REDACTION

Nr. 1.

Sonntag, den 1. Januar 1888.

Vorwärts

esblatt

5. Jahrg.

Berliner Volksblatt.

Organ für die Interessen der Arbeiter.

Das Berliner Volksblatt"

W

scheint täglich Morgens außer nach Sonn- und Festtagen. Abonnementspreis für Berlin fret n's Saus vierteljährlich 4 Mart, monatlich 1,35 Mart, wöchentlich 35 Bf. Boftabonnement & Mart. Einzelne Nummer 5 Bf. Sonntage Nummer mit dem Sonntags- Blatt" 10 f. ( Eingetragen in ber Bofizeitungspreislifte für 1887 unter Nr. 837.)

us vollem Herzen guten Gruß

Insertionsgebühr

beträgt für die 4 gespaltete Betitzeile oder deren Raum 25 Pf. Arbeitsmarkt 10 Bf. BA größeren Aufträgen hoher Rabatt nach Uebereinkunft. Inserate werden bis 4 Uhr Nachmittags in Ser Expedition, Berlin SW., Bimmarstraße 44, sowie von allen Annoncen- Bureaur, ohne Erhöhung des Preises, angenommen.

Redaktion: Beuthstraße 2.

Beuthstraße 2.- Expedition: Expedition: Zimmerstraße 44.

3um Fest der neuen Jahreswende.

Euch allen, Freunde, einen Kuß Und Glückeswünsche ohne Ende!

Ach, könnt' ich, was ich wünsche, geben, Fürwahr

Ihr solltet allesammt erleben

Ein reiches, hochbeglücktes Jahr! Und mehr! Al' Eure Lebenslage Sie würde heiter, still und rein, Ganz ungetrübt von Noth und Plage, Des wahren Menschthums würdig sein. In allen Landen, allen 3onen Würd' in der licht'sten Herrlichkeit Im Bunde mit der Wahrheit thronen Die ewige Gerechtigkeit.

Am Arm des Friedens würde schreiten Der Gott der Liebe durch die Welt,

Und seine Hände segnend breiten

Wo Mensch zum Menschen sich gefellt. Frei, start in Recht und groß in Tugend,

neuen Jahr!

zum neuen

Der heutigen Nummer liegt für unsere Abonnenten Br. 14 des Sonntags- Blatt" bei.

Abonnements- Einladung.

Bum bevorstehenden Quartalswechsel erlauben wir uns zum Abonnement auf das

Berliner Volksblatt"

nebst dem wöchentlich erscheinenden Sonntagsblatt einzu­laden.

Der Standpunkt unseres Blattes ist bekannt. Es steht auf dem Boden des unbeugfamen Rechts. Die Erforschung und Darlegung der Wahrheit auf allen Gebieten des öffentlichen Lebens ist seine einzige Aufgabe. Als treuer Berather und Streiter für die Aufhebung und Ausgleichung der Klaffen­gegensäße ist das Berliner Volksblatt" ein entschiedener Gegner jeder Politit, die ihre Endziele in der Bevorzugung einzelner, heute schon mehr berechtigter Gesellschaftsklaffen findet.

Das Berliner Volksblatt" sucht seine Aufgabe durch fachliche Behandlung der politischen als auch der Tagesfragen zu erfüllen. Die gleichen Grundsäße leiten uns bei Be­Sprechung unserer städtischen Angelegenheiten.

Der Abonnementspreis beträgt für das ganze Viertel­jahr 4 Mark, monatlich 1,35 Mark, wöchentlich 35 Pf. Bestellungen werden von sämmtlichen Beitungsspediteuren, sowie von der Expedition unferes Blattes, Bimmerstraße 44, entgegengenommen.

Für außerhalb nehmen sämmtliche Postanstalten Be Stellungen an.

Erlöst aus finst'rem Hasses Bann, 3u blüh'n in immer neuer Jugend, Schlöß' Volt an Volk sich liebend an. Vorüber wär das grimme Streiten Und's Betteln um das liebe Brot, Und ausgetilgt für alle Beiten Der tausendfache Fluch der Noth. Des Elends Herrschaft wär beendet, Die jetzt auf Millionen ruht, Wenn Jeglichem das Seine spendet Der Arbeit heil'ge Segensfluth.

Das Alles schließt mein Wünschen ein,- Wird's dermaleinst wohl Wahrheit werden? Bricht wohl einmal die Zeit herein, Solch' hehren Glückes auf der Erden?

D, zweifelt nicht! Die 3eit wird kommen, Wir haben längst ihr Unterpfand, Schon ist ihr Morgenroth erglommen, Hell strahlend über allem Land!

Neujahr!

Ein schlimmes Jahr für die Armen und Besiglosen, für das nach Freiheit und Arbeit strebende Volt ist zur Rüste gegangen; ein Jahr, in welchem die Reaktion Sieg auf Sieg errungen, in welchem die arbeitenden Klassen in ihren fachvereinlichen und gewerkschaftlichen Bestrebungen schwere Verluste erlitten haben.

