BUNTE WELT

Nr. 14

Fritz Rosenfeld:

Unterhaltungsbeilage

Ling, die Mutter

Ling war eine alte Frau, ihre Knie zit terten, wenn sie sich von der zerschlissenen Matte im Winkel ihres Hauses erhob; aber sie lief mit der Behendigkeit einer Kaze auf die Straße, als eine Stimme an ihr Ohr drang: Sie kom men, sie kommen...

Alle Türen standen offen, aus allen Fen­stern lugten Menschen, Frauen, hastig ange­kleidet, das Haar wirr, Kinder, ein halbzer= fautes Stück Brot in den Händen, ohne Schuhe, liefen mit fliegendem Atem und pochenden Herzen zu dem Bahnhof der kleinen Stadt Ho­Sun, die in der Provinz Kwang- Si liegt, an der Stelle, an der der Fluß in den West­Fluß mündet.

Zwei Jahre waren vergangen, seit der General Tschang- Fu mit seinem Heere die Stadt Ho- Sun überfallen und alle Männer, die zum Kriegsdienst taugten, fortgeschleppt hatte. Viele Gerüchte waren seither über die Geschicke des Generals Tschang- Fu und seiner Armee nach Ho- Sun gedrungen; man erzählte, er habe siebzehn Städte erobert und geplündert, habe am Ost- Fluß eine Schlacht verloren, sei dann aber unaufhaltsam gegen Norden vor­gedrungen. Niemals jedoch war der Name eines seiner Soldaten genannt worden. So lebten alle, die unterwegs an Hunger und Frost gestorben, die von den Kugeln hingemäht, von den Bajonetten zerfetzt worden waren, im Geist ihrer Frauen, Mütter, Kinder in der Stadt Ho- Sun weiter; wenn diese den Namen des Generals Tschang- Fu bernahmen, verbanden sie mit seinem Klang das Bild ihres Gatten, Sohnes, Vaters. Und alle, alle warteten; die Stunde mußte kommen, da die Tür sich öffnete und der Krieger, strahlend im Glanz, wieder über die Schwelle trat.

Sie umlagerten den Bahnhof, sie warteten. Stunden, Stunden, einen halben Tag. Sie saben einander an. War die Nachricht, daß die Soldaten heute heimkehren, falsch? Sie be= stürmten die Bahnhofswache mit Fragen: Kommen fie? Wann? Alle? Die Fragen waren weit und heiß, die Antwort Klang hart, farg, falt: Sie kommen. Wann? Das wissen wir nicht. Alle? Ein Achselzucken.

Und dann erschien zwischen den fernen, dünnen silbernen Linien der Geleise ein schwa­cher schwarzer Punkt, der wuchs und unter sei­ner Gewalt die Erde erdröhnen ließ. Da schoben sie den Wächter an der Tür des Bahn­hofes zu Seite. Sie liefen dem Zug entgegen, fie liefen neben ihm zur Station zurück. Sie reckten die Arme zu den Waggons empor und schrien Fragen hinauf. Wo ist Fong, und wo ist Huan, und wo ist Tjiän, der Mattenflechter aus der Straße der Ewigen Laternen?

Aus einer großen, dunklen Wolke prassel­ten Hagelworte auf ihre Köpfe nieder. Wu ist am Wegrand geblieben, nach einem Kampf in Fu- Kien, Huan hat eine Kugel gefällt, und Ma, der Jüngste der Truppe, ist verschwunden niemand fennt seine Spur.

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Ein Greis blieb mit erstarrten Augen stehen, wurde beiseite gedrängt, stand noch lange, als der Zug und die Menschen längst

weitergeeilt waren. Eine Frau hielt ihr Kind hoch, dem Mann entgegen, der seine Arme ausstreckte und es in den Waggon hob. Eine Schwester weinte, sie hielt die Hand des Brus ders, der sich tief niederbeugte und sie stumm anblickte. Langsam fuhr der Zug, langsamer, als das Gefolge hinter dem Sarg eines Toten schreitet.

Ling lief die Reihe der Waggons entlang, bis der Zug hielt. Ihr Herz schlug, in allen Adern hämmerte das Blut, sie mußte die Augen schließen, sie fürchtete, umzusinken. Aber sie eilte weiter. Sie stellte sich an der Türe auf. Alle, die der Zug heimbrachte, mußten durch diese Türe.

Wie saben sie aus! Ihre Kleider waren schmutzig und zerfeßt, ihre Gesichter fahl, ihre Augen erloschen. Die einen trugen Säcke und Kisten, die anderen zerbeulte Gewehre, viele hatten leere Hände. So sahen Räuber aus, wenn die Soldaten des Mandarins sie aus den Wäldern zusammengetrieben hatten und man sie in den Hof des Gefängnisses führte.

