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nach alledem den Kaffee närrisch liebt und wenn ihr höchstes Vergnügen eine Kaffeevisite bei ihren Gevatterinnen ist!" Es folgen nun die lächersten Vorbereitungen für die Kaffeevifite unter anderem die Einladungen an die Generalin ( sic!) 3., an Frau Capitaine- adjutant- major R., an Frau ordentliche Direktorin der Unnüßen Dienste, Frau Ehrengeheimräthin und Theater- Intendantin 2c. Alles um die deutsche Titelsucht lächerlich zu machen. Die Friseuseinn"( sic!) und der Pastetenbäcker werden geschildert. Die Leberwurst" soll dem Kaffeeklatsch den Hauptreiz verleihen." Die deutsche Frau ist natürlich unmodern gekleidet. Sie trägt ein Kleid nach einem Pariser Bilde von anno 1863. Der Unterhaltungsstoff wird in 17 Beilen abgethan. Die deutschen Frauen wissen von nichts Anderem zu reden, als von einer neuen Sauce für ,, les Nierenschnitte", sprechen recht viel über ,, alte Sachen von Goethe und Schiller", so oft das Gespräch einzuschlafen droht. Dann erzählt man vom neuesten Gemüse, endlich von einem Oberst X., der einer Tabakverkäuferin in der Friedrichstraße den Hof macht, und vom Baron 3., der in verdächtiger Gesellschaft im Thiergarten gesehen worden ist, furzum von Dingen, die nur Musterwirthschafterinnen intereffiren können( ce qui intéresse toujours les ménagères modèles). Solche Neuigteiten bietet Herr Philippe Daryl den Parisern in der Illustration". Für die Bourgeoisie mag die Schilderung nicht fo unzutreffend sein, in anderen Kreisen hat sich der Verfasser wahrscheinlich gar nicht umgesehen.
Der Koaksmann ist avanzirt. Er ist unter die Studirten gegangen, er ist sogar Referendar geworden. In seinem neuen Gewande gemahnt nichts mehr an die Vergangenheit, es sei denn, daß er mit dem ersten Froste aufgetaucht ist. Man erinnert sich, daß unser Koaksmann Deutschland in seiner ganzen Länge und Breite durchzogen hat, überall freundlich aufge= nommen, bis er schließlich, wie das selbst den liebsten Besuchern zu gehen pflegt, immer weniger Beachtung fand und endlich ganz in Vergessenheit zu gerathen drohte. Das war mit dem Beginne des Frühjahres. Lange war man im Ungewissen, wohin er gerathen, bis er fich jest plößlich aus Dortmund meldet. Dort hat er die Mußezeit benugt, fich zu bilden. Und wenn es auch manchem etwas befremdlich vorkommen mag, daß er den Sprung vom Kohlenplay in die Justizhallen in faum sechs Monaten gemacht, an der Thatsache selbst ist nicht zu zweifeln. Die Rheinisch- Westfälische Zeitung" be richtet über ihn, indem sie folgende rührsame Unterhaltung registrirt: ,, Mutter, der Referendar ist da
Sag' ich nu nein" oder sag' ich„ ia"; Ich hab' tein Geld
" Er hat kein Geld-"
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Wenn er nu durch das Examen fällt.""
