Nr. 151.

Dienstag, den 2. Juli 1889.

6. Jahrg.

Berliner Volksblatt.

Drgan für die Interessen der Arbeiter.

seid du Das, Berliner Bolksblatt"

erscheint täglich Morgens außer nach Sonn- und Festtagen. Abonnementspreis für Berlin frei in's Haus vierteljährlich 4 Mart, monatlich 1,35 Mart, wöchentlich 35 Pf. Einzelne Nummer 5 Bf. Sonntags- Nummer mit dem Sonntags- Blatt" 10 Pf. Bei Abholung aus unserer Expedition Zimmerstraße 44 1 Mart pro Monat. Postabonnement 4 Mark pro Quartal. ( Eingetragen in der Postzeitungspreislifte für 1889 unter Nr. 866.) Für das Ausland: Täglich unter Kreuzband durch unsere Expedition 3 Mark pro Monat.

Redaktion: Beuthffrahje 2.

Offiziöses Material.

I.

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Das Aufsehen und immer ernster werdende Kopfschüt teln, welches die Angriffe unserer Offiziösen auf das ,, wilde" Land, die Schweiz , im In- wie Auslande ganz allgemein hervorgerufen haben, scheint an einflußreicher Stelle das Bedürfniß nahe gelegt zu haben, der öffentlichen Meinung eine Art Rechtfertigung für die Aktion gegen die Schweiz zu geben. Dieses Bedürfniß mochte um so dringender em­pfunden werden, als die beiden Schüßlinge der Kreuzztg." und der Nordd. Allg." die ehrlichen Sozialdemokraten", wie sie fich gegenüber der Büricher Post" nannten, und unbescholtenen Reichsbürger", als welche sie sich in ihrer Eingabe an den deutschen Gesandten vorstellten, Maack und Mollack fich später als sehr zweifelhafte Herren heraus­stellten, von denen der eine sogar noch eine kleine Rechnung wegen Betruges 2c. vor dem Strafrichter in Gera zu be gleichen hat und zu diesem Behufe erst vor einigen Tagen per Schub nach dort transportirt worden ist, nicht ohne daß vorher ihn auch der Züricher Strafrichter noch wegen diverser Schwindeleien abgewandelt hätte.

Aber nicht nur der mit Maack und Mollack versuchte Beweis mißglückte, daß die Schweiz zu den, wilden" Ländern gehöre, und zwar für die sozialistisch- anarchistischen Verbrecher banden ein sicherer Schlupfwinkel" sei, in der aber die loyalen deutschen Reichsbürger vogelfrei" sind und des Schutzes der Behörden entbehrten. Noch schlimmer war der Reinfall mit dem Polizei- Inspektor Wohlgemuth und feinem Auftrag an den Schneider Luz, nur luftig darauf los zu wühlen".

Diese Schlappen auszuweßen und der Welt zu zeigen, daß die Schweiz wirklich nichts weiter sei, als der Hort und Schlupfwinkel der internationalen sozialrevolutionären Ver­

brecherwelt, und daß dort die Kugeln gegossen und vergiftet werden, mit denen die Schüsse auf die Träger der sozialen und politischen Ordnung im monarchischen Europa ausge­führt werden sollen, diesen Beweis zu führen, das hat nun Herr Kommiffionsrath Pindter unternommen und in den Spalten seines Organs bereits eine Reihe von Artikeln darüber gebracht.

Diese Veröffentlichungen haben nun zweifellos einen Oberoffiziofus zum Verfasser, was sich schon daraus ergiebt, daß ihr Hauptinhalt regelmäßig durch die offiziösen Tele graphenbureaus in das Land getragen wird. Dann aber gehen wir wohl auch nicht in der Annahme fehl, daß der Inhalt, soweit er sich auf thatsächliche und persönliche An­gaben stützt, wesentlich unter Buhilfenahme von Informa­tionen seitens der politischen Polizei fertiggestellt worden ist. Diese Herkunft und die Bedeutung, welche diesen Aus­laffungen in einem großen Theil der Presse beigemessen werden, veranlassen uns, demselben näher zu treten und den darin enthaltenen positiven Angaben in Bezug auf ihre

Feuilleton.

INachbruck verboten.]

Ein Goldmensch.

Roman von Maurus Jókai . Erstes Buch. Die heilige Barbara . dfdog Erstes Kapitel.

