, und schickte, zwei gegeben. Ich besaß 600 000 Rubel; um nun im die ich lange keine Erklärung finden fonnte. Folgendes da ich kein Kleingeld hatte, meinen Sohn weg, damit er Verhältniß dasselbe zu geben wie Semjon, hätte ich ist der Sachverhalt: Jedesmal, wenn ich auf der Straße von irgend jemandem zwanzig Kopeken entleihe. Er brachte 3000 Rubel geben und 2000 zurückerbitten müssen, und oder bei mir zu Hause einem Armen, ohne ein Gespräch dem Pilger ein Zwanzigfopetenstück und sagte mir, daß wenn der Alte diese nicht geben konnte, so hätte ich auch mit ihm zu beginnnen, irgend eine Kleinigkeit gab. dann er es von dem Koch geliehen babe. Einige Tage darauf die 2000 ihm laffen, ein Kreuz schlagen und weitergehen sah ich, oder glaubte ich wenigstens zu sehen, daß das famen wieder ein paar Pilger, und ich brauchte wiederum müssen, indem ich ruhig wieder unser Gespräch über das Gesicht desselben Befriedigung und Dankbarkeit ausdrückte, Kleingeld, während ich nur einen Rubel hatte. Ich Leben der Fabrikarbeiter und die Preise der Wurstwaaren und ich selbst hatte bei dieser Art von Wohlthätigkeit erinnerte mich, daß ich dem Koch noch die zwanzig Kopefen auf dem Smolensker Markte aufgenommen hätte. ein angenehmes Gefühl. Ich sah, daß ich das gethan schuldete, und ging, in der Hoffnung, daß er noch mehr Ich dachte schon damals über die Sache nach; aber hatte, was jener Mensch gewünscht und von mir erwartet Kleingeld haben würde, in die Küche. erst lange nachher war ich im Stande, aus diesem Vor­hatte. Wenn ich jedoch bei dem Armen stehen blieb und" Ich habe von Euch zwanzig Kopeken geborgt, das fall den Schluß zu ziehen, der unerbittlich aus demselben ihn mit Theilnahme über sein früheres und gegenwärtiges ist ein Rubel," sagte ich zu dem Koch. folgt. Dieser Schluß ist scheinbar so ungewöhnlich und Leben ausfragte, dann fühlte ich, daß ich nicht mehr Noch hatte ich nicht ausgesprochen, als er seltsam, daß man troß seiner mathematischen Richtigkeit drei oder zwanzig Kopeken geben durfte, und ich begann schon seine Frau aus dem Nebenzimmer herbeirief. Zeit braucht, um sich an ihn zu gewöhnen. Man ist in meinem Geldbeutel zu suchen, im Zweifel, wieviel ich" Parascha," sagte er, nimm ihn." stets geneigt, einen Fehler in demselben zu wittern, doch geben sollte, und obgleich ich in solchen Fällen immer Ich glaubte, sie habe verstanden, daß ich für ist kein Fehler darin enthalten, und nur die Finsterniß mehr gab, als sonst, so sah ich doch jedesmal, daß der Rest Kleingeld haben wolle, und gab ihr den Rubel. Ich des Irrthums, in dem wir befangen sind, läßt uns die Arme unzufrieden von mir wegging. Trat ich in einen füge hinzu, daß der Koch erst seit acht Tagen bei uns Richtigkeit jenes Schluffes nicht einsehen. noch näheren Verkehr mit den Armen, so wuchs mein war, und daß ich seine Frau zwar schon gesehen, jedoch Dieser Schluß erklärte mir, als ich zu ihm gelangt Zweifel darüber, wieviel ich geben sollte, noch mehr, und noch niemals mit ihr gesprochen hatte. Eben wollte ich war und ihn als unangreifbar erkannt hatte, jenes Ge­wieviel ich auch immer geben mochte der Arme ging ausdrücklich hinzufügen, daß sie mir für den Rest Klein fühl der Scham, das ich der Frau des Koches sowie noch finsterer und unzufriedener davon. Ich konnte es geld herausgeben sollte, als sie sich rasch zu meiner all den Armen gegenüber empfand, denen ich Beld gab geradezu als allgemeine Regel aufstellen, daß, wenn ich Hand niederbeugte, um dieselbe zu küssen, indem sie oder noch gebe.