Es ist erfreulich, zu bemerken, daß, wie die Lebensstellung unferes Helden, sich auch der ganze Interessenkreis, in dem er lebt, erweitert hat. Es handelt sich nicht mehr um brennende Kohlen, sondern um brennende Liebe, nicht um eine Sorge des Tages, sondern um eine Frage für das ganze Leben. Diese Liebe wirkt besänftigend und verklärend auf Mutter und Tochter. Beim Koats haben sie sich noch gezankt, wer den Mann bestellt hat, beim Referendar sind sie in ruhige gemeinsame Erwägungen eingetreten, wie es fich ziemt. Wir kennen die junge Dame in Dortmund nicht, aber es nimmt für sie durchaus ein, daß sie die Liebschaft nicht hinter dem Rücken der Mutter angeknüpft hat, wie das ja selbst mit Referendaren manchmal vorkommen soll. Der bisherige Verlauf der Sache liegt nach den mageren Andeutungen ganz klar. Er hat sie kennen gelernt, hat sich ihr genähert, er hat die Erröthende um ihre Hand gebeten und sie hat ihm, ganz verständig, geantwortet: Sprechen Sie mit meiner Mama." Und nun bringt sie erregt die Nachricht: Mutter, der Referendar ist da." Auch er hat sich uns nicht vorgestellt. Aber es muß angenommen werden, daß er ein Preuße ist, ja daß er wahrscheinlich aus Berlin stammt. Die Zweifel darüber, ob er im Eramen durchkommen wird, scheinen sich auf die Kenntniß Jeiner Vorliebe für andere Beschäftigung als just mit den Pandetten zu stügen. Wer will ihm das auch verdenken, wenn er verliebt ist. Jedenfalls aber läßt die Ungewißheit über seine Sicherheit den Schluß zu, daß er wenn anders die verwun derliche Schilderung jenes Marburger Profeffors von der Bummelei der jungen preußischen Juristen richtig ist unser engerer Landsmann ist. Hoffen wir mit der Dortmunder Maid, daß er durch das Eramen kommt. Dann wird sich auch die Frage nach dem Geld, welche die beiden Frauengemüther jett aufregt, von selbst ordnen. Denn es muß angenommen wer den, daß er die Karriere fortseßen will, daß er auf den Assessor losmarschiren wird und in diesem Falle wird glücklicherweise fofort bei seinem Eintritt vom Justizminister der Nachweis ver langt, daß seine standesgemäße Existenz durch den Vater oder auf anderem Wege auf eine lange Reihe von Jahren sicherge stellt ist. Hoffentlich ist mit diesem Hinweis ein Lichtstrahl in Das jungfräuliche Herz gefallen, denn wenn der Referendar erft felbst über die Sorgen hinweg ist, wird er auch sicherlich für sein Mädchen sorgen können. Wünschen wir ihnen das Beste, daß Keller und Rüche bei ihnen niemals leer stehen mögen, vor allem nicht der Keller für die Vorräthe von Roats".
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Ein recht einträglicher Posten ist die Stellung eines Portiers im Bentral Hotel. Wie ein Berichterstatter mittheilt, hat der Portier Meyer gestern das Union- Hotel in der Jägerftraße für 400 000 m. fäuflich erworben. Herr Meyer hatte bereits früher in der Friedrichstraße ein Pariser Kafe begründet, das ganz nach französischer Art eingerichtet war. Außerdem ist Herr Meyer noch Eigenthümer mehrerer anderer Häuser in Berlin und es ist sehr die Frage, ob Herr Meyer in seinem Einkommen mit dem Gehalt von insgesammt zwei, vielleicht auch drei preußischen Ministern tauscht.
Die vermuthlichen Reichsbankdiebe, welche vor etwa 1 Jahren in Hamburg bekanntlich 200 00 m. gestohlen haben, werden nach dem Hamb . Korresp." in den nächsten Tagen nun dort eintreffen. Die Verdächtigen, welche sich Burton alias Aston und Anderson alias Flint nennen, wurden wie seiner Beit gemeldet in Paris verhaftet und an Deutsch land ausgeliefert, mußten jedoch zunächst in Wieb eine gegen fie erkannte Strafe verbüßen, der fie fich bis dahin entzogen hatten. Nachdem dies nunmehr geschehen, find jetzt der Sergeant Hansen und drei Offizianten abgereist, um die Ver dächtigen nach Hamburg zu holen.
