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Beilage zum Berliner Voltsblatt.
Nr. 154. sin
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Lokales.
Die Witterung des Monats Juni dieses Jahres. Das Jahr 1889 ist in meteorologischer Hinsicht ein überaus merkwürdiges. Auf den lang anhaltenden Winter folgte von Mitte April ab eine Wärmeperiode, die das eigentliche Frühjahr nur auf wenige Tage beschränkte und uns dann sogleich mitten hinein in den Sommer versezte. Diese Wärmeperiode hat 2 Monat ohne irgend wesentliche Unterbrechung angehalten. Wir wiederholen, was in lezter Zeit mehrfach ausgesprochen ist, daß jede Prophezeihung bezüglich des kommenden Wetters, foweit man fie auf zu warme oder zu kalte Perioden der Vergangenheit stüßt, vom Uebel ist. Hat auch die Witterung und vor allem die Wärme das Bestreben, alle extremen Borgänge auszugleichen, so geschieht doch dieser Ausgleich oft ungemein langsam und so unregelmäßig, daß nichts verfehlter wäre, als zu sagen: weil wir einen warmen und sonnigen Mai und Juni gehabt haben, muß der Juli kalt und regnerisch sein. Ein Wunder wäre es allerdings nicht, wenn ein fühler Hochsommer folgte, und wir rathen niemandem, auf die Beständigfeit des diesjährigen Sommers fefte Pläne zu bauen. Jedenfalls enthalten wir uns jeder Prophezeihung, wie wir es überhaupt nach dem heutige Stande der Meteorologie für unmöglich balten, das Wetter auf länger als 1-2 Tage auch nur mit einiger Sicherheit vorauszubestimmen. Selbst die Wetterprognosen für diese furzen Perioden sind ja oft unzuverlässig, denn die barometrischen Minima, die Cirruswolfen u. drgl. gehen nicht auf Schienenwegen, haben vielmehr oft ihren Sinn und ihren Weg für sich.
Wenn Cirruswolken am Himmel steh'n, Giebt's Regen oder es bleibt auch schön; In Menschen und in Tirren
Kann man sich manchmal irren.
Das ist ein wahrer und treffender Reimspruch, den einmal rin Wigblatt vor 8-10 Jahren, zur Zeit der höchsten Blüthe der Wetterprognosen brachte.
Der Mai war in seinem ganzen Verlaufe zu warm; es war feine Stunde im ganzen Monat, die nicht einen Wärmeüberschuß im Vergleich zu dem normalen Thermometerstande hatte, und im Mittel betrug diese Abweichung von der Normaltemperatur 6,1 Gr. Der Mai mit seiner Mitteltemperatur von 19,2 Gr. war wärmer rmer als der Juli zu ſein pflegt, und er war der wärmste Wonnemonat seit Beginn der meteorologischen Beobachtungen, d. i. feit 1719. Der Juni erreichte nun zwar den Vormonat in dieser Erzentrizität nicht ganz, immerhin aber war er ganz außergewöhnlich warm. Seine Mitteltemperatur betrug im Monatsdurchschnitt 21,7 Gr., während nach langjährigen Beobachtungen für den Juni 17,4 Gr. normal sind. Der Berichtsmonat war also um 4,3 Gr. zu warm. Ver folgen wir aus den Beobachtungen früherer Jahre die Junimonate, welche absonderlich heiß waren, so finden wir die Jahre 1756 mit 21,8 Gr. 1757
20,5
Jun 1761
21,1
H
1775
"
21,1
1783
20,9
"
1811
" 1
1858
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1877
20,4 20,3 19,8
H
H
"
21,7
"
1889
denen sich nun anschließt. Der diesjährige Juni wird also nur noch von dem des Jahres 1756 übertroffen und zwar um 0,1 Grad. Seit 133 Jahren war jedenfalls kein Juni so warm, wie der letzte, and besonders in unserem Jahrhundert blieben die Junimonate erheblich hinter dem diesjährigen zurück, während im vorigen Jahrhundert mehrere Monate ihm annähernd gleichfamen. Insbesondere zeichnete sich die Periode von 1755 bis 1763, also die Zeit des siebenjährigen Krieges, durch warme Junimonate aus.