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auch

den

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bei einer Annäherung an einen Armen drei Rubel oder offenbar annahm, daß ich ihr den Rest des Rubels In der That, was ist jenes Geld, das ich den mehr gegeben hatte, ich fast jedesmal eine finstere und schenken wollte. Ich brummte etwas vor mich hin und Armen gebe oder das ich, wie die Frau des Noches an­unzufriedene Miene, ja sogar einen Ausdruck des Hasses verließ die Küche. Ich empfand ein so qualvolles Scham- nahm, dieser geben wollte? Es ist zumeist ein so geringer auf dem Gesichte des Armen beobachten konnte, und daß, gefühl, wie ich es schon lange nicht kennen gelernt hatte. Bruchtheil meines Vermögens, daß es in seinem Bruch­wenn ich einmal sogar zehn Rubel gab, er ohne ein Wort Ich frümmte mich förmlich, schnitt Grimassen und stöhnte werth weder dem guten Semjon, noch der Frau des des Dankes, als ob ich ihm eine Beleidigung zugefügt vor Scham, als ich die Küche verließ. Dieses unerwartete Koches verständlich zu machen ist ein Millionstel ge= hätte, davonging. Ich selbst aber empfand in solchem und, wie ich glaubte, unverdiente Schamgefühl machte wöhnlich oder etwas in dieser Höhe. Ich gebe so wenig, Falle stets ein peinliches Gefühl, etwas wie Scham, und mich namentlich deshalb so betroffen, weil ich etwas daß ich die Gabe niemals als Einbuße empfinden kann; ich hatte stets eine Art Schuldbewußtsein. Wenn ich mich Aehnliches schon lange nicht empfunden hatte, und weil es ist für mich vielmehr nur eine Belustigung, der ich gar ganze Wochen, Monate und Jahre lang mit einem ich als alter Mann doch ein solches Leben zu führen mich widme, wie und wann es mir gerade paßt. Und Armen abgab, ihm half, wo ich konnte, ihm Rathschläge meinte, daß mir eine solche Beschämung erspart bleiben genau so hatte mich auch die Frau des Koches verstanden. ertheilte und ihm überhaupt menschlich nahetrat, dann fonnte. Ich war in der That wie vor den Kopf gestoßen; Wenn ich Jemandem, der von der Straße zu mir herein­wurden meine Beziehungen zu ihm für mich geradezu ich erzählte den Vorfall meinen Hausgenossen und fam, einen Rubel oder zwanzig Kopeken gab, weshalb eine Qual, ich sah, daß der Arme mich einfach verachtete. Bekannten, und sie gaben mir alle zu, daß auch sie etwas sollte ich da nicht auch ihr einen Rubel geben? Der Ich fühlte jedoch, daß er ein Recht dazu hatte. Aehnliches empfunden haben würden. Und ich begann Frau des Koches erscheint die Vertheilung von Geld in

Wenn ich auf der Straße einhergehe und ein Armer, darüber nachzudenken, worin eigentlich jenes Schamgefühl ganz demselben Lichte, wie das Werfen mit Pfefferkuchen, desselben Weges kommend, mich wie jeden andern Vorüber begründet sein konnte. Die Antwort auf die Frage gab mit dem manche Herren sich selbst und das Volk be­gehenden oder Vorüberfahrenden um drei Kopeken bittet, mir ein Vorfall, der mir eines Tages in Minskau lustigen. Es ist das eben ein Zeitvertreib für Herren, und wenn ich ihm diese drei Kopeken gebe, so bin ich begegnet war. die viel überflüssiges Geld haben. Und mein Scham­einfach ein Vorübergehender, der ihm einen Faden zu dem Ich vertiefte mich in jenen Vorfall, und indem ich gefühl hat darin seinen Grund, daß die Frau des Koches Hemde reicht, aus dem die Armuth ihr Hemd webt; er das Charakteristische desselben begriff, gelangte ich auch mich irrthümlicherweise für einen solchen Narren hielt, will nicht mehr als diesen einen Faden, und wenn ich zum Verständniß jenes Schamgefühls, das ich der Frau der sein überflüssiges, nicht selbst erarbeitetes Geld zum ihm denselben reiche, so segnet er mich von Herzen. des Kochs gegenüber empfunden hatte, das ich auch in Fenster hinauswirft. Sie zeigte mir damit zugleich, Wenn ich jedoch bei ihm stehen blieb und mit ihm als Moskau zur Zeit meiner wohlthäterischen Wirksamkeit welches Urtheil sie, wie alle armen Leute, über solche Menschen ein Gespräch begann, so habe ich ihm damit erfahren hatte, und das ich auch jetzt noch jedesmal Narren hatte.