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Pferdeeisenbahnwagen während der Fahrt zu verlaffen oder zu besteigen ist unter allen Umständen, insbesonbere aber bei der jegt eingetretenen Witterung ein gewagtes Unternehmen, vor dem gar nicht genug gewarnt werden kann. Der durch Niederschläge schlüpfrig oder durch Frost glatt gewordene Fahrdamm erzeugt eine Gefahr des Ausgleitens, dessen bekanntlich oft so schwere Folgen Jedermann davon abhalten sollten, sich auf ein solches Wagniß bei den zeitigen Witterungsverhältnissen einzulaffen. Man sollte doch meinen, daß die im Laufe der Jahre, namentlich beim Absteigen vom Vorderperron, vorgekommenen schweren Unfälle als warnende Beispiele von ſelbſt ſchon dringend genug zur Vorsicht mahnen; aber leider zeigen die fich wiederholenden Fälle ernster Verlegungen, daß die Gefahr bei einem großen Theile des Publikums noch immer gänzlich außer Acht gelassen oder doch weit unterschäßt wird. Wie oft fieht man selbst erwachsene weibliche Personen, deren die Beweglichkeit behindernde Bekleidung diese Gefahr ohnehin schon so bedeutend steigert, oft noch mit Packeten beladen, im Fahren auf und absteigen und häufig sogar man sollte es nach den vielen schlimmen Erfahrungen laum noch für möglich halten verkehrt vom Wagen herabsteigen, D. b. statt mit dem Gesicht nach vorn, den Pferden zugewendet, den Wagen mit
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dem Gefichte nach rüdwärts gewendet verlassen, eine unbegreifliche und unverzeihliche Unvorsichtigkeit, die schon bei der geringsten Bewegung des Wagens fast ausnahmslos zum Falle und bei schnellerer Fahrt zu schweren Verlegungen führt. Wer fich vor Schaden bewahren will, der steige auch selbst von stillstehenden Wagen nur in der Fahrtrichtung und zwar von der in dieser Richtung rechts gelegenen Perronseite ab und halte fich beim Absteigen mit der linken Hand an einem Stüßpunkt nach vorn fest, damit er nicht bei einem zufälligen Anrücken des Wagens das Gleichgewicht verliere und falle. Auch Kinder, welche die Pferdeeisenbahn zu benutzen haben, sollten von ihren Angehörigen immer wiederholt vor dem Ab- und Aufsteigen im Fahren gewarnt und zur Vorsicht ermahnt werden; wir glauben, daß es viel zur Sicherheit dieser Kinder beitragen würde, wenn sie z. B. im Turnunterricht über das Ver halten bei der Benußung der Pferdeeisenbahn belehrt werden möchten.
" Athleten Frühstück " heißt die neueste Sprachblüthe, welche der Berliner Volkshumor gezeitigt hat. Geben Sie mir ein Athletenfrühstück", ruft der in die fleine Restaurution oder„ Budike" eintretende Gast. Man darf sich nun, wie der Name eigentlich vermuthen läßt, keineswegs vorstellen, daß dem Gast auf diese Bestellung hin ein saftiges Filetbeefsteat servirt wird; was da soeben vor ihn hingestellt wird ist ein kleines, aber sehr begehrtes Objekt, welches nur 5 Pfennig kostet und unter den verschiedensten Namen, als: Maurerfotelette", Wandkarbonade" ,,, Goldleiste" ,,, alter Mann", Herkuslende" 2c. beliebt und bekannt ist. Es ist der echte, duftige Sechsertäse. Hierzu genehmigte der betreffende Gast den nicht minder beliebten Nordhäuser" alias Nordlicht" Maison du Nord", Strand- Madeira" und Pferdebahn- Liqueure" und das Frühstück schmeckt trot Hiller und Dressel. Uebrigens ist der Berli ner nicht der Einzige, welcher dem fleinen Räse ehrende Beinamen giebt. In Mainz z. B. bestellt man einen halben Hahn" und der Kellner bringt sofort einen der berühmten Mainzer Handkäse.
