BUNTE WEIT Nr. 26 Unterhaltungsbeilage 1936 Max Barth: wx 16*| a g Das Manuskript DaS Gebäude des Verlagskonzerns nahm fast einen ganzen Straßenblock ein. Als Ehret aus der Straßenbahn stieg, sah er vor allen Eingängen Menschenansammlungen. Streik? flog es ihm durch den Kopf. Aber da waren keine Streikposten. Plötzlich entdeckte er unter einem Torbogen die dunkle Uniform eines Schutzmannes. Irgendetwas Ernstes mußte schon vorgefallen sein. Ehret war kein Reporter, weder seiner Stellung noch seiner Veranlagung nach. Er neigte zur Verschlossenheit und Zurückgezogen­heit; er konnte sich nicht übexwinden, die Her­umstehenden zu fragen. In wenigen Sekunden war er an der Ecke, beim Haupteingang. Unter der offenen Tür stand der Portier und ein Schutzmann. Der Beamte sah dem Eintretenden fragend ins Gesicht. Schon gut, Herr Wachtmeister", sagte der Portier,'das ist Herr Doktor Ehret vom Herold." Der Polizist gab den Weg frei. Er legte grüßend die Hand an den Helm. Was nicht in Ordnung, Merker?" fragte Ehret den Portier. Der hob überrascht den Kopf.Sie wissen noch nichts? Direktor Bruck ist ermordet worden." Ehret stellt« keine weiteren Fragen. Er fuhr inS sechste Stockwerk hinauf. Der Herold", dessen Chefredakteur er war, schien von der Polizei noch nicht behelligt worden zu sein. ES war alles ruhig, alles gewohnt und ungestört wie immer. Er betrat das Vorzim­mer zu seinem Arbeitsraum. Die Sekretärin war bleich und redete halblaut wie in der Kirche. Auf seinen Wink folgte sie ihm in,sein Zimmer. Er überflog den Tisch, die geöffnete Post, bereitliegende Manuskripte. Während er die Pfeife stopfte, fragte er:Also, was ist ge­schehen?" Direktor Bruck wurde heute morgen er­schlagen gefunden. In seinem Arbeitszimmer. Man hatte ihm mit seinem Briefbeschwerer die Hirnschale zerschmettert." Sie schwieg. Vom Täter wußte man noch nichts, sonst hätte sie es gesagt. Ehret schätzte dieses Mädchen nicht zu­letzt deswegen, weil fie immer das Wesentliche konzentriert gab, ohne Umschweife war, keine Nebensächlichkeiten auftischte. Er stellte sich das Bild vor: Bruck, groß, jovial, immer humorvoll, ein unermüdlicher Arbeiter, nicht kleinzukriegen, lag jetzt wohl bleich, blutig, eine unbeholfene Masse, in seinem breiten Ledersessel oder auf dem ruhig gemu­sterten Teppich. Oder? Er wandte sich zu dem Mädchen:Wann ist der Mord entdeckt worden?" Bor kaum einer halben Stunde. Die Leiche ist noch dort. Die Polizei ist natürlich unten. Mit Photographen Und allen möglichen anderen Leuten. Herr Land« wollte ihn spre­chen; aber die Sekretärin sagte, er sei noch nicht gekommen. Die Tür seines Privatbüros war verschlossen. Herr Landa schaute durchs Schlüsselloch; es steckte kein Schlüssel, und er sah eine herabhängende Hand. Daraufhin ließ er sofort einen Mechaniker heraufkommen und die Tür öffnen." Kurt Landa lvar der zweite Redakteur des .Herold", eine Art Adoptivsohn Brucks, in dessen Haus er zwei Zimmer hatte. Er nannte BruckOnkel". Landa war immer elegant, zynisch, etwas melancholisch und ziemlich reser­viert. Ehret war nicht mit ihm befreundet; keiner von beiden war von der Sorte, die intime Freundschaften pflegt, aber gerade des­halb verstanden sie sich. Sie sahen sich nicht selten außerhalb der Arbeitszeit, in einem Lokal, im Theater, in ihren Wohnungen, unter­hielten sich gut und mit sparsamen Worten und heilten dabei wohltuende Distanz voneinander; keiner drängte sich in die persönlichen Angele­genheiten des anderen ein. Ueber Vorgeschichte und Privatleben des anderen hätte keiner irgendwelchen Bescheid geben können. Das Telephon klingelte; Ehret nahm den Hörer.Hier Kriminalkommissar Funk. Dürfte ich Sie bitten, mich im Zimmer von Herrn Dr. Schnabel aufzusuchen?" Zwei Stockwerke tiefer, in Schnabels Raum Schnabel war Chef des»Morgen­kuriers"; sein Zimmer lag neben denen Brucks traf er nicht nur den Kommissar, sondern auch Landa, den er mit kurzem Nicken begrüßte. Kommissar Funk hatte nur wenige Fragen zu stellen. Ehret konnte ihm keine Auskünfte gÄben. Nein, er hatte keine Ahnung, wer einen Groll gegen Bruck haben könnte.Raubmord", meinte er fragend.Ausgeschlossen", winkte Funk ab. Nein, Ehret wußte auch nicht, was Bruck so spät abends noch im Büro zu tun