den gesamten Wert. Nur sie selbst, sie galt nichts. Und noch sene Bankrotteure des Le­bens, junge Männer, die im Spiel, mit Wei­bern und im Trunk ungeheure Summen ver- praßt hatten, jetzt in sogenanntenEhren­schulden" staken und keine andere Möglichkeit mehr sahen, als sich durch eine reiche Heirat zu sanieren, wandten sich noch mit Schaudern beim Anblick der Rosa Stern ab und sagten: Lieber eine Kugel durch den Kopf." Denn nur mit Geld oder Blut konnte man nach der Auffassung gewisser Kreise jener Zeit seine leichtsinnigen Nächte sühnen. Aber derjeu- nesse dorie" dergoldenen Jugend" erschien es immer noch leichter, allein zu ster­ben, als mit der häßlichen Rosa zu leben. Keiner von ihnen ahnte, wie sehr sich das häßliche Mädchen nach Liebe sehnte. Das Jugenderlebnis, die Enttäuschung durch die kleine Hede, hatte genügt, um sie niemanden mehr ihr weiches, zärtlichkeitsbedürftiges Herz zeigen zu lassen. Aber daß diese Sehn­sucht da war, lebte, heiß und unbezwinglich wer konnte es hindern? Bon den Mitschü­lerinnen, den jungen Mädchen ihrer Gesell­schaftsschicht, verlobte sich eine nach der ande­ren. Der Bankier ließ das Gerücht durch­sickern, er würde dieMitgist von Rosa um zwei Millionen erhöhen. Es hatte keinen Erfolg. Rings uni das häßliche Mädchen blühte Liebe. Die Dienstboten hatten ihren Schatz. Die Zofe, allein zu Rosas Bedienung da, beichtete eines Tages der jungen Herrin jammernd, daß sie ein Kind bekommen würde. Rücksichtslos warf Rosa sie hinaus. Doch der Grund war nicht Hochmut und Verachtung. Aus Neid, aus Eifersucht, aus Haß gegen die Glücklichere, die in ihrem Schoß erst den Mann und dann das Kind empfangen hatte, geschah es. Manchmal, an Frühlingsabenden, ging Rasa, das Herz gequält, die Seele dunkel, im Park spazieren. Von Liebe sprach ihr das zärtliche Gezwitscher der Vögel, von Liebe, die jungen Pärchen, die sich umschlungen haltend, auf den Wegen gingen oder auf Bänken saßen, Mund an Mund in seliger Vergessenheit. Die den Fluß hinabruderten, zu Zweit in kleinen Booten, die durch Wälder Ivanderten, braun gebrannt, den Rucksack auf dem Rücken, den Stock in der Hand, die sich abends nach getaner Arbeit vor den Haustüren^rafen, die im Winter in klei­nen verschwiegenen Konditoreien saßen, die schwebend, Hand in Hand, über die gefrorene Wasserfläche glitten, sie alle sprachen des Aus­gestoßenen, Gemiedenen und Zurückgesetzten von des Lebens herrlicher Fülle. Bon seiner goldenen Tafel, an der kein Platz war für das häßliche Mädchen Rosa. Einmal schien es, als fiele auch für sie ein Bisten ab. Die Eltern waren mit Rosa an die Riviera gefahren, bemüht, ihr eine Freude zu machen, und in der heimlichen Hoffnung, im fremden Land würde sich vielleicht einer finden, der sich von Rosas Millionen blenden ließe und mit dem metallenen Schatz zugleich die Mißgestalt in Kauf nähme. Und wirklich: ein Bankrotteur, eür Mann, der im Kasino von Monte Carlo sein ganzes Vermögen und das seiner Angehörigen verspielt hatte, dem aber Selbstmord im Angesicht dieser schönen strahlenden Landschaft vom blauen Meer und Palmen unmöglich schien, bewarb sich bei dem Alten um Rosas Hand. Unnötig zu erwähnen, daß man sie ihm mit Freuden gab. Er war ein schöner Junge, Rosas Bewerber. Groß, schlank, mit