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9tr. 1

UnterOQltungdbeilage

1935

Die kremiere

Fran- Wäscher war ein Schriftsteller, dem der Erfolg lange versagt geblieben war. Es lag nicht an ihm, nicht an mangelnder Begabung, nicht an einem Minus an Phantasie, daß ihm die Verleger seine Manuskripte mit außerordent­lich höflich gehaltenen, vervielfältigten For­mularen zurückschickten. Es lag offensichtlich amBetrieb", dessen Anforderungen Franz Wäscher, der innerlich Unfertige, Ringende, nicht gewachsen war. Er hatte nicht di« Gabe, Beziehungen nach allen Seiten anzuspinnen; ihm fehlte auch jenes diptoinatische Talent der allzu Wendigen, die stets im vollen Winkel beidrehen konnten und iuuner mit beiden Beinen in die jeweilige Kon­junktur hineinsprangen. Ihm war sein Schaffen Lebensbedürfnis, jenen Geltungsbedürfnis. Aber jene, mit dem ungehemmten Ehrgeiz der Aeußerlichen, Blen­denden, hatten die stärkeren Ellbogen, die trai« nierteren Muskeln. Sie waren die erfolgreiche Mittelmäßig­keit, er eine Begabung, die urwüchsig und keines­wegs marktgerecht wuchs, abseits von der Börse des großen Literaturhandels, ein Idealist ohne Koketterie, ein geistiger Mensch ohne Berech­nung. Franz Wäscher hungerte, um das nötig« Geld für Papier, Tinte und Porto zu haben. Sein Zimmer im vierten Stock eines trost­losen Zinshauses, irgendwo im lärmerfüllten Gassenbetrieb der Vorstadt, sprach von äußerster Armut. Ein alter wackeliger Tisch,«in häß­liches Holzbett, ein windschiefer Schrank, zwei Stühle und ein uralter Ofen waren das ganze Inventar. Franz Wäscher störte dieses Elendsgrau nicht. Er war kein Snob, der sich in billige Plüschromantik einspann, er war aber auch kein schrullicher Bohemien, der in die Rot au- Grün­den des Effekts verliebt war. Er stand, ein einsamer Arbeiter am ver­kannten Werk, gewiß mitten auf dieser Erd«, er wußte, daß sie, hart, unberechenbar und voll sinnlosen Unrechts war. Sie schenkte niemanden etwas, und ihre Vorsehung" bestand nur zu oft in der unent­rätselbaren Laune des Zufalls. Rot und Entbehrung waren Franz Wäscher kein Geheimnis, kein Schreckgespenst, das ihn zu überrumpeln vermochte. Bon frühester Jugend an hatte er mit ihnen im Kampf gestanden, ihnen sein bißchen täglich Brot immer wieder neu abtrohen müssen. Der Vater, Bauarbeiter, war ein Opfer seines Berufs geworden. Ein Brett, das ihn traf und aus schwindelnder Höhe in die Tiefe warf, hatte ihn ausgelöscht. Die Mutter, eine kleine, vergrämt«, aber resolute Frau, nahm

