Das letztemal nahm er seine Suppe und das Strüd troden Brot in Empfang. Mechanisch säuberte er die Schüssel zum letztenmal und stellte sie sorgsam in den Spind. Sein Blid fiel auf den sogenannten Leibstuhl, wie er auf der Geräteliste genannt wurde. Im Anstaltsjargon hieß er der Kübel und war der Gegenstand, mit dem er sich nicht hatte abfinden können. Immer faßte ihn ein Etel, wenn er ihn nur ansah, jenen Topf, der in der Ede stand und als Abort diente und nur jeden Tag einmal am Morgen geleert wurde. Es wurde Nacht. Er ſchlief unruhig und wälzte sich fortwährend herum. Er träumte von Eisenbahnfahrten und sah seine Frau, wie sie mit dem Kind auf dem Bahnsteig stand und ihm von weiten zuwinkte. Aber seltsam, der Zug fuhr gar nicht in den Bahnhof ein, sondern fuhr weiter, immer weiter, dann rüdwärts und er sah seine Frau nur noch wie ein Nebelgebilde. Der Zugsführer mußte von Sinnen ſein, er gab der Lokomotive immer größere Geschwindigkeit. Da erwachte er in Schweiß gebadet. Es war noch tiefe Nacht. Draußen schimmerte das Licht einer grellen Lampe, die gerade vor seinem Fenster angebracht war und seine Belle nie dunkel werden ließ. Auf dem Hofe machte der Nachtbeamte gerade die Runde. Gleichmäßig schallten seine Schritte durch die Stille. Die Turmuhr schlug drei.
Ach richtig, er ist ja schon kein Gefangener mehr.
,, Sie haben heute Ihre Strafe abgebüßt, Christian?"
ehe er zu sich kam. Der Anstaltsleiter erschrat. Der Gefangene hatte weiße Haare bekommen. lebertamen ihn plößlich menschliche Antandlungen oder war ihm der Häftling unheimlich geworden, der da wortlos vor sich hin,, Hm... ja... ich habe Ihnen eine Mit- ftierte? Er legte ihm die Hand auf die teilung zu machen." Schulter.
und
fort:
,, Jawohl, Herr Direktor."
,, Ja, bitte sehr."
,, Ich kann Sie nicht entlassen." Martin Christian wurde weiß wie Stalt starrte den Direktor an. Dieser fuhr
,, Es tut mir ja sehr leid, aber heute früh ist eine Anweisung der geheimen Staatspolizei gekommen, die besagt, daß Sie für unbestimmte Beit in Schuzhaft genommen werden. Sie sollen in ein Konzentrationslager überführt werden. Heute nachmittags kommen zwei Beamte, denen ich Sie übergeben muß.
"
Es dauerte lange, che Martin Christian begriff, was der Direktor zu ihm sagte. Wie abwesend saß er auf seinem Stuhl und wirbelte alles durcheinander. Gestapo ... abgebüßt. unbestimmt... Konzentrationslager... leid tun... nicht entlassen..
,, Sie müssen ießt gehen, Christian, bielTeicht dauert es auch nicht mehr lange."
Martin Christian rührte sich nicht. Da flingelte der Direktor nach einem Wachtmeister.
..Stehen Sie auf, Christian, und gehen Sie in Ihre Belle," sagte dieser barsch. Wortlos erhob er sich und folgte dem Beamten. Auf der Treppe blieb er mehrmals stehen und fühlte nach seinem Herzen.
Ist Ihnen was?" fragte der Beamte, dann melden Sie sich morgen beim Arzt." Dann polterte die Zellentür hinter ihm zu.
Als nach einigen Stunden die Beamten der Gestapo den Gefangenen abholen wollten, war Martin Christian tot. Er hatte sich mit einem Glasscherben die Pulsader aufgerissen. Er war nur einer von vielen, denen es
Dreimal mußte ihn der Direktor anrufen, so erging.
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Martin Christian erhob sich von seinem Lager und Kletterte auf das Fenster. Was mochte wohl für Wetter werden? Der Himmel war fternentlar. Ueber eine Stunde stand er so und schöpfte die frische Nachtluft in seine Lungen, dann fing ihn zu frösteln an und er hüllte sich wieder in seine Deden. Allmählich wurde es Tag und es mochten noch einundeinhalb Stunden bis zum Weden sein. Leise erhob er sich wieder und zog seine braune Uniform an. Dann machte er sein Bett und wanderte in seiner Belle umher. Er wunderte sich plötzlich, wie ruhig er geworden war. Alle Nervosität war von ihm wie abgefallen. Ganz nüchtern dachte er sich aus, wie sich die nächsten Stunden abwickeln mußten. Um sechs Uhr weden, dann fübeln und Kaffee= Der erste Eindruck bleibt haften: Dieſe ausgabe, Reinigen der Belle und gegen 10 Uhr lange Straße wird, trok der mondänen Howürde man ihn zum Hausvater holen. Dort tels, großen Kaffeehäuſer und luxuriösen Gewürde er seine Privatsachen in Empfang neh- schäfte, von der Osloer Jugend beherrscht. men und gegen halb elf mußte sich die Tür des Das Leben ist frisch und start pulsierend, bol- an die Heroen der nordischen Dichtkunst. Die Zuchthauſes hinter ihm ſchließen. Dann war er ein freier Mann.