dunkelbraunem Haar und blauen Augen. Er stammte aus der französischen Provinz, hatte in Paris an der Sorbonne studiert, war aber in leichtsinnige Gesellschaft geraten, und seine einzige Beschäftigung nach erlangter Großjährigkeit bestand darin/ das große Vermögen der Familie auf die ange­nehmste Art durchzubringen. Er war eS, der Rosa zum erstenmal küßte. Auf einem Spa­ziergang an der Cote d'Azur , unter einem blausamtenen, sternenbestickten Himmel, im Angesicht des leise rauschenden Meeres» im Hauch des Windes, der durch Palmen« und Orangenhaine wehte, das Duften tausend fremdartiger Blüten mit sich führend. Tief erschauerte das Mädchen in seinem gequälten, armen und doch so heißen Herzen. Sie wußte nicht, daß ihr Verlobter die späte Abendstunde für diesen ersten Kuß gewählt hatte, damit er ihr häßliches Gesicht nicht zu sehen brauche,, damit seine Phantasie ihm gnädigst gestatten! könne, zu glauben, er küsse ein schönes, kör­perlich vollkommenes Wesen. Triumphierend genoß Rosa ihr Glück. Mit Vorliebe zeigte sie sich mit. demschönen George", wie sie den jungen Mann heimlich nannte, bei öffent­lichen Veranstaltungen, bei Rennen und Sportfesten, beim Blumenkorso und auf Bäl­len. Derschöne George" ertrug es mit in­nerlicher Qual, er bemühte sich, seinen ge­heimen aber grenzenlosen Widerwillen gegen diese Mißgestalt zu überwinden, er war artig, aufmerksam, zärtlich, er schenkte der armen Rosa flüchtiges Wissen von Rausch, Liebe und Zärtlichkeit, geheimen Berührungen und dem tiefen Glücksempfinden gesättigter Lust. Dann aber konnte er doch das Gefühl, sein Lebe » lang einen Menschen betrügen zu müssen, dessen inneren Wert und unerschütterliche Zu­neigung für ihn er bereits erkannt hatte, nicht mehr ertragen. Eines Morgens erschoß er sich, und Rosas kurzer Liebestraum Ivar zu Ende. Von da an ging eine seltsame Ver­änderung mit ihr vor. Sie klagte nicht und weinte nicht. Aber sie legte die schönen Kleider und den kostbaren Schmuck ab, sie zog sich fast ärmlich an, unterstrich absichtlich alles, was sie entstellte und erklärte ihren Eltern, daß sie jeden Gedanken an eine Ehe aufgegeben babe. So glühend war dieser Wille, daß man ein­sah, jeder Widerstand sei nutzlos. Und die Familie fand sich mit dem Gedanken ab, daß Rosa, ein altes jungferliches Mädchen werden würde. Keiner von ihnen ahnte, daß in Rosa, trotz ihrer äußerlich betonten Resignation noch immer ein heißes Herz brannte..Sie konnte die kargen Freuden der Sinne, die ihr von demschönen George" geschenkt worden waren, nicht vergeffen. Niemand, das wußte sie, würde sie mehr um ihrer selbst willen lieben, wie es ja auch der andere nicht getan hatte. Nicht einmal das Mitleid des anderen, das große Mitleid der körperlich Vollkom­menen würde ein Zweiter ausbringcn. Und doch träumte sie davon, geküßt und umfangen zu werden, einen warmen lebendigen Leib an dem ihren zu fühlen, den Rausch des Eins- werdenS zu kosten. W^sin sie sich klein, geduckt und häßlich mitunter des abends an den Häusern entlang schlich, die dunklen Gassen suchend wie das Böse, so beobachtete ste oft die Dirnen, die einhergingen und für Geld Lust verkauften. Geld das hatte sie ja auch. Ach, so viel. Mehr als genug. Im Strom, im Ueber- fluß. Wenn