Mr. 221.

Mittwoch, den 22. September 1886.

III. Jahrg.

Berliner Volksblatt.

Organ für die Intereffen der Arbeiter.

Das Berliner Boltsblatt"

beint täglich Rorgens aufer nach Sonn- und Festtagen. Abonnementspreis für Berlin fret In's baus vierteljährlich 4 Marl , monatli 1,55 Dart, wöchentle 85 Bf. Boftabonnement 4 Mart. Einzelne Nummer 5 Bf. Sonntags- Nummer mit der luftstrten Bellage 10 Bf. ( Eingetragen in der Boftjeltungspreisliste für 1888 unter W. 769.)

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Berliner Volksblatt"

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"

Das Berliner Volksblatt" sucht seine fich gestellte Aufgabe burch sachliche Behandlung der großen sozialpolitischen als auch der Tagesfragen zu erfüllen. Die gleichen Grundsäge letten uns bei der Besprechung unserer städtischen Angelegen

bitten.

Thue Jebermann, der sich mit unseren Bielen in Ueber­einstimmung befindet, an seinem Plage seine Schuldigkeit. Der Eine durch Buwendung seiner Mitarbeiterschaft, der Andere babur ch, daß er dem Berliner Volksblatt" in immer wei feren Kreisen Eingang verschafft.

Das Berliner Volksblatt" barf nicht nur allein b Freund des Bolles bleiben, sondern das Volt muß auch d'r Freund des Berliner Volksblatt" sein. Die Neußerung und Bethätigung dieser wechselseitigen Freundschaft ist in Wahrheit Die Erreichung und Verwirklichung des uns vorgesteckten Biele.

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Expedition: Zimmerstraße 44.

Debatte hineinzogen. Auch Herr Stöder, beffen Halsübel völlig

Die verflossene Session des Reichstages, dig verschwunden zu ſein ſcheint, hielt eine Nebe, um mit

welche, wie nunmehr feststeht, lediglich der Verlängerung des spanischen Handelsvertrages wegen einberufen worden war, bot bennoch eine ganze Fülle von Ueberraschungen.

Bunächst war man erstaunt über die große Anzahl der sach Berlin geeilten Reichsbaten; gleich bei der ersten Auszählung des Hauses wurde die Beschlußfähigkeit tonftatirt.

Man war nun allgemein der Ansicht, daß die Seffion schon am folgenden Tage geschlossen werben tönne. Präfi bentenwahl, erfte und zweite Berathung des Handelsvertrages follten Donnerstag, den 16. b. Mis., ber Rechenschaftsbericht über die Verhängung des Belagerungszustandes über Leipzig und die britte Lesung bes Hanbelsvertrages aber am Freitag, den 17. d. Mis, erledigt und dann die Seffion gefchloffen werden.

Doch man hatte bie Rechnung ohne bie sozialdemokratische Fraktion gemacht. Schon bei der Präsidentenwahl, welche ber Abgeordnete Windt Horst durch Attlamation vollziehen lassen wollte, erhob man von Sozialdemokratischer Seite Widerspruch, ba ber erfte Präsident des Reichstags, Herr v. Webell, in seiner Eigen­schaft als Regierungspräsident von Magdeburg in rücksichte­lofefter Weise gegen einen aus Berlin ausgewiesenen So. zialdemokraten vorgegangen sei und fich allzu sehr an die Anschauusgen des Ministers v. Putikamer anschmiege. Ueberhaupt sei es besser, so betonte der sozialdemokratische Redner, daß man als Reichstagspräsidenten feinen Beamten wähle, ba ein solcher mehr oder minder abhängig von der Regierung set. Bei der nun erfolgten Bettelwahl, die im Ganzen ca. 2 Stunden bauerte, wurde zwar das frühere Präsidium wiedergewählt, doch wurben 41 weiße Stimm zettel gegen Herrn v. Webell abgegeben.