Das eiserne Thor. Eine Gebirgskette, mitten durchbrochen, vom Gipfel bis zum Fuß, auf eine Strecke von vier Meilen; die beiden Seiten bilden hohe, gerade Felswände, die zu einer Höhe von sechshundert bis zu dreitausend Fuß aufsteigen, dazwischen ber Riesenstrom der alten Welt: der Ister, die Donau ,

Hat die angedrängte Wassermasse sich dies Thor selbst ausgebrochen, oder hat das unterirdische Feuer die Bergkette gesprengt? schufen Neptun oder Vulkan, oder beide zusammen bies Götterwerk, wie es selbst die stählerne Hand des Menschen unseres mit den Werken der Götter wetteifernden Jahrhunderts nicht zu schaffen vermöchte?

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Von dem Walten des einen Gottes zeigen sich Spuren auf dem Berggipfel der Frusta Gora" in den zerstreuten versteinerten Seemuscheln und in der Veterani- Höhle" mit den foffilen Ueberresten meerbewohnender Saurier; von dem anderen Gotte erzählen die Basalte der Piatra Detonata". Den dritten, den Menschen mit der stählernen Hand, ver­fünden die in den Felsen eingehauenen langen Ufergalerien, eine Chauffee, die zugleich überwölbt ist, die Pfeilertrümmer einer riesigen Steinbrücke, die in die Felswand basreliefartig eingemeißelte Denktafel und ein mitten im Strombett auß­getiefter, zweihundert Fuß breiter Kanal, durch welchen auch größere Schiffe fahren fönnen.

Das eiserne Thor hat eine zweitausendjährige Geschichte

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Insertionsgebühr

beträgt für die 4 gespaltene Petitzeile oder deren Raum 40 Pf., für Vereins- und Versammlungs­Anzeigen 20 Pf. Inserate werden bis 4 Uhr Nachmittags in der Expedition, Berlin SW., Bimmerſtraße 14, ſowie von allen Annoncen- Bureaux, ohne Erhöhung des Breises, angenommen. Die Expedition ist an Wochentagen bis 1 Uhr Mittags und von 3-7 Uhr Nachmittags, an Sonn- und Festtagen bis 10 Uhr Vormittags geöffnet. Fernsprecher: Amt VI. Nr. 4106.

Expedition: Bimmerffraße 44.

Wahrhaftigkeit etwas auf den Bahn zu fühlen. Wir halten uns dazu um so mehr für verpflichtet, als wir in der Lage zu fein glauben, manche Unebenheit, die in der Darstellung der Nordd. Aug. 3tg." mit unterlaufen ist, gerade rücken zu können, und weil wir außerdem der Meinung sind, daß es zur Klärung der Sache wirklich nur von Nutzen sein fann, wenn auch die Kehrseite des Bildes in die richtige Beleuchtung gerückt wird. Außerdem wird auch der Menge die Beurtheilung des Falles dadurch wesentlich erleichtert, wenn sie nach altdeutschem Grundsatz: eines Mannes Red' 2c." in die Lage versetzt ist, beide Theile zu hören. 3ur Aufklärung für das Publikum sind ja aber die Ver­öffentlichungen in der Nordd. Allg. 3tg." doch wohl in erster Linie bestimmt?

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Also sehen wir uns die in denselben enthaltenen An­gaben etwas näher an!

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in

Der Offiziofus leitet feine Arbeit, ganz Uebereinstimmung mit dem Schema, das für die Geheimbundsprozesse in Chemnitz - Freiburg ,, großen" und jetzt jetzt auch in Elberfeld zur Anwendung fam, mit dem Hinweis darauf ein, daß die sozialdemokratischen Führer nach Erlaß des Sozialistengesetzes 1878 den Schwerpunkt

und

ihrer aufrührerischen Thätigkeit nach der Schweiz " verlegt haben. Weiter behauptet er, daß die sozialrevolutionäre Propaganda von dort aus in zwei Richtungen thätig war: erstens durch Verbreitung des Sozialdemokrat" und anderer sozialrevolutionärer Druckschriften, und zweitens durch För= derung der Verbreitung durch Lokalbe­hörden.

wie es ihnen beliebt. Das mag schlimm, aber ohne Anexion schwer zu ändern sein.

