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Nr. 147.

Sonntag, den 27. Juni 1886.

III. Jahrg.

Berliner Volksblatt.

Organ für die Interessen der Arbeiter.

Das Berliner Volksblatt"

erscheint täglich Morgens außer nach Sonn und Festtagen. Abonnementspreis für Berlin fret in's Haus viertelfährlich 4 Mart, monatitch 1,35 Mart, wöchentlich 35 Pf. Postabonnement 4 Mart. Einzelne Nummer 5 Bf. Sonntags. Nummer mit der illuftritten Beilage 10 Pf. ( Eingetragen in der Postzeitungspreisliste für 1886 unter Nr. 769.)

Redaktion: Benthstraße 2.

Abonnements- Einladung.

Sum bevorstehenden Quartalswechsel erlauben wir uns, alle Arbeiter Berlins zum Abonnement auf das

Berliner Volksblatt"

einzuladen.

mit der Gratisbeilage

Illustrirtes Fountagsblatt"

Wer der Sache der Arbeiter dienen will, belfe ein Unter nehmen befeftigen, welches bestimmt ist, die Forderungen und Wünsche der Arbeiter zum Ausdrud zu bringen.

Suche ein jeder von unseren bisherigen Anhängern, in bem Kreise seiner Freunde und Bekannten das Berliner Boltsblatt" zu verbreiten und sebe darauf, daß jeder neugefun bene Gesinnungsgenoffe sein Versprechen, zu abonniren, auch

wirtlich hält.

Unfererseits werden wir bemüht sein, den Inhalt unseres Blattes immer reichhaltiger zu gestalten.

Das

Berliner Volksblatt"

toftet für das ganze Vierteljahr frei ins Haus 4 Mark, für den Monat Juli 1 Mark 35 Pf., pro Woche 35 Pf. Bestellungen werden von sämmtlichen Zeitungs- Spediteuren, sowie von unserer Expedition, Simmerstraße 44, entgegen. genommen.

Für außerhalb nehmen alle Boftanstalten Abonnements für das nächste Vierteljahr zum Preise von 4 Mark ent gegen.

Die Redaktion und Expedition

des Berliner Volksblatt".

Handwerkerbestrebungen.

In einem Wah'flugblatt, welches fürzlich von Hand. wertern des Herzogthums Altenburg herausgegeben wurde, heißt es, daß der Handwerkerstand von den gefeggebenden Fattoren fast gänzlich aus gefchloffen sei; er sei weder in den Einzellandtagen, noch im Reichstage vertreten.

Hierzu jagt ein nationalliberales Blatt, daß diese Rlagen völlig unberechtigt seien, weil oft genug die natio nalliberale Partei Handwerkern ein Mandat zum Reichs tage angeboten habe, aber immer wieder mit den Worten zurückgewiesen worden sei: Ich habe keine Beit, ein solches Manbat anzunehmen", ober Meine Mittel erlauben mir nicht, ein berartiges Ehrenamt auszufüllen". Trotz dieses notorischen Umstandes beliebe man in Handwerkerkreisen fich in Klagen barüber zu ergehen, daß sie von den gesetz gebenden Rörperschaften faft gänzlich ausgeschlossen seien.

Radbrud vrboten.]

Feuilleton.

Eine Mutter.

Roman von Friedrich Gerstäder.

( Fortsetzung)

Meine liebe, verehrte Frau," rief Rebe bewegt, feien Sie versichert, daß ich alles in meinen Kräften Stehenbe thun werbe, um weiter zu kommen, und schon baß ich Ihnen dies fagen darf, ist mir ein großer Troft."

Er ftichelt," meinte Pfeffer. " Und Jettchen?" fagte Rebe leise, indem er seine Hand gegen fie ausstreďte.

" Ich babe es feft geglaubt, daß Sie Ihr Biel erreichen würben," flüsterte das junge Mädchen, das wie mit Purpur übergoffen ba ftand, indem es bie bargebotene Hand Schüchtern nahm.

