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Nr. 165

Mittwoch, 15. Oktober 1884.

1. Jahrg.

Berliner Volksblatt.

Organ für die Intereffen der Arbeiter.

Das Berliner Softsblatt

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Redaktion und Expedition Berfin SW., Zimmerstraße 44.

Die Stellung des Bentrums

bei den bevorstehenden Wahlen ist doch eine völlig ver­anderte geworden im Vergleich zu der bei den letzten Reichstagswahlen.

Das Zentrum unterstützte damals bei den Stichwahlen mit großer Vorliebe die tonservative Partei, während es bei den kommenden Wahlen die Parole aus­giebt, für die Deutsch freisinnigen bei Stich wahlen zu stimmen; ja, es fommt sogar vor, daß die Bentrumsverstände in einigen Kreisen ihren Wählern an­rathen, gleich im ersten Wahlgange für den Deutsch - Frei­finnigen zu stimmen, auch in solchen Kreisen, wo bei den borigen Wahlen auf den Zentrumslandidaten 6 bis 8000 Stimmen gefallen find.

Dadurch will das Zentrum vermeiden, selbst mit einem Rationalliberalen oder Konservativen in die Stichwahl zu lommen, weil es wohl weiß, daß die Deutsch- Freifinnig n bann doch für die Letteren stimmen würden und so ber verhaßtefte aller Gegner in den Reichstag gelangte. Man fieht, das Zentrum versteht sich auf das Kalkuliren, wo es auch sein mag, innerhalb und auch außerhalb des Reichstags.

Das Zentrumsprogramm haben wir schon einer Be­fprechung unterzogen und gefunden, daß dasselbe oppofitio­neller war, als vor drei Jahren. Diese Oppositionsstellung bestätigte auch der jüngste rheinische Katholitentag in Köln , woselbst im großen, historisch- berühmten Gürzenichfaal nur Latholische Oppositionsredner sprachen, am radi­falsten der bekannte fleritale Abgeordnete Dr. Lieber, der indirekt die Reichenspergerei und die Hertlingiaden ver­

urtheilte.

Die beiden, früher wirklich liberalen, jeßt alt gewor­benen Herren Reichensperger waren bekanntlich die Führer berjenigen Kleritalen, welche für das Sozialistengefet ge Rimmt haben, gleichfalls Freiherr von Hertting, der aber zugleich auch die sogenannte Sozialreform mit bei den Ultramontanen felten gekanntem Uebereifer im Sinne der Regierung aufgefaßt und fultivirt hat.

Reichstag fordern naturgemäß dazu auf, einen Rückblick auf die politische Geschichte der jüngsten Vergangenheit zu werfen. Je nach dem Parteistande wird derselbe in der Auffassung des gesammten Herganges wie in der Würdi­gung einzelner Begebenheiten verschieden ausfallen; eine Thatsache aber müßte, so scheint mir, von Allen überein­stimmend anerkannt werden, die Thatsache, welche zukünftigen Historifern vielleicht als eine der merkwürdigsten in der Geschichte der politischen Theorien in Deutschland erscheinen wird: der jähe Wandel der Meinungen über das Verhältniß des Staates zum wirthschaftlichen und sozialen Leben. Wie lange ist es her, daß die Lehren des ökonomischen Libera­lismus auf den Kathedern unserer Hochschulen, auf den Parlamentstribünen wie in der Presse nahezu unwider­sprochen herrschten; daß die Existenz einer sozia­len Frage in politischen Kreisen ganz ernst haft in brede gestellt werden konnte; daß haft in brede gestellt werden konnte; daß man gegenüber schüchternen Versuchen, hier und da die staatliche Gefeßgebung zur Abhilfe sozialer Schäden in Be­wegung zu fehen, sofort mit dem Vorwurfe fozialistischer Tendenzen bei der Hand war? Heute findet das extreme Manchesterthum selbst in den Reihen der alten Fortschrittspartei keinen unbedingten Vertheidiger mehr, die Parteien wetteifern förmlich mit Vorschlägen zur Verbesserung der Lage der arbeitenden Klassen, das Wort von der sozialen Reform' ist auf dem besten Wege, ein abgebrauchtes Schlagwort zu werden. Wer nun schon früher an die glückliche Harmonie nicht zu glauben vermochte, zu welcher das un­gehemmte Spiel wirthschaftlicher Kräfte hinführen sollte, und vielmehr der Ueberzeugung war, daß an bestimmten Bunften ein Eingreifen der staatlichen Autorität berechtigt und geboten sei, der könnte sich vielleicht über

