BUNTE WELT
Nr. 51
Erna Preiß:
Unterhaltungsbeilage
Dorles Traum
Ein neudeutsches Weihnachtsmärchen
1935
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Dorle löffelte ihre Abendsuppe. Sie war| ,, Völfischen Beobachters", in einer kleinen Kon-| wußte es besser als die Frau, wie schiver es war, ziemlich dünn, es schivammen keine Fettaugen ditorei. Da stand u. a., daß die Spielwaren- draußen Arbeit und eine neue Eristenz zu finauf der Oberfläche. Den ganzen Nachmittag industrie in diesem Jahr weder Soldaten noch den. Sonst hätte er schon längst den Nazis den hab ich Schlange gestanden", flagte die Mutter, Kanonen auf den Markt gebracht hat. Statt Rücken gekehrt. Doch auch so würden sie in kurs ,, und nur ein Achtelfilo Fett für uns alle drei dessen Polizisten, Cowboys und Indianer. Die zer Zeit vor dem Nichts stehen. Das verschwieg bekommen." Der Vater zuckte die Achseln. ,, Es Produzenten erklären nämlich, selbst die Kinder er vorläufig. Wie lange würde es noch möglich ist eben wie im Krieg, wir müssen uns wieder feien durch die pazifistische Propaganda in sein? daran gewöhnen. Im übrigen, red nicht so laut. USA erfaßt worden und fänden keinen Gefallen Die Wände haben Ohren. Wenn andere unzu- mehr an kriegerischen Spielen. Plötzlich wünschte frieden sind, so heißt es höchstens Meckerer und ich mir sehr, in Amerika zu leben." Die Frau Miesmacher, bei uns fagen sie gleich, natürlich, seufzte... Hoffentlich müssen wir nicht mehr alldie Juden... Das Kind braucht nur ein Wort zulange hier bleiben. Allein des Kindes wegen." aufzuschnappen und unbedacht weiter zu sagen, ,, Hoffentlich" Der Mann blickte trübe. Er schon haben wir eine schöne Bescherung." ., Dorle versteht doch noch gar nichts von dem, was wir sprechen", meinte die Mutter ,,, außerbem Bescherung. In acht Tagen ist Weihnachten. Vielleicht gehört es sich bei diesen Beiten in Deutschland nicht, einem jüdischen Kind etwas zum Christfest zu schenken. Doch schließlich früher habe ich Weihnachten immer als ein großes wunderschönes Voltsfest, als wahres Fest der Liebe betrachtet, an dem alle teilnehmen dürfen. Heute - ,, Das Kind hat jedes Jahr sein Weihnachtsgeschent bekommen und wird es auch dieses Jahr erhalten", er flärte der Vater kategorisch.., Weißt du denn schon, was es sich wünscht?"
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Weihnachtsschwur der Jugend
Stille Nacht, heilige Nacht... Durch Lichterglühen und Christbaumpracht, durch Freuen und Singen dringt Haus an Haus der Aufschrei der Not in das Dunkel hinaus und birst in die Nacht und wächst empor und ballt sich zum Aufschrei und wird zum Chor des Elends ein Mahnruf von Jammer und Leid
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Da fiel Dorle ein, die entgegen der Annahme der Mutter, aufmerksam zugehört hatte: ,, Bitte, ich möchte eine große Puppe, die blondes in der fröhlichen, seligen, gnadenbringenden Haar und blaue Augen hat und die Augen auf
und zuklappen tann."
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,, Hm", sagte der
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Weihnachtszeit.
fpruch:
Dorle, hinter der Tür, hatte nur das vers standen: sie würde keine blonde Puppe zum Weihnachtsfest geschenkt erhalten. Und- es sollte fortgehen von hier, in ein fremdes Land. Was für erregende Dinge. Als die Mutter ins Kinderzimmer trat, war Dorles Gesicht hochrot, und ihre Augen glänzten wie im Fieber. Die Mutter schüttelte den Kopf. Sie verstand das nicht. ,, Fehlt dir etwas? Hast du Schmerzen?" Auf Dorles kindlicher Stirn bildete sich eine Falte. ,, Nein." ,, Dann komm schnell. Höchste Zeit zum Schlafengehen." Dorle lag in ihrem fleinen weißen Bett. Die Mutter wollte das Licht löschen. ,, Gib mir meine beiden Puppen". bat Dorle plötzlich ungestüm. Sie sollen bet mir liegen, alle zwei, Magda und Elvira." Was hatte das Kind heute nur? Die Mutter nahm Magda und Elvira, zwei blonde, rosige Wachss puppen, nur wenig mitgenommen vom Bahn der Zeit, und reichte sie Dorle. Diese legte sie neben sich. Rechts Elvira, links Magda, streichelte im mer abwechselnd die eine und die andere, bes. trachtete sie zärtlich. Jetzt wird aber geschlas fen", erhob die Mutter Einspruch.... Ich schlafe ja schon, aber laß Magda und Elvira bei mir." Meinetwegen." Das Kind war so sonders Nacht Kuß auf Dorles Stirn und löschte das Licht. Im Zimmer war es fast dunkel. Der Mond kam erst langsam herbeigewandert, um es ein wenig mit seinem sanften Silberrieseln zu erhellen. Dorle schlief schnell ein.
