Kr. 1. Freitag, den 1. Januar 1886. III. Jahrg. 8erliiitrDolbslilnll Krgan für dir Intrrrsscn der Arbeiter. 4 Da»Berliaer Bolksdlatt« «schewt SaliS Morgea» außer nach Sonn« und Festtage». WomremeutSprei» Verlt» freiV« Hau» vierteljährlich 4 Mark, monatlich 1,35 Mark, wöchentlich 35 1 RsMonnement 4 Ml. Smzelne Nr 5 Pf. Sonntags-Nummer mit illustr. Beilage 10! (Eingetragen in der Po�eitungspreiSlifle für 1885 unter Nr. 746.) Jusertiousgebühr deträgt für die 3 gespaltene Petitzeile oder deren Raum 40 Pf. Arbeitsmarkt 10 Bei größeren Aufträgen hoher Rabatt nach Uebereinkunft. Inserate werden bis 4i Nachmittag» in der Expedition, Berlin SW., Zimmerstraße 44, sowie von alle» Aunonce&i Bureaux, ohne Erhöhung des Preise», angenommen. TlMhi Redaktion: Keuthstraße Ä. Expedition: Zimmerstraße 44. WVWW Zwliigmziehililg DttranljtlnllEt Killder. Wenn uns irgend eine staatliche oder überhaupt öffent- liche Thätigkeit staatlicher oder provinzieller Organe zum Nachdenken stimmt, so ist es die Zwangserziehung verwahr- loster Kinder. Und dies Nachdenken wird noch besonders hervorgerufen gegenwärtig, wo wir eben ein K i n d e r f e st in des Wortes vollster Beoeutung gefeiert haben. Wohl wissen wir, daß auch den kleinen Verwahrlosten, in den Anstalten sowohl als auch in den Familien, wv sie untergebracht find, der Weihnachtsmann oder das Christkind- l.in ersche nt, aber me st in emer Weise, welche die Kinder mehr abschreckt und beunruh gt, als e-quickt und erfreut. Die finstere Orthodoxie schreitet durch die Zwangserz ehung der Kinder u°d verdrängt das Wohlwollen und die Humani. tät. Doch lasten w« das jetzt. Wir sind ja nur durch da» große alljährliche Kinderfest auf das heutige Thema gekommen.--- Die Gründe nur Zwangserziehung liegen in derVer- wahrlosung" der betreffenden Kinder; diese Verwahrlosung zeigt sich in verschiedenen Fehltritten, zu denen die Kinder meist von den Eltern u. s. w. wenn auch nicht gerade an- gestiftet, so doch nicht abaehalten weide». Diese Fehltritte bestehen meistentheil» in kleineren Diebstählen(im Königreich Sachsen nennt man in solchen Fällen das Stehlen recht gemüttstich: Mausen), dann im Landstreichen, Betteln und merkwürdigerweise im Brandstiften. Die Kinder sehen un- gemein gern ein loderndes Feuer- dabei fehlt ihnen durch- weg das Bewußtsein des Unrechts, welches in den oben angedeuteten Fehlt, itten liegt. Grund genug, daß mau bei der E zi.hung nicht unnöthige Strenge walten läßt, sondern Liebe und Belehrung. Leider herrschen aber bei der ZwangS- erziehung der S'ock und der unveistäudliche Katechismus, duich welche Fu cht und Heuchelei einerseits und Unlust am Leinen anvereiseit« dm Kindern anerzogen werden. Aus diesen Gründen findm wir auch später eine verhältnißmäßiq große Anzahl dieser ZwanzSerzogenen auf der Verbrecherlauibahn. Aber auch diejenigen verwahrlosten Kinder, welche in anderen Familien zur Erziehung gegeben werden, find nicht bester daran. Meist stnd es nur Familien, welche solche Kinder aufnehmen, die selbst am Hungertuche nagen und da» Erziehnngsgeld als Zuschuß zu ihren Einnahmen brau- chen. Vierzig Pfennig täglich werden in verschiedmen Pro- vinzen als Höchstbetrag für ErziehungS- und Kostgeld ge- zahlt, gewiß eine schöne Summe dort, wo der Ernährer selbst nur 1 M. 20 Pf. bis 1 M. 50 Pf. als Loh» er- Daß dabei das in Pflege gegebene Kind, ebenso wie 66 JeuMNon. Die Hand der Kemesi». Roma» von Ewald August König . (Fortsetzung.) Ah, man will de» unbequeme» Bruder entfernen? Man fürchtet wohl seinen Spott, wen« die Doppelhochzeit gefeiert