Uebrigens sei bei der Gelegenheit wiederholt daran erinnert, daß gerade von den Gegnern des Sozialistengesetzes als nothwendige Folge desselben und als gewichtigen Grund, gegen den Erlaß eines solchen Ausnahmegefeßes, darauf hin­gewiesen wurde, daß die verpönte schriftliche Propaganda dann vom Auslande aus betrieben werde, und daß damit sicher nur Beelzebub gegen den Teufel eingetauscht werde. Wenn diese Voraussage eingetroffen ist und nach den Darlegungen der Nordd. Allg." ist das ja der Fall dann beweist das doch nur, welch' bittere Früchte das So­zialistengeset seinen Vätern selbst einträgt, und wie wenig der Geist wahrer Staatsmännlichkeit bei dem Erlaß desselben Gevatter gestanden ist.

Außerdem aber noch Eins! Der Sozialdemokrat" ist nicht sofort nach Erlaß des Sozialistengefeßes gegründet worden. Das Gesetz trat am 21. Oktober 1878 in Kraft und erst am 28. September nächsten Jahres, also volle 11 Monate später, erschien die erste Nummer des Sozialdemokrat". Was aber wurde in dieser Probenummer als Grund für das Erscheinen des Blattes angegeben? Wir wissen nicht,

der Fall sein, dann ist man am Moltenmarkt, wo ja mehrere Bollexemplare sauber gebunden vorhanden sind, gewiß gern erbötig, ihm einen Einblick in die Probenummer zu gestatten.

Und da wird sich der geehrte Herr überzeugen können, daß als Grund für das Erscheinen des Blattes der Umstand als maßgebend und entscheidend angegeben ist, daß trotz der Er­

An diesen Angaben ist nun wahr, daß der Sozial- klärung des Grafen Eulenburg, wonach es den Herren demokrat " und andere verbotene, d. h. nur in Deutsch land verbotene, sozialdemokratische Druckschriften in schweizer Druckereien längere Jahre hindurch hergestellt wurden. Die

Herstellung dieser Schriften geschah in der Schweiz aber öffentlich und ohne gegen die dortigen Gesetze zu ver­stoßen und sie waren dort und sind auch heute noch sowohl durch den Buchhandel wie durch die Kolportage 2c. zu be ziehen. Daß dem so ist, daran sind zwei Dinge schuld:

1. daß die Schweiz kein Sozialistengeseh, wie überhaupt tein Ausnahmegesetz gegen irgend eine politische Partei oder soziale Klasse kennt, und

2. daß in der Schweiz volle Preß und Redefreiheit herrscht.

Das mögen in den Augen gewisser Leute schwere Mängel sein, und sind es bei den Informatoren der Nordd. Allg." ganz gewiß. Aber die zurückgebliebenen" Republikaner , die jenseits des Bodensees hausen, haben eben in diesem Punkte noch andere Anschauungen. Und so lange der ja jetzt bereits öffentlich aufgetauchte Vorschlag der Theilung der Schweiz , von den Friedensmächten" noch nicht ausgeführt ist, haben die Schweizer Bürger eben das Recht, ihre öffentlichen Angelegenheiten so zu ordnen,

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Liebknecht und Most unbenommen bleiben sollte, auch unter dem Ausnahmegesetz Blätter herauszugeben, nur müßten daraus die verpönten, umstürzlerischen Bestrebungen fort

bete Blätter unterdrückt wurden. Gleichgiltig was sie für einen Inhalt hatten, nur weil Herausgeber oder Redakteure notorisch" Sozialdemokraten waren. Diese polizeilich geübte Praxis fand auch keine Korrektur bei der Reiches tommission, wofür Beweise eventuell gern zur Verfügung stehen.

bleiben, die gesammte Arbeiterpresse verboten und neugegrün­

Das also war der Anlaß für die Gründung des ,, Sozialdemokrat".

Wäre diese Praris nicht geübt worden und wäre der Grundsaß, daß ein Verbot nur gerechtfertigt sei, wenn in der Druckschrift Bestrebungen zu Tage treten, welche auf den Umsturz u. f. w. gerichtet sind, auch in den ersten Jahren nach Er­laß des Ausnahmegesezes beachtet worden, wie er ja in den letzten Jahren hier und da thatsächlich zur Anerkennung ge langt ist und auch zu einer Reihe von Verbotsaufhebungen geführt hat, wer weiß, ob das so aufrichtig gehaßte Blatt je ins Leben gerufen worden wäre.

Druck erzeugt eben Gegendruck, und wie schwer der Druck des Ausnahmegesetzes in den ersten Jahren nach Er­

und vier Nationen die Römer, die Türken, die Nu­mänen und die Ungarn nennung gegeben.