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Vater. Und nach einer Weile: ,, Dorle, du fannst Wir sprechen der Menschheit den Weihnachts - bar. Die Mutter gab nach. Drückte einen Gutes jetzt spielen gehen. Nachher bringt dich die Mama zu Bett." Dorle war, trotzdem sie erst fünf Jahre zählte, ein aufgewecktes eines Mädchen. ,, Geh spielen", das bedeutete, Vater und Mutter hatten etwas zu besprechen, wovon sie nichts wissen sollte. Also blieb Dorle hinter der Tür stehen und horchte. Ihr fleines Herz Klopfte dabei sehr. Sie wußte, fie tat etwas ungehöriges. Aber die Neugier brannte.
Der Vater zog die letzte Nummer des ,, Stürmer" aus der Innentasche seiner Jacke. Mit gedämpfter Stimme las er der Mutter vor:
Millionen Brüder im Elendsfluch sind ärmer als damals die Hirten im Feld und gehen im Dunkel- fein Lichtstrahl fällt, fein Stern ist, der tröstend Verheißung glänzt, fein Zweig, den sich grünend die Hoffnung fränzt;
fein Jubel, aus Festglanz und Wohltun erblüht,
kein Festbaum, kein Schenken, fein Hoffen,
kein Lied
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nur Leid Leid
-nur
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Plötzlich fuhr sie auf. Was war das? Uns möglich, und doch da spazierten Magda und Elvira mitten durch das Zimmer und gingen geradewegs auf die Tür zu. ,, Wie sind sie nur ben Stopf... ich habe es gar nicht gehört, wie sie aus dem Bett gekommen?", schoß es Dorle durch aufstanden. Da flappte die Korridortür.„ Sie berlassen mich", durchzuckte es Dorle ,,, meine Puppen rücken aus. Nein, das darf doch nicht fein. Sie sprang mit beiden Beinen zugleich im aus dem Bett, eilte ihnen, so wie sie war langen weißen Nachthemd auf die Straße Den einen tannie Dorle. Es war Max, der elfnach. Im Hausflur standen zivei Hitler - Pimpfe. jährige Sohn des Portiers. Er trug die Unis Dolch hielt er in der Hand, als wolle er gleich form und den Dolch der Hitler- Jugend . Den damit auf Dorle losgehen. Was machst du strahlend ein Baum uns die Weihnacht Dorle zitterte. Es war sehr kalt. Und im übri denn hier im Nachthemd?" fragte Mar höhnisch.
,, Hiermit wird verboten, an die Eltern nichtarischer Kinder die bisher so beliebten blonden, blauäugigen Puppen zu verkaufen. Es beleidigt das deutsche Volksempfinden, Wir solche Repräsentanten reinsten nordischen Typus in den Händen rafsefremder Kinder zu sehen." ,,.. Ivenn
,, Es wäre ja zum Lachen.." es nicht zum Weinen wäre", ergänzte die Frau den angefangenen Satz des Mannes. ,, Und ge= rade jetzt wünscht sich Dorle ein neues blondes Puppenkind." ,, Wird sich schon etwas anderes finden, das ihr ebensolche Freude macht. Ich habe gerade heute einen Bekannten getroffen, dem irgendjemand, er wollte natürlich nicht sagen, wer, eine demokratische amerikanische Beitung zugesteckt hat. Er schenkte sie mir, und ich las sie, versteckt zwischen den Spalten des
sprechen den Schwur: Dies das lestemal, daz Menschen zerbrechen in Not und Qual! Ist schwer auch der Weg und stürmend die
Beit,
es kommt eine Nacht, da der Glocken Geläut allen vom Turme die Botschaft dröhnt, feiner in Leid und in Knechtschaft stöhnt;
hellt,
freien Menschen in freier Welt Alle ein Herzschlag, und keiner im Leid.. in der fröhlichen, seligen, gnadenbringenden
Weihnachtszeit!
Walter Schirmeier.
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gen unangenehm, von einem Jungen im Nachte hemd gesehen zu werden. Der Junge versperrte ihr den Weg.„ Laß mich durch", bat Dorle, ,, meine Puppen sind ausgerückt. Ich muß fie wieder einfangen."- ,, Die Puppen haben gang recht, daß sie dir weggelaufen sind", grinjte Max