wird? Vielleicht hat der Oberst diese Bedingung gestellt, sei» Bruder machte mir auch einmal denselben Vorschlag." Pfui, da» war eine Infamie!" sagte Frau von Stuck- mann, und vor ihrem zornflammenden Blick mußte er UN- willkürlich die Auge» niederschlagen, es mochte ihm selbst wohl plötzlich klar geworden sein, wie tief er bereit« gesunken war.Einen anderen Ausdruck finde ich dafür nicht, und zu Deiner Beruhigung will ich Dir erklären, daß von dieser Verbindung niemals die Rede sein kann und wird! Ob diese Erklärung genüge« wird, Deiner Ver« leumdunassucht wirksam entgegenzutreten, weiß ich freilich nicht! Willst Du den Voischlag annehme», so erfülle ich mein Ansprechen, lehnst Du eS ab, so sind wir für immer geschieden, und ich werde meine Maßregel» wffen, um einer nochmaligen Begegnung mit Dir unter diesem Dache vorzubeugen. kategorisches Ultimatum!* spottete Rabe.(.Bis wann muß eS beantwortet werden?' %@»%bt mir keine Zeit zur Ueberlegung?" Ich wüßte nicht, was Du jetzt noch zu überlege« hättest? Du hast Deine Schiffe hinter Dir verbrannt, es war ein Vabanque- Spiel, Du hast es verloren." Trotz der kurzen Frist schien Rabe bereits zu der Ueber« zeugung gekommen zu sein, daß er diesen Vorschlag nicht zurückweisen durfte, daß e» in der That die letzte Brücke war, die über de» zu seine« Füßen gähnenden Abgrund hinüberführte. die eigenen Kinder, hungern muß und in seiner körperlichen Entwicklung gestört w rd, ist natürlich, daß aber ferner von einer Erziehung n cht die Rede sein kann, ist selbstverständlich. Unter solchen Umständen wäre immer noch eine Anstalt vor- zuziehen, wenn oort nicht der Stock zum Cysten ge- hörte und die äußere Frömmigkeit, die öden religiösen Formen zum Besserung»- und Erziehungsprinzip erhoben würden.--- Meist hat den Kindern, dieverwahrlost" angetroffen werden, schon zu Hause Pflege und Erziehung gefehlt; meist Kinder der Armen, sind bei ihnen außerdem noch be- sondere Familienverhältnisse Schuld an ihrer Verwahrlosung. Von 801 Kindern, die in der Provinz Sachsen in Zwangs- erziehung sich befinden oder in de» letzten Jahren befunden haben, sind 53 völlig verwaist, 282 sind vaterlos, 161 mutterlos, 100 Kinder haben einen Stiefvater, 46 eine Stiefmutter. In 489 Fälle» hatten die Eltern Strafen verbüßt; in 366 Fällen fielen sie den Gemeinden zur Last. Man sieht, daß bei fast allen verwahrlosten Kindern ein äußerer, natürlich von ihnen unverschuldeter Umstand vorhanden ist, der sie auf die Bahn der Fehltritte, der Ver- wahrlosung getrieben hat und sie vielleicht später auf die Bahn des Verbrechens tteidt. Davon werde» nur sehr wenig« durch die gegenwärtige Zwangserziehung abgehalten. Ehe die Verhältnisse im Allgemeinen sich nicht gebessert haben, ist gegen die Zwangserziehung an sich kaum etwas einzuwenven. Jedoch sollte man für diejenigen verwahrlosten Kinder, welche in Familienerziehung gegeben werden, eine höhere Summe aussetzen u»d vor allen Dingen auch danach sehen, daß eine Erziehungskrast in dem Manne oder der Frau vorhanden ist. In den Anstalten aber sollten nicht blo» der GesangsbuchverS und der Stock herrschen, e» sollte nicht bloS der Zucht und Züchtigung gestöhnt werden, son- dern der liebevollen Erziehung. Außerdem aber dürfte» die in den Anstalten aufgenommenen Kinder unter keinen Um- ständen von der allgemeinen Volksschule auSge- schlössen werde». Man könnte sie strenger überwachen, sonst aber müßte man sie genau so behandeln wie die übrige« Schulkinder. Gerade durch die Abgeschlossenheit in den Anstalten fühlen sich die Kinder schon als Ausgestoßene; man ver- gesse nicht, daß gerade die Kinder ein größeres Zartgefühl und ein ungemein großes Gedächtniß haben, so daß die Erinnerung an die ZwanaSerziehungSanstalt sie durch das ganze Leben begleitet und oie Aermsten vielfach abhält von tüchtigem Thun und Schaffen.