Weinlaub einen Teppich um sie webt. Reine mensch haben ihm eine vierfache Be- liche Wohnung ist im Thale zu schauen, ein flares

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Es ist, als näherten wir uns einem von Riefen erbauten Tempel mit Pfeilern, welche aus Felsen bestehen, mit thurmhohen Säulen, mit wunderbaren Kolossen auf den himmelhohen Friesen, in welchen die Phantasie Heiligen ftatuen zu erblicken glaubt; und diese Tempelhalle vertieft fich in eine vier Meilen lange Perspektive, macht Wen­bungen, zeigt neue Dome mit anderen Mauerngruppirungen, anderen Wundergebilden; die eine Wand ist glatt, wie ge­meißelter Granit, rothe und weiße Adern durchziehen sie im 3ickzack, wie Buchstaben einer geheimnißvollen Götterschrift; an einer anderen Stelle ist die ganze Berglehne rostbraun, als wäre sie aus gediegenem Eisen; hie und da zeigen die als wäre sie aus gediegenem Eisen; hie und da zeigen die schräg liegenden Granitschichten die kühne Bauart der Titanen; und bei einer neuen Wendung kommt uns sogar das Portal eines gothischen Domes entgegen, mit seinen spißigen Thurm­giebeln, seinen aneinander gedrängten Basaltpfeilern; und aus der russigen Wand leuchtet hin und wieder ein gold­gelber Flecken hervor, wie eine Seitenfläche der Bundeslade: dort blüht der Schwefel. Es ist eine Erzblume. Aber auch mit lebenden Blumen prangen die Wände; aus den Rissen der Gesimse hängen grüne Feftons herab. Es sind dies riesige Laub- und Nadelbäume, deren dunkle Masse von rothen und gelben Guirlanden reifverbrannter Gebüsche bunt durchsetzt wird.

Dann und wann unterbricht die Pforte einer ausmün­denden Thalmulde die endlose, schwindelnde Doppelmauer und gewährt uns einen Einblid in ein verborgenes, von Menschen unbewohntes Paradies.

Hier zwischen den beiden Felfenwänden ist ein düsterer Schatten gelagert, und in dies Tagesdunkel lächelt, wie eine Feenwelt, das Bild eines sonnigen Thales hinein, mit einem Wald wilder Reben, deren röthliche kleine Trauben den Bäumen ihren Farbenschmuck leihen und deren buntes

Bächlein schlängelt sich hindurch; Hirsche löschen furchtlos ihren Durst daraus; das Bächlein stürzt dann wie ein Silberband über das Felsenufer hinab. Tausende und Tausende fahren an diesem Thal vorüber und Jeder denkt bei sich: Wer mag wohl darin hausen?

Das Thal bleibt zurück und wiederum folgt das Bild eines anderen Tempels, noch großartiger und schauerlicher als die vorigen; die beiden Wände sind einander schon auf hundertvierzig Klafter näher gerückt und ragen dreitausend Fuß hoch in den Himmel hinein. Jener weit vorstehende Felsen auf der Spiße ist die Gropa lui Petro", das Grab Sankt Petri; die beiden gigantischen Steingebilde auf beiden Seiten sind seine beiden Apostel- Gefährten. Jener Stein­riese ihm gegenüber ist der Babils", und der die Aussicht verschließende ist der Golumbaczka Mali", der große Taubenfels; jener aber, dessen graue 3inne ihn überragt, ist der weithin sichtbare Rasbojnik Veliki", der hohe Räuberberg.

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Und zwischen diesen beiden Wänden fließt unten in ihrem Felsenbett die Donau .

Der große herrliche Ur- Strom, der gewohnt ist, weiter oben, auf der ungarischen Ebene, in einem tausend Klafter breiten Bett mit majestätischer Ruhe an seinen Ufern vorüberzu­ziehen, mit den in seine Fluthen herabhängenden Weidenbäumen zu fosen, in die schönen blühenden Felder hinauszublicken, und mit den leise flappernden Mühlen zu plaudern, sieht sich hier eingezwängt in einen nur hundertvierzig Klafter breiten Felsenpaß.

Ha, mit welchem 3orn er hindurchbricht! Wer ihn bis­her auf seiner Wanderung begleitet, erkennt ihn nicht wie­der. Der greife Riese verjüngt sich zum unbändigen Helden­jüngling; seine Wellen hüpfen über das Felsenbett hinweg, aus dem hie und da eine riesige Steinmaffe hervorragt, wie ein gespenstischer Altar! der riesige" Babagay", der gekrönte