Na, bann ist die Geschichte ja abgemacht," rief Pfeffer, und viel beffer, als ich gebacht habe, denn ich hatte mich fchon wieder vor einer Ueberschwemmung gefürchtet. Aber wo willst Du benn hin, Jeremias"

Bin gleich wieber ba, warte nur einen Augenblick," rief ber feine Mann. Er hatte bis jetzt an der Thür ge Stanben und ein paarmal hinausgehorcht. Jest tam Jemand bie Treppe herauf, und wenige Minuten später tehrte Jettchen's Bater mit einer Flasche Champagner unter jebem Arm zurüd, die er unbedingt unterwegs bestellt haben mußte.

So," rief er, und nun trinken wir vor allen Dingen erst einmal die Gesundheit des neuen Liebhabers-und Bufte auch mit."

,, Aber darf ich Wein trinken?"

Du? Erst recht, daß Du wieder zu Kräften kommst," rief Pfeffer. Der Rebe scheint überhaupt auch, wie er bis febt ein heimlicher erfter Liebhaber war, ein heimlicher erster Doktor zu sein, denn die Geschichte von gestern Abend hat

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Insertionsgebühr

beträgt für die 4 gespaltete Petitzeile oder deren Haum 40 Pf. Arbeitsmarkt 10 Pfennige. Bei größeren Aufträgen hoher Rabatt nach Uebereinkunft. Inserate werden bis 4 thr Nachmittags in der Expedition, Berlin SW., Bimmerftraße 44, sowie von allen Annoncen Bureaux , ohne Erhöhung des Preises, angenommen.

Expedition: Zimmerstraße 44.

In diesen Deduktionen des nationalliberalen Blattes liegt die größte Heuchelei. Wenn wirklich ein oder einige Handwerker Zeit und Gelb genug opfern wollten und von ber nationalliberalen Partei auf den Schild gehoben würden, was bann? Sie würden als Mitglieder der nationalliberalen Bourgeoispartei ihre speziellea Handwerkerinteressen gar nicht verfechten fönnen, da die Partei als solche diesen Sonder bestrebungen und wir sagen mit Rechtschroff ent gegensteht. Hat nicht der Maurermeister Bauer aus Ham burg, der innerhalb des Rahmens der nationalliberalen Partei im Reichstage feine speziellen Handwerksideen zur Geltung bringen wollte, lediglich Spott und Hohn davon­getragen, so daß ihm der Appetit an einem weiteren na­tionalliberalen Mandat bald schon verging?

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Und welche klägliche Rolle spielt zum Beispiel der Arbeitervertreter Stößel, der im Reichstage dem Zentrum angehört? Windthorst hat bei demselben längst schon jebe freie Regung erstict.

Und ebenso gingen auch immer die paar Handwerker vertreter in der Fortschrittspartei im Parteiftrome unter.

Wenn die Handwerker im Reichstage vertreten sein wollen, so müssen sie als Handwerkerpartei selbstständig auftreten und sich keiner der herrschenden Parteien, durch die fie einfach verschlungen werden, anschließen.

giltigem Erfolg an dem Aufbühen der Arbeiterklasse ar beitet, so nüßt sie selbstverständlich auch den Handwerkern, die bald schon Mitglieder der Arbeiterklasse werden.

Das sollten die Handwerker einsehen und sich nicht gegen ihre Freunde wenden. Daß sie dies aber dennoch thun, daß sie sogar Freundschaft schließen mit den Groß kapitalisten der Konservativen und des Sentrums, das ers innert uns an das Mäuschen, mit welchem die Raße eine Beit lang spielt, um es dann aufzufreffen.

So hat auch noch vor Kurzem in Rrefeld eine Vers fammlung des rheinischen Handwerkerbundes eine Refolus tion gefaßt, deren Spize fich gegen die sozialistische Ar beiterpartei wendet und scharf betont, daß der Handwerker auf Seite der Regierung stehen müsse, von der er Unter­süßung erwarte.