Don W. den Kampf mit dem Dasein nun allein auf, sie schlug sich durch, drei kleine Kinder an der Hand, es war ein heldenhafter, zermürbender Klein­krieg und er verdunkelte di« Jugend Franz Wäschers in unsäglicher Weise. ES war eine Kindheit, der das Lachen fremd, die Pflicht eine Selbstverständlichkeit war. Vielleicht war er durch diese Jugend so geworden, hart und kompromißlos, unge­lenk und mißtrauisch allen allzu eingefahrenen Geleisen des Lebens gegenüber. Bis die große Wend« in diesem düsteren Leben kam. Bis das Glück, das schon fast aufgegeben«, in dieses schwer«, grübelnde Dasein hineinfuhr und es zu heller Flamme entfachte. Ein Theaterdirektor, der gern das Schema verließ, der das Reue, Unverbrauchte liebte, und deshalb in seinen Kreisen als Sonderling galt, war auf Wäscher gestoßen und sofort von seiner eigenartigen Begabung angeregt worden. Nach mehrmaligem brieflichen Hin und Her erwarb er di« soziale Tragödie:Menschen a u f d e m W e g", ein grüblerisches, gedanken­schweres Werk, mit manchen theatralischen Schwächen, mit vielen inhaltlichen und mensch­lichen Vorzügen zur Uraufführung. Die Premiere war schon für die nächste Zeit angeseht. Franz Wäscher lebte in diesen Wochen wie in einem Rausch. Rach soviel ent­behrungsreichen Hungerjahren, nach soviel ver­geblicher Mühe, nach soviel opfrrvoller Ent­sagung, die Erfüllung, das Ziell War es Wirklichkeit war es ein Traum?! Die Tage vergingen so schnell, so sehr im Fluge, daß der Dichter Angst vor sich selber be­kam. War dieses Gefühl des Ueberfteigertseins, dieses Gefühl des endgültigen Erfolgs, nicht eine Gefahr für ihn? Brach es nicht seine Ner­ven, die, unnatürlich angespannt, durchgehaltrn hatten, die ganzen langen Jahre der Enttäu­schung hindurch? Aber Franz Wäscher hatte nicht lange Zeit, zweifelnd darüber nachzusinnen. Die ersten Proben seines Stückes kamen. Franz Wäscher war mit Feuereifer dabei, ent­wickelte, förmlich überquellend, dem Regisseur seine Ansichten, half unermüdlich die, Szenen formen, gab Anregungen über Anregungen, ver­bessert« die Schauspieler, ließ neue Töne in das Bild seines Stückes hineinspielen. Der harte, spröde, verschlossene Mensch war wie verwandelt Der Tag der Premiere kam. Das Theater war bis auf den letzten Platz besetzt, das Inter­

esse für den. neuen, bisher ganz unbekannten Dramatiker allgemein. Franz Wäscher war eine Loge zur Ver« fügung gestellt worden. Die Jntendantenloge. Neugierige Blick« tasteten die Loge ab. Der Intendant erschien und nahm Platz: aber der Dichter kam nicht. Wir müssen anfangen l" schrie der Re« gisseur dem Bühnenmeister zu,wo steckt denn nur Wäscher? Komisch, wirklich komisch!" Die Leut« werden schon ungeduldig-" meinte der Bühnenmeister,war wird schon sein? Irgend so eine Dichterschrulle» Kennen wir doch, kennen wir doch!" Merkwürdig..." murmelte auch der Ina tendant und sah seinen Begleiter, den Ber« treter eines ausländischen Blattes, nachdenklich au,gestern noch war er so ganz mit Leib und Seele bei der Generalprobe... Und jetzt..« Lampenfieber...?" CS war, um es kurz zu sagen, ein Riesen« erfolg. Nach jedem Akte wurde der Beifall stür« Mischer, einmütiger. MS nach dem Schlußakt der Vorhang sank, brach ein Sturm der Be« geisterung los. Immer wieder wurde der Dichter ge« rufen, Intendant, Regisseur und Direktor waren ratlos. Wo steckte nur der Autor...?! Plötzlich klingelte im Büro schrill und hysterisch daS Telephon. Di« Sekretärin der Dramaturgin kam gelaufen. Aufgelöst, wild gestikulierend, mit Tränen der Bewegung in den Augen. Herr Dr.! Herr Dr. K," rief sie mit heiser Stimme und schwang einen Steno­grammblock,ein Unglück ist passiert! Eine Katastrophe! Soeben hat eine Zeitung ange­rufen. Sie will Näheres über den tragischen Tod von Herrn Wäscher wissen, unseres Wä­scher... I Er ist auf dem Wege ins Theater von einer Autodroschke überfahren worden und kurz nach der Einlieferung ins Krankenhaus gestorben'...!" Sie standen eine Minute schweigend. Draußen, im Zuschauerraum, riefen di« Ahnungslosen immer noch, erlebnis-denkbar und hingerissen, nach Franz Wäscher.Armev Kerl... ," sagte der Intendant leise. Aber daß er nicht wenigstens noch zu«! Premiere gekommen ist...," murmelte deo Regisseur kopfschüttelnd, mit deutlicher Miß­billigung in der Stimme,es wäre doch eins , so schöne Krönung de» Erfolge» gewesen!"