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UuterOaliungtföetlage

1933

Es waren nicht die Mißerfolge und Ent­täuschungen, es war vor allem die endliche Er­kenntnis, daß Ungerechtigkeit allein die Welt regier«, die Rudolf Wachs so sehr ergrimmte. Und wenn er sich auch hundertmal vorsagte, daß er doch noch jung sei und daS Leben noch vor ihm liege, so konnte er sich in beißender Selbst­kritik doch nicht verhehlen, daß er voll von Ber- bitterung war. Schöner wäre«r gewesen, alles Mit Humor und nachsichtigem Lächeln zu betrach­ten, de« Bosheiten der Mitmenschen lässige Dul­dung, den unbegreiflichen Härten des Geschickes weise Langmut entgegenzustellen. Klüger wäre«» gewesen, launischen Anforderungen einer grau­samen Gegenwart mit leichtsinnigem Frohsinn, den schickfalSscPvangeren Wolken einer undurch- fichiigen Zukunft mit phantasielose« Wagemut zu begegnen. Aber sein Naturell war eben von andrer Art. Er war ebenso unbeugsam gegen sich selbst wie unnachgiebig andern gegenüber. Und den Schaden davon hatte er und immer wieder er. Nicht daß«r hungern und frieren mußte. So dezidiert hatte sich da» Schicksal nicht gegen ihn, ausgesprochen. Er verdiente, wenn auch fall­weise, doch genug, um sein« täglichen Bedürfnisse befriedigen zu können. Aber im Vergleich zu dem großen Ziel, dal er erreichen wollte und zu dem er die innere Legitimation in sich wußte, waren alle kleinen Errungenschaften del Tages nur Brosamen einer ihn sabotierenden Gegenwart. So zog er sich immer mehr in sich zurück, traute keinem Freunde mehr und verbiß sich immer mehr in den Traum einer endlichen Sieger. Rudolf Wachs,«r wäre unschwer zu erraten, war Künstler. Jede Beamtennatur hätte sich ja mit einem wenn auch noch so geringen, aber stetig wachsendem Aufstieg begnügt. Hätte die Zeit er­ledigen lassen, wa» persönlicher Initiative oder extravagante Begabung etwa fehlte. Aber er nahm immer Anlauf zu neuem Sturm und fiel immer wieder erschöpft in Depression, fand sich selbst immer wieder in neuer Fruchtbarkeit, mühevoll erlitten, aber an der Schwerhörigkeit der Mitwelt zerbrechend. Er wollte gewiß nichts Unmöglicher. Er er­wartet« nicht, daß ein Haupttrefier in» Hau » ge­schneit käme, der ihn in di« Lage versetzen würde, die für ihn nötige Reklame zu machen, er rechnete nicht mit einem Mäzen, der seine Werke alle in Druck legen und ihnen somit die Chance vor einem breiten Publikum verschaffen würde. Er forderte vom Leben nicht den Freund, der ihm alle Sorgen abnähme und, ihn der lästigen, zeit­raubenden Kleinarbeit befreiend, für da» längst fällige enffcheidene groß« W«rk geistigen Raum schüfe. Er verlangte keine Geschenke vom Schick­sack, er verlangte sein Recht. Eine» Tage» fiel ein Sonnenstrahl in sein Leben. Er hatte bei einem Preisausschreiben «in Streichquartett«ingerricht und die Rachmit- tagSpost eine» Donnerstage», die sonst, er hatte da» schon wiederholt übel vermerkt, nur Unan­genehme» gebracht hatte, stellte sich mit einem Brief«in, der ihn in Kenntnis setzte, er habe den nicht unbeträchtlichen dritten Preis bekommen.

