BUNTE WELT

Mr. 7

Unterhaltungsbeilage

Hunger in Hollywood

Von Jim Walker

Der Regisseur fluchte, der Direttor| Sie reich. Zum Schluß heiraten Sie natür­raufte sich die Haare, und der Generaldirek lich ben nettesten Milliardärssohn." tor mußte gelabt werden. Po Lie, die große Monna lispelte: Ich habe wirklich Bo Lie, hatte abgesagt. Hatte abgesagt, eine Hunger!" Stunde vor der großen Szene, angeblich weil sie sich beim Diner bei Morgan den Magen berknagt hatte. Po Lie, die im großen Ton­film ,, Mindesliebe" das arme, fleine verhun gerte Bettlermädchen spielen sollte.

War das nicht zum Verzweifeln? Wo sollte man jetzt einen Ersatz hernehmen, der ebenso gottvoll verhungert aussah wie Po Lie. Man sagte, daß die Diva wochenlang mit Morphium oder gar Kofain ,, berhungert aussehen" trainiert hätte. Das schmale, ner­böse Gesicht, die großen, müde und doch fiebrig blinkenden Augen und der überschlanke Rörper bezeugten die Wahrheit des Ge­

rüchtes.

Aber Ersaz mußte beschafft werden. Die große Szene sollte vor dem Riesenpalast, den man im Zonfilmatelier aufgebaut hatte, stattfinden. Regisseur, Hilfsregisseur, Ton­miger, Mujiter, Beleuchter, Schauspieler, Statisten und das ganze technische Personal standen bereit; man hörte förmlich, wie die rinnenden Minuten Dollar fraßen. Zeit ist Geld, dieser Sabz gilt vor allem in der Filma weltſtadt.

Der Regisseur warf sich ins Auto und raste in die Stadt, auf Suche nach etwas ,, blond und verhungert Aussehendem"; denn in fünfzig Minuten mußte die Szene gestellt fein.

Auf der Filmbörse sah man wohl Hun­berte von jungen, blonden, hübschen und schlanken Mädchen, aber feines davon sah überzeugend nach echtem Hunger aus. Kost­bare zivanzig Minuten wurden vergeblich ge= fichtet, dann flog das Auto weiter.

An einer grell von der Sonne bestrahl­ten Häuserwand wankte ein Mädchen entlang. Kein Mensch mehr, faum ein Schatten. Monna Lenos, eine fleine Filmſtatiſtin, die feit Wochen ohne Engagement war und seit gestern ohne Wohnung, da sie die Miete nicht aufbringen konnte. Seit Tagen hatte sie nichts im Magen und wollte, vom Hunger ge­trieben, es einmal mit Betteln versuchen.

..Stopp!" schrie der Regisseur. Das ist's, was wir suchen! Halloh, Miß, steigen Sei ein! Wir haben nur mehr siebzehn Mi­nuten Zeit. Sie bekommen hundert Dollar!"

,, Ein Engagement?" Die fleine Monna bekam freudeglänzende Augen.

Sie werden nachher schon zu essen tries gen, soviel Sie wollen!"

Im hohen Glashaus atmete man er leichtert auf. Die Kleine sah wirklich lebenz­echt verhungert aus. Während man ihr in der Garderobe ein zerschlissenes Fähnchen überstreifte, preßte sie das kleine Händchen gegen den Magen, der vor Hunger fnurrte.

Die tausend Kerzen knatterten. Die armen, vom Weinen entzündeten Augen schmerzten, als die Kleine die Kulissen betrat. Nun sollte sie von dem reich gedeckten Tisch etwas stehlen und rasch damit fliehen. Als sie gehen wollte, versagten die Beine ihr den Dienst... eine Faust riß sie hoch und stieß fie bortvärts.

Dann hielt sie eine silberne Schale, voll reifer, föftlicher Früchte in den zitternden Händen. Aepfel, Kirschen, Bananen.. Ihre Augen öffneten sich heiß verlangend.

Ausgezeichnet!" schnarrte hinter ihr eine Stimme, nun aber laufen sie schnell nach links ab!"

Laufen?... Schnell!... Der Rüden schmerzte und in ihrer Kehle war trodenes Würgen. Langsam sant sie in die Senie. Ihre mageren Fingerchen umschloffen die Schale wie etwas unfagbar Softbares. Schritt für Schritt froch sie fort...