Wenn wir mun den Verlauf der Witterung in Berlin während des Juni d. J. an der Hand der in dieser Zeitung veröffentlichten meteorologischen Beobachtungen genauer verfolgen, so finden wir, daß der Monat mit einer Reihe ganz beispiellos heißer Tage begann; am 11. brachte ein Gewitter mit starkem Regen eine vorübergehende Abfühlung, doch wurde es bald wieder wärmer, wenn auch die Temperatur die frühere Höhe nicht mehr erreichte; erst vom 19. ab ging die Temperatur merklich herab, so daß fie am 20. gerade normal war und am 21. zum ersten Male seit zwei Monaten( um 0,5 Grad) hinter der normalen zurückblieb. Diese verhältnißmäßig fühle, gewitterreiche Periode bauerte aber nur bis 24., dann wurde es wieder Tags über wärmer, während die Nächte und Frühstunden ziemlich fühl blieben. Im Einzelnen war zunächst der Barometerstand mit cinem Monatsmittel von 756,7 mm um 1 mm zu niedrig. Nur in der heißesten und heitersten Zeit vom 6.- 10. war der Gang des Barometers ein lebhafterer, im übrigen war er außerordentfich langsam; beispielsweise änderte das Wetterglas in den sechs Tagen vom 19.- 24. seinen Stand im Ganzen nur um 2,8 mm. Der höchste Stand betrug am 6. 764,7 mm, der niedrigste am 10. 747,7 mm. Die Temperatur belief sich im Monatsmittel am 7 Uhr Morgens auf 18,7 Gr. E.( normal sind 16,2 Gr.), um 2 Uhr Mittags auf 24,9 Gr.( normal 19,8 Gr.), und um 9 Uhr Abends auf 21,5 Gr.( normal 16,9 Gr.). Daraus ergiebt sich( durch den Ansatz 7+ 2+ 12 X 9) eine mittlere Monatstemperatur von 21,7 Grad, während 17,4 Gr. normal find. Nur 2 Tage im ganzen Monat waren( um 0,4 und 0,5 Gr.) zu falt, einer war normal, die übrigen maren zut warm. Den größten Wärmeüberschuß der 2. mit 9,5 Gr., wie denn überhaupt die Tage vom 1.- 10. fämmtlich um 5 und mehr Grad( im Durchschnitt um 7,6 Gr.) zu warm waren. Der 1.- 3., sowie der 7.- 9. waren in feinem der noraufgegangenen 41 Jahre( seit 1848 besigen wir tägliche amtliche Beobachtungen) so warm, wie in diesem Jahre. Der Fälteste Tag war der 20. mit 17,3 Gr. Mitteltemperatur, der wärmste der 2. mit 26,3 Gr. Letterer Tag ist überhaupt der marmite Junitag feit 1848 gewesen. Sommertage, d. h. solche, bei denen das Maximum auf mindestens 25 Gr. stieg, gab es im Monat 23. Das absolute Maximum fiel mit 34,0 Gr. auf den 9., das absolute Minimum mit 10,5 Gr. auf den 24. Auf dem Erdboden betrug das Marimum 39,2 Gr.( am 4.), das Minimum 8,4 Gr.( am 24.). Das mittlere Luftmaximum berechnet sich auf 27,4 Gr., das mittlere Erdbodenmaximum auf 30,7 r.; die mittleren Minima betrugen 16,2 bezw. 13,6 Gr. Unter den Winden waren im Juni die aus den nördlichen Richtungen wehenden vorherrschend, was insofern gut war, als durch die Luftbewegung von Norden her, die überdies meist ziemlich lebhaft war, die Wirkung der Hike etwäs herabgemindert wurde. Bon den 90 Windbeobachtungen des Monats entfielen 23 auf Nordwest, je 14 auf Nord und Nordost, 13 auf Südost und 11 auf Dst. Windstille wurde 3 Mal festgeftellt. Die Windstärke betrug im Monatsmittel 2,9 der 12theiligen Stala. Die größte Stärke, die im ganzen 8 Mal erreicht wurde, war die Nummer 5.
hatte
Freitag, den 5. Juli 1889.