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Das fog. Aufhacken der Kinder auf dahinfahrende Wagen hat gestern wieder einen Unglücksfall herbeigeführt. Der 8 Jahre alte Sohn eines Schneidermeisters W. in der Manteuffelstraße lief gestern Vormittag in der Staligerstraße einem Brauerwagen nach und hängte sich mit den Händen an den Hintertheil an. Bei einem Ruck in Folge Auffahrens auf einen auf dem Pflaster liegenden Ziegelstein verlor der Knabe den Halt und fiel so unglücklich auf den Straßendamm, daß er mit gebrochenem Handgelenk liegen blieb. Er wurde zu einem Heilgehilfen gebracht, welcher ihm einen Nothverband an legte.
Eine Zigeunerbande bei Berlin . Aus Friedrichshagen wird gemeldet: Eine Zigeunerbande, sammt Kind und Kegel, 120 ungewaschene und ungefämmte Köpfe start, beglückte dieser Tage die zwischen Köpnick und Friedrichshagen im Wald und am Waffer gelegene Villenkolonie Hirschgarten" mit ihrem so ,, lieben und werthen" Besuch. Sie führten 25 und etliche Wagen, von welchen sich einige sogar durch eine gewisse Eleganz aus zeichneten, und eine doppelt so große Anzahl von mitunter recht hübschen Pferden mit sich. Die Häupter der Bande mit ihren Weibern, bei welchen die verschiedenen Verwandtschaftsgrade gewiß recht bunt durcheinander liefen, schlugen sofort, ohne daß es der Wirth, Herr Sauer, verhindern konnte, ihr Hauptquartier in den eleganten Räumen des Hirschgarten- Restaurants auf und bewährten sich- Geschäft bleibt Geschäft als feine Gäste"; denn die Herren Zingari tranten eine ganz stattliche Batterie Wein, und zwar von einer Marke, die nicht von schlechten Eltern war. Draußen aber auf der Chaussee, den Wiesen, zündeten die übrigen braunen Gesellen mächtige Lagerfeuer an und lagerten fich malerisch im bunten Gemisch, Männer, Weiber und Kinder um dieselben herum. Die Garderobe der Kinder, darunter schon halbwüchsige Knaben und Mädchen, war die denkbar primitivste und ließ nichts mehr zu errathen übrig. Als ein Herr aus Friedrichshagen einen Knaben von etma 8 Jahren, welcher thatsächlich nur mit einem Hemdkragen einem sogenannten Vatermörder bekleidet war, fragte, ob ihm denn garnicht falt fei, antwortete dieser: Nix talt, aber bitti, bitti, fünf Pfennig auf Bigarli!" Er erfuhr ferner, daß die Bande, aus dem Heveser Komitat stammend, bereits seit 30 Jahren nomadifirend durch az egesz Europai Bismarckorszag"( das ganze europäische Bismard- Land) ziehe und jetzt, nachdem die Bande wieder ihre ursprüngliche Zahl von 120 Köpfen erreicht habe, heimwärts lente.
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von drei Kindern ist, gelingt, eine Frau in den vierziger Jahren, die bereits zwei Männer betrauert hat, zu leichtsinnigen Streichen zu verlocken und ihr weiszumachen, er werde ste in wenigen Wochen an seinen Herd führen, und wenn die glück liche Wittwe fich aus ihrem seligen Traum durch keine Ware nung, feine Beobachtung, die sie selber macht, reißen läßt und erst zu allerleßt, durch die Gewalt der Umstände gezwungen, einfieht, daß fie betrogen seiso fehlt der an fich traurigen Geschichte nicht eine fleine Dofts Humor. Sie hatte ihn in Grünau kennen gelernt. Mit einer unverheiratheten Freundin hatte sie, die lebensluftige Wittwe Amalie Sch., eine Partie dahin unternommen und nun saßen die beiden Frauen an einem grünen Gartentische, tranten Kaffee und aßen mitge brachten Kuchen dazu. Die Wittwe sah in ihrem schwarzen Trauerkostüm wirklich allerliebst aus; man hätte ihr Alter auf dreißig Jahre geschäßt, so blühend sah sie aus, so gut waren ihr die zwei Chen bekommen, die fie hinter sich hatte. Sie war unstreitig hübscher, als ihre Nachbarin, eine