Daß an demselben Tage nunmehr feine zweite Siguug abgehalten werden fonnte, war selbstverständlich.

Als der Präfident bie nächste Sigung auf ben folgenden Tag mit ber Tagesordnung: erfte und Aweite Berathung des spanischen Handelsvertrags und Rechenschaftsbericht der fächsischen Regierung ausente, er hoben die Sozialdemokraten Widerspruch auf Grund der Geschäftsordnung, welche verlangt, daß der zu berathenbe Gesezentwurf zwei Tage vorher in den Händen der Mit glieber fich befinden muß. So fiel bie Sizung am Freitag aus unb fie wurde auf Sonnabend, den 18. b. M., auge fett mit berselben Tagesordnung.

Aber auch bie Debatte über ben spanischen Handelsver trag selbst, von der man gar nichts erwartet hatte, geftaltete fich zu einer recht interessanten, ba Rebner aus allen Frat tionen bas Wort ergriffen und die soziale Frage mit in die

zu durchsuchen. Es bedurfte teiner langen Nachforschungen, um fte zu finden. Auf der Schwelle ihres Schlafgemaches [ 5 lag die Leiche ber alten Dame, bie, wie ein einziger Blid barthat, bas bejammernswerthe Opfer eines bestialischen Ber brechens geworden war. Eine Verlegung an der Schläfe, bie offenbar von einem wuchtigen Schlage mit einem stumpfen Instrument herrührte, mochte sie zunächst betäubt und zu Boben gestreckt haben, aber er hatte ihren Tod jeden falls noch nicht sicher genug herbeigeführt, denn der Mörder hatte eine aus einer starten seidenen Gardinenschnur gebil­bete Schlinge um ihren Hals geworfen und sie mittels der felben erdrosselt. Welchen 3wed er bei seiner Schandthat im Auge gehabt, zeigte schon eine oberflächliche Untersuchung der Zimmer zur Genüge. Die Thüren der Schränke und die Schubladen der Kommoden waren sämmtlich geöffnet, aum Theil unter unverkennbarer Anwendung von Gewalt. Der Inhalt der Möbel mar durchwühlt und durcheinander geworfen, fo baß sich den Beamten schon bei ber ersten Inspektion die Meinung aufbrängte, daß der Verbrecher wohl nach einem ganz bestimmten Gegenstand gesucht habe. Diese Annahme fand ihre Bestätigung burch die weiteren Angaben der Frau Rüdiger, die durch ihren langjährigen Berfehr mit der jest Ermordeten auf das Genaueste über alle ihre Verhältnisse unterrichtet war. Sie beponirte näm lich, daß Fräulein von Römer Ersparnisse in baarem Gelbe ober begehrenswürdige Werthobjekte bei ihrem geringen Eins fommen und ihrem ausgeprägten Wohlthätigkeitsfinn unmög. lich beseffen haben könne, mit alleiniger Ausnahme eines allerdings sehr kostbaren Brillantenhalsbanbes, welches sie als ein theures Vermächtniß mit ängstlicher Sorg. theures Vermächtniß mit ängstlicher Sorg falt bebütete und welches nach ihrer eigenen Behauptung einen Werth von mindestens zehntausend Thalern gehabt haben sollte. Aus dem Besitz dieses Kleinods aber hatte sie aus Furcht vor Diebstahl stets ein, firenges Geheimniß ge macht, und Frau Nübiger ist auf's Bestimmteste der An­ficht, daß außer ihr und dem jungen Herrn Bernhard von Nömer faum irgend Jemand etwas von dem Borhanden fein bes Rolliers gewußt haben könne. Dieser Schmud gegenstand nun ist frog ber von der Gerichtskommiffion an, gestellten ſtundenlangen eifrigen Nachfuchungen nicht gefan­