Die Bewölkung war sehr gering. Wenn 0 ganz heiter und 10 ganz trübe bedeutet, war im Monatsmittel die Himmelsbedeckung 4,3, während 5,7 normal sind. Nur vier Tage gelten im meteorologischen Sinne als trübe( Bewölkung über 8), 5 dagegen als heiter( unter 2); die übrigen hatten ge= mischte Bewölkung. Nur 7 Beobachtungen im ganzen Monat ergaben einen völlig bedeckten, dagegen 17 einen völlig heiteren Himmel. Auch die relative Feuchtigkeit der Luft war geringer, als sie im Juni gewöhnlich ist. Sie betrug im Monatsmittel 55 pCt., wogegen 66 pCt. normal sind. Das Marimum fiel mit 86 pCt. auf den 11., das Minimum mit 27 pCt. auf den 8. Die Niederschlagshöhe betrug 59,9 mm, d. f. 9 mm weniger als dem Juni zukommt. Fast durchweg kam der Regen in Begleitung von Gewittern; am 11. fielen allein 21,2, am 20. 15,6 mm. Jm ganzen vertheilt sich der Niederschlag auf 12 Tage. Doch fielen an vier Tagen nur ganz geringe Quantitäten( unter 0,2 mm). Gewitter fanden an 8 Tagen statt.
Für die Berliner Feuerwehr, deren Vortrefflichkeit über allem Zweifel erhaben ist, tönt jezt uneingeschränktes Lob auch aus französischem Munde. Auf einer jüngst in Paris stattgehabten Zusammenkunft von Delegirten französischer Feuerwehren hielt ein Herr Charles Fontaine aus Lyon einen Vortrag über die Feuerwehren der ganzen Welt und nannte neben der New- Yorker die Berliner Feuerwehr als die musterhafteste, sowohl was ihre Disziplin und besondere Schnelligkeit, als auch Leistungsfähigkeit anbelange. Der fachverständige Redner
führte unter anderem an, daß z. B. vom Augenblick der Meldung eines Feuers bis zur Ausfahrt der ersten Wagen mit Mannschaften aus dem Depot im höchsten Falle nur 45 Sefunden verstreichen, was eine Leistung sei, welche die Berliner Feuerwehr an die Spize der alten Welt sege". In New- York betrage jene Zeitspanne trotz allem Feuereifer nie unter 1,25 Minuten, und in Frankreich müsse man es noch loben, wenn gebühre der Berliner Musterdisziplin das Verdienst an diesen innerhalb dreier Minuten dasselbe erreicht sei. Einzig und allein vortrefflichen Leiſtungen. Erwähnt wurde ferner, daß Berlin froß seiner Größe diejenige Stadt sei, in welcher die wenigsten Schadenfeuer vorfämen. Man sollte sich, so sagte Herr Fontaine am Schluß, die Berliner Feuerwehr als Muster nehmen".
Ueber die Vergiftung durch gefärbte KleidungsStücke, von der unsere Damen insbesondere betroffen werden, fand jüngst in der Berliner medizinischen Gesellschaft eine intereffante Diskussion statt, welche viele neue Thatsachen über den Gegenstand an den Tag brachte. So berichtete Dr. Weyl, daß die Reste der Trikottaille, durch deren Tragen eine Dame, wie f. 3. mitgetheilt worden ist, einen langwierigen Hautausschlag bekommen hatte, in seinen Besiz gelangt und von ihm, dem B. T." zufolge, einer eingehenden Untersuchung unterzogen worden sind. Es ergab sich, daß der rothe Kattun, mit welchem Kragen und Maschetten der Taille gefüttert waren, mit Saffranin gefärbt waren. Sobatd dieser Stoff mit der feuchten menschlichen Haut in Berührung fommt, wird sie roth gefärbt. Das Saffranin ist ein Theerfarbstoff, welcher namentlich in Frankreich und Italien in großem Umfang zur Rothfärbung von Liqueuren, aber, wenn auch seltener, für Kleidungsstücke verwendet wird. Der Stoff wirkt giftig. Des Weiteren vurde aus der Praxis eines Berliner Arztes ein Fall mitgetheilt, welcher eine Frau betraf, die ihrem Arzte sagte, daß sie an einer Blutvergiftung leide. Sie ftagte über Schmerzen an beiden Füßen und hatte eine Schwellung und entzündliche Röthung beider Unterschenkel bis