zusammengeschrumpfte alte Jungfer, die noch recht jugendlich gekleidet war. Ein einsamer Herr war schon einige Male an dem Tische vorbeigegangen und hatte die Aufmert samkeit der beiden Frauen erregt. Schließlich entschloß er sich, grüßte höflich und fragte, ob noch für ihn ein Pläßchen am Tische frei sei. Es war vorhanden, die Frauen rückten bei Seite und der Herr setzte sich. Er begann ein Gespräch, man unterhielt fich und er stellte sich den Damen vor: Kaufmann Emil Schneider. Herr Schneider zeigte sich von der besten Seite, er verstand ausgezeichnet zu plaudern und legte ein feines Benehmen an den Tag. Zu verschiedenen Malen schon hatte die Wittwe heimlich nach der rechten Hand der neuen Bekannt schaft gespäht, aber der verhängnißvolle Goldreifen, den fle selber in zwei Exemplaren frug, war nicht zu sehen. Noch mehr wurde fie durch die beiläufige Bemerkung des Herrn Kaufmann beruhigt, er fühle fich recht einsam in Berlin , da er unverheirathet sei und erst seit kurzer Zeit fich hier aufhalte, wo er ein Geschäft zu erwerben gedente. Es machte sich wie von selber, daß beim Aufbruch der Herr der Wittwe galant den Arm und seine Begleitung anbot. Neben dem Paare trippelte die alte Jungfer mit süßlichem Ge ficht, hinter welchem sie nur schlecht einen gewiffen Aerger ver barg. Die Wittwe war menschenfreundlich genug, den einsamen Fremdling in Berlin seiner Verlassenheit zu entreißen. Man traf sich, der Herr wagte die Wittwe in ihrer Wohnung aufzus suchen und wurde nicht hinaus gewiesen. Sie machte ihn auf die wunderschöne ,, Einrichtung", die sie von ihrem Seligen geerbt, aufmerksam und erkundigte sich bei ihm, ob er nicht ein ficheres Bankinstitut wüßte, das höhere Prozente zahle, als die Städtische Sparkasse. Das Glück schien für Herrn Schneider auf der Straße zu liegen und er griff zu. Sein Heirathsantrag wurde mit einem verschämten Ja beantwortet; die Wittwe war entschlossen, zum dritten Mal ihr Lebensschifflein mit einem anderen zu verketten. Aber der Neid der Welt schläft nicht. Jene Freundin, die boshafte alte Jungfer, erschien eines Tages bei der Wittme, that so, als habe sie keine Ahnung, daß jene sich wieder verlobt habe, sprach von allem möglichen und ließ beim Fortgehen wie nebensächlich die Frage fallen, ob die Freundin jene Grünauer Bekanntschaft, jenen Herrn Schneider, seitdem wieder einmal gesehen habe. Als die Wittme erstaunt mit Ja antwortete, erzählte die Jungfer ganz flüchtig, fie habe den Herrn kürzlich mit einer Dame am Arme und drei Kinder bei sich getroffen. Das war genug für die Wittwe. Augenblicklich machte sie sich auf und erschien in der Wohnung ihres Verlobten. Herr Schneider that sehr unbefangen: habe er thr davon noch nichts erzählt, daß er, weil die Wohnung so groß sei, eine Untermietherin bei sich aufgenommen habe, eine ältere Frau mit drei Kindern? Daß er mit dieser Frau aber Arm in Arm gegangen sei, wäre eitel Verleumdung. Und wirklich, die Wittwe glaubte dieser plumpen Lüge. Sie glaubte
ihr um so mehr, als Herr Schneider, wie um alle Verdächti gungen zu zerstreuen, fünf Tage lang ununterbrochen bei ihr blieb. Hätte das ein verheiratheter Mann gefonnt? Die Wittwe schwamm so in Seligkeit, daß ihr selbst die ,, Geldverlegenheiten" nicht auffielen, in denen der Geliebte sich oft befand und aus denen fie ihn ebenso oft großmüthig be freite. Was spielen auch vierhundert Mart, so viel borgte fie ihm nach und nach, für eine Rolle, wenn das Herz einer vierzigjährigen Wittwe seinen Johannistrieb hat. Inzwischen rückte der Tag immer näher, am welchem Herr Schneider den Gang zum Standesamt mit der Wittwe anzutreten versprochen hatte. Noch