Die Neuwahl des Reichstages brachte, unter dem Ein­druck frivoler Kriegsgerüchte, eine Majorität von Leuten in den Reichstag , welche unter dem Namen Reichsfreunde", in den Wahlkampf eintraten, die sich aber später als ganz etwas Anderes zeigten.

Verdient das Streben des stark im Reichstage ver­tretenen Großgrundbesizes eine andere Bezeichnung? Sind die Bemühungen der Kartellbrüder", die Legislatur­perioden auf fünf Jahre zu verlängern, nicht ein Schlag gegen das allgemeine gleiche Wahlrecht, welches, soll es für das Volk überhaupt Werth haben, von kurzen Legislatur­perioden begleitet sein muß?

Ist das Streben der Bünftler und Innungsschwärmer" nach Einführung von Arbeitsbüchern" nicht ein Attentat auf die Würde freier Arbeiter, ein Vorgehen, welches das durch die Gewerbeordnung gewährleistete Recht, sich zur Erringung besserer Lohn- und Arbeitsbedingungen zu koaliren, geradezu illusorisch macht und die Arbeiter vollständig der Willkür der Arbeitgeber überliefert?

Wohin wir auch blicken, überall sehen wir die herrschenden Klassen, welche die Klinke der Gesetzgebung" in der Hand haben, eifrig bemüht, ihre Macht zu erweitern, den Starken mehr begünstigt als den Schwachen.

Die Redaktion und Expedition überall tritt uns eine Intereſſenpolitik entgegen, welche

des Berliner Volksblatt".

Feuilleton.

( Alle Rechte vorbehalten.)

( Nachbruc verboten.)

Die Stiefmutter.

Skizze von P. Heinrich.

,, Und liebst Du mich auch wirklich?" " Wie kannst Du nur so fragen."

" 1

Du hast Recht, der Zweifel, der in diesen wieder­holten Fragen liegt, mag wohl gewissermaßen kränkend und verlegend sein, allein wenn ich mir alles so überlege, wie es gekommen, erscheint es mir wie ein und die Wirklichkeit erscheint mir wieder un­

Traum

faßbar."

11

Warum das, mein Kind?"

" Ich frage mich, wie ich ein solches Glück verdiene, und welchen Anspruch ich auf eine solche Liebe erbeben kann, die mir das Schicksal nunmehr beschieden. Ich bin Wittwer und um ein Vierteljahrhundert älter als Du; ich habe eine Tochter, die fast in gleichem Alter mit Dir steht, ich bin ein einfacher Geschäftsmann, der über keine großen Güter verfügt, und trotz alledem haft Du, ge­liebte Henriette, mich gewählt. Ein Glück wie das, das mir beschieden, kann nicht ungetrübt sein, so sage ich mir, und mit diesem Gedanken gehe ich zu Bette, stehe ich Morgens auf und trage ich mich den ganzen Tag

herum

11

Du thust Unrecht daran, mein Karl; wenn Dir wirklich das Glück so groß erscheint, so nimm es und genieße es.

Keineswegs thust Du aber Recht daran, Deine eigenen Vor­züge so ganz unbeachtet zu lassen. Glaust Du denn wirklich, daß ich die freie Wahl getroffen hätte, wenn ich mir nicht hätte sagen können, daß ich unter Deinem liebevollem Schuße einer glücklichen Bukunft entgegengehe? Oder sollte etwa ich will nicht daran denken die Baterliebe stärker sein, als die Gattenpflicht, und sollte dieser Umstand vielleicht Deine

Gedanken trüben?"

-

Da Du diesen Punkt berührst, will ich offen mit Dir sprechen. Ich hatte heute Nacht einen seltsamen Traum, ich will ihn Dir ganz erzählen, sei Du die Deuterin." ,, Lass' hören, ich bin gespannt."

Komm, set' Dich an meine Seite, mein Kind.. so so. nun höre einmal an. Es war am Tage des jüngsten Gerichts. Weit hin in unabsehbarer Fernen stand in bunter Menge die sündhafte Menschheit, in feierlichster Stille lauschend. Ich stand vorne, in erster Reihe, ver­sunken ganz in das majestätische Bild, das sich vor meinen Augen entrollte. Ich weiß nicht mehr, was ich Alles da gesen; nur Eines ist mir noch in Erinnerung und steht lebhaft vor mir, als sähe ich es jetzt noch es erhob sich ein prachtvoller Thron, aus Sammt, reich mit Gold gestickt; die goldene Krone über diesem Throne funkelte von Brillanten und Edelsteinen, die das Auge blendeten; und merkwürdig, dieser herrliche Thron war mit einem Spinngewebe über zogen, so zwar, daß man daraus schließen konnte, er habe im Laufe der Zeiten keinerlei Verwendung gefunden. Diese Erscheinung wirkte so seltsam auf mich, daß ich nicht umhin konnte, an meinen Nachbar zur Rechten, einen Greis, dessen Gesicht von langem, silberweißem Barte umrahmt war, die Frage zu richten, welche Bewandtniß es denn eigent