zum Kniegelenk. Die Kranke führte ihr Leiden auf das Anziehen neuer blaugrauer Strümpfe zurück, die sie sich selbst gestrickt hatte. Nachdem sie dieselben zwei Tage getragen hatte, empfand fie an beiden Unterschenkeln ein starkes Brennen, das allmälig noch zunahm. Auch bemerkte sie zu ihrem Schrecken bald Anschwellung und Röthung der Schenkel und ging daher zum Arzt. Durch Ruhe und Waschungen mit Seifenwaffer gingen die Erscheinungen allmälig zurück. Die Strümpfe fühlten fich fettig an und verbreiteten bei der Wäsche einen starken Geruch nach Oleum. Die chemische Untersuchung der Wolle ergab, daß diefelbe mit indigoschwefelsaurem Natron, einer völlig ungiftige Farbe, gefärbt war. Vielleicht hat weniger der Farbstoff als die Säure die Haut angegriffen. Dr. Weyl hat von einem Färber ein Band zugeschickt erhalten, das, sobald es angelegt wurde, einen Ausbruch von Nesseln hervorrief. Das Band ist mit Eosin gefärbt. Als Vorsichtsmaßregel gegen eine Vergiftung durch Textilfasern stellt Dr. Weyl die Forderung auf, daß man weder wollene noch baumwollene Strümpfe tragen soll, welche frisch aus dem Laden bezogen worden sind, ohne sie zunächst tüchtig zu waschen und zu brühen. Für seidene Stoffe gilt diese Warnung nicht, weil die Farbe auf dem Seidenfaden viel besser als auf dem wollenen haftet. Auch die neue Modewaare der orangefarbenen Schuhe, die man hier und da auf den Straßen sieht, hat schon ein kleines Unheil angerichtet. In München verspürte ein junger Mann, der ein Paar Halbschuhe von solchem Leder trug, nach achttägigem Gebrauch an beiden Füßen heftiges Jucken. Er bemerkte, daß sich seine Füße gelb gefärbt hatten. Der Farbstoff war bereits in die Haut eingedrungen und es bildeten sich in der Folge noch eine Menge kleiner Blasen, die mit einer gelben Flüssigkeit gefüllt waren. Der von ihm zu Rathe gezogene Arzt sandte die Halbschuhe in das Münchener Hygienische Institut behufs Untersuchung. Es stellte sich heraus, daß das Leder mit Pikrinsäure im Uebermaß gefärbt war; der Verlauf der Hautkrankung war übrigens ein günstiger.
Die Freuden der polizeilichen Heberwachung find den Delegirten der Zentraffrankenkasse der Tischler nicht erspart geblieben. Nicht bloß, daß die auf Grund des Hilfskaffengesezes und des Statuts einberufene Generalversammlung bei ihren Berathungen das Vergnügen genoß, abwechselnd von zwölf verschiedenen Polizeioffizieren und ebenso vielen Schußleuten überwacht zu werden, was bereits zu Erörterungen in der Versammlung selbst Veranlassung gab, worüber wir auf den betreffenden Versammlungsbericht verweisen, so sollten die Herren auch noch die Wirksamkeit einer wachsamen Polizei bei einer anderen Gelegenheit kennen lernen. Am Montag Abend unternahmen die Delegirten einen Ausflug nach Tabberts Waldschlößchen und zwar in Begleitung zahlreicher hiesiger Kaffenmitglieder. Zwei Dampfer führten die Gesellschaft nach ihrem Bestimmungsort. Alles verlief in schönster Harmonie trop( oder vielleicht, wie Andere glauben mögen, infolge) der Anwesenheit von mindestens 8 Gendarmen. Auch sollen verschiedene Gestalten aus der Klasse der Nichtgentleman bemerkt worden sein. Der eine Dampfer war bereits nach Berlin zurückgekehrt, als die noch im Lokale Anwesenden auf den staatsgefährlichen Gedanken kamen, ein Lied aus der schon am Sonntag ausgegebenen Festzeitung anzustimmen. trat die Polizei, um die Nothwendigkeit ihrer Anwesenheit zu zeigen, in Aftion. Da sie selbst den Sängern nicht Schweigen gebieten tonnie, so fand sich der Wirth des Lokals bereit, dies zu thun unter Berufung auf sein Hausrecht.