Karl Johan so heißt kurz die Haupt- Johans in Gruppen, fie unterhalten sich oder straße, zugleich die größte Verkehrsstraße Os- diskutieren die sie interessierenden Probleme. los. Sobald der Tourist den Hauptbahnhof Stundenlang. Bis in die späte Nacht hinein. oder den Hafenkai verlassen hat, liegt vor ihm Reden werden nicht gehalten, es wird nur diese schöne und einzigartige Straße. Sie führt diskutiert. Ein Debattierklub unter dem freien vorbei an dem alten Bazar", dessen mauri- Simmel ein ganz eigenartiges Phänomen tanische Linien kein Geringerer als Jules der norwegischen Hauptstadt. Verne liebte und verherrlichte, an dem monumentalen und burgartigen Reichstagsgebäude, am Studentenwäldchen, dann an der Univerfität, deren strenge Linien lange im Gedächtnis des Fremden bleiben, und am National theater hinauf zum Schloffe.
Vom Korridor ertönte der Gong, sechs gleichmäßige Schläge. Dann flirrten die Schlüssel der Wachtmeiſter. Wie langsam heute bloß alles ging. Der Kaffee wurde ausgeteilt. Dann war wieder eine Weile Ruhe. Um fieben Uhr rüdten die Gefangenen zur Arbeit ab. Noch drei Stunden.
wurde acht,
Stunde.
- dann neun--
ler Munterfeit und Lebensfreude. In den Pausen zwischen den Vorlesungen strömen alle Studenten und Studentinnen auf die Straße. Reizend, wie sie auf dem Plaze vor der Universität promenieren oder ungezwungen auf den steinernen Treppen ihrer alma mater herumfißen. Ein buntes Treiben,.durchtränkt vom Plaudern und frohem Lachen.
Ez erreicht in den Nachmittagsstunden Längst hatte er die Belle gesäubert und von 14 bis 16 seinen Höhepunkt, wenn die seine wenigen Sachen zusammengelegt. Ez fo beliebte, ja vergötterte Musikkapelle im geline Giubentenwäldchen nahe der Univerſität ſpielt. Da lauschen jung und alt der Musik; später aber, wenn die Vorlesungen an der Universität, sowie die Kontorstunden vorüber sind, strömt erst recht die gesamte Jugend Delos nach dieser unvergleichlichen. Straße. Sie ist so fave Form hat, die Licht und Wärme an sich ungemein schön, weil sie eine ausgeprägte konzieht und sie stark festhält.
Er stand an der Tür und Horchte mit Klopfendem Herzen. Jeden Augenblick mußte der Ruf ertönen B III, Belle 67, mit sämtlichen
Sachen zum Hausvater kommen.".
Ungeduldig rannte er wieder hin und her, da wurde seine Tür geschlossen. ,, Endlich!"
Der Wachtmeister stand da.
Jetzt sind die Kaffeehäuser überfüllt: Dort „ Chriſtian, Sie ſollen runter kommen zum Café Grand, jenes Kaffeehaus, in dem Henrik ist die Bourgeoisie Oslos versammelt. Das
Direktor."
..Bum Direktor?" ,, Ja, machen Sie."
Er eilte hinunter und meldete sich auf der Bentrale. Dann wurde er dem Direktor vorgeführt. Er schaute ihn fragend an.
,, Seßen Sie sich, Christian."
Er wunderte sich über die Aufforderung.
Ibsen tagein und tagaus, jahrein und jahraus an dem Edfenster zu sitzen pflegte, seinen Kaffee schlürfend und seine Zeitungen lesend. Die jungen Mädchen, aus ihren Kontoren und Geschäften kommend, treffen sich mit ihren Freundinnen auf der Straße und promenie ren auf und ab. Die jungen Männer versam meln sich aber an jeder Straßenede des Karl
Den Fremden fesseln die schlichtschönen Statuen, die längs des Karl Johans aufge= stellt sind, und er bemerkt, daß unter diesen Monumenten fein König, kein heldenhafter Admiral im Dreimast und kein Reitergeneral an der Seite einer kurzen, bauchigen Kanone der Osloer Hauptstraße ist den großen norzu finden ist. Der ganze bildnerische Schmud der Nationalpoeten. Eine eherne Erinnerung wegischen Dichtern gewidmet. Eine Straße
Björnson und Henrik Ibsen . Der größte nors weltbekannten Gestalten sind Björnstjerne wegische Dichter war jedoch der im Auslande ganz unbekannte Henrit Wergeland . Seine Statue steht mitten im Studentenwäldchen.
Er war Sohn eines Priesters, der einem Bauerngeschlecht entstammte. Die Wurzeln feines Herzens waren tief in das norwegische Land versenkt und innig mit dem Schicksal noch unſelbſtändig, war die treibende Kraft Norwegens verknüpft. Das Vaterland, damals seiner Dichtung, und mit rührender Weichheit finer Dichtung, and b, bag gente, de igrica nerungen, den Menschen. Wergeland, der einmal sagte, daß er jederzeit an dem Faden eines Spinnwebennetzes zum Himmel hinaufflettern könnte, war zugleich ein fämpfender Erdvogel, der vom Himmelraum herunterStamm einer Eiche zersplittert. Er war ein fliegt und mit seinem Schnabel den starken Naturmensch, der lärmend durch das Leben schritt und unbändig und rücksichtslos das Verniederirat. altete und das für das Leben Untaugliche
Er konnte aber auch plötzlich stehen blei= ben, um sich in weicher Anbetung über die Erde zu beugen und den Duft der Blumen einzusaugen. Im seligen Entzücken über die bezaubernde Schönheit des Lebens konnte er in die gröbste politische Polemit eingreifen, um dann ebenso unerwartet in einer poetischen Wolfe zu verschwinden und seine politischen
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