Wir ahnen froh der Zukunft Segen, Erfüllt mit neuem Schaffensdrang, Und ringen muthig ihr entgegen Und grüßen sie mit Hymnensang. Otling hinaus, wie Frühlingswetter, Das neu begrünt das öde Feld- Den franken Herzen ein Erretter

-

Du Sang der Hoffnung durch die Welt! Sei der Erzeuger neuen Lebens,

Dem teine Macht die Kraft mehr nimmt, Wo noch ein Funke edlen Strebens Für's Menschenrecht im Busen glimmt! Du heil'ger Geist des Menschthums, leite Uns wie seither treu, stark und wahr, Und trag' uns das Panier zum Streite Hochflatternd vor im neuen Jahr! Leih deinen Kämpfern neue Stärke Und schenk' all' Denen deine Gunst, Die treu sich müh'n am großen Werke In Arbeit, Wissenschaft und Kunst!

Die letzten Wochen haben durch die Erhöhung der Getreides zölle deutlich gezeigt, daß die Majorität des Reichstages, statt durch die Forderung der Aufhebung und Beseitigung der indirekten Steuern den Versuch zu machen, die unge= heure Majorität des Volkes zu entlasten, im Gegentheil ihre gesetzgeberische Macht dazu benutzt, dem Volke neue ,. die nothwendigsten Lebensmittel vertheuernde, indirekte Steuern aufzuerlegen.

Der nothleidenden Landwirthschaft, sagte man, müsse geholfen werden, aber nur den wenigen über enorme Ver­mögen verfügenden Großgrundbesißern wird der Löwenan­theil aus der Preiserhöhung des Getreides zufließen.

Während auf der einen Seite durch 3ölle auf Lebens mittel die Lebenshaltung der Arbeiter herabgedrückt wird, wird andererseits verhindert, daß die arbeitende Bevölkerung in gemeinsamer Thätigkeit ihre Interessen selbstständig vertritt, und verurtheilt, indem man vermittelst des Ausnahmegesetzes die meisten Fach- und Gewerksvereine sowie fast alle Arbeiterversammlungen verbietet, die arbeitenden Klassen zu lähmender Thatlosigkeit.

Die Konsequenz dieses Vorgehens ist die wachsende Macht der Unternehmer, die schließlich in der Lage find, ihren Arbeitern jede Bedingung sowohl in Bezug auf Lohn als auch auf die Art und Dauer der Beschäftigung aufzus zwingen.

Die sogenannte positive Sozialreform" der Regierung, die sich als eine erweiterte Armenpflege und Almosengefeß­gebung, deren größter Theil überdies noch von den Ar beitern getragen werden muß, darstellt, ändert diese 3u­stände nicht ab.

Nicht Wohlthaten soll man den Arbeitern gewähren, sondern den herrschenden Klassen muß klar werden,

lich mit diesem Throne habe, der so vereinsamt dastehe. Und in ernstem und bedächtigem Tone erwiderte der Ge­fragte: Dieser Thron ist für jene Stiefmutter bestimmt, die das ihrer Pflege anvertraute fremde Kind wie ihr eigenes behandelt, mit gleicher mütterlicher Liebe und 3ärtlichkeit, mit gleichem Wohlwollen und gleicher Fürsorge. Bis jetzt hat keine Stiefmutter die Anwartschaft auf diesen Thron

errungen.

In demselben Augenblicke ertönte wieder Posaunenschall und ich erwachte."

Es trat eine kleine Pause ein. Braut und Bräutigam sahen einander stillschweigend an. Endlich brach Henriette das Schweigen. Sie legte ihre Hand in die ihres Karl, und voll Innigkeit und Herzlichkeit sagte sie ihm: Ich verstehe Dich, ich will Deinem Kinde eine wirkliche Mutter sein!"

Karl und Henriette lebten im besten Einvernehmen. Nichts trübte ihr eheliches Glück. Nichts? Dem äußeren Anschein nach nichts.

Die Liebe, die wahre, aufrichtige und uneigennützige Liebe hatte diesen Bund geschlossen, und sie herrschte im Hause wie ein gütiger Engel. 3wei Jahre waren seitdem verflossen, und was man sah und hörte, war geeignet, den Bund als einen glücklichen bezeichnen zu können.

Karl P. war ein Geschäftsmann in des Wortes bester Bedeutung. Gifrige Thätigkeit und Ehrlichkeit verschafften ihm unter seinen Berufsgenossen und auch über diesen Kreis hinaus den besten Kredit und rückhaltslose Anerkennung. Sein Geschäft profperirte auch und von materiellen Sorgen blieb er ver­