..Glänzend!" lobte die schnarrende Stimme hinter der gemalten Wand, die ihr

Worte der Weisen

Das Volf hungert, weil seine Verwaltung viel Kosten verursacht.

zu Je mehr Verbote und Beschränkungen ge­schaffen werden, desto mehr verarmt das Bolt. Das Volk leidet, weil die Großen schlem

men.

Das Bolf grollt, weil die Großen schreien. Das Bolt ist schiver au regieren, weil seine Verivaltung allzu geschäftig ist.

Je mehr Gesetze und Verordnungen erlas sen werden, desto mehr Diebe und Räuber ver­ den gezüchtet.

Je mehr Waffen da sind, desto mehr wird das Land beunruhigt.

Das Volk verachiet den Tod, weil es ge­( nechtet wird. Lao- Tse .

..Drei fleine Szenen. Festessen in vor­nehmer Gesellschaft. Sie sind eine Bettlerin, So närrisch ist der patriotische Deutsche, schleichen herein und steblen Früchte von der daß er versichert, er könne ganz für sich beſtehen, Zafel. Für die frante Mutter. Sie wer- indem er sogleich die Verdienste aller Völle: an­den verfolgt, brechen vor der Hütte ihrer maßt und versichert, alle Nationen stammen von Mutter zusammen, die gerührte, vornehme ihm ab oder seien wenigstens ihm von der Seite Gesellschaft versteht, berzeiht und beschenkt verwandt. Ein Inftiges Adamskind, Goethe.

1934

aber hundert Kilometer entfernt schien. .Glänzender Einfall! Nun aber rasch raus dem dem Bild, goddam!"

Monna war wie ein kleines, tödlich ge= troffenes Tierchen zusammengezudt. Ihre Augen verdunkelten sich und sie wußte nur noch, durch die Spalte zwischen den beiden hohen Spiegel mußt du noch, dann ist die Qual beendet, dann bekommst du blel zu essen!

Endlich war sie an den Spiegeln vorbei. Keuchend und mit faltem Schweiz bedeckt. Gierig führte sie eine Banane zum Mund, aber eine fremde Hand war da und entris ihr die Frucht.

,, Glauben Sie, wir haben für so was Beit! Marsch ins Freiel Dort ist die Hütte der Mutter aufgebaut. Sie müssen hin und langsam zusammenbrechen."

Ich werde wirklich zusammenbrechen, Mister, wenn ich..."

tet

..Was denn, was denn?... Man war­schon!"

Und die Stimme stieß sie vorwärts. Sie wanfte über Treppen, trat tau­melnb ins Freie und sah wiederum Licht, grelles, unbarmherziges Licht. Diesmal war es die unerbittlich stechende Mittagssonne.

Große Feuerräder freisten vor ihren Augen, und weit drüben die Hütte, und die Menschen drehten sich im Kreise rundherum ... rundherum....

Ich ……. habe ………. Hunger ……… Hun­ger.... Die Mitrophone nahmen das Wimmern auf, aber die Menschen beachteten es nicht. Natürlich hatte sich eine gute Freundin gefunden, die es Po Lie brühwarm hinter­brachte, bazz Pos Rolle im Film ,, Kindes­liebe" von einem neuen Star gespielt würde und daß es gewiß ein Bombenerfolg sein verde.

Ein Ersaz für mich! Lächerlich! Aber ich will mir den Spaß mal ansehen!"

Und ihr rotes Lurgusauto durchrafte die Straßen Hollywoods .

Troß der großen Lichtfignale: Ruhe! Tonfilmaufnahme!" gellte die Stimme:

..Unerhört! Mo stedt denn diese In­trigantin? Ich werde sie erschießen, erwür­gen, ihr die Haare ausreißen und die Augen austraßen!"

Wie eine gereizte Löwin stürzte sie auf die arme, kleine, schattenhafte Gestalt zu. deren Köpfchen gegen die Tür der morschen Hütte gelehnt war.

Dann erscholl ein echter, unnachahms licher Po- Lie- Schrei:

Seit wann werden in Hollywood meine Rollen von Toten gespielt?" Schrie und fiel folgerichtig in Ohnmacht.

Man hatte der armen, fleinen Monna wohl etivas zu spät Essen angeboten.