furz vorher lieh er fich von ihr 60 M. zu„ nothwendigen Ausgaben". Und dann blieb er aus. Die Wittwe wartete und wartete und endlich kam ihr das Verständniß, daß fie einem Schwindler in die Hände gefallen war. Statt des Ganges zum Standesamt trat sie den Gang zur Polizei an, wo fie eine Denunziation gegen den Kaufmann Emil Schneider wegen Betruges" ergehen ließ. Rache wollte fie jetzt. Und sie ward ihr. Das Schöffengericht( Abzum ersten Male übrigens in dieser Hinsicht versucht, aber sofort ein Meisterstück geliefert hatte, zu zwei Monaten Ge fängniß. Sichtlich bewegt verließ die Wittwe den Gerichts saal, wo fie sehr erregt Beugniß abgelegt hatte, begleitet von ihrer Freundin, deren Augen schadenfroh blizten, während sie die Betrübte zu trösten schien, die außer um ihr Geld auch noch um das Vergnügen der dritten Ehe gekommen war.
Die Dummen werden wirklich nicht alle! Am legten Sonntag war ein junger Dekonomieinspektor, der zu dem Zwecke nach Berlin gekommen war, um hier seine gefüllte Geldbörse etwas zu erleichtern, nach dem Panoptikum gegangen, um in der Verbrecherkammer Studien zu machen. Hier gesellte sich ein feiner Mann zu ihm, mit dem, da derselbe sich ebenfalls für einen Stoppelhopfer" ausgab, bald Freundschaft geschlossen wurde. Beide gingen zunächst in ein Restaurant in der Behrentheilung 89) verurtheilte gestern den Heirathsschwindler, der sich straße, aßen daselbst zu Mittag, und auf den Vorschlag des neuen Freundes wurde beschloffen, gemeinschaftlich das Chara lottenburger Pferderennen zu besuchen. Sie fuhren mit der Pferdebahn nach Charlottenburg , wurden hier aber bald inne, daß kein Pferderennen stattfand, und nunmehr machte der neue Freund den Vorschlag, ein Bierrestaurant zu besuchen, wo fich eine lustige Gesellschaft vorfand. Hier wurden dem jungen Inspektor in furzer Zeit beim Kümmelblättchen" 100 M. ab= genommen und dann der Gerupfte seinem Schicksal überlassen. Um eine Erfahrung reicher hat derfelbe Berlin sofort verlassen, ohne fich um die Wiedererlangung des Geldes weiter zu füm mern oder Anzeige zu machen.
Polizeibericht. Am 8. d. M., Nachmittags, wurde ein Mann in seiner Wohnung in der Neuen Friedrichstraße erhängt vorgefunden. Gegen Abend wurde in einem Stallgebäude des Grundstücks Krautstr. 26 ein unbekannter Arbeiter todt vorgefunden. Anscheinend ist derselbe am Herzschlag ge= storben. Die Leiche wurde nach dem Leichenschauhause gebracht.
Gerichts- Zeitung.
Ein versuchter Selbstmord trug dem Droguenhändler Martini eine Anklage wegen Verkaufs von zu häuslichen Zwecken dienenden Giften an eine unzuverlässige Person ein. Der Tischlerlehrling Mar Schulz trug sich im Monat Mai cr. mit Selbstmordgedanken. Behufs Ausführung des geplanten Vorhabens holte er in dem Geschäft des Angeklagten für 15 Pf. Salzsäure und erklärte auf Befragen, daß die Säure zum Löthen gebraucht werde. Löthen gebraucht werde. Damit hatte sich der Angeklagte begnügt; ohne nach einer Legitimation zu fragen, verabfolgte er Sem Schulz die verlangte Säure, welche dieser alsdann aus trank. Im Lazaruskrankenhause, wohin der junge Lebensüberbrüffige gebracht wurde, gelang es, ihn dem Leben zu erhalten und vollständig wiederherzustellen. Der Angeklagte erklärte, den Mar Schulz für einen Klempnerlehrling angesehen zu haben, und diesem durfte er sehr wohl Salzsäure verkaufen. Der Gerichtshof war aber anderer Meinung; darnach hätte sich der Angeklagte unter allen Umständen eine Legitimation vor
legen lassen müssen, da er Gifte ohne solche nur an zuverlässige Personen verkaufen dürfe. Da der Fall aber milde liege, wurde die Strafe nur auf 3 M. eventuell 1 Tag Haft bemeſſen.
