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Die Urnahrung der Erde
Von R. H. Francé.
einem Schmetterlingsnetz aus durchbrochener Gaze darauf aus, kleine Seetiere au fischen. Erst die berühmte, zweieinhalb Jahre hindurch alle Weltmeere durchforschende Expedition des 1872 bis 1876) brachte den Nachweis, daß der englischen Kriegsschiffes Challenger"( von
größte Teil der Erde nicht lebensleer sei, wie man früher dachte, sondern zugleich das größte und wichtigste aller Lebensgebiete sei, die ,, Urnahrung" für alles übrige, was da freucht und fleucht.
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Die Ereignisse einer langen Seefahrt sind verschwunden. Wie eine kleine metallisch blau unendlich einfacher Natur, wenn die Reise schimmernde Scheibe sprang ein Männchen der ohne Zwischenfälle verläuft. Ein paar Tage zierlichen Krebschen auf, die ob dieses Farbenlang begleiten noch Vögel das in die End- spieles den schönen Namen Sapphirina erhallosigkeit ziehende Schiff; auch der Delphine ten haben, dort noch eines, dann Duzende, als munteres Spiel verschwindet, wenn die Küsten- Beichen, daß die ganze Oberfläche des wargewässer verlassen werden. Nach drei bis vier men Wassers von ihnen im Jagdeifer be= Tagen nimmt die Hochsee jedes Schiff mit der lebt ist. Einsamkeit und völligen Oede einer blauen Hätte man wenigstens nur in dieser Art Wasserwüste auf. Nur dem geschulten Blicke vom Boot aus die Hochsee beobachtet, dann des See- und Tierkundigen erschließen sich die hätte man längst wissen müssen, daß eine feinen Züge des Lebens, das natürlich auch hier ganze große Tiergesellschaft sich regelmäßig nicht fehlt. Nur er merkt draußen in der auf ihr herumtreibt. Denn es sind Riesen darblauen Leere an den allmählich auftauchenden unter. Der ,, Venusgürtel" wird bis eineinlila schimmernden oder rosigen Hütchen der halb Meter lang; manche Staatsquallen werSegelquallen oder der portugiesischen Ga- den vier Meter; Medusen erreichen einen Meleere", daß die Fahrt sich den Tropenregionen ter im Durchmesser ihrer Scheibe und leben nähert; nur ihm sagen die langen, glänzenden, sicher mehrere Jahre lang. Aber nichts von wie Delstreifen schimmernden Schlangen- alledem sah und wußte man, abgesehen höchwindungen etwas, die bei ruhigem Meere bald stens davon, daß Fisch- und Medusenüberaull das Schiff umstehen. Er weiß, daß schwärme auch über die Weltmeere ziehen. Noch das ,, Tierströme" find( 300korenten). Blickt Darwin versuchte vor 90 Jahren einfach mit er auch vom hohen Bord vergeblich hinab, Säcken aus grobem, undurchlässigem Segeltuch wenn der Dampfer einen der schimmernden solche Hochseetiere zu fangen. So war denn Ströme schneidet, so weiß er doch, daß in einem erst das Jahr 1845 der Zeitpunkt der EntBoote da unten mit dem einfachsten Netz in deckung des Meeresplanktons. Immer noch wenigen Minuten hunderte der schönsten Tiere primitiv genug ging damals der Berliner zu erbeuten wären, die von der Reeling aus Zoologe Johannes Müller auf Helgoland mit Abschnitte. nur deshalb nicht zu sehen sind, weil die meisten von ihnen glasklar durchsichtig oder winzig flein sich vor dem Auge verbergen. Die Höhe des Dampfers legt die Distanz zwischen den Reisenden und die Tierwelt der See.
Schon eine Fahrt im Ruderboote gestattet ganz andere Beobachtungen und führt in die Fülle der im Wasser lebenden Schwebewelt ein. Läßt man sich ruhig in der Strömung treiben, so wird man fast immer Quallen erblicken, die wie gläserne Kelche aus der Tiefe auftauchen, ruckweise sich zusammenziehen, um mit dem Schirmende vorauszuschwimmen. In der Nähe betrachtet, sind die Staatsquallen, von denen man oben nur das perlmutterartig irifierende Segelchen erblicken konnte, überaus stattliche Gebilde mit meterlagen Fangarmen, die wie ein reiches Fransenwerk herabhängen, im rastlosen Spähen nach Beute. Man sieht meterlange Ketten der faustgroßen Salpen, die sich dem Blick nur ab und zu offenbaren, wenn die eine oder andere, vom Lichtstrahl schräg getroffen, farbig aufleuchtet. Sonst sind sie infolge völliger Durchsichtigkeit nicht erkennbar. Hochseefische kann man übrigens auch vom Boot aus meist nicht sehen, außer den in den Tropenmeeren nirgends fehlenden fliegenden Fischen, denn fast alle kommen nur nachts an die Oberfläche.