Rriminalnovelle von Ferdinand Herrmann. Nach Ablauf einer Stunte trat er denn auch auf die Straße hinaus, aber fichtlich in noch schlimmerer Berfassung als bei seinem Rommen. Sein Geficht war tobtenbleich, feine 3üge verstört, und das Haar, welches er sonst sehr forgfältig au frifiren+ flegte, hing ihm wirr in die Stirn. In der Hand aber trug er ein fleines Pädchen, welches er, wie die Frau bestimmt anzugeben vermag, vorher nicht mit fich geführt. Er lief eilends bie Straße hinunter, jebem Menschen, der ihm begegnete, in einem weiten Bogen aus­weichend und fich wiederholt umsehend, als fürchte er, ver folgt zu werden. Schließlich war es der Frau noch auf gefallen, daß Fräulein von Römer, welche sonst sehr Neffen hielt, diesmal nicht, ihrer sonst stets geübten Gewohnheit gemäß, an das Fenster gekommen war, um ihm nachzublicken, und bas Chepaar Rüdiger hatte aus allebem den Schluß gezogen, daß ein sehr heftiger Streit zwischen den beiden Perfonen stattgefunden haben müsse. Während der beiben folgenden Tage hatten fie bann nichts mehr von dem alten Fräulein wahrgenommen und Frau Rüdiger, welche täglich binüberzugehen pflegte, um sich nach etwaigen Wünschen und Bedürfnissen ber Dame zu erkundigen, hatte auf ihr Klopfen überhaupt keine Antwort erhalten, so daß fie jebesmal in ben Glauben verseht wurde, Fräulein von Römer fei bereits ausgegangen. Als fich diese Erscheinung aber auch am britten Tage, also heute, wiederholte, war die Besorgniß ber Frau, baß ber gebrechlichen Dame etwas zugestoßen fein tönnte, zu groß geweſen, um sie noch länger unthätig bleiben au laffen, und fte erstattete bei der Revier- Polizei eine An­zeige von ihren Beobachtungen. Einige Beamte begaben sich to Bleitung der Frau an Ort und Stelle; bas Drüderschloß, welches die Thür absperrte, wurde burch einen Schlosser geöffnet und man begann, bie Wohnung nach der Bermißten

einigen banalen Phrasen die Juden, die Fortschrittler und Sozialdemokraten zu begeifern. Sonst hatte die Rede wet ter feinen 3wed.

Ueber die Debatte, ben Leipziger Belagerungszustand betreffend, läßt sich nur sagen, daß die Vertreter der fächfischen Regierung es den Sozialdemokraten unge= mein leicht machten, den Bericht vor aller Welt zu diskreditiren. Die Sozialdemokratie hatte ihren guten Tag. Alles, was vorgebracht wurde, war den Verhältnissen ent sprechend: furs, schneidig und besonnen. Auch der deutsch freifinnige Rebner, Freiherr von Stauffenberg, wies treffend nach, daß die Art und Weise, wie der Belagerungszustand begründet und vertheidigt würde, die schwersten Bebenten errege. Die Maßnahmen der Regierung richteten fich ent gegen den Voraussetzungen des Sozialistengefeges gegen bie gesammten Arbeiter, obwohl das Gesetz nur die sozialistischen Umsturzbestrebungen treffen solle.