Flackernd wanderten Lings Blicke von einem zum anderen. Viele von ihnen fennt sie. Dies ist Lung, seine Frau hat oft getveint, als

Der Hofpsalmist

Durch Feld und Buchenhallen ließ ich mein Lied erschallen

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und meine Liebste lauschte tief beglückt. Das war und kommt nicht wieder, jetzt fing ich meine Lieder und niemand ist davon entzückt.

Wie könnt' ich dein vergessen, einst hatten wir zu essen,

doch eines Tages kam der blaue Brief. Den Brief erhielten hundert, gar mancher war verwundert, der auf dem Kissen ,, Dauerstelle" schlief.

Befiehl du deine Wege,

so sucht' ich Brücken, Stege, die Fähre ,, Glück" zu neuer Ueberfahrt. Der Glaube ist verfeuert, nun bin ich ausgesteuert, fast ausgetilgt aus dieser Gegenwart.

Auf, auf, ihr meine Lieder! Ihre Menschen werft hernieder, was eurem Herzen sie entlockt. Schenkfrohe Kinderhände flint sammeln sie die Spende, ach, ihre Herzen sind noch nicht verstockt.

Wacht auf! ruft's von den Zinnen­was soll ich noch beginnen? Mein Lied ist meine letzte Kraft. Verhärtet nicht, ihr Leute, die Not findt viele Bente und unverhoffte Nachbarschaft.

3. Z er fa.

1936

er fort war; und dies ist Dschai, er wird ein trauriges Haus vorfinden, zwei seiner Kinder sind gestorben.

Die Reihe ist lang, doch sie hat ein Ende. Der letzte ist ein Mann mit kahlgeschorenem Kopf, mit stumpfen Blicken, niemand wartet auf ihn. Er betritt die Stadt Ho- Sun, als käme er in Feindesland. Ueberall, wo er schreitet, wird bis an das Ende seiner Tage Feindesland sein.

Ling preßte die Hände an ihr jagendes Herz. Sie setzte sich auf eine Bank. Sie war ganz still. Es war, als sagte sie sich: es ist ge= schehen, nun muß man es überdenken. Plötzlich erwacht sie, sie strich mit der Hand über die Stirn, sie sprang auf.

Dort stand der leere Zug. Neben dem letzten Waggon stand der Stationskommandant im Gespräch mit einem Offizier. Ling ging zu den beiden Männern, aber sie wagte lange nicht, sie anzusprechen. Sie stand abseits, die Augen auf den Offizier gerichtet, schwieg und wartete. Endlich bemerkte sie der Offizier. Ein, Blick forderte sie auf: Tritt näher, sprich. Mein Sohn", sagte Ling.

"

Die Männer fahen einander an. Er ist nicht da", sagte Ling. Schweigen.

"

Sind es alle?" fragte Ling. Ist keiner zurüdgeblieben?"

Lings Augen hingen am Gesicht des Offiziers.

fehlt."

Auch Ma ist nicht gefommen, auch Huan

Es waren alle, die zurückkommen", sagte

der Offizier tonlos.

a

Ling stand stumm und starr. Ihre Hände hingen schlaff herab. Die Worte bohrten sich in ihr Ohr, in ihr Hirn, in ihr Herz: Alle, die zurüdfommen.

Plöblich fuhr sie auf. Sie packte den Offi­zier, sie reckte sich hoch, sie verkrallte ihre Fins ger in seinem Rock.

Herr."

Wo ist er? Wo ist Teng? Sag es mir,

Der Stationsfommandant griff mit seinen schweren Händen nach Ling und riß sie zurüc Der Offizier brachte seine Uniform in Ord nung. Schon wollte der Stationskommandant der Bahnhofswache winken, da besann er sich und führte Ling in das Bahnhofsgebäude. Er bettete sie auf eine Bank, holte eine Decke. Schlafen, dachte er; bis sie erwacht, ist das Schlimmste vorüber.

Ling schlief nicht. Sie lag nur mit ge schlossenen Augen da. Sie sah Teng. Sie sah sein erstes Lachen. Sie hörte sein erstes Wort. Sie sah, wie er das erstemal Schriftzeichen auf ein Blatt Papier malte. Wie er ein Tier aus dem Walde brachte. Wie er das erste Geld, das er verdient hatte, stolz auf den Tisch zählte. Und sie sah, wie drei Soldaten des Generals Tschang- Fu ihn packten und mit sich schleppten.

Ich habe ihn geboren, dachte Ling. Nie­mand darf ihn mir nehmen. Ich hätte mich vor ihn stellen und ihn schüßen sollen mit meinem Leib, dachte Ling.