Rache Der junge Komponist war nicht überrascht, nicht in einen Taumel der Seligkeiten gestürzt, sondern nur befriedigt. Der Brief enthielt di« Mitteilung, daß sich 600 Bewerber beteiligt hät­ten. Er war zufrieden. Er schmollte keineswegs, weil er nur den dritten Prei» erhalten hatte, sondern war tief überzeugt, daß die Preisträger Nr. 1 und Nr. 2 eben noch größere» Können an den Tag gelegt hätten und freut« sich, daß also auch diesen, ihm völlig Unbekannten Gerechtigkeit widerfahren sei. Er besuchte sein« Freundin Kitty, ging«ft ihr einen Mantel kaufen, den sie sich schon lang« wünschte und war in frenndlich- ster Laune, obwohl ihn ihre Wahl gar nicht be­friedigte, sondern ihm da» Stück sehr geschmack­los und auffallend vorkam. Um Mitternacht ging er zu Bett und schlief nach langer Zeit wieder einmal ausgezeichnet. Nachdem einige Wochen später sein Werk von mittleren Musikern in einem Konzert recht mäßig aufgeführt worden war, nachdem ein« gleichgültige Prefle sich beiläufig über ihn aus­gesprochen hatte, nachdem er daraufhin zwei gut­zahlende Komposition»schicker erhalten hatte, ver­liefen die weiteren Konsequenzen seine» Er­folge» im Sand und er blieb, der er war. Doppelt empfänglich für jede» Uebergangen- sein keimte neuerding» ein MasochiSmu» in ihm, der ihn zwang, jede» Mißgeschick noch extra zu betonen. Ließ ihn«in hohe» Tier vergeblich anttchambrierrn, dann er an demselden Tag nicht zu Mittag, erfüllte ein Freund sein Per« sprechen nicht, dann gönnt« er sich nur fünf Stunden Schlaf, enthielt ein erwarteter Brief eine Absage, dann ging er nicht in» Safi. So wurde sein Tag in krankhafter Weis« systematie- fiert und da» Lachen auf seinem hübschen Jun- grngesicht wurde immer karger. Kitty schalt mit ihm..Du nimmst alle» zu tragisch. Im Leben kann nicht alle» glatt gehen. Man muß sich eben die nöttge Elastizität bewah­ren. Du benimmst dich wie ein Mann von 60, nicht von 80.* Und verbot er ihr, sich um sein« Angelegenheiten zu kümmern, dann gab e» letz­ten Ende» Tränen. Du bist launenhaft*, schluchzte sie,launenhaft und unerträglich.* Solch« Szenen waren Wasser auf seine Mühle. Also auch hier eine Riete; statt einer kampf­gewillten Weggenossin, statt einer fanatischen Sucherin ein larmoyantes, zärtlichkeitsheischen- de» Weibchen! Er war kaum überrascht, sondern eher beinahe befriedigt. Aber eines Tage» entschloß er sich, zu den Mißhandlungen, die ihm eine gleichgültige Mit­welt angedeihen ließ, nicht noch eigene, gegen sich gerichtete Härten hinzuzufügen, sondern sich alle» ihm Angetane gut zu merken und sich eines TageS für all die» zu rächen. Er würde seinen Weg machen, dessen war er gewiß und da» allein entschuldigte, daß er nicht Selbstmord verübte, und wenn er einmal oben war, von niemandem abhängig, mit der Macht auSgestattet, zu reden und zu handeln, dann wollte er überall dort, wo er jetzt, unbekannter Strebender, schweigen mußtt, Gerechtigkeit üben. Richt für sich, denn er würde e» ja dann nicht mehr nötig haben, son­

dern für alle jene, di« dann in seiner Lage sein würden, für all die Unbekannten, Zagenden, Zit« ternden. Machtlosen und Verstoßenen. Schon der Entschluß zu solcher Tat war etwa» Erhebende» und er wurde wesentlich ruhiger, als er im Geist» die Schuldigen an sich vorüberziehen ließ. Und wenn e» ihm auch einen winzigen Augenblick sinnlos schien, Menschen nicht für das, wa» sie tun sollten, sondern für da», wa» sie bereit» getan, zu erziehen, so verjagte er diesen flüchttgen Gedanken mit einer ungeduldigen Handbeweguug und versprach, einstweilen nicht» zu tun, al» sein Gedächtnis zu schärfen. Da sich die. Unannehmlichkeiten häuften, kam er auf den Einfall, sich ein Buch anzulegen und dieses nannte er da»Buch der Enttäuschun« gen*. Liebevoll malte er das Schildchen und so« gleich begann er mit den Eintragungen. Wichtig schien ihm, nicht nur Namen> Adresse de» Betteffenden einzutragen, sondern auch, in wel« cher Angelegenheit er ihn enttäuscht oder belei« digt hatte, ferner ob die» absichtlich oder nur fahrlässig geschehen sei. Eine weitere Rubrik ent« hielt die etwaige Adressenänderung, die finan« zielle Situation und eine letzte Spalt« blieb frei unter dem Titelgestorben am.....* E» konnte ja sein, daß viele Jahre vergingen, ehe er den Betteffenden zur Rechenschaft ziehen konnte und e» mutzte natürlich notiert werden, ob dieser noch am Leben war, damit er nicht kost« bare Zeit darauf verwenden mußte,«inen Tottn vergeblich zu suchen Di« Seiten füllten sich. Er hatte gar nicht gedacht, daß ihm so viel trnderfuhr. Gerechter« weise hätte er noch weit verbitterter sein müssen als er e» war. Aber nun war er viel ruhigere Auch Kftty bemerkte seine Veränderung, bucht« sie auf ein Reurrwachen seiner Liebe zu ihr, nutz er ließ sie leise lächelnd in diesem rührendes Glauben. E» verging kein Tag ohne Eintragung. Manchmal waren e» lächerlich kleine Dinge, wie zum Beispiel, daß ein« Zeitschrift eine Notiz über ihn nicht bringen wollte oder, daß eine Tante e» ohne Grund ablehnte, ein Konzert, in dem eis Lied von ihm aufgeführt wurde, zu besuchen, aber er gab nicht nach. Das Buch mußte feinen Zweck voll und ganz erfüllen. Rudolf Wach» war 42 Jahre alt, al» ihm der große Coup gelang. Seine Oper, IS Jahr­lang teil» in seiner, teils in der Schublade irgendeines Verlegers, Direftor», Intendanten, Generalmusikdireftor», KapellnceisttrS, lieber« setzer», Filmproduzenten oder Radioleiter» sie« gend, war durch irgendeinen Zufall ans TageS-c licht gefördert, uraufgeführt, von der Press« glänzend besprochen, von einem Verlag ange« nommen und Von einer Reihe von Bühnen ver« langt worden. Er hatte, wie man zu sagen pflegt^ ausgesorgt. Er wurde interviewt, sein Bild er­schien in in- und ausländischen Illustrierten, er wurde zu Kongressen eingeladen, von Opern- libretti überschwemmt, von hohen Herren zu Banketts eingeladen und von schönen Frauen attackiett, obwohl er kein einziges Haar auf dem Kopfe, eine dicke Brille und eine schlechte