--- Wir sehen also, daß auch diese soziale Frage ihren Ursprung hat in der allgemeinen sozialen Nothlage. Wird .Und was soll ich drüben mit zehntausend Thaler»?" fragte er. .DaS überlasse ich Dir! Arbeiten wirst Du steilich müsse», ich kann Dir nicht die Mittel geben, das Leben eine» Grafen zu führe», Du mußt selbst sehen, wie Du durchkommst." .Und wann müßte die Abreise stattfinden?" Auch da» will ich Dir Überkasse», ich glaube aber, e» läge in Deinem eigene« Interesse, sie zu beschleunigen. Ist die Verlobung mit Ella von Lossow aufgehoben, so wird der Baron auch die Gründe bekannt mache«, und unan- genehm kann eS Dir nicht sei», wen» man in alle« Kreise» Dir ausweicht." Wieder regten sich Haß und Trotz im Innern Rabe'«. al» er, die Augen erhebend, den Blick seiner Schwester voll Verachtung auf sich gerichtet sah. .Dir steht e» nicht zu, über mich zu richten," sagte er in barschem, trotzigem Tone,.Dir am wenigsten! Ich mache Dir noch einmal und mit vollem Recht den Vor« wurf" ..Triff Deine Entscheidung!" schnitt die Generali» ihm die Rede ab. Tieb mir das Geld, ich werde in de» nächsten Tage« abreisen." Frau von Stuckman« wiegte ablehnend das Haupt, keine Spur von Mttleid war in ihre« schönen Züge» zu finde», nur eine ernst« Strenge spiegelte sich in ihnen. .Ich werde Dir das Geld durch Vermittlung eine» Bankiers i« New-Jork auszahlen lassen," erwiderte sie; die Mittel zur Bestreitung der Reisekosten gebe ich Dir, sobald Du die Papiere, deren Du zur Auswanderung be- darfst, mir vorlegst." Bin ich den» ei« unmündiger Knabe?" brauste Rabe in gereiztem Tone auf..Fürchtest Du, das Geld mir nicht anverttauen zu dürfe«? Wenn ich einmal mein Wort verpfändet habe, dann löse ich es auch ein." m .Ich babe das Veittauen auf Dein Wort verloren," entgegnete Frau von Stuck man« kalt,Du kannst mir das nicht übel nehmen, denn Du selbst trägst die Schuld daran. letztere nicht mehr und mehr beseitigt, so kann erstere nicht zur Zufriedenheit gelöst werden. Deshalb soll auch hier wieder unser cetenun ceaseo lauten: Vo lksthümli che Sozial-Reform! Politische Ueberstcht. Unser Blatt wird in letzter Zeit ungemein häusig von anderen Zeitungen der verschiedensten Parteien zitirt. Vor Allem spielt eS eine große Rolleinden Berliner Korrespondenzen der auswärtigen Blätter. Doch wird eS nur selten bei Namen genannt. ES heißt nicht: daSBerliner Volks» b l a t t" schreibt, sondern meistens daS Berliner Ar» beiterorgan, daS hiesige Ardeiterorgan theilt mit, daß u. s. w. WeShalb man wohl den Namen verschweigt? Wahrscheinlich, um zu verhindern, daß einzelne Leser ver Zeitungen, die unser Blatt mit Vorliebe zttiren, Abonnenten deS Verl . VolkSdlatt" werden. Auf daSBerliner Arbriterorgan" kann man keine Postdestellung machen, man muß bei der Post den richtigen Titel nennen. Wir wollen heute noch keines von den Blättem nennen, welche unser Blatt denutzen, ohne den richtigen Namen anzugeben, jedoch bitten wir, künftighin den» selben nicht mehr zu verschweigen. Will man den Lesern aus­drücklich mittheilen, daß die betreffende Notiz au« einem Arbeiterorgan kommt, so steht nichts im Wege ,u sagen: auS demBerliner Vollsblatt", dem Berliner Arbeiter- organ. Bremen , 27. Dezember. Wie sehr der Gedanke welcher dem Arbeiterschutzgesetz