Aber da fesseln den Blick kleine, perlmut trig schimmernde Trauben von zierlichen Kugeln, manchmal klein wie Glasperlen, nur selten pfenniggroß. Auch die rudernden Matrosen kennen sie, haben sogar einen Namen für sie, nämlich ,, Qualster", was die uralte, selbst vieTen Zoologen vom Fach unbekannte deutsche Bezeichnung für Radiolarien ist. Tatsächlich kann man viele Radiolarien mit freiem Auge erkennen, und es ist geradezu unbegreiflich, daß man so viele Jahrhunderte lang an diesen, selbst der Küstenbevölkerung bekannten Geschöpfen achtlos vorbeigehen konnte. Die Wissenschaft kennt sie kaum seit hundert Jahren. Plöblich springt aus der Flut ein blauer Blis auf. Für einen Augenblick verwandelt er sich in fupfriges Rot, und sofort ist er wieder
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Man hat davon ganz falsche Begriffe. In der Schule und im praktischen Leben müßte endlich einmal ganz im Vordergrunde die Tatsache stehen, daß von den 510 Millionen Quadratkilometern der Erdoberfläche Millionen vom Meeresplankton bewohnt sind. Im Gegensatze zu dem nur auf der äußersten Rinde Leben tragenden Festland ist außerdem dieser Wasserkontingent" bis in 200 Meter Tiefe voll, bis zu 400 Metern noch immer reichlich lebensüberfüllt. Demnach ist das Antlitz der Erde so überwältigend ozeanisch, die Plankton- Lebensgemeinschaft so sehr das eigentliche Leben auf Erden, daß eine Zoologie, die die Tiere nach ihrer ,, Bedeutung für das Gesamtleben" behandeln würde, anstatt nach ihrer Bedeutung für den Menschen, drei Viertel ihres Inhaltes mit Tierschilderungen aus der Wasserwelt ausfüllen müßte. Und Meeresplankton wäre darin dann einer der größten.
Von Peter Kilian
Es war an einem Sonntag abends, als ich nach Nizza kam. Auf der„ Promenade des An glais " jagten sich beiderseits die Autos, und die Omnibusse heulten und brüllten auf dem glatten Asphalt dahin. Vom Meer her wehte ein rauher Seewind und die Wogen verursachten einen ohrenbetäubenden Lärm an den beblockten Ufern.
Vor dem„ Kasino ", das sich wie ein Märchenpalast aus dem Meere erhebt, krachte die Achse meines eiligen Fahrrades und sprang nach beiden Straßenseiten klirrend auseinander. Man lachte und farbig betupfte Frauengesichter beäugten bewundernd meinen Schaden. Mein Pech harmonierte unangenahm mit dem wilden Meer, den rauschenden Palmen und den ewig sonntag lich gekleideten Menschen. Die Sonne hatte mir jedweden Sinn für komische Situationen aus dem Gehirn gebrannt, auch hatten meine Taschen beinahe ausgeklingelt und nun handelte es sich nur darum, in dieser schönen Stadt eine Schlafgelegenheit zu finden.
Und nach endlos scheinenden Fragen, deren Antworten mich von einer Straße in die andere schoben, bis ich ganz hinten, im alten Nizza , in einem dunklen, übelriechenden Winkel das Nachtasyl" gefunden hatte.
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Drei alte Männer Hockten tösend auf einer Steintreppe und ein junger Neger zeichnete mit dem Fingernagel tnirschend Figuren in die Wand. Ich setzte mich zu den Alten hin, und es gelang mir, einen zerlumpten Bretonen wie fich nachher herausstellte ins Gespräch zu ziehen, das zwar bald wieder stockte, als er mir erzählt hatte, daß bald nichts mehr los sei und man ruhig verrecken könne, Arbeit gebe es doch keine mehr, auch wenn man für das Vaterland gekämpft habe, und plötzlich hob er an Stelle des Beines einen Holzfuß vor mein Gesicht, den ich
vorher gar nicht bemerkt hatte. Dann sagte er nichts mehr, sondern frazte nur in seinem schon einige Wochen alten Bart und spuckte verächt= lich in die gegenüberliegende Rinne.
Ein Moment später öffnete sich die Tür hinter uns und wir traten gemächlich ein. Ein beleibter, gutmütig blickender Südfranzose, der eine Müße mit der Aufschrift ,, Asyl de Nuit" auf seinem ergrauten Kopf trug, und sichtlich stolz seinem Amte oblag, wies uns mit einer fast königlichen Geste die Treppe hinauf, in der ein ekliger Geruch lagerte; es roch nach Schweiß und Urin, nach alten Kleidern und vermodertem Papier. Einer nach dem anderen wurde in ein großes Buch eingetragen, worauf man wiederum in einen Hof geführt wurde, der ebenso ver= pestet war. Es war ein kleines Betonquadrat, düster und dumpf, eingerahimt von kahlen, grauen Wänden, und vom Himmel war hoch oben ein kleines Stück sichtbar.
nur
Man stand gelangweilt herum. Ging in das in der Mitte stehende W. C., um zu rauchen, da es im Hof strengstens verboten war. Ein junger Pariser erzählte kleine Sensatiönchen, flink und mit Wit, um den Neger, der naiv wie ein Kind lauschte, dem Lachen der anderen preisgu geben.
Wir waren zwölf an der Zahl, Menschen verschiedener Nationen und Sprachen, alte und junge, und wie Schulknaben saßen wir dann in einem dunkeln, gräuelnden Raum. Wie zum Hohn stand eine verstaubte Muttergottes in einer Ecke und von den Wänden schauten würdevoll große Wohltäter, denen wir alle diese Herrlichkeiten zu verdanken hatten. Leise wurde untereinander geschwatzt, da laute Worte mit Hinauswerfen bestraft wurde, bis ein nervöser, bebrillter Herr eintrat und ein Gebet herunter