| Politit plöglich verändert was bleibt denen, die nun einmal mit ihm die Reise machen wollen, übrig, als zu versichern, daß gerade fie sich auf dem gleichen Wege befänden und der Fahrt vorzüglich fundig seien? Eine der größten politischen Parteien hätte allerdings nicht nöthig, den Fragen der wirthschaftlichen und sozialen Politik gegen­über eine veränderte Stellung einzunehmen oder auch nur eifrig zu ergreifen, was fie bis dahin gleichgültig hatte lies gen gelassen. Bei Gelegenheit der Debatten über den Zoll­tarif am 3. Mai 1879 sprach der Abg. Bamberger das geflügelte Wort aus, nicht die Centrumsfraktion sei zum Hrn. Reichstanzler übergegangen, sondern der Hr. Reichskanzler zur Centrumsfraktion. Die Tragweite des Anspruchs geht über die spezielle Frage des Schutzzolles hinaus. Auf dem Boden ihres Programms stehend, fonnte die Centrnms­partei das reformatorische Vorgehen der verbündeten Regierungen freudig begrüßen. An den Erfolgen, die bisher erzielt wurden, ist sie in erster Linie mit betheiligt. Daß ihr dafür in den offiziös sen Kundgebungen tein Dank geworden ist, wird Nieman­den verwundert haben. Aber der Umschwung der Meinun gen hat nicht so sehr zu dem sozialpolitischen Programm des Zentrums hin, sondern vielfach bereits weit über dasselbe hinausgeführt. Aus der Periode des Gehenlassens sind wir in eine Periode der Verstaat­lichung hineingerathen. So völlig ist die Situation ver­schoben, daß diefelbe Partei, welche zuerst ein Eingreifen der staatlichen Gefeßgebung in sozialpolitischer Absicht verlangte, nunmehr wiederholt bedacht sein mußte, die berechtigte Freiheit gegen drohende Uebergriffe der Staatsgewalt zuschüßen. Und die Aufgabe, die ihr damit zufällt, ist weit schwieriger als die frühere. Denn schon wächst eine neue Generation

solchen Umschwung der Ansichten freuen. Aber die Art und Weise und das Tempo der Bekehrung mahnen zur Vorsicht. Auch muß es mißtrauisch machen, wenn man hört, wie die gleichen Stimmen, die noch vor wenigen Jahren jede an der freihändlerischen Theorie geübte Kritik nicht laut genug niederschreien konnten, nunmehr recht erbaulich von den großen sozialpolitischen

es sich von selbst, und hätten sie es schon immer gesagt.

Und hier zeigt sich der Umschwung des Centrums am deutlichsten. Kein Geringerer als Freiherr von Hertling Aufgaben der Gesetzgebung reden, so ganz, als verstände felbst, dem jedenfalls gleich dem Abg. Majunke, nur in an berer Richtung hin, eine Warnung zu Theil geworden ist, läßt sich nämlich in einer fürzlich erschienenen Broschüre: " Auffäße und Reben sozial- politischen Inhalts" über seine gegenwärtige Stellung vernehmen.

Der Absaß, den wir citiren, ist aber auch in sozial­dtonomischer Beziehung interessant genug, um denselben un fern Lesern vorzuführen. Derselbe lautet:

Die bevorstehenden Neuwahlen zum

#brud verboten.]

4

Feuilleton. Isaura.

Eine Erzählung aus dem südlichen Frankreich . ( Fortsetzung)

Beber ich, noch irgend Einer meiner Freunde denkt an eine hr fennt mich beffer, gnädiger Herr," sagte dieser ruhig. Berbindung mit Frankreich . Auch haben die Stände in Eurer Abwesenheit fich auf keinerlei Antwort eingelaffen."

Den

ich

Rönig gelüftet es nach meinem schönen Lande babe manches Gut veräußern müssen in meiner Geld verlegenheit, aber es werden schon wieder beffere Seiten lommen, daß ich Alles wieder einlösen kann, und mein ganzes Land in ungefchmälertem Zustande dem Erben

hinterlaffe! Raymond?"