6. Jahrg.
Die Sänger schwiegen und verhielten sich in noch weiterem Umfange still; fie aßen nicht, sie tranten nicht, sie tanzten nicht und schoben nicht Kegel, sondern fuhren möglichst bald nach Hause. Und troß dieses Aufgebotes von Sicherheitsbeamten beließen die Delegirten ihre Vereinskaffe doch lieber in Ham burg . Vielleicht war ihnen die Berliner Sicherheit doch etwas zu start.
Der Stationsbeamte, welcher aus Anlaß des Eisenbahnzusammenstoßes auf Bahnhof Wannsee seiner Zeit um Amt und Ehren gekommen war, sollte, wie fürzlich mitgetheilt wurde, jezt als Vorsteher der Eisenbahnstation Artern angestellt sein. Wie nun amtlich bekannt gegeben wird, ist die Nachricht in dieser Fassung unrichtig. Der betreffende Beamte wird viel mehr nach Verbüßung seiner Strafe zwar wieder im Eisenbahndienst beschäftigt, jedoch nur mit schriftlichen Arbeiten in der Gütererpedition der diesseitigen Station Leipzig , in welchem Dienstzweige derselbe mit dem äußeren Betriebsdienst nicht in Berührung fommt.
Gefälschte Doktordissertation. Ein Student M. aus Berlin hat, wie eine Lokalforrespondenz erzählt, in diesem Semester an der Universität Königsberg durch Betrug den Doktortitel zu erhalten gesucht. Nunmehr hat die philosophische Fakultät, da die von dem Betreffenden eingereichte Abhandlung zum großen Theile abgeschrieben war, durch eine vom Professor Bruz gezeichnete Bekanntmachung das Diplom für ungiltig erflärt und den Betheiligten davon hierher Mitthei lung gemacht. Da jeder Kandidat durch eidesstattliche Versiche rung zu erklären hat, daß er die eingereichte Arbeit verfaßt habe, so steht Herrn M., der von einer hiesigen Lehranstalt sofort entlassen worden ist, noch eine Anklage wegen Betrugs bevor; er hat es indessen vorgezogen, Deutschland zu verlaffen.
Streng aber gerecht handelte der Vater eines jungen Architekten im Westen Berlins . Der leichtlebige Jüngling hatte mit einem unbescholtenen Mädchen eine Liebschaft unterhalten und dasselbe durch Heirathsversprechungen und sonstige Schmeicheleien zu verführen gewußt, bis er des Mädchens Drängen zur Hochzeit unbequem fand und sich zurückzog. Die Verzweifelte trug sich mit dem Gedanken, der bevorstehenden Schande durch den Tod zu entgehen und wurde nur mit Mühe von einer Freundin zurückgehalten, welche dem Vater des Verführers alles mittheilte. Dieser überzeugte sich von der wahren Sachlage und nahm die Unglückliche, deren aufrichtiges Wesen ihm zusagte, in sein Haus. Als nun der oft unterstüßungsbedürftige Herr Sohn den Vater abermals um eine Summe anging, erklärte dieser rund heraus, daß er bereits eine andere größere Pflicht auf sich genommen hätte, die ihm nicht gestatte, noch ferner etwas für ihn zu thun. Dein Kind und dessen bedauernswerthe Mutter, schloß der Gestrenge seine Rede, sind außer Stande, selbst ihr Leben zu fristen, und namentlich Ersteres darf nicht unter Deiner Schuld leiden. Ich handle nur an Dir erwachsenem Menschen, wie Du an dem unmündigen Kinde handeln wolltest. Geh und versuche, wie einer Waise zu Muthe ist." Und er ginghoffentlich zu seiner Besserung.
Durch eine herabfallende Taffe wurde, wie bereits gemeldet, die in der Köpenickerstraße wohnhafte Tischlerfrau Therese K. in der Andreasstraße am Kopfe schwer verleßt. Die Recherchen haben nun ergeben, daß die Schuld an dem Unglücksfall eine in dem Hause wohnende Arbeiterfrau R. trifft. Diese hatte eine Tasse mit heißer Mehlsuppe auf das Fensterbrett gestellt, um die Suppe abzufühlen. Als der Kleine, für welchen dieselbe bestimmt war, die Thür öffnete, schlug der Luftzug die Fensterflügel zu und die Tasse wurde hinausgeschleudert. Die Veranlasferin des Unglücks sieht nun einer Anflage wegen fahrlässiger Körperverlegung entgegen.