+ Für den Heirathsschwindler" scheint es in einer Beit, wo, wenn die Statistik nicht lügt, die Anzahl der Cheschließungen von Jahr zu Jahr abnimmt, sehr leicht zu sein, junge, unerfahrene Mädchen zu täuschen, ihnen ihre Ersparnisse abzunehmen und sie dann fißen zu laſſen. Wenn es aber einem verheiratheten Manne, der durchaus kein Adonis, aber Vater
Ein Handwerksbursche sah von der Landstraße durch ein geöffnetes Fenster einen gedeckten Tisch mit lockenden Nahrungsmitteln. Er vermochte der Versuchung nicht zu wider stehen; er stieg ein, feste fich bequem zu Tisch und aß sich satt, steckte auch noch eine Wurst in die Tasche, wobei ein silbernes Meffer mit hineinglitt. Beim Heraussteigen wurde der Handwerksbursche ergriffen und sodann unter Anklage gestellt. Die schwierige Frage ist, ob dem Handwerksburschen neben dem als Vergehen zu bestrafenden sogenannten Mundraub, der Entwendung von Nahrungsmitteln von unbedeutendem Werth zum alsbaldigen Gebrauch, ein einfacher Diebstahl oder ein schwerer Diebstahl nach§ 243 Nr. 2 des Strafgesetzbuchs zur Last falle. Das Reichsgericht löstel diese Streitfage durch Plenarbeschluß vom 7. Juli 1886. Ein schwerer Diebstahl liege vor, wenn eine einheitliche That vorliege; ein einfacher Diebstahl sei dann vorhanden, wenn mehrere selbstständige Thaten begangen seien. Der Spruch klingt einstweilen noch ziemlich geheimnißvoll; er ist dahin zu erklären: Stieg der Handwerks bursche mit dem Willen ein, überhaupt zu stehlen, dann machte er sich durch das Einsteigen und Stehlen des Meffers eines schweren Diebstahls schuldig; faßte er aber erst den Ents schluß, Sachen zu stehlen, als er bereits eingestiegen war, dann kann ihm nur ein einfacher Diebstahl zur Last gelegt werden.
Ostrowo . Unter Ausschluß der Deffentlichkeit wurde in ber Sigung des Schwurgerichts am 2. Dezember gegen den Müller Mix in Bieganin, Kreis Pleschen , verhandelt; der Angeflagte, ein 70 jähriger Greis, beging im August in Bieganin mit einem Mädchen von 13 Jahren unfittliche Handlungen. Das Mädchen erkrankte in Folge deffen und der Wüstling be fürchtete, daß seine Schändlichkeit dadurch ans Licht fäme. Um dem vorzubeugen, faßte er den Entschluß, das Kind aus der Welt zu schaffen. Diesen Plan führte er mit voller Ueberlegung aus, indem er die Hütte, in welcher das Kind sich allein befand, in Brand steckte, wodurch das legtere elendiglich umfam. Mir, der seine Verbrechen zum größten Theil einge stand, wurde zum Tode verurtheilt. Er nahm das Todesurtheil mit Ruhe und Gleichmuth auf; ebenso auch seine Frau und Kinder, welche, wie dem„ Pos. Tgbl." mitgetheilt wird, als. Hauptbelastungszeugen aufgetreten waren.