-Habt Ihr meinen Guigo fürzlich gesehen, Die Vaterfreude besänftigte die Aufregung des

Es

Fürsten und lenkte das Gespräch in eine rubigere Bahn. handelte sich um die Botschaft, welche der Graf von Dettingen

bringen werde.

In der That, nicht ein großes Ereigniß, welches das Bolts­leben in seinen tiefsten Tiefen erschütterte, hat, wie Nehn= liches sonst wohl geschehen, jenen Wandel hervorgerufen. Nicht die siegreiche Kraft der Wahrheit hat langsam vorbringend den entgegenstehen­ben Frrthum besiegt und vernichtet. Aber die übermächtige Hand desersten deutschen Staatsmannes hat den Kours der inneren

-

geschickt in jeder Bewegung war der Kleine und plauderte fo flug! Wer tann es dem Fürsten verdenken, daß sein Auge jedesmal vor Liebe überging, wenn es auf dem Kinde rubte, seinem einzigen! Dann stellte sich auch das Bild mie feiner früh heimgegangenen Gattin vor die Seele glücklich hätte er an ihrer Seite noch lange Jahre leben können, fie war noch nicht fünf und zwanzig Jahre alt gestorben, und er hatte vor wenig Tagen seinen acht und dreißigsten Geburts tag gefeiert!

Weißt Du, Raymond," sagte er, als er selbander mit Mont Aynard das Zimmer verließ, weißt Du, daß fie mir

Schon von einer zweiten Heirath gesprochen haben? Was meinst

Du dazu?"

,, Das Land kann es nur wünschen," erwiderte Mont Aynard ausweichend.

"

Wie so, das Land?" rief Humbert und blieb stehen. Kann es dem Lande lieb sein, wenn sein Fürstenhaus zahl reich wächst, da es am Ende doch für den Hofhalt aller Prinzen forgen muß?"

,, Verzeiht, das Land nicht! Die Güter der Krone find es," erwiderte der Baron . Dem Lande aber, das sein Fürstenhaus liebt, kann deffen Erstarten nur erwünscht sein."

Denkt Jhr an den Tod meines Guigo?" rief der Dauphin

Nachdem der Dauphin die Hoffnung, die sich, näher und lodender als je, vor ihm aufthat, schon als Wirklichkeit genoffen fast schrechaft. hatte, war er gegen seinen Jugendfreund herzlich, wie sonst, bewirthete ihn auf das Beste, wollte auch Befehl ertheilen, Deffen Leute in die Stadt zu laffen, was Mont Aynard jedoch ablehnte, um seinen Feinden keinen Grund zu neuem feben", äußerte der Dauphin beim Abschiede. Ich muß Du wirst mich in Kurzem bei Dir in den Bergen gegeben hat." doch dem alten Royan sein widerspenstig Betragen entgelten

Grolle zu geben.

Laffen

was ich befohlen habe, das gilt!

Die

--

-

-

Da sei Gott für!" entgegnete Mont Aynard schnell. ,, Der Prinz ist die Kraft und das Leben selbst und wird zu Eurer und des Landes Freude heranwachsen. Aber selbst wenn er einst die Krone trägt, tann ihn Gott abrufen- vielleicht im ritterlichen Kampfe- ehe er dem Hause weitere Sproffsen ,, Er muß heirathen so bald als möglich!" sagte der Fürst. Laß sehen, Raymond in zwölf Jahren faum! Kaiser Friedrich der Zweite war freilich erst sechszehn hinterließ schon ein Söhnlein in Sizilien aber wenigstens in vierzehn Jahren fann auch mein Guigo heirathen. Laß feben, mit welchem Hause suche ich für ihn eine Verbindung wieder nach Avignon fomme. Weißt Du, wen man für mich in Vorschlag gebracht hat? Die Tochter des Herzogs von Bourbon. Rennst Du sie?"

Eisenhütten sollen still stehen, ich werde fie schon entschädigen, Jabre, als er über die Alpen nach Deutschland ging, und

Denn

so viel ich fann."

traurig.