gezeigt, daß ich für ihn mehr sein will, als ein Vorüber- empfinde, wenn ich den Armen irgend etwas gebe, abgesehen Und in der That, welcher Art ist denn eigentlich gehender. Wenn er gar, wie das öfter geschehen ist, von jenem kleinen Almosen, welches ich den Bettlern und mein Geld, und wie bin ich zu demselben gekommen? vor mir geweint und mir seinen Kummer erzählt hat, Pilgern zu geben gewohnt bin welches ich indessen Einen Theil desselben habe ich für den Grund und Boden so sieht er in mir nicht mehr einen Vorübergehenden, nicht als Sache der Wohlthätigkeit, sondern als einfache erhalten, den ich von meinem Vater geerbt habe. Der sondern das, wovon ich wünsche, daß er es in mir sehe, Höflichkeitssache betrachte. Wenn ein Mensch mich um Bauer hat sein letztes Schaf, seine letzte Kuh verkauft, nämlich einen guten Menschen. Feuer bittet, dann bin ich verpflichtet, ihm ein Zündholz um dieses Geld an mich zu bezahlen. Ein anderer Theil

Bin ich wirklich ein so guter Mensch, dann darf anzustecken, sofern ich eins habe. Wenn ein Mensch mich meines Vermögens besteht aus den Summen, die ich für meine Güte weder bei einem Zwanzigkopekenstück, noch um drei oder zwanzig Kopeken oder selbst um ein paar meine Dichtungen, für meine Bücher bekommen habe. bei zehn Rubeln, noch bei zehn Tausenden stehen bleiben. Rubel bittet, so muß ich ihm sie geben, wenn ich sie Wenn meine Bücher schädlich sind, so verführe ich durch Man kann nicht nur so ein klein wenig ein guter Mensch habe. Das ist die Sache der Höflichkeit, nicht der dieselben Diejenigen, welche sie kaufen, zum Bösen, und sein. Angenommen, ich habe für ihn sehr viel gethan, ich wohlthätigkeit. das Geld, welches ich für diese Bücher erhalte, ist auf

habe ihn wieder zum Menschen gemacht, ihn eingekleidet Den Vorfall, von dem ich rede, trug sich folgender- schlechte Art erworben. Sind dagegen meine Bücher den und auf seine eigenen Füße gestellt, so daß er ohne fremde maßen zu. Ich sprach bereits von jenen beiden Arbeitern, Leuten nüßlich, so erscheint die Sache noch schlimmer: Hilfe hätte leben fönnen infolge eines Unglücks jedoch, mit denen ich vor drei Jahren auf den Sperlingsbergen ch gebe ste denen, welche sie gebrauchen können, nicht oder infolge seiner Schwäche, ja selbst seiner Lasterhaftigkeit Holz sägte. Eines Abends, an einem Sonnabend, ging ohne Weiteres, sondern ich sage:" Gebt mir siebzehn ist ihm jener Paletot, jene Wäsche und jenes Geld, das ich mit ihnen zusammen nach der Stadt. Sie waren Rubel, dann will ich sie Euch geben." Und wie dort ich ihm gegeben habe, abhanden gekommen, und er fommt auf dem Wege zu ihrem Brotherrn, um ihren Lohn in der Bauer sein letztes Schaf verkauft, so versagt sich hier hungrig und erfroren zu mir- wie fäme ich wohl dazu, Empfang zu nehmen. Als wir auf die Dragomilowski'sche der arme Student und Lehrer und noch mancher andere ihn diesmal abzuweisen? Wenn der Beweggrund meiner Brücke kamen, begegneten wir einem alten Mann, der Arme das Nothwendigste, um mir das Geld zu geben. Thätigkeit nur der war, ein bestimmtes, materielles Ziel um ein Almosen bat. Ich gab ihm zwanzig Ropeken Und so habe ich eine Menge solchen Geldes zu= zu erreichen, ihm so und so viel Rubel oder den und den und dachte bei mir, daß meine Freigebigkeit auf Semjon sammengehäuft, und was thue ich nun damit? Ich bringe Baletot zu geben, dann kann ich mich dabei beruhigen, mit dem ich mich gerade über Dinge der Frömmigkeit dieses Geld nach der Stadt und gebe es hier den Armen ihm einfach diese Dinge gegeben zu haben; aber nicht unterhielt, einen guten Eindruck machen müsse. Semjon, unter der Bedingung, daß sie alle meine Launen erfüllen,