man für Geld Liebe verkaufte, konnte man da nicht mit Geld auch Liebe kaufen? Sie steckte sich die Taschen voll, sie suchte anrüchige Lokale auf, geschminkt und aufgeputzt wie eine billige Hure. Man lachte sie ans, auch in der Unterwelt schien sie nur Spott herauszufordern. Doch da zückte sie mit siegesgewiffen Blicken das fun­kelnde Gold, und die Armen, Deklaffierten verstummten davor. Hübsche Burschen gingen mit ihr auf ein Stündchen. Sie tranken vor­her reichlich Alkohol Rosa oder wie man sie bald in gewissen berüchtigten Lokalen aus irgendeinem unerfindlichen Grunde nannte, Marschka" spendierte reichlich: feinsten Cognac, bestes Bier, edlen Wein, Zigarren, Zigaretten und auch ein gutes, üppiges Nachtmahl. Hatte sich der Vaschek oder der Honza genügendangeheitert", so ging er mit und dachte wohl, genauren Denkens nicht mehr fähig, er habe seine Andula oder seine Manitschka im Arm. Größtes Glück aber war es für Rosa, wenn einer sie nahm, im Hausflur oder in dem billigsten Absteige­quartier und ihr noch was draufzahlte. Das geschah, wenn sie zu später Stunde in jener dunklen Gaste der Altstadt, unheimlich wie ein gespenstischer Traum, fern dem ohnehin trüb brennenden Laternenlicht, auf und ab ging, und einer kam, der betrunken war. Und deshalb nicht wählerisch. So führt sie ein seltsames Doppelleben, die Rosa Stern. Am Tag ist sie ein altes, grämliches Mädchen, das in düsterm, bis zum Kinn geschloffenen Kleid zu Haus sitzt, sinnlose Dinge tut, Strümpfe strickt für Arme, die solche Strümpfe hassen. Stil« kereien macht, die jeder der Beschenkten in seinem untersten Kommodenfach verbirgt. Oder sie beteiliat sich an jenen sogenannten Wohltätigkeitsfesten", bei denen die Reichen den Armen zuliebe Champagner trinken,. Kaviar esten, sich mit Schmuck beladen, in schwere Seide kleiden und sinnlosen Kram verkaufen. Kein Verein, keine Stiftung, der. sich nicht an Rosa Stern wendet, ganz gleich, ob es sich darum handelt, Menschen oder Tiere zuretten". So sieht die Welt, der Tag, Rosa Stern. Eine alte resignierte Jungfer. Die Nacht aber kennt eine andere. Sie kennt das Mädchen in der dunklen Gasse, be­malt, behangen, mit" Augen, die noch immer brennen, auf Beute lauernd. Und diese Beute ist der Mann. Seine Kraft, seine Stärke, seine körperliche Ueberlegenheit. Dafür zahlt sie und läßt sich zahlen. Dafür schleicht sie sich zu später Stunde aus dem vornehmen Pa­trizierhaus und kommt wieder im grauenden Morgen, torkelnd, das Gesicht grünlich-fahl, tiefe Schäften um die Lider und müden Ekel um den Mund. Scheu weicht ihr aus, wer sie so trifft. Sich selbst ein Grauen, weckt sie das Grauen, auch in den anderen. Zu Haus angekommen, fällt sie in kurzem, erschöpfen­dem Schlaf. Nach dem Erwachen ist sie wie­der das vornehme Fräulein. Wisten die An­gehörigen von ihrem. Treiben? Man munkelt die und das. Genaueres vermag niemand zu berichten. » Dolle Nummer, die Marschka, waS?" sagt Pepik zu seinem Freund und zahlt die letzte Runde Schnaps. Der steht auf, frö­stelnd, nimmt seinen Mantel.Weiß der Teufel, eine dolle Nummer". Und sie ver- lassen das verräucherte Beisel, treten in die graue, nebelverhüllte Nacht. Scheu flattert etivas vor ihnen auf. lecker Parteigenosse liest Aas Parteiblatt!