zu Grunde liegt, auch in anderen als gerade Arbriterkreisen schon Boden gewonnen hat, zeigt ein Antrag, welcher der hiesigen Bürgerschaft(Stadtvertretuna) vor» lag. In demselben wird verlangt, daß den bei Submission�. bauten des Staats(Bremen ) beschäftigten Arbeitern ein Nor- malardeitstag und ein Minimallohn zu Theil werden solle. Der Antrag war von einem Stadtverordneten gestellt worden; Anlaß dazu gab die niedrige Löhnung einer Anzahl beim Ab» bruch des alten HauvtdahnhofeS beschäftigten Ardeiter. Natür« lich war die Mehrheit der Stadtväter gegen diesen ganz praniscken Vorschlag und so wurde er denn auch mit den üb- lichen Redensarten abgethan. Nun, er wird sicher wiederk'hren. und die Zeit dürfte nicht mehr fern« sein, wo solche Forde- rungen sich nicht mehr abweisen lassen. _ I» Betreff de» Branntweinmonopol« läßt sich die Magd. Zett." auS Berlin melden:Aus ReaierungSkreisen velautet, daß man dort an einer schließlichen Annahme des EpiritusmonopolS nicht zweifelt, weil man mit den agrarischen Elementen im Zentrum rechnet. Die Opposition wird sich aus den Deutschfreifinnigen und allen Gruppen links von den­selben, sowie aus einem, wie man annimmt, nicht sehr großen Bruchtheil des Zentrums zusammensetzen." Di« Rechnung auf die Zustimmung der agrarischen Element« der Zentrums- fraltion dürste nicht ganz unzutteffend sein. Die ullramon- tanen Blätter und auch der agrarische Theil derselben, bekämpfen zwar jetzt noch ohne Ausnahme in der hef» tigsten Weise das Branntwein- Monopol, aber auS Gäbe ich Dir das Geld, so müßte ich befürchte«, daß Du auch diese Summe auf den grünen Tisch legen würdest, leichtsinnig genug bist dazu." Ob das nun hier oder drüben geschieht, kann Dir zieinlich gleichgiltig sein," erwiderte Rabe höhnisch. Drüben wirst Du Dich ernst bedenken," fuhr die Generalin fort,Du wirst berücksichtige«, daß Du nach dem Verlust dieses Geldes ein Bettler bist, der entweder ver- hungern oder die niedrigsten Arbeiten verrichten muß. Ein» für allemal will ich Dir die Hoffnung nehmen, daß Du auf mich, nachdem ich Dtt dieses letzte Opfer gebracht habe, wieder zurückkomme» kannst, ich habe bereit« mehr für Dich getha», al« ich meinem Kinde gegenüber verantworte» kann. Du wirst eine« Kreditbrief auf ein amerikanisches Bankhau» erhalte«, bei diesem Hause kannst Du die Summe in Empfang nehme«, und es ist dann ganz Deinem Ermesse« anheimgestellt, welche" Genug der Worte!" sagte Rabe rasch..Schicke mir den Kreditbrief in'« Hotel.Zum Kaiserlichen Hof", oder theile mir mit, wo ich ihn in Empfang nehmen kann, damit ist diese Angelegenheit geordnet. Es wird eine Zeit komme», vielleicht ist sie näher, wie wir glaube», in der Du dieser Stunde mtt bitterer Reue gedenken wirst. Und nun adieu, ein Wiedersehen wünschen wir wohl Beide nicht!" Avieu!" erwiderte die Generali« mit mühsam er- zwungener Ruhe.Möge der Ernst des Lebens, wenn er jktzt an Dich herantritt. Dir die rechte Bah« zeigen und Deinen Charakter festigen. Ich werde Dir verzeihen, sobald ich die Tewihhett erhalte, daß Du aufrichtig be- reut hast." Ein heisere« Hohngelächter war die Antwort Rabe'«, während er da« Kabinet verließ; aber diese» Lachen ver» stummte sofort, al« er draußen im Korridor sich plötzlich dem Assessor und Arabella gegenübersah. Beunruhigt durch da« lange Ausbleibe» der Mutter, hatte Arabella de« Vorsatz geäußert, sie aufzusuchen; Siegftied. dessen scharfes Ohr den HUferuf Franziska'« eben» falls gehört hatte, degleitete sie, und jetzt standen die Beiden unerwartet dem Bruder der Generalin gegenüber.