Dieser Nachsatz tlang aber eben sehr

-

Fürst noch zu seinem Knaben, auf dem sein ganzer Stols, Ich werde mit dem heiligen Vater darüber sprechen, sobald ich

Die Hoffnung der Zukunft ruhte. Der kleine Guigo war noch ein Rind von taum drei Jahren, aber an Körper und Geist schon mehr entwickelt, als dies zarte Alter erwarten ließ und bildschön! Die braunen Lödchen fräufelten fich über eine Stirne, so rein und hoch, daß sie einst der Sit großer Gedanken zu werden versprach, die Augen des Knaben batten schon jetzt ein Feuer, wie die seines Vaters, und

Mont Aynard zuckte die Achseln. ,, Und wenn fie ein Engel ist," sagte der Dauphin. Meiner Marie gleicht fie doch nicht. Ich habe nur eine Einzige ges tannt, Du weißt wohl noch, Raymond?"

heran, welche den Liberalismus nur aus den Verheerungen fennt, die er auf allen Gebieten des Landes angerichtet hat, und in überwallendem Borne allzuschnell bereit scheint, der ans Ungeheure gesteigerten staatlichenkom­petenz auch die nothwendigen Freiheiten auszuliefern, für welche die Väter mit ihrem vollen Sein eingetreten sind. Wie die Centrumsfraktion zuvor gegen den schrankenlosen Individualismus Front gemacht hat, muß fie sich nunmehr staatssozialisti. schen Bestrebungen entgegenstellen, und dieß um so allseitiger und nachhaltiger, als das neue falsche Extrem mit der propagandistischen Kraft einer aufsteigen­den Bewegung unter uns auftritt."

So Freiherr von Hertling, der konservativsten Einer in der Centrumsfraktion!

-

Das ist eine ganz andere Sprache, wie früher, nur

,, Gnädiger Herr, davon erlaßt Ihr mir wohl zu sprechen," erwiderte der Baron ernst. Der Dauphin drückte ihm die Hand und Beide schieden als Freunde.

Als Mont Aynard durch die Straße Chalemont nach dem Thore zurüdritt, wo seine Leute auf ihn warteten, tam ihm vom Ufer der Jsére, wohin fich die Rebengärten zogen, ein stattlicher Herr entgegen, der in seiner Leibesstärke fast den Weg beengte. Beide grüßten fich schweigend: Mont Aynard mit ruhiger Würde, der Andere mit einem stolzen und feindseligen Blide. Es war der Schaßmeister des Dauphins, Herr von Fueigny.

4.

In dem Eisenhammer von Disan war eine Thätigkeit wie man fie lange nicht gesehen hatte. Der Widerschein des Hochofens an den Bergen ließ sich bei Nacht weithin er fennen, der Waldstrom, der die Städer trieb, war eine Beitlang vom Froste gehemmt gewesen, nun aber frei, als seien die Naturfräfte mit dem alten Royan im Bunde, um ihn bei der thatsächlichen Bekundung seiner Eigenthumsrechte zu unter­stüßen. Er selbst war so rustig, wie ihn die Knecht lange nicht gesehen hatten: das Feuer des Frischheerdes, die Gluth der Eisenstangen schienen ihn gar nicht anzufechten; oft hand habte er selbst den Schrothammer und seine Muskeln zuckten laum unter den Schlägen des Getriebes, die auf sein Werkzeug niederkrachten, das Stabeisen zu theilen.

Nicht blos den Hammerleuten fiel es auf, daß Meister Royan , bei dem in den legten Jahren das Alter merklich angetlopft hatte, wieder ganz frisch geworden war, sondern auch seine Frau und der Sohn, der einst den Hammer von ihm erben sollte, saben es mit wahrer Freude. Wutter," sagte der Sohn, als er eines Feierabends mit ihr und seinem eigenen Weibe denn er war schon verheirathet und hatte Rinder allein saß, Mutter, was bentt Jhr? Der Vater wird ordentlich wieder jung. Wir Alle müffen uns manchmal vor ihm schämen. Mir tommt es vor, als wäre mit der Fremden ein ganz neues Leben in ihn gefahren."

-

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Still," sagte die Mutter, nach der Thüre winkend, wo fich ein Geräusch hören ließ.

Es war aber nicht die Fremde, welche eintrat, sondern ein sehr unwillkommener Gaft wenigstens denen, die ihn fannten. In seinem Aeußern freilich rechtfertigte er den Beinamen, welchen ihm leichtfertige Dirnlein von Grenoble gegeben hatten er war in der That schön", aber die glatte