Er wiffe

An demselben Tage Vormittags waren die Vertreter der verschiedenen Parteien im Reichstage zusammengetreten um über den geschäftlichen Verlauf der Seffion ihre Mei nungen auszutauschen. Angeregt von einem Vertreter der deutschfreifinnigen Partei gab darauf der Vertreter der Sozialdemokraten ungefähr folgende Erklärung ab. Er habe gehört, daß verschiebene Herren der anderen Parteien über bie Handhabung der Geschäftsordnung seitens seiner Partei in Entrüftung gerathen feien. wohl, baß solche Obstruktions- Politik nichts Ange rehmes fei, am wenigften für diejenigen, welche fie treiben müßten. Die fozialdemokratische Fraktion aber fel in sei eine 3wangslage gebracht worden; sie tönne, um Partei und Wahlangelegenheiten zu berathen, außerhalb des Reichs tagsgebäudes nicht zusammentreten. Durch die Polizei und das Sozialistengefeh würde sie gehindert, öffentlich volls ftändig legale Angelegenheiten zu treiben und wolle fie im Geheimen thre Berathungen pflegen, so drohen nach der Auffassung der deutschen Richter, wie sie im Freiberger Sozialistenprozeß zu Tage getreten sei, der Staatsanwalt und längere Strafhaft. Der Reichstag sei beshalb ber letzte Bufluchtsort für Fraktionsbesprechungen. Jede Partet aber bespreche in ihren Fraktionsfigungen, außer den rein parlamentarischen Fragen, auch noch weitere Parteifragen. So sei ber fozialdemokratischen Fraktion die Einberufung des Reichstags sehr gelegen gekommen und sie nüße nur deshalb die Geschäftsordnung aus, um die Seffion zu verlängern, bamit 3eit gewonnen würbe, bie nöthigen ber sozialdemokratische Vertreter, daß es ihm leib Berathungen zu pflegen. Ferner erklärte thue, daß diejenigen thue, daß diejenigen Rollegen, welche gegen das

ben worden, und es unterliegt teinem 3weifel, daß er die Beute des Mörders geworden ist. Als das Ehepaar Rüdiger nach einigem leicht begreiflichen 3ögern ben Gerichtsbeamten feine Wahrnehmungen bezüglich bes legten Besuchs des jungen Herrn von Römer erzählt hatte, wurden sofort Ans falten getroffen, den jungen Mann zur Stelle zu schaffen; aber es ftellte fich heraus, baß er seit jenem Nachmittage, wo er fich wegen eines angeblichen Unwohlfeins entfernt, bas Romptoir bes Bankgeschäfts nicht mehr betreten hatte und daß er seit jener Beit auch in seiner Wohnung nicht mehr sichtbar geworden war. Seiner Wirthin hatte er mitgetheilt, daß er eine bringende geschäftliche Reife unternehmen müsse und ihr sowohl wie feinen Kollegen in dem Bankhause war sein merklich aufgeregtes und verstör tes Wesen auffällig erschienen. Nach alledem konnte es für feinen unbefangenen Beurtheiler mehr einem 3weifel unter liegen, daß in keinem anderen als in Bernhard von Römer ber Mörder seiner Tante und der Dieb des Brillantschmuds zu suchen sei. Der Telegraph wurde nach allen Richtungen ber Windrose hin in Bewegung gefeßt, und im Interesse der Gerechtigkeit hoffen wir, taß wir bald von der Ergreifung bes Schulbigen werden berichten können, wenngleich nicht au verkennen ist, daß der mehrtägige Vorsprung bem Verbrecher unzweifelhaft gewaltige Vortheile gewährt. Daß fein anderes Motiv als lebiglich die schnöbeste Habgier ihn zu seiner Unthat getrieben haben fann, liegt auf der Hand; aber das schändliche Verbrechen bleibt dennoch fast unbegreiflich, da seine Berhältnisse im ganzen wohlgeorbnete gewesen sein sollen, und da ihm seine Rollegen das Beugniß eines rührigen, foliden Menschen gaben, ber keine hervorstechenden Leidenschaften und loftspieligen Paffionen gehabt habe. Der Gebante einer Unreblichkeit seinen Bankhause gegenüber ist schon beshalb ausgeschlossen, weil ihm gar keine Möglichkeit zu einer solchen geboten war. Ge bleibt also nur bie Annahme, daß er im Verborgenen irgend einem Lafter fröhnte oder vielleicht ein heimliches Liebesverhältniß unterhielt, durch welches er endlich zu einer so fürchterlichen That getrieben werden konnte."

An einer anderen Stelle des nämlichen Blattes fand

sich dann noch eine Notiz, die kurz vor Rebaktionsschluß abe gefaßt war und die noch eine wichtige Ergänzung des