Zu dem großen Juwelendiebstahl in der Friedrichstraße 204 fann die" Post" folgendes berichten: Die Kriminalpolizei vigilirte gleich nach Bekanntwerden des Diebstahls auf alle diejenigen Frauen, welche in der Friedrichstraße nach alten Damenkleidern Nachfrage zu halten pflegen. Gestern that die Polizei nun einen glücklichen Fang, denn in der verhafteten ungarisch - galizischen Händlerin M. wurde mit aller Bestimmtheit diejenige refognoszirt, welche an dem fraglichen Tage in dem Hause und in dem Pensionat Friedrichstraße 204 betroffen worden ist und dann nach alten Kleidern gefragt hat. Die M., welche einen verschmitten Eindruck macht, leugnet vorläufig noch Alles; die Juwelen sind ebenfalls noch nicht gefunden, doch ist die M. heute der königl. Staatsanwaltschaft vorgeführt worden.
Eine raffinirte Ladendiebin hat vorgestern in einem Geschäft einen Diebstahl ausgeführt. Nachmittags gegen 6 Uhr trat eine etwa 50jährige Frauensperson in ein Geschäft der Friedrichstadt und bat den allein anwesenden Kommis um gefällige Auskunft, wo die Rahmenschnißerei von B. gelegen sei. Der junge Mann holte bereitwillig aus dem nebenan liegenden Komtoir den Adreßkalender, um das Geschäft nachzu schlagen. Dann ertheilte er Bescheid, und die Frau verließ eiligst den Laden. Die Eile und auch die Erregung der Frau beim Fortgehen machte den Kommis stußig, und derselbe hielt schnell Rundschau über die Verkaufsgegenstände im Laden. Er bemerkte auch sofort, daß eine bemalte Gipsfigur, Die Lachende" von Prof. Eberlein darstellend, im Werthe von 42 M. verschwunden war, welche beim Eintritt der unbekannten Fragerin noch auf einem Bostament gestanden hatte. Der Kommis lief sofort auf die Straße. Die Person war aber verschwunden. Die Gaunerin ist von starter Figur, wohlbeleibt, von rother Gesichtsfarbe und hat markirte Gesichtszüge. Sie trug einen Kapothut und unter einer Bellerine einen Handkorb am Arm.
Das achtlose Fortwerfen von Obstresten nimmt in lezter Zeit wieder überhand und dadurch sind in diesen Tagen mehrere Unglücksfälle herbeigeführt worden. So glitt die in der Werderstraße wohnhafte unverehelichte Marie Sch. in der Oberwallstraße auf Stachelbeerschalen aus, kam zu Fall und zog sich eine Verrenkung des rechten Fußes zu, weshalb ihre Aufnahme in ein Krankenhaus veranlaßt werden mußte.
Ein schwerer Unglücksfall ereignete sich gestern Nachmittag auf einem Laftfahn an der Straße Neu- Kölln am Wasser. Der Schiffer Friedrich 3. war mit dem Löschen der aus Holzballen bestehenden Ladung beschäftigt und fuhr gerade auf einer Handkarre einige Balken über den Laufsteg, als die Karre infolge ungünstiger Vertheilung ins Schwanken gerieth und feitwärts in den Kahn stürzte. 3., welcher die Karre halten wollte, wurde mit hinuntergezogen und zog sich durch den Sturz, außer Verstauchung der Füße, so schwere innere Ver legungen zu, daß er mittelst Droschke in ein Krankenhaus transportirt werden mußte.
Großfeuer! Dichte Rauchwolfen, und weithin sichtbare Flammen alarmirten am Mittwoch, Nachmittags gegen 6 Uhr, die Bewohner des Ostviertels. Die Brandstätte war das Haus Michaelfirchstr. 5, ein fünfftödiges herrschaftliches Gebäude, zu welchem zwei ebenso hohe Seitenflügel gehören. Bereits gegen 5 Uhr machte sich in dem Hanse ein brandiger Geruch bemerkbar,