hatte. Er war, wie er jetzt erst erfuhr, kurz nach elf Uhr gekommen; Aussage des Nachtportiers. Wer sonst noch um dies« Zeit im Hause war? Lieber Himmel er zuckt« die Achseln viel­leicht hundert Leute: Portiers, Setzer, Korrek­toren, einige Redakteure^ einig« Stenotypistin­nen, Reinemachefrauen, Betriebsfeuerwehrleute, die Telephonistinnen, außerdem sicher der eine und andere Reporter, der noch Material für die um Mittag auf di« Straßen kommendeTages­ post " bracht«. Im übrigen war er als Redak­teur desHerold" am wenigsten geeignet, In­formationen zu geben; derHerold" war eine Wochenzeitschrift, die mit dem turbulenten Treiben um die Tagesblätter des Konzerns nichts zu tun hatte. Geregelte Arbeitsstunden, bis sechs Uhr nachmittags, ruhige Tätigkeit in den Redaktionsräumen, Besucher, Besprechun­gen mit Mitarbeitern, Hinundher zwischen Redaktion, Setzerei und Druckerei, das Ganz« in den normalen Tagesstunden. Das war alles. Wenn der Kommissar enttäuscht war, ließ er es sich nicht amnerken.Wir werden alle Angestellten des Berlages einzeln vornehmen müssen." Er seufzte.Ich denke, wir können Gott danken, wenn wir in einer Woche damit durch sind. Na, was sein muß, muß sein. Ich danke Ihnen, Herr Doktor." Ehret bat um die Erlaubnis, den Toten zu sehen. Sie gingen ins Nebenzimmer. Di« Photographen tvaren noch an der Arbeit, wech­selten aus einem Winkel in den andere», nah­men nicht nur den Leichnam aufs Korn, der, über die rechte Lehne des Sessels hängend, unförmig und unnatürlich wirkte, sonderir machten auch ein« Reih« Einzelaufnahmen vom Schreibtisch, vom Teppich, der zwischen Tür und Tisch etwas verrutscht war, so daß er leichte Falten schlug, vom Mordinstrument, das, ziem­lich weit weg von der Leich«, neben dem Fenster lag. Ehret kannte ihn gut, den gewichtigen Briefbeschwerer: eine gelb und schwarz gemu­sterte Marmorplatte mit einem prächtig gesonn­ten schwarzen Panther, der, den Kopf auf den Vorderpfoten, faul seitwärts blinzelte. Er wandte sich um, zu Landa, der blaß neben ihm stand. Erst jetzt fiel ihm ein, daß der schließlich eine Art Angehöriger des Toten war. Er murmelte einige Worte des Beileids. Dann fiel ihm ettvas ein.Ich wundere mich, daß Bruck so früh schon da war. War das so seine Gepflogenheit." Eigentlich nicht. Sie wissen ja, was für ein Temperament er hatte. Er folgte seinen Einfällen. Manchmal kam er plötzlich um Mit­ternacht her und arbeitete bis in den Morgen hinein. Heute auch. Deshalb nahm ich ja an, ihm vorzufinden; er war diese Rächt nicht nach Hause gekommen. Als er nicht öffnete, dachte ich mir, er sei am Schreibtisch eingeschlafen. Aber wieso war dann die Tür verschlossen? Kurzum, es kam mir nicht geheuer vor." Sie Ehrten gemeinsam ins sechste Stock­werk zurück und machten sich an ihre Arbeit. Die Mittagsausgaben brachten die Nach­richt. In den Abendblättern kamen dann die Artikel der Kollegen; das Leben des Verstor­benen wurde mit Scheinwerfern beleuchtet, sein Mld wurde gebracht, die Hoffnung baldiger Sühne ausgesprochen. In den nächsten Tagen folgte die Provinzpresse mit Nachrufen, Schil­derungen des Verbrechens, Polizeiberichten und Hypothesen über die Tat und den Täter. Die Polizei verhörte indessen in müh­seliger, zeitkostender Arbeit die Betriebsangehö­rigen. Verdächte tauchten auf und wurden fal­len gelassen. Einige Dutzend Menschen hätten, theoretisch, die Möglichkeit gehabt, den Mord auszuführen, d. h. sie waren im Gebäude an­wesend und in der fraglichen Zeit nicht nach­weislich unter den Augen anderer beschäftigt. Aber es war offensichtlich, ba r. man nicht jedem Setzerlehrling, der dauernd zwischen Setzerei, Stereotypie, Druckerei und Redaktion hin und her lief, nicht jeder Putzfrau, die in nächtlicher Einsamkeit irgendeine der vierzig Treppen des Komplexes schrubbte, nicht jedem Redakteur, dec von seinem Arbeitsraum zum Archiv, von da zur Setzerei, von dort zurück in sein Zimmer raste, nur um nach zehn Minuten wieder auf­zuspringen, einen Kollegen aufzusuchen, einen Reporter anfzustöbern, um ihn auf eine Fährt« zu Hetzen, so ohneweiteres einen Kriminalpro­zeß anhängen konnte. Das Mordinstrument wies keine Fingerabdrücke auf. Kurzum, es er­gab sich vorerst noch kein wirkliches Indiz. Und -