Nun, wir wollen diese Herren in ihrem Aberglauben nicht stören. Sie scheinen geschlafen zu haben in letter Beit, denn fie fahen nicht die fortschreitende Entwickelung besonders in wirthschaftlicher Beziehurg, fie fahen nicht bie technischen und maschinellen Fortschritte unb nicht die immer mehr fich entwickelnde Theilung ber Arbeit. Nur noch Flidarbeit wird balb bem Handwerk übrig bleiben und wenn die Regierung tausends mal dem Handwerk Unterflüßung böte. Diese Unterstützung wäre weiter nichts, als der dem Ertrinkenden zugeworfene

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Aus diesem Grunde kann sich die Regierung selbst nicht für die Janungen erwärmen und deshalb wird sie und kann fie auch nicht eine wirksame Unterstügung dem Handwerker ftande angedeihen lassen.

Unfern Lefern ist ja unfere Stellung der Handwerker frage gegenüber bekannt; sie wissen, daß der Handwerker- Strohhalm. fland dem Untergange geweiht ist, daß bald schon sein legtes Stündchen schlägt, da er dem Konkurrenztampf mit der Großindustrie nicht gewachsen ist. Deshalb würden ihm auch 50 Handwerkerabgeordnete im Reichstage nichts helfen tönnen. Aber wenn man in Handwerkerkreisen noch an die Hilfe der Gesetzgebung glaubt, so muß man auch selbstständig vor gehen und eine eigene Partei bilben, um in der Gesetzgebung Macht zu erlangen.

Diesen Rath ertheilen wir gern unfern Gegnern. Denn daß gerade die Handwerker, die nach politischer und sozialer Selbstständigkeit ringen, die Gegner der Arbeiterpartei sind, bas zeigt uns fürzlich bas reaktionäre Gebahren der Innungs­meifter, welche jebes Streben der Arbeiter, ihre Lage zu ver beffern, mit Polizeigewalt niederhalten möchten.

Und doch sollten die Handwerker nachgerade merken, daß ihre besten Freunde die Arbeiter find, baß die einzige Partei, welche zugleich auch die Zukunft der Handwerker ins Auge faßt, die Arbeiterpartei ift.

Die Handwerker find nun einmal dazu verurtheilt, nach und nach in den Arbeiterstand zu versinken. Immer mehr schwindet die Zahl der selbstständigen Handwerker, bie Großindustrie verdrängt sie aus der selbstständigen Pro­buktion und nimmt fie in ihren Dienst. Wenn nun bie Arbeiterpartei mit aller Kraft und sicherlich auch mit ends

Dich mehr auf den Strumpf gebracht, als bisher alle Medizinflaschen. A propos, tebe, haben Sie den Direktor schon gesprochen?"

Sch erhielt vor einer halben Stunde etwa einen Brief von ihm, worin er mich bittet, um zwölf Uhr auf das Bureau zu kommen."

Bittet fo? Haben Sie ihn bei sich." Sier ist er."

Lassen Sie einmal sehen. Mein lieber Herr Stebe!" Wie der Lump freundlich sein kann, wenn's ihm auf den Nägeln brennt. Sie würden mich sehr verbinden, wenn besuchen wollten. Ich habe Ihnen eine erfreuliche Mit­Sie mich um zwölf Uhr heute Morgen auf meinem Bureau theilung zu machen." Glaub' ich ihm, dem Rujon! 3hr ganz ergebenster Krüger, Direktor!"' s ist unglaublich," rief Pfeffer, mit der Hand in den Brief schlagend, und wie schreibt er sonst!"

Aber, Onkel," sagte Jettchen, Herr Rebe ist ja boch nicht mehr bei ihm engagirt.

Ach was ba, er hätte' mal gestern nicht sollen ben

Hamlet spielen und heute Morgen Herrn Direktor Krüger um eine Unterrebung gebeten haben, möchte sehen, wie ber Brief gelautet haben würde! Aber wie viel Uhr ist's jegt?"

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Halb 3wölf."

" Also nun erst anstoßen auf das Wohl unseres ersten jugenblichen Liebhabers," rief Jeremias und ließ in bem nämlichen Augenblick einen Pfropfen knallen, als ein scharfer Schrei in der Thür ausgestoßen wurde.

,,, mein Gott, haben Sie mich erschreckt!" stöhnte Fräulein Baffini, die auf der Schwelle stand. Ob die nicht jedesmal zum rechten Moment kommt," rief Pfeffer lachend; na, her, Alte noch ein Glas, Jettchen!"

"

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Alte? Fürchtegott, ich verbitte mir Deine Grobbeiten! Aber, mein lieber Herr Rebe, Sie haben uns Alle gestern Abend

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Die Geschichte ist lange abgemacht," rief Pfeffer, ihren Arm faffend und sie auf einen Stuhl ziehend. Aber ich darf doch..

Dem Handwerkerftande ist eben nicht mehr zu helfen. Weber die Regierung, noch irgend eine andere Partei, noch der Handwerkerstand als eigene Partei können ihn wieder beleben.

Die einzige Hilfe für die Handwerker aber, nicht für den Handwerker stand, liegt in einem innigen Anschluß an die aufstrebende Arbeiterpartei, welche die Interessen aller Menschen vertritt.

Bur Arbeiterbewegung im Auslande.

§. In allen Ländern, diesseits wie jenseits des Dzeans, bolt augenblicklich die Reaktion zu neuen Schlägen gegen die Arbeiterbewegung aus. Jeder Tumult, ja jeder Lärm und jeder Sieb bietet einen Verwand zu neuer Einschränkung der Breffe, der Bersammlungs- und Vereinigungsfreiheit des Proletariats. Die Vereinigten Staaten durften bisher als das Reich gelten, in welchem den organifirten Arbeitern in allen

ihren Bestrebungen die geringsten Hinderniffe in den Weg ge legt wurden. Seit den unglüdfeltgen Mattagen bat fich bas alles geändert. Der durch die Chilagoer Bombenwerferei auf­

Champagner trinken, gewiß; da stoß mit Horatius an, benn er muß fort, um ein neues Engagement abzu schließen."

Also wirklich?" rief Fräulein Baffini entzückt. D, ba gratulire ich von ganzem Herzen!"

Und Rebe soll leben, Vivat hoch!" rief Pfeffer. Pfeffer war überhaupt in einer überaus aufgeregten Stimmung, litt aber trotzdem nicht, daß Nebe über eine Minute seiner Beit blieb, bamit er den Direktor nicht warten ließ. Das schidte fich nicht für einen jungen Rünstler, wie er meinte. Er mußte aber versprechen, ihnen gleich nachher bas Resultat mitzu heilen, und dann drückte er ihm felber den ut auf den Kopf und schob ihn zur Thür hinaus.

Rebe fand den Direktor in seinem Bureau mit auf ben Rüden gelegten Händen auf und ab gehen.

Mein lieber Herr Rebe," rief er und streckte ihm die Hand entgegen; es freut mich ausnehmend, baß Sie meinem Wunsche so pünktlich nachkommen; eben schlägt es zwölf."

Herr Direktor, Sie werden mir das Beugniß geben, baß ich nie fäumig gewesen bin." Nie, gewiß nicht, nein wahrhaftig! Sie hielten immer mußterhaft auf Ordnung; aber bite, wollen Sie nicht Plat nehmen?"

daß er sich in irgend einer Verlegenheit befand. Er schien Rebe fette fich und merkte dem Direktor an, wirklich nicht recht zu wissen, wie er beginnen sollte, und rüdte unruhig auf seinem Stuhle hin und her.

Nun, wie haben Sie die Nacht geschlafen? begann er endlich. Nicht wahr, vortrefflich? Dachte es mir. Auf Lorbeern schläft fich's vorzüglich, fette er lächelnd hinzu, und ich muß Ihnen gestehen, daß Sie die reichlich und verbient geerntet haben."

Sie find fo gütig."

,, Bitte, Sie wissen, ich schmeichle nie; ein Theater birektor fann das auch nicht. Uebrigens haben Sie doch wohl erfahren